Die Macht des Wissens

Erinnerung an Francis Bacon, der am 9. April vor 400 Jahren starb

Von Wolfgang KrohnRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang Krohn

Francis Bacon hat der Welt ein Hauptwerk hinterlassen, das wohl zu den einflussreichsten der Neuzeit gehört und dennoch ein Fragment war – aus Zeitnot oder in literarisch-philosophischer Absicht. Es trägt den Titel Instauration magna (Die große Erneuerung) und erschien 1620, als Bacon Lordkanzler Englands war, in einer Position also, die Einfluss im Parlament und am Hof des Königs James I. mit sich brachte. Ganz sicher wollte er der Veröffentlichung durch seine Stellung zu Wahrnehmung und Wirkung verhelfen, aber die Beziehung von Philosophie und Politik im Werk Bacons ist komplizierter und tiefgründiger. Die ausführliche „Einteilung des Werkes“ weist sechs Teile aus, von denen nur der zweite Teil, das berühmte Novum organum (Neues Organon) ausgeführt vorliegt. Es versteht sich als ein Werkzeugkasten oder Methodenbuch für einen neuen Typus von Philosophie, der sich des wissenschaftlichen Experiments bedient und lehrt, statt über großartige Ableitungen aus philosophischen Prinzipien schrittweise über vorsichtige Interpretationen von exemplarischen Befunden zu wissenschaftlichen Theorien vorzudringen. Dieser Werkzeugkasten trägt seine Benennung, weil er dem alten „Organon“ entgegengesetzt ist, das eine byzantinische Zusammenstellung aristotelischer Schriften zu Logik, Klassifikation und Begriffsbildung ist, mit denen an den Universitäten Studierende darin ausgebildet wurden, sprachliche Ordnung zu wahren und in Argumentationen zu bestehen. Der neue Werkzeugkasten pfeift darauf, weil er die Erkundung der Dinge wichtiger findet als die Belange der Sprache. Kein noch so wohlgeformter Begriff oder zwingender Schluss kann irgendeine neue Welterkenntnis generieren. Bacon dagegen bietet Werkzeuge an, die die Erkundung der „Subtilität der Natur“ anleiten und über vorsichtige induktive Schlüsse Wege zu deren Geheimnissen bahnen, von denen man sich ohne genaue Forschung nur Trugbilder machen kann. Kurz und gut: Das Neue Organon ist die erste systemische Anleitung dafür, sich ein Bild der Natur über experimentelle Befunde zu erschließen, Befunde also, die keineswegs bereits in den Augen eines aufmerksamen Beobachters der vorgefundenen Welt sichtbar sind, sondern erst durch das instrumentelle Eindringen in die verborgenen Strukturen der Materie erkundet werden können. ‚Begreifen durch Eingreifen‘ könnte die Devise dieser „philosophia operativa“ lauten.

Aber wo ist diese niedergeschrieben? Hier kommt zum Tragen, dass die Instauratio magna ein Fragment in systematischer Absicht ist. Die anderen fünf Teile neben dem Novum organon werden zwar in einer ausführlichen „Einteilung des Werkes“ in ihren Zielsetzungen skizziert, aber nicht ausgeführt oder nur in stellvertretenden Versionen vorgelegt. Der tiefere Grund könnte sein, dass sie erst mit Hilfe zukünftiger Forschung, zu der kein einzelner Autor, ja nicht einmal eine einzelne Generation in der Lage wäre, entstehen können. Diese Umstellung der Erkenntnis von Wissen auf Forschung, von Bewahrung der anerkannten Weisheit auf die Erkundung des Neuen ist die zukunftsweisende Mission der „großen Erneuerung“, die allerdings nur über Entwürfe und Umrisse verfügt – und über einen Werkzeugkasten. In diesem Sinne ist die Instauratio gar kein literarisches Werk, sondern ein operatives Werk, das zu verwirklichen die damalige Gegenwart des frühen 17. Jahrhunderts allenfalls beginnen konnte.

Im Sinne dieser Vision ist Bacons Hauptwerk nicht nur eins der einflussreichsten der gesamten Kulturgeschichte, sondern eins, dessen Fragmente immer noch fortgeschrieben werden, ohne vielleicht jemals abgeschlossen zu werden. Und was sagten die Zeitgenossen – die Philosophen, Literaten, Politiker, der König, die Leser – dazu? Nicht allzu viel. Man kannte ja die Bedeutung technischer Innovationen in Waffentechnik, Navigation, Bergbau, Architektur und Buchdruck. Aber sie zum Leitstern der ehrwürdigen Philosophie und Wissenschaft zu erklären, leuchtete nicht ein. Das argumentative Problem, vor dem Bacon stand, ist offensichtlich: Er schlug vor, eine ehrwürdige Tradition der philosophischen Erkenntnis abzulösen durch einen Neubeginn, für dessen Vorteile aber die Belege fehlen, weil sie ja erst durch Forschung erarbeitet werden müssen. Kann das gelingen? Was steht auf dem Spiel? Bacon schlug der Leserschaft ein ungewöhnliches Verfahren vor, sich darauf einzulassen: Das Zukunftsversprechen der neuen, operativen Philosophie solle als eine Art experimentelle Wette der Gesellschaft mit sich selbst veranstaltet werden: Misslingt der Versuch, steht „ein geringer Aufwand an menschlicher Arbeit“ auf dem Spiel; gelingt er, wird ein „unermessliches Gut“ greifbar. Blaise Pascal hat diese Gedanken wenig später auf den Glauben an das Heil Gottes erweitert: Existiert Gott nicht, sind die Verluste, sich unnötig in der Religion engagiert zu haben, gering; geht das Heilsversprechen in Erfüllung, ist das Gut unermesslich. Die Analogie mag mit Blick auf die Heilserwartungen der modernen Gesellschaft an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu denken geben.

In der nach seinem Tode veröffentlichten und dann sehr einflussreichen Utopie Neu-Atlantis (1627) unternahm Bacon einen Versuch, die Vorteile einer solchen Gesellschaft auszumalen. Zufällig durch ein Schiffsunglück auf die abgelegene Insel Bensalem verschlagene Europäer können eine auch nach heutigen Maßstäben riesige Forschungsanstalt besichtigen, in der auf allen Gebieten der Natur und Technik Forschung zur Erkundung von Phänomenen und Kausalitäten und zur Konstruktion von Instrumenten und Artefakten betrieben wird – in der doppelten Absicht, den Nutzen für die Gesellschaft zu vermehren und Zugänge zu den sublimeren Formen der Materie zu finden. Die visionäre Kraft dieses Entwurfs ist genauso erstaunlich wie der darin enthaltene Realismus, nimmt man die Entwicklung der neuzeitlichen Forschung als Maßstab.

Wie geht Bacon in der Utopie Neu-Atlantis mit der im Novum Organum angebotenen Wette auf die Zukunft um? Er führt die in Bensalem bereits anfallenden Erfolge vor: die Wette ist gewonnen. Naturerkenntnis und technischer Ertrag sprudeln. Die weitverzweigte Forschungsanstalt berät ständig über nützliche Anwendungen in allen Lebensbereichen sowie über die weiteren Forschungen. Aber wie kann garantiert werden, dass das Wissen zum Nutzen der Menschen und der Gesellschaft verwendet wird? Die Frage hätte im Fortschrittsoptimismus untergehen können, aber Bacon wirft sie auf:

Wir haben Konsultationen darüber, welche der Erfindungen und Experimente, die wir entdeckt haben, veröffentlicht werden sollen und welche nicht: Und wir leisten alle einen Eid der Geheimhaltung (oath of secrecy), um dasjenige zu verbergen, was uns geheim zu halten wichtig erscheint, obwohl wir einiges davon mitunter dem Staat offenbaren, anderes nicht.

Das ist eine erstaunliche Lösung. Denn offenbar traute die wissenschaftliche Leitung der politischen Zentralgewalt nicht zu, verantwortlich zu entscheiden, sondern setzte auf eine professionelle Ethik. Dem Philosophen, der in den höchsten politischen Ämtern Englands tätig war, stand wohl vor Augen, dass eine Regierung die Staatsräson über das Wohl der Menschen zu stellen bereit ist. Aber den Wissenschaftlern die Verantwortung für die Veröffentlichung und Verwendung ihrer Erkenntnisse zu überlassen, klingt auch nicht wirklich überzeugend. Ihre Verpflichtung auf Wahrheit in allen Ehren (für deren Überwachung übrigens auf Neu-Atlantis ein großes „Betrugslabor/house of deceit“ existiert) – aber sind sie deswegen unanfällig für die Verführungen der Macht und die Selbstherrlichkeit des Wissens? Das war zu keiner Zeit wirklich überzeugend. In Neu-Atlantis heißt es: 

Der Zweck unserer Gründung ist die Erkenntnis der Ursachen und Bewegungen, sowie der verborgenen Kräfte in der Natur; und die Erweiterung der Grenzen der menschlichen Herrschaft bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen [and the enlarging of the bounds of Human Empire, to the effecting of all things possible]. 

Es ist jedoch nicht zu erkennen, wie darin eine Verantwortung für die Anwendungen von Wissen begründet werden könnte. Wenn „Wissen Macht ist“, bleibt bis heute die Frage offen, ob in den Händen der Wissenden oder in denen der Mächtigen.

Es lohnt sich, den Sinngehalt der Macht des Wissens bei Bacon etwas tiefer zu erkunden. Man muss ziemlich suchen, bis man auf den genauen Wortlaut „Wissen ist Macht“ stößt. So dreist hat Bacon nur einmal formuliert – ausgerechnet in einem religiös-theologischen Kontext. In den Meditationes sacrae, seiner ersten Veröffentlichung aus dem Jahr 1597, heißt es in einem Abschnitt, der sich mit Häresie befasst: „nam et ipsa scientia potestas est“, in der von Bacon autorisierten Übersetzung: „for knowledge itself is power“. Der Hintergrund der Meditation ist ein Ausspruch Jesu in Matthäus 22,29: „You err, not knowing the Scriptures, nor the power of God“ (Vulgatavirtus; gr. dynamis; Luther: Kraft). Bacon nimmt den Ausspruch zum Anlass, über das Verhältnis von Wissen und Macht bei dem allwissenden und allmächtigen Gott nachzusinnen. Die Macht Gottes bezeichnet er als „power, to whom all things are possible“, als Verfügungsmacht über einen Möglichkeitsraum, insbesondere über den der Erschaffung der Welt. In diesem Sinne fallen in Gott das Wissen über das, was bewirkt werden soll und die Macht des Bewirkenkönnens zusammen. Bacon hätte sich niemals in Spekulationen ergangen, wie das im Schöpfergott funktionieren könnte. Aber in seiner Philosophie der „scientia operativa“, der bewirkenden Wissenschaft, lässt sich der Zusammenhang explizit formulieren: Der Mächtige ist dadurch mächtig, dass er die Ursachen kennt, mit denen er ein Ziel verwirklichen kann und die Bedingungen setzen kann, diese Ursachen in Gang zu setzen. Die Erarbeitung von Kausalwissen ist die Erarbeitung von Macht und Wissen zugleich – ein Wissen über ein Bewirkenkönnen. Was allerdings in Gott als koexistent anzunehmen ist, kann der Mensch nur schrittweise durch Forschung erarbeiten. Entsprechend vorsichtig lautet die Formel im Novum organum: „Scientia et potentia humana in idem coincidunt“ – Wissen und menschliche Macht können in einem zusammentreffen, wenn das Wissen als Kausalwissen vorliegt und zugleich als Handlungsregel für das Bewirkenkönnen dient. Vieles in den weiteren Ausführungen dient der genaueren Analyse von Naturkausalität und Handlungsregel.

Diese Koinzidenz von Wissen und Macht ist für Bacon ein Ziel und zugleich ein seltenes Gut. Im Gegensatz zu der großspurigen Aussage auf Neu-Atlantis über erlangte Fähigkeit zur Bewirkung aller Dinge, die möglich sind, bringt Bacon in seiner methodischen Anleitung die Idee der Herrschaft über die Natur in direkte Verbindung mit dem Dienst an ihr: „Die Natur lässt sich nur durch Gehorsam bändigen“, heißt es im 3. Aphorismus; und der 1. Aphorismus spricht vom Menschen als „Diener und Interpret“ der Natur. Diese (Hegel würde sagen „dialektische“) Spannung ist der Schlüssel für eine angemessene Analyse. Der Diener, lateinisch minister, ist in der Sprache Bacons eine angesehene Person im Dienst des Gemeinwesens. Der Interpret bringt zur Dienstbarkeit das Verständnis für die Aufgaben hinzu. Aber steht er im Dienst der Natur? Dem Wortlaut nach steht er in den Diensten ihrer Bändigung oder Beherrschung und dies offenbar für Ziele, die die Natur nicht von sich aus verfolgt, zu denen sie aber gebracht werden kann, wenn man weiß, wie.

Die dialektische Spannung dieser Herrschaft durch Dienstbarkeit lässt sich auflösen, wenn man Bacons radikal neuen Naturbegriff berücksichtigt. Im Unterschied zur gesamten philosophischen Tradition vertritt er einen Naturbegriff, der das Natürliche und Technische, das von Natur aus Gewordene und das künstlich Geschaffene, umfasst. Die Natur ist das von Natur aus Mögliche. Zu dem von Natur aus Möglichen gehört das Technische, das der Mensch aus der Natur und mit der Natur hervorbringt. Heutige Leser, für die Technik zerstörerisch auf Natur einwirkt, spüren die Sprengkraft in dieser neuen Konzeption. Aber zunächst war sie eine begriffliche Erneuerung von großer Reichweite. Als Illustration mag die von Bacons Zeitgenossen Galilei gefundene Wurfparabel dienen: Kein Stein fliegt von Natur aus nach oben; das Fallen ist seine natürliche Bewegung. Würfe, Pfeile und Geschosse sind künstliche Bewegungen, gegen die Natur angetrieben. Und dennoch lassen sich Abwerfen, Flug und Herabkommen in der Wurfbahn zu einer mathematischen und dynamischen Einheit von Natur und Technik zusammenfassen. Die von Natur aus mögliche Wurfbahn ist Natur und Technik zugleich, aber erst durch die Erfindungen des Werfens, Pfeil und Bogens sowie Schießpulvers wird sie Wirklichkeit. 

Was ist nun Dienen, was ist Herrschen? Über den inneren Zusammenhang von Natur und Technik gibt Bacon in einer Fabel Proteus aus seiner Schrift Über die Weisheit der Alten (De sapientia veterum) Auskunft: Proteus war ein Gott in den Diensten Poseidons und hatte vor allem für dessen Herde an Robben Sorge zu tragen. Sein Wissen war unter den Göttern sehr begehrt, weil er gleich gut über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Bescheid wusste; Bacon nennt ihn „Botschafter“ und „Interpret“ aller Geheimnisse. Aber er entzog sich allen Anfragen, weil er für sich sein wollte und zufrieden mit dem Stand der Dinge war. Man musste ihn in Handschellen und Ketten legen, woraufhin er, um frei zu kommen, sich in alle möglichen Formen – Feuer, Wasser, Tiere – verwandeln konnte, um sich zu entwinden. Bacon schreibt: „Es scheint, dass diese Fabel sich auf die Geheimnisse der Natur bezieht“. Proteus steht für die Materie selbst, in der alles Wissen steckt, das sie aber nicht preisgeben will, außer man bringt sie in Zwangslagen – oder in der modernen Sprache: man zwingt sie unter Experimentalbedingungen, Geheimnisse preiszugeben. Denn das genau ist das klassische Experiment: eine Fesselung in einer Versuchsanordnung, die dem Lauf der Dinge eine Richtung vorgibt in Erwartung eines neuen Effektes, den die Natur so nicht von sich aus hervorbringt. In der Schrift Über den Fortgang der Wissenschaften (De augmentis scientarum) verschärft Bacon die Fesselung des Proteus in der Allegorie der Folterung der Materie vor Gericht:

Denn wie jemandes Einfallsreichtum nicht gut untersucht oder erwiesen ist, wenn er nicht ins Kreuzverhör genommen wird; noch Proteus sich verschiedene Gestalten angenommen hätte, wenn er nicht in Fesseln gehalten wäre, so zeigt sich auch die durch Kunst irritierte und gestörte Natur klarer, als wenn sie sich frei überlassen bliebe.

Und dann folgt ein Satz, der den Zusammenhang von Dienstbarkeit und Herrschaft auf den Punkt bringt: „Denn wie wir die Herren unserer Fragen sind, sind wir es nicht über die Dinge.“ Damit ist metaphorisch umrissen, worin die neue Naturphilosophie besteht und wie sie zur großen Erneuerung führt: Die Natur nicht in ihrer Gegebenheit, sondern in ihrem Potential für neue Entfaltungen zu erkennen, zur genauen Analyse dieses Potentials die harten Methoden des Experimentierens zu verwenden und das daraus gewonnene Wissen in Technologien umzusetzen, die zur weiteren Entfaltung der Natur beitragen. Die metaphorische Beziehung zwischen Dienst an der Natur und Herrschaft über die Natur ist damit einigermaßen erläutert. 

Wo liegt der Fehler? Er liegt in einer zunächst versteckten, aber virulenten Paradoxie, die in der Idee der Herrschaft über eine von Natur aus technische Natur steckt. Sie kommt zutage, wenn man sich fragt, ob der Mensch, der der Natur erst dient, dann sie verhört und foltert und schließlich als Herrscher technisch entfalten lässt, auch Teil der Natur und ihrer technischen Formierung ist, oder in einer (außernatürlichen) Sonderrolle des Gebieters verharren kann. Schlägt man ihn zur Natur, unterwirft er sich selbst den experimentellen Prozeduren, um selbst Technik zu werden, aber für wen dann? Belässt man ihm die Sonderrolle des Gebieters, zieht man ihn aus dem Feld des Erforschbaren und wird nicht herausfinden können, was er ist und kann. Kurz gesagt „Wissen ist Macht“ und „Herrschaft über die Natur“ sind böse Fallen. Wie kann man sie umgehen, ohne das ganze Unternehmen der experimentellen Erforschung der Wirklichkeit aufzukündigen?

Die Paradoxie verlangte nach Untersuchungen, die die kritischen Reflexionen von Michel Foucault, Günther Anders, Hans Jonas, Gernot Böhme, Klaus-Michael Meyer-Abich und vielen anderen einbeziehen, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wie die Herrschaftsverhältnisse im Sinne eines symmetrischen Miteinanders von Mensch und Natur neu geordnet und gestaltet werden könnten. So schwierig es für Bacon war, den Weg in die wissenschaftlich-technologische Zukunft zu eröffnen, so erscheint es heute noch viel schwieriger, die Gesellschaft für eine neue Wette zu gewinnen, in der es um ein angemessenes Überleben in einer durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt zwar veränderten, aber ramponierten Welt geht. In der neuen Wette würde es eher darum gehen, mit Technik nicht die Natur zu beherrschen, sondern ihrem Selbstlauf, ihrer inneren Komplexität und ihrem ökologischen Reichtum die Dienste anzubieten, zu denen Forschung fähig ist. Das wäre wohl auch ein unermessliches Gut, für das ein Wetteinsatz lohnt. Für Bacon war dienendes Verstehen (minister et interpres) der Weg zur Herrschaft über die Natur; heute ginge es um ein solches Verstehen auf dem Weg in die Belange der Natur und die technische Sicherung unseres Überlebens darin.

Auswahlbibliographie:

Francis Bacon: The Works. Hrsg. von James Spedding, Robert Leslie Ellis und Douglas Denon Heath. London 1857–1874. Frommann-Holzboog, Stuttgart (Bad Cannstatt), 1963.

Francis Bacon: Neues Organon. Teilband 1. Lateinisch – Deutsch. Hrsg. von Wolfgang Krohn. Meiner Verlag für Philosophie, Hamburg, 1990. 

Francis Bacon: Über die Würde und den Fortgang der Wissenschaften. S. Fischer, Frankfurt am Main, 1995.

Klaus J. Heinisch (Hrsg.): Der utopische Staat. Utopia – Sonnenstaat – Neu-Atlantis. Rowohlt, Hamburg, 1960.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen