Der auf sich selbst verkrümmte Mensch

Thomas Arnold und Thomas Fuchs entfalten in „Das unersättliche Selbst“ ein phänomenologisch-existenzielles Konzept narzisstischer Subjektivität

Von Cathrin NielsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Cathrin Nielsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf dem Cover des gemeinsam von Thomas Arnold und Thomas Fuchs verfassten Essays Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus ist das Ölgemälde „La reproduction interdite“ des Surrealisten René Magritte von 1937 abgedruckt. Man sieht die Rückenansicht eines Mannes, der in einen großen Konsolenspiegel blickt, jedoch wiederum mit seiner eigenen Rückenansicht konfrontiert wird, als stünde er hinter sich und sähe sich, wie er in einen großen Spiegel blickt. Der Raum im Spiegel, der das rückwärtige Antlitz aufnimmt, ist allerdings leer, eine hermetisch verschlossene Fläche. Nur die Konsole wird reflektiert, sowie das auf ihr wie zufällig abgelegte Buch: Edgar Allan Poes Les aventures d’Arthur Gordon Pym. Versetzt man sich in den, der da vor dem Spiegel steht und – ja, was eigentlich? – sehen will: seine Erscheinung, sein Bild, sein Antlitz, sein Selbst, den Blick in die eigenen Augen, die ja einem alten Wort zufolge ein „Spiegel der Seele“ sein sollen, wird einem unbehaglich zumute. Es gibt keinen Blick, nur ein Gesehenwerden ohne Wendung in den Gegenblick, in die Wärme, das Wiedererkennen, den Kontakt mit sich selbst. „Ich bin es, und bin es doch nicht. Es ist nur mein Anblick von außen, nicht meine gespürte, leibliche Existenz“. 

Thomas Fuchs, Inhaber der Karl-Jaspers-Professur für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Leiter der Sektion Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie, widmet sich seit einem guten Vierteljahrhundert der phänomenologischen Auseinandersetzung mit der leiblichen Verfasstheit, mit „verkörperten Gefühlen“ (2024) und Grundfragen einer verkörperten Anthropologie (2020), immer auch mit Blick auf die Randzonen der Erfahrung (2020). Mit Thomas Arnold, Akademischer Rat an der Universität Heidelberg, der Phänomenologie mit antiker Philosophie, insbesondere Platon, zusammenliest, hat er einen ausgezeichneten Mitautor gefunden. Aus dieser Zusammenführung von Psychopathologie, Phänomenologie, antiker Sorge um das Gute und Existenzphilosophie liegt es nahe, die Frage nach dem Phänomen Narzissmus weniger klinisch, psychoanalytisch, soziokulturell oder gar moralisch aufzuwerfen, als vielmehr die Leiblichkeit des Betroffenen ins Zentrum zu stellen als „Schauplatz des narzisstischen Konflikts“. 

Phänomenologie beginnt methodisch mit der subjektiven Erfahrung, sodass eine Phänomenologie des Narzissmus nicht bei Theorien von außen ansetzt, sondern beim Erleben des/der Betroffenen selbst. Kern des zu einem 250-seitigen Essay angewachsenen Aufsatzprojektes ist so eine „phänomenologisch-existenziale Theorie des Narzissmus“, das heißt eine Theorie, die ihren Ausgangspunkt in den Erscheinungsformen und Strukturen des narzisstischen Selbst- und Welterlebens nimmt, die wiederum, und das ist das zweite Theorieelement, auf Grundbedingungen der Existenz überhaupt zurückverweisen, die wir alle teilen. Bei der „narzisstischen Subjektivierungsform“ handelt es sich – so die Grundthese des Buches – um einen ganz spezifischen Umgang (des Individuums oder auch einer ganzen Gesellschaft) mit der Conditio humana, der diese auf eine spezifische Weise „verfehlt“. 

Aus dieser Lesart ergeben sich zwei zentrale Voraussetzungen für das Verständnis des Phänomens Narzissmus. Zum einen handelt es sich um eine Selbst- und Weltverortung, die nicht nur einzelne Aspekte kontaminiert, sondern „fast alle Dimensionen der Subjektivität bis in die Wurzeln betrifft“. Es gibt also nahezu keinen Bereich, der nicht irgendwie davon berührt würde, was im Essay durch die Existenzdimensionen der Leiblichkeit (Kapitel 4), Zeitlichkeit (Kapitel 5), Intersubjektivität (Kapitel 6), Geschlechtlichkeit und Generationalität (Kapitel 7) sowie Gesellschaft (Kapitel 8) anhand konkreter Beispiele aus der Praxis, aber auch aus Literatur und Geschichte aufgezeigt wird. Zum anderen (und damit verbunden) sei Narzissmus als ein „Spektrum“ zu begreifen, das jeden von uns in der einen oder anderen Weise betreffe – was keineswegs bedeute, dass er (einem geläufigen Narrativ zufolge) „normal“ oder gar „gesund“ sei (Kapitel 3). Die narzisstische Konfiguration ist vielmehr „per se problematisch“, wobei das Problematische ihre expansiv-leerlaufende Dynamik sei, deren ,Opfer‘ der oder die Betroffene in erster Linie selbst ist, wobei die Unfähigkeit zu dieser Selbsteinsicht einen entscheidenden Teil dieser Dynamik ausmacht. 

Den „narzisstischen Konflikt“ fassen die Autoren dabei als „Mangel an Selbstwert“, dessen Kompensation „im Außen gesucht wird“. An die Stelle eines leiblich vermittelten Einverständnisses mit sich und einer daraus entspringenden Fähigkeit zur gefühlten Selbstpräsenz im Angesicht der dilemmatischen Grundsituation menschlicher Existenz (nämlich, sich nicht einfach von außen gegeben zu sein und doch in einem intimen Verhältnis zu diesem Außen zu stehen), tritt die Strategie, die Wunde des Daseins dadurch schließen zu wollen, dass man sie mit Bildern der eigenen Überlegenheit besetzt. Diese Selbstbestätigung durch das eigene Ideal ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da sie sich in einem unendlichen Progress verfängt. Die Autoren beschreiben diese Verfängnis mit dem platonischen Begriff der pleonexia, dem schieren „Immer-mehr-haben-Wollen“, das Sokrates dem unersättlich nach Macht gierenden Tyrannen zuordnet, aber auch zum Beispiel einem sich in sich hineinfressenden Affekt ohne Gegenüber oder aber dem reinen Konsumismus. Niemand, so Sokrates, kann das wirklich für sich wollen. Genau dieses unwissende (ungespürte, nicht verortete, furios in sich selbst verhakte) Fehlgehen macht die Tragik der narzisstischen Subjektivierungsform aus: Wer sich, wenn er in den Spiegel blickt, nicht ,in die Augen schaut‘ (was hieße, sich in den Bedingungen seines Menschseins leiblich zu spüren), sondern auf seinen „Anblick von außen“ fixiert, bleibt sich wie ein Jäger uneinholbar im Rücken. Er gerät als Jäger und Gejagter zugleich in einen abgründigen Spiegel- oder Echoraum, der einen desaströsen Sog entfaltet „aus Reflexionen von Spiegeln, die letztlich nur sich selbst und nicht die Realität der Person widerspiegeln.“ 

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert. Es beginnt mit einer Neuinterpretation des klassischen Mythos aus den Metamorphosen des Ovid (Kapitel 1), in dem der sich in der Wasseroberfläche eines Teiches spiegelnde Narziss sich nicht in sich selbst verliebt, sondern in sein eigenes Abbild, und am Ende an dieser Liebe zugrunde geht. Von hier ausgehend werden die zentralen Metaphern des Spiegels, der Leere und des Selbstwerts phänomenologisch entfaltet und analysiert. Der Grundgedanke des „Spiegels“ besteht in der Wendung vom unbefangenen Leibsein zum gesehenen, ins Bild fixierten Körper. Spiegel ermöglichen (entgegen ihrer zumeist positiven Konnotation) „weder einen direkten Kontakt zu sich selbst noch einen Kontakt zu anderen Menschen. Sie stellen vielmehr eine ,kalte‘, distanzierte Selbstvermittlung dar“ mit einem hohen Potenzial zur Verzerrung. Während die Dialektik von Sehen und Gesehenwerden, Selbstsein und Für-andere-sein, Identität und Ausstand der menschlichen Existenz grundlegend angehört, verkehrt sie sich im narzisstischen Selbstverhältnis insofern in einen „Exzess“, als eben nicht das reale Selbst, sondern das die Realität ausblendende Spiegelbild die Führung übernimmt. Es biegt sich die Welt zu einer Bühne von Erfüllungsgehilfen und Claqueuren auf der einen und Feinden auf der anderen Seite zurecht, wobei sämtliche Lebensenergien dazu genutzt werden, die Steuerung und Kontrolle über die Bühne zu behalten.

Die „Leere“ ist insofern das Pendant dieses Exzesses, als es gerade der durch Grandiosität maskierte existenzielle Mangel an Freundschaft mit sich selbst ist, der die „Flucht nach vorn“ in die Welt der endlosen Spiegelbilder und Surrogate antreibt. Diesen existenziellen Mangel beschreiben die Autoren als ein fehlendes „präreflexives Selbstvertrauen“ und „Wohlgefühl des Selbstseins“, das sich gerade nicht dem Glanz der Spiegelung von außen verdanke, sondern konkreten Erfahrungen der Berührung, Zuwendung und Wärme: „ein Empfangen ohne Gegenleistung; eine Fülle, die keinen Mangel übriglässt; ein zur-Ruhe-Kommen und Bei-sich-Sein“. Schon der Begriff des Selbst-Wertes ließe sich von hier hinterfragen, denn „Wert“ werde von außen verliehen, berechnet, verloren oder gewonnen, Selbstsein dagegen von innen gespürt. 

Damit grenzen sich die Autoren von der Auffassung ab, bei dem aufgeblähten Selbst der „grandiosen Narzissten“ handle es sich letztlich um eine Maske, hinter der sich ein Gefühl der Minderwertigkeit verberge („Donald Trump geht nicht nach Hause und sieht im Spiegel Woody Allen“). Wenn die „Leere“ als Seinsmangel philosophisch gesprochen ein Existenzial ist, also eine Struktur, die das Leben bestimmt, ganz gleich, ob wir uns ihrer bewusst werden oder nicht, (oder das Selbst ein Verhältnis, „das sich zu sich selbst verhält“) – ergibt sich die Richtung einer gelingenden oder aber fehlgehenden „Subjektivierung“ aus dieser unaufhebbaren Spannung von primärem (gespürtem) und sekundärem (sich spiegelndem) Selbstsein. Narzisstisch wird sie dann, wenn der Mangel unbewusst auf die Überhöhung durch das Bild festgeschrieben wird – im Grunde ein fatales „Selbstmissverständnis“, dem die Affektformen der Rastlosigkeit, Wut und „hypomanischen Euphorie“ entsprechen, während Gefühle wie Melancholie, Trauer oder echte Freude ausbleiben. Eine hervorgehobene Rolle spielt die „Scham“, die als „katastrophale Scham“ in der „narzisstischen Krise“ kippt, wenn der Konflikt nicht mehr spiegelbildlich zerstreut werden kann, bis hin zum nicht selten theatralisch inszenierten Suizid: „Lieber sterben als den Kollaps der Selbstwert-Surrogate erleben.“ 

Während Kapitel 7 den Komplex von Narzissmus und Geschlecht in den Blick nimmt, befasst sich Kapitel 8 mit der wichtigen Frage nach der wechselseitigen Einflussnahme von narzisstischer Subjektivität und Gesellschaft. Die phänomenologische Analyse des narzisstischen Konflikts lasse sich nämlich gleichermaßen auf die ,Leiblichkeit‘ einer ganzen Gesellschaft anwenden (antik gedacht auf den Makrokosmos des Mikrokosmos Mensch und umgekehrt), wobei sich die narzisstische Subjektivierungsform als allgegenwärtige „Grundfigur“ unserer eigenen spätkapitalistischen Gegenwart herausschält. So ist eine vage verspürte Leere die Triebfeder, die die kapitalistische Ökonomie unter dem Banner des unendlichen „Wachstums“ am Laufen hält; ihr korrespondiert die Zeitlichkeit des rastlosen Noch-nicht einer immer neu projektierten Zukunft, die die innere Leere befrieden soll, ohne sie zu benennen, und in der alles, was ist, der Rekonfiguration durch das Bild zu weichen hat. Nicht zuletzt findet sie ihren Widerschein in der durch Social Media potenzierten Spiegelung der Echokammern, Likes und Selfies, die dem prekären Charakter der narzisstischen Beziehung zum anderen entspricht. Wie die Wiener Philosophin Isolde Charim, auf die (vielleicht etwas allzu) kursorisch eingegangen wird, in ihrem scharfsinnigen Buch Die Qualen des Narzissmus. Über freiwillige Unterwerfung (2022) konstatiert, braucht unsere Gesellschaft diesen Narzissmus geradezu, um überhaupt zu funktionieren. So stelle sich die heute geforderte „Normalität“ erst dadurch her, dass wir uns alle unablässig spiegeln, kontrollieren und bewerten, was zugleich die „Scham, nicht zu genügen“ zur Grundstimmung unserer Zeit werden lasse. Damit hätte sich die narzisstische Subjektivierungsform, ihr innerlicher Leerlauf zwischen Mangel und Flucht nach vorn, zu einem „objektiven Narzissmus“ transformiert, der auf dem „subjektiven“ aufdockt, und seine eigenen, immer weniger realen Geschöpfe gebärt, um sich am Leben zu halten. Dabei suggerieren die Überbietungsdynamiken genau das „Versprechen“, das den Motor des narzisstischen Konflikts ausmacht: nämlich, man könne durch den unendlichen Progress der Selbstüberbietung irgendwann bei der ersehnten Freundschaft mit sich selbst ankommen. 

In diesem Kontext ließe sich von Narzissmus, wie Fuchs und Arnold festhalten, auch als von einer „ethischen Störung“ sprechen, einer gravierenden Zersetzung des eigenen Charakters und Wohnorts (beides steckt im Wort ethos). Als eine solche hat bereits Platon die furiose Tragik des Tyrannen begriffen, dessen unersättliches Selbst zur Staatsform objektiviert die „allerschlimmste Unordnung“ herbeiführe. Wie die pleonektische Subjektivierungsform des Tyrannen ist auch die narzisstische Objektivierungsform in ihrer Fütterung des „Immer mehr!“ eine sich zunehmend auf alle Dimensionen des Zusammenlebens mit sich und anderen auswirkende „Verfehlung im Umgang mit der Conditio humana“, die offenbar eher den Kollaps in Kauf zu nehmen bereit ist als irgendeine Form des Innehaltens und der Begrenzung. 

Wie ist einem ebenso „radikalen“ wie „universellen Phänomen“ (therapeutisch) zu begegnen? Die sich aus der phänomenologisch-existenzialen Analyse der narzisstischen „Unfähigkeit der Dezentrierung“ ergebende Aufforderung, „das Haben, Machen oder Können zum Sein und Sich-sein-Lassen“ zu überführen, was in erster Linie Verständnis verlange, die Fähigkeit zur Trauer und eine Anleitung, „immer wieder in die leibliche Anwesenheit zurückzukehren“, um die das Kind im erwachsenen Narzissten betrogen wurde, ist sicher das eine. Mindestens ebenso wichtig aber scheint mir – zumindest auf der Ebene der Gesellschaft mit ihrer durch die Jahrtausende verwobenen, multiperspektivischen „Kindheit“ – eine weitere, im Buch immer wieder anklingende „Einübung in die Selbsttranszendenz“ zu sein, die man mit einem alten, etwas in Misskredit geratenen Wort auch als Einübung in die „Vernunft“ im Sinne des „maßvollen Strebens nach dem Guten“ bezeichnen könnte. Es ist nicht zuletzt diese Verbindung von phänomenologisch subtiler Beschreibung und antik orientierter Rückfrage, die diesem Essay seine besondere Eindringlichkeit verleiht.

Titelbild

Thomas Arnold / Thomas Fuchs: Das unersättliche Selbst. Phänomenologie des Narzissmus.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
200 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783518588475

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