Chaos und Trauma in der New York-basierten Literatur nach 9/11
Beatrice Melodia Festa beschreibt in “Flaneur” das New York nach dem Fall der Türme
Von Mechthild Hesse
Festa untersucht in dem englischsprachigen literaturkritischen Werk The Flaneur and Post-9/11 Literature die Verwendung und Neuinterpretation des Begriffs „Flaneur“ in den folgenden fünf amerikanischen Romanen, die alle nach 9/11 geschrieben wurden: Teju Coles Open City (deutsch 2012), Colson Whiteheads Zone One (deutsch 2014), Jonathan Safran Foers Extremely Loud and Incredibly Close (deutsch 2005), Don DeLillos Cosmopolis (deutsch 2016) und Amy Waldmans The Submission (deutsch 2013).
Nach einer ausführlichen Einleitung untersucht Festa den Begriff des Flaneurs in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Demnach sei mit dem Wort ein anonymer, einsamer Mensch gemeint, der durch die Stadt wandere, und dabei von außen kommend die Stadt kritisch beobachte. Er sei dabei kein müßiger Wanderer, sondern interpretiere das komplexe Leben der Stadt. Nach Baudelaire ist diese Person eng an die Rolle des modernen Dichters gekoppelt. Walter Benjamin erweiterte den Begriff und bezog ihn auf Paris, die durch Hausmann geschaffene moderne Stadt, wobei sich die kapitalistische Warenwelt in den neuen Warenhäusern präsentiert, durch die der Flaneur streift.
Interessant ist die Auswahl der modernen Romane, in denen der „Flaneur“ nicht nur der durch die Stadt zu Fuß streifende weiße, erwachsene Beobachter ist, sondern auch ein Kind, das im 9/11-Desaster seinen Vater verloren hat (Foer), ein ultrareicher Kapitalist, der mit einer Limousine die Stadt durchkreuzt und seinem eigenen Untergang entgegensteuert (DeLillo), ein indischer Architekt, der eine Gedenkstätte für die Opfer errichtet hat (Waldman), ein schwarzer Arzt, der mit dem Ereignis Kolonialismus verbindet (Cole) und ein Überlebender im von Zombies belebten dystopischen New York (Whitehead).
Im Gegensatz zu dem Flaneur des 19. Jahrhunderts, der gedankenverloren und ohne Absicht durch die Stadt „flanierte“, versucht der Flaneur dieser Post-9/11-Literatur sein Trauma in einer zunehmend feindlichen, chaotischen städtischen Umgebung zu bewältigen.
Um ein Beispiel aus dem vielleicht bekanntesten der fünf Romane, Foers Extremely Loud and Incredibly Close, anzuführen: Der 9-jährige Oskar durchstreift New York, nachdem er auf dem Anrufbeantworter die Stimme seines Vaters kurz vor dessen Tod gehört hat. Später findet Oskar einen Schlüssel, der etwas mit dem Nachnamen „Black“ zu tun hat. Also sucht er in New York alle Blacks auf, die er im Telefonbuch gefunden hat, und zwar zu Fuß, denn er hat Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln.
Nach Festa repräsentiert das Laufen durch die Stadt hier eine Form der narrativen Rekonstruktion, indem die urbane Umgebung in einen Ort der Heilung vom erlebten Trauma wird. Oskar durchläuft eine „verwundete Metropole“, die versucht mit 9/11 fertig zu werden:
Like the flaneur, the young protagonist explores the urban landscape with a blend of curiosity and meditation. However, diverging from the typical flaneur, in this case, the walks are driven by the specific purpose of solving the mystery surrounding the key among the father’s belongings.
Alle fünf Romananalysen zusammenfassend schreibt die Autorin: „In post-9/11 New York, walking is suffused with mourning, precarity and ethical ambiguity as the post- 9/11 flaneur does not simply observe the city but instead copes with its wounds.“
Die Untersuchung der auf den Flaneur bezogenen post-9/11 Literatur ist sehr gut nachvollziehbar. Auch wenn man nicht alle erwähnten Werke gelesen hat, kann man den Text (bei sehr guten Englischkenntnissen) verstehen, denn er ist klar gegliedert und nicht übertrieben akademisch formuliert.
Zunächst war mir der Untersuchungsgegenstand eher fremd, wissend, dass man im Allgemeinen US-amerikanische Städte nicht gut zu Fuß durchstreifen kann. Die Literatur aber unter dem Aspekt des Laufens, des Flanierens zu untersuchen, scheint mir ein äußerst interessantes Unterfangen.
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