Vom Misstrauen zur Katastrophe

Sergej Slutsch und Carola Tischler sammeln in einem umfangreichen Editionsprojekt Quellen zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen in den 1930er Jahren

Von Franz Sz. HorváthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Sz. Horváth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der deutsch-russische beziehungsweise deutsch-sowjetische Gegensatz bestimmte über weite Strecken die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg war dies eine Geschichte territorial, machtpolitisch und ideologisch motivierter Feindschaft, die oftmals rassistische und geopolitische Aspekte enthielt. Nur wenige Phasen und historische Momente von Entspannung und Kooperation können genannt werden: so manche Etappen der Weimarer Außenpolitik oder die Endphase der Ost-West-Konfrontation seit den 1970er Jahren sowie die Jahre danach. Die besonders schwierigen Beziehungen der beiden Staaten nach 1933 und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs werden seit einem Jahrzehnt in einer historischen Quellenedition gigantischen Ausmaßes mit vorbildlicher wissenschaftlicher Akkuratesse beleuchtet. Es handelt sich hierbei um eine im Auftrag der „Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“ herausgegebene Sammlung, deren erster Band bereits 2014 erschienen ist. Darin wurden in zwei Teilbänden 565 Quellen aus den Jahren 1933-34 auf 1564 Seiten veröffentlicht. Auf diesen Auftakt folgte 2019 der ebenfalls aus zwei Teilbänden bestehende zweite Band, der auf knapp 1780 Seiten 691 Quellen enthielt. 2024 erschien schließlich der dritte Band ebenfalls in zwei Teilen mit insgesamt 599 Quellen auf 1580 Seiten. Der noch ausstehende vierte Band soll die Ereignisse vom Ausbruch des Krieges 1939 bis zum Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verfolgen – doch ist sein Erscheinen aufgrund der momentanen politischen Umstände beziehungsweise der eingefrorenen deutsch-russischen wissenschaftlichen Beziehungen mehr als ungewiss.

Worin liegt nun die Besonderheit dieser Edition? Nicht so sehr in der Vielzahl der Quellen, obwohl auch diese beeindruckend ist. Auch nicht darin, dass hier zum ersten Mal etwas publiziert worden wäre, denn die meisten der aus unterschiedlichen russischen, deutschen und auch ukrainischen Archiven stammenden Quellen sind bereits (zumindest teilweise) in früheren Dokumentensammlungen abgedruckt worden. Auch Einzelheiten zum Einfluss der beiden Diktatoren Hitler und Stalin, letzterer von den sowjetischen Diplomaten als „Instanz“ umschrieben, auf die Details der jeweiligen außenpolitischen Linie, sind aufschlussreich, aber nicht das besondere Merkmal der Edition. Dieses liegt zum einen in der schillernden Vielfalt der Quellen (diplomatische Berichte, Aufzeichnungen über Unterredungen, Gestapo-Berichte und so weiter), zum anderen in ihrem Dialog, der die allmähliche Entstehung von bilateralen Problemen und deren Entwicklung verstehen lässt, indem beide Seiten aufeinander Bezug nehmen, einander antworten und (immer interessegeleitet) den eigenen Standpunkt vertreten.

Zu den Schlüsselfragen der Beziehungen zwischen den beiden Ländern zählten 1933 noch Fragen der militärischen Zusammenarbeit, die Wissenschafts- und Kulturbeziehungen, aber auch Fragen der Spionageabwehr. Nach der Stabilisierung des nationalsozialistischen Regimes gewannen in den Folgejahren ideologische Aspekte wie der Antisemitismus, der Gegensatz zwischen der Komintern und der Antikomintern, außen- und militärpolitische Schritte des „Dritten Reiches“ (Einführung der Wehrpflicht, die Rückkehr des Saarlandes, das Flottenabkommen mit Großbritannien und Weiteres) an Gewicht und eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung der Sowjets. Beinahe jährliche Verhandlungen über Kredite und Wirtschaftsabkommen bildeten einen weiteren wichtigen Aspekt der Beziehungen, wie auch die Frage der Behandlung der eigenen Staats- oder Volksangehörigen im je anderen Land. Bereits früh verfassten führende sowjetische Stellen weit vorausahnende Mutmaßungen über die Aufrüstungsanstrengungen und die Kriegspläne des Reichs (auffindbar in der Quelle Nr. 100 des zweiten Bandes), was aber nicht überraschen kann angesichts der Tatsache, dass Hitlers berühmte Rede vor Wehrmachtsgenerälen im Februar 1933 bereits nach wenigen Stunden in Moskau bekannt war. Das wiederum verrät viel über die Vernetzung des sowjetischen Spionagenetzes und dessen Möglichkeiten in puncto Informationsbeschaffung. Andererseits dokumentiert der zweite Band nicht nur gegen den Bolschewismus gerichtete, im „Völkischen Beobachter“ abgedruckte Reden Hitlers, sondern auch Äußerungen Stalins vom September 1935 über die Vorteile für die Sowjetunion, wenn sich die kapitalistischen Staaten gegenseitig bekriegen (Band 2, Quelle 223). Solche Gegenüberstellungen machen die vorliegende Quellenedition zu einer Fundgrube spannender Dokumente. Die Bewertung der Nürnberger Rassegesetze durch die sowjetischen Beobachter oder ein Schreiben des deutschen Botschafters in Moskau über die Grundlinien der sowjetischen Außenpolitik wenige Wochen später stellen weitere faszinierende Belege für die gespannte und argwöhnische Aufmerksamkeit, mit welcher beide Seiten einander beäugten.

Der zuletzt erschienene dritte Band der Edition widmet sich der vielleicht spannendsten Phase des fraglichen Zeitraums: den zweieinhalb Jahren zwischen April 1937 und Ende August 1939. Damit umfassen die zwei Teilbände wichtige außenpolitische Ereignisse wie den Anschluss Österreichs, die Zerschlagung der Tschechoslowakei, die Eingliederung des Memelgebietes und den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939. Sie wurden seitens des „Dritten Reichs“ von außenpolitischen Nebelkerzen hinsichtlich des eigenen, angeblichen Friedenswillens flankiert, während die sowjetischen Diplomaten stets Anläufe unternahmen, in Unterredungen mit deutschen Stellen die Absichten der Nationalsozialisten herauszufinden, zu deuten und Moskau zuverlässig zu unterrichten. Beeindruckend ist die in manchen sowjetischen Quellen zu beobachtende Klarsicht hinsichtlich der außenpolitischen Pläne, Strategien und Winkelzüge der Nationalsozialisten. Sie wirft durchaus die Frage auf, inwieweit sich hinter der sowjetischen Außenpolitik auch eine Art Kalkül verbarg. Organisatorische und Richtungskämpfe zwischen den deutschen Dienststellen, die Versuche, die unverständlichen Moskauer Prozesse und den Großen Terror zu verstehen, und für die deutsche Presse eine Sprachregelung zu finden, sind genauso spannende Dokumente, wie etwa Flugblätter der „Propaganda-Einsatzstelle des Armee-Oberkommandos“ bereits im September 1937 (Band 3/1, Quelle Nummer 111). Insbesondere die Berichte der deutschen Botschaftsmitarbeiter zeigen hierbei, dass Personalveränderungen und das Vorgehen gegen die sowjetischen Generäle aufmerksam registriert und durchaus zutreffend eingeordnet wurden (Band 3/1, Nummer 188), doch auch die Sowjets verfolgten ihrerseits die Veränderungen im außenpolitischen Personal des „Dritten Reichs“ und verknüpften diese mit den radikalen außenpolitischen Schritten (Band 3/1, Nummer 229). Personalprobleme und -querelen gab es allerdings auch innerhalb des jeweiligen diplomatischen Personals und mangelnde Sprachkenntnisse etwa innerhalb des sowjetischen Korps erleichterten die Arbeit nicht unbedingt. Wirtschafts-, Finanz- und Wissenschaftsthemen existierten in diesem Zeitraum zwar ebenfalls, doch war die ideologische Gegenüberstellung, waren die Belastungen der bilateralen Beziehungen und deren Veränderungen so gravierend, dass erstere im Vergleich dazu in den Hintergrund gerieten. Insbesondere die Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Paktes und die komplizierten Verhandlungen im Vorfeld lassen sich im Teilband 3/2 gut nachvollziehen, wobei vor allem der Vergleich der unterschiedlichen Versionen und Entwürfe aufschlussreich ist (Band 3/2, Quellen 598 und 599).

Dieses umfangreiche Editionsprojekt wirft nicht nur auf die deutsch-sowjetischen Beziehungen ein neues Licht, sondern ist auch für das Verständnis der europäischen Diplomatiegeschichte in den 1930er Jahren ein Grundlagenwerk. Die den Bänden vorangestellten ausführlichen Einleitungen gehen über einen reinen Forschungsüberblick und die gewöhnlichen editorischen Notizen weit hinaus und verdienen eine besondere Würdigung. Sie analysieren die Grundlinien der jeweiligen Außenpolitik und die wichtigsten Einflussfaktoren, betten die wichtigsten Kontroversen und Themen in den Kontext ein und bieten dem Leser somit erste Deutungsansätze. Der vorliegenden Quellenedition ist insgesamt eine große Verbreitung zu wünschen, da sie den Lesern die ständige Gefährdung und Zerbrechlichkeit des Friedens vor Augen führt, die Notwendigkeit sowohl des Dialogs mit Diktatoren als auch der Standfestigkeit gegenüber Diktaturen.

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Sergej Slutsch / Carola Tischler (Hg.): Deutschland und die Sowjetunion 1933-1941. Band 2: Januar 1935 – April 1937.
Zwei Teilbände.
Oldenbourg Verlag, München 2019.
XI, 945 Seiten , 229,00 EUR.
ISBN-13: 9783110545470

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