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Hans-Joachim Heerde sammelt in „Die Freundin meines Freundes“ endlich Polly Tiecks Feuilletons der Weimarer Republik

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Da hätte man gedacht, dass man schon einigermaßen alle Autorinnen und Autoren der Weimarer Republik kennt, aber nichts da. Ilse Amalie Ehrenfried, verheiratete Falkenfeld, verheiratete Aufrichtig, die sich als Autorin Polly Tieck, Lieschen Lassdas oder Katta Launisch nannte, war bis vor kurzem nur wenigen bekannt. Was zu unser aller Lasten geht, denn kennen kann man sie, wenn man nicht nur die Buchpublikationen des frühen 20. Jahrhunderts zur Kenntnis nimmt, sondern sich auch die Mühe macht, in die Feuilletons der Zeit zu schauen. Aber das ist eine alte Schwäche der Literaturwissenschaft wie des Buchbetriebs. Es gilt halt vor allem das gedruckte Buch als Qualitätsausweis.

Dabei trifft man eben auch im Feuilleton Autorinnen und Autoren, die es in den 1920er Jahren zu großem Ansehen und Aufmerksamkeit gebracht haben. So eben auch Polly Tieck: Unter diesem Namen ist nun eine Größe des Literatur- und Medienbetriebs aber auch des Gesellschaftslebens der späteren 1920er und frühen 1930er Jahre zu entdecken. Das NS-Regime zerstörte die Karriere Polly Tiecks, wie andere auch. Nachhaltig, denn Polly Aufrichtig, wie sie später anscheinend durchgehend genannt wurde, wanderte im Laufe der 1930er Jahre mit ihrem zweiten Mann Hans Aufrichtig nach Südamerika aus und trat publizistisch nicht mehr in Erscheinung. Stattdessen engagierte sie sich in der zionistischen Bewegung, war auch selbst in den 1930er Jahren in Palästina, und anscheinend engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Chile. Damit verschwand die Schriftstellerin aus der deutschsprachigen Literatur und wurde erst in der zweiten und dritten Welle der Wiederentdeckungen überhaupt erst erneut zur Kenntnis genommen. 1988 wurden in dem von Anna Rheinsberg herausgegebenen Sammelband junger Autorinnen der Weimarer Republik, Bubikopf überschrieben, einige ihrer Texte präsentiert. Doch es dauerte 25 weitere Jahre, bis zum Jahr 2013, bevor eine weitere kleine Sammlung von Texten und einige biografische Notizen zu Polly Tieck erschienen. Und dann nochmals mehr als zehn Jahre, bis diese Autorin ihre erste selbständige Publikation erhielt. Immerhin kommt sie in Julia Bertschiks großer Studie über Mode und Moderne aus dem Jahr 2005 vor – allerdings auch nur mit zwei Texten im Literaturverzeichnis. Mit der Wiederentdeckung Lotte Lasersteins vor einigen Jahren rückte auch das Porträt Polly Tiecks wieder in den Blick, das Laserstein 1929 gemalt hatte.

Hans-Joachim Heerde nun ist es zu verdanken, dass jetzt die Feuilletons Polly Tiecks zwischen 1925 und 1933 gesammelt erscheinen konnten – eben nicht nur mit dem üblichen kleineren Begleittext versehen, in dem die Autorin einem geneigten Publikum vorgestellt und, ja, schmackhaft gemacht werden soll, sondern auch mit einer mit Belegen rund 90 Seiten umfassenden biografischen Rekonstruktion.

Polly Tieck, 1893 in Berlin geboren, 1975 in Chile gestorben, stammte aus einem bürgerlichen Umfeld: Bei Ehrenfrieds lasen Eltern und die beiden Kinder anscheinend dieselbe Literatur und scheinen sich bei Tisch darüber unterhalten zu haben. Das scheint die Vierzehnjährige immerhin derart beschäftigt zu haben, dass sie sich 1907 in einem Brief an die damals anscheinend bekannte und gelesene Autorin Hermine Villinger wandte, um Aufklärung über die Fortschreibung einer Novelle zu erhalten, über die sich Eltern und Kinder uneinig waren.

Nicht aber bei der Literatur lagen nach Schulabschluss und Ausbildung im Lehrerinnenseminar Ilse Ehrenfrieds Ambitionen. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, sich als Schneiderin und Modemacherin selbstständig zu machen. 1916 heiratet sie, im Jahr darauf wird die Tochter Eva geboren – so weit immerhin die persönliche Biografie, die freilich vor allem deshalb interessant ist, weil sie anzeigt, wie aus Ilse Ehrenfried Polly Tieck wurde. Und vielleicht auch, warum sie bis eigentlich zu diesem Band Heerdes derart in Vergessenheit geraten konnte. Denn Ilse Ehrenfried ist Modemacherin, was man auch ihren Texten, die ab Mitte der 1920er Jahre erscheinen und mit denen dann endlich Polly Tieck auftritt, ansieht. Mode und insbesondere die Mode junger, emanzipierter Frauen sind Polly Tiecks zentrales Thema. Anscheinend wird ihr Salon Anfang der 1920er Jahre auch in den Medien wahrgenommen, erste Modelle aus ihrem Atelier werden 1923 bei Scherls Die Woche präsentiert. Ab 1923 ist Polly Tieck auch nebenberuflich für Ullstein – für wen auch sonst – publizistisch tätig, ab 1928 hauptberuflich als Directrice der Schnittmusterabteilung bei Ullstein, die eines der erfolgreichen Betätigungsfelder des Verlags ist. Erkennbar ist das in einem der Ullstein-Sonderhefte, in dem es um Schnittmuster geht. Ihr Atelier gibt Tieck daraufhin auf.

Ihre nun vorgelegten Texte zeigen ein aufschlussreiches Profil, das mit Polly Tiecks modischen Aktivitäten zusammenhängt: Basis ihrer Texte, die von zahlreichen Medien der Zeit publiziert wurden, ist und bleibt die persönliche, rechtliche und berufliche Emanzipation von Frauen, hinter die es für sie kein Zurück gibt. Als thematische Plattform beharrt sie dabei jedoch auf einer spezifischen Weiblichkeit, die sich in der Mode, aber auch in einem offen hedonistischen Lebensstil bemerkbar macht. Diese jungen Frauen behaupten sich als gleichberechtigt und sie behaupten sich in einer männlich dominierten Welt, aber sie tun dies mit einer demonstrativ weiblichen Attitüde. Das schließt das Eingeständnis ein, zwischen den verschiedenen Rollenmodellen jederzeit wechseln zu wollen. Zugleich macht Polly Tieck aber mit aller Deutlichkeit klar, dass sich daraus für andere, vor allem wenn sie männlich sind, keine Ansprüche ableiten lassen. Frauen bestimmen, was mit ihnen passiert, ließe sich daraus ableiten – was zumindest eine starke Position ist, mit der sie ihre Position in den Medien und der Gesellschaft der Zeit profilierte. Dabei arbeitete sie etwa mit der Illustratorin Dodo (Dörte Wolff) zusammen.

Von Tiecks Selbstbewusstsein zeugt nicht zuletzt ihre Antwort auf Kurt Tucholskys kleine Reflexion mit dem Titel Was machen Menschen, wenn sie allein sind?. Womit, klärt Polly Tieck, nur gemeint sei, was ein Mann macht, wenn er allein ist, zumal Tucholsky offen eingesteht, nicht zu wissen, was Frauen tun, wenn sie allein sind. Freilich lässt Polly Tieck dann eben nicht die Errungenschaften folgen, die die Emanzipation für Frauen gebracht hat, sondern eine Miniatur über Frauen und den stets präsenten Spiegel.

Sicher kann man darin eine Apologie des männlichen Blicks oder die voreilige Selbstbeschränkung auf vermeintlich genderspezifische Ausstattungen sehen. Allerdings korrespondiert dieses Selbstermächtigungskonzept mit anderen zeitgenössischen Ansätzen, die Emanzipation darauf aufbauen, dass aus heutiger Sicht konventionelle Geschlechterzuschreibungen vorausgesetzt werden. Das erleichtert den Einstieg und betont zugleich unmissverständlich: Modisch gekleidete, hedonistische junge Frauen haben unbestreitbaren Anspruch auf Anerkennung.

Dieser Ansatz mag auch mit dafür verantwortlich sein, dass Polly Tieck erst jetzt wieder in den Blick rückt: zu unpolitisch, zu betont weiblich, zu hedonistisch. Allerdings wäre das ein großes Missverständnis. Hinzu kommt der Umstand, dass sie es zu Lebzeiten nicht zum alleinseligmachenden Buch gebracht hat. Der angekündigte Roman ist jedenfalls nie erschienen. Ein Schicksal, das sie mit anderen teilt. Aber eigentlich kommt es darauf an, dass wir die Feuilletons Polly Tiecks nun endlich zu Gesicht bekommen.

Titelbild

Hans-Joachim Heerde (Hg.) / Polly Tieck: Die Freundin meines Freundes. Feuilletons aus den 1920er Jahren.
Hg. und mit einem Vorwort und einem biografischen Nachwort von Hans-Joachim Heerde.
Wallstein Verlag, Göttingen 2026.
362 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783835360907

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