Unter Platzhirschen, Wirtschaftswunder-Spießbürgern und Holzklassenriesen
In den 36 Kurz- und Kürzestgeschichten des Erzählbandes „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ bleibt Heinz Strunk ganz bei seiner gepflegt-pessimistischen Sicht auf unsere Welt und das Leben
Von Dietmar Jacobsen
Drei Dutzend Kurz- und Kürzestgeschichten hat der Hamburger Autor Heinz Strunk (Jahrgang 1962) in seinem aktuellen Erzählband versammelt. Leserinnen und Leser, die den schriftstellerischen Werdegang des Multitalents – Strunk, der mit bürgerlichem Namen Mathias Halfpape heißt, ist nicht nur als Schriftsteller, sondern bisher auch als Schauspieler, Musiker, Satiriker, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent hervorgetreten – seit seinem ersten Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) verfolgt haben, dürften bereits vor der Lektüre eine Ahnung davon haben, was sie auf den knapp 200 Seiten erwartet. Und sie werden nicht enttäuscht von einem Autor, der auch in Kein Geld Kein Glück Kein Sprit den Themen und Motiven, Figuren und Konstellationen, die die Welt seiner Texte bis heute immer wieder geprägt haben, treu bleibt.
Der Umfang der versammelten Texte reicht von drei Zeilen („Verschmelzung“) bis zu 15 Seiten („Bäuerchen“). Oft begnügt sich Heinz Strunk allein damit, das, woraus sich eine Geschichte entwickeln ließe, nur anzudeuten. Dann erinnert seine Herangehensweise ein wenig an die seines 2025 verstorbenen Deutschschweizer Schriftstellerkollegen Peter Bichsel. Bichsel zählt Strunk freilich nicht explizit zu jenen Schriftstellern, die ihn selbst entscheidend geprägt haben. Was solche Vorbilder betrifft, so berief er sich in einem online nachlesbaren Interview mit Sven Trautwein vor allem auf eine Reihe prominenter nordamerikanischer Autoren sowie Michel Houellebecq, Wilhelm Genazino – der hatte sein letztes publiziertes Buch 2018 mit Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze überschrieben, was vielleicht, den Titel von Strunks aktueller Sammlung betreffend, weniger Zufall denn Hommage an einen ganz Großen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur darstellt – und Natascha Wodin.
Themen wie Alter und Einsamkeit, wie sie sich gerade in den letzten Publikationen von Wodin finden – man denke an ihren kürzlich erschienenen Roman Die späten Tage -, durchziehen die Erzählungen in Kein Geld Kein Glück Kein Sprit ebenfalls. Aber auch die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung („Tölpel oder Maestro“), der Schönheitswahn unserer Tage („Nasofrontaler Winkel“), fatale Paarbeziehungen („Mezzomix"; „So nicht!“; “Bruchteil einer Sekunde“) oder der All-inclusive-Wahnsinn von deutschen Rentner-Ehepaaren im Urlaub („Scampipfanne“) werden in Strunks Texten – meist ironisch bis grotesk gebrochen – angesprochen.
Eine kleine Einheit bilden drei Texte, die durch den ihnen nachgestellten Klammerausdruck „Die Lebenden und die Toten“ in einen thematischen Zusammenhang gebracht werden. Zwei weitere kurze Erzählungen tragen den Vermerk „Aus den Aufzeichnungen des Jürgen Dose“. Sie beziehen sich auf eine literarische Figur, die Strunk bereits in seinem Roman Jürgen (2017) sowie in einigen seiner Kurzhörspiele als eine Art Alter ego auftreten ließ.
Vielen von Strunks Figuren geht es ähnlich wie Sonja, die in einem der längsten Texte des Bands wie folgt beschrieben wird:
Das Leben ist ihr zwischen den Fingern zerronnen. Alles total schief gegangen, von Anfang an. Noch die kleinsten Kleinigkeiten. Sie hat keine Interessen, keine Talente und keinen Ehrgeiz […] Ihr unter einem unglücklichen Stern stehendes Leben ein einziger Reigen aus Angst, Ungeschicklichkeit, Pech und Schwefel.
Es ist ein filterloser Blick auf unsere Welt. Aber auch ein Blick ganz ohne Häme oder gar Spott.
Strunks Protagonisten haben generell nichts Heldenhaftes an sich. Weder sind sie vom Schicksal Begünstigte noch im harten Daseinskampf bis ganz nach unten Durchgereichte. Selbst wenn sich die im Mittelpunkt der Erzählung „Bäuerchen“ Stehende schließlich dazu durchringt, ihrem verpfuschten Leben mit einem Sprung von der Hamburger Köhlbrandbrücke ein Ende zu bereiten, gelingt ihr das nicht. Für sie und viele andere Figuren in Heinz Strunks Kosmos gilt: Dein Leben, in welches ein Zufall dich verschlagen hat, hast du nicht nur anzunehmen, sondern vor allem auch zu überstehen.
Dass das Personal in Strunks literarischem Kosmos noch nie jenen Männern und Frauen glich, wie sie die Werbung nicht müde wird, auf Hochglanzseiten und in bunten Spots zu propagieren, wissen Leserinnen und Leser spätestens seit seinem Roman Der goldene Handschuh (2016) über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka. Auch die in Kein Geld Kein Glück Kein Sprit versammelten Figuren haben weder mit Adonis noch mit Nofretete etwas gemeinsam. Da ist Viola: „Seit sie denken kann, leidet sie unter ihrem Riechkolben. Zu groß, zu krumm, zu schief, zu höckrig und nasenlochig, missraten von der Wurzel bis zur Spitze.“ Doch auch Dr. Kraemer, in dessen Händen sie sich begibt, eine „für Nasenkorrektur auf höchstem Niveau und Fertigung individueller Traumnasen bundesweit anerkannte[-] Koryphäe“, wirkt durch sein Äußeres alles andere als vertrauenswürdig. Als das Ergebnis seiner Mühen schließlich „eine leuchtend orangerote Karotte, wie sie Kinder im Winter einem Schneemann ins lustige Schneemanngesicht stecken“, ist, vermag Viola auch die Begegnung mit einer Mitpatientin, deren einer „feinporige[n] Erdbeere in strahlendem Rot“ gleichende Nase durch „ihre rosa geschwollenen Lider, die Henkelohren und den kollernden Truthahnhals harmonisch komplettiert“ wird, nicht mehr zu trösten.
Man kann den Spaß durchaus nachempfinden, den der Autor bei der Beschreibung des menschlichen Panoptikums, als das sich ein Großteil seines Personals darstellt, den Wortfindungen und kleinen Gehässigkeiten gehabt haben muss, die er so gerne in seine Geschichten einstreut. Männer tauchen in den Erzählungen auf als „schroffes, eisernes Knochengespenst mit bleigrauer Gesichtshaut“ („Stampede“), haben einen „henkelohrigen, fast kahlen Eierkopf“ („Adolf vs. Adolf“), werden als „denkbar unauffälliges, maulfaules, ewig lahmes Moppelchen“ („Geboren, um verarscht zu werden“) wahrgenommen oder erinnern an ein „reinrassiges Walross, lethargisch, plump träge“ („Bruchteil einer Sekunde“). Den Frauen an ihrer Seite wird sprachlich kaum weniger mitgespielt. Entweder sind sie „dünn wie eine Harke, wenig Fleisch, keine Muskeln“ und erinnern damit an „einen zusammenklappbaren Campingstuhl“ beziehungsweise „ eine Schrumpfregion im Osten“ („Scampipfanne“) oder sie sehen aus „wie ein konservierter Fötus“ („Shit happens“).
Mit dem Gedanken „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ schlagen sich übrigens mehrere Figuren in Strunks Erzählungen herum. Nicht nur der eigenschaftslosen Sonja geht dieser Spruch durch den Kopf, als mit ihrem Schluckauf noch das Letzte, was eine (wenn auch lästige) Art Individualität an ihr ausmachte, verschwunden ist. Auch Reno Krebs, der geboren wurde, „um verarscht zu werden“, und auf dessen Grabstein deshalb „ER STAND SEIN LEBEN LANG IN DEN STARTLÖCHERN“ – geradezu eine „Premiumverkackeierungsidee“ – zu lesen ist, muss sich schließlich damit abfinden, nicht das Geringste auf die Reihe zu bekommen.
Allein ganz ohne Hoffnung kommen auch die Texte von Heinz Strunk nicht aus. Das sieht dann beispielsweise so aus wie in der Geschichte „Anruf aus dem Jenseits“. Sie handelt von einem Mann, dessen große Liebe seit zwei Jahren tot ist und der deshalb in seinem Handy-Adressbuch den Eintrag „Mama“ durch „Melanie Törning“, den Namen seiner verstorbenen Geliebten, ersetzt hat: „Immer wenn es klingelt, freut er sich. Und hofft natürlich auch.“ Aber mehr als diese vage Aussicht auf einen gelingenden Lebensmoment sucht man in den Texten Heinz Strunks vergeblich. Und doch zählen sie mit zum Besten und Eigenständigsten, was gegenwärtig in der deutschsprachigen Literatur zu finden ist.
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