Entstanden, um zu bleiben?

Silvana Condemi und François Savatier schildern kompakt und informativ die „Entdeckung einer neuen Menschenart“

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ob wir allein im Universum sind, ist eine philosophische Frage, die vermutlich kaum letztgültig zu beantworten sein wird. Sie ist nicht neu, wurde aber unter verschiedenen Gesichtspunkten debattiert, von denen der konservativ-theologische womöglich der aus gegenwärtiger Perspektive absurd-beeindruckendste sein dürfte, dessen Beantwortung auf ein klares ‚Nein‘ hinausläuft. Die Begründung ist so eindeutig wie irritierend: In der Schöpfungsgeschichte sei keine Rede von einer weiteren Welt, geschweige denn von mehreren Welten und darauf geschaffenem Leben.

Vergleichbares gilt auch für unseren Planeten selbst: Für die Existenz von Menschenarten, die sich vom rezenten Homo sapiens unterscheiden, gab es zunächst weder Hinweise noch Beweise, und auch der vermutlich erste ernst genommene Fund von Knochen einer anderen Menschenart, dem Neandertaler, wurde seinerzeit von Robert Virchow zeitlich in die nur kurz zurückliegende Vergangenheit der napoleonischen Kriege verwiesen. Der berühmte Arzt klassifizierte sie lakonisch als die sterblichen Überreste eines ‚rachitischen Kosaken‘. Es dauerte, bis sich die Wahrheit durchsetzte, und noch länger, bis die fossilen Vorfahren und damit die Wurzeln der Menschheit in Afrika entdeckt – und akzeptiert – wurden.

Auch heute ist es bisweilen noch schwer vorstellbar, wie weit zurück die Vorfahren des gegenwärtigen Menschen reichen. Noch schwieriger ist es allerdings zu akzeptieren, dass es keineswegs eine lineare Entwicklung der biologisch-kulturellen ‚Verbesserung‘ der Menschheit gab, sondern sich mitunter nach ‚entwickelteren‘ Arten auch ‚primitivere‘ zu behaupten vermochten.

Dies ist allerdings ein afrikanisches Spezifikum. Für die nördlichen Hemisphären (Asien und Europa) galt bis vor gar nicht so langer Zeit ein ‚doppelter Dreiklang‘ zunächst der Einwanderung der ersten ‚generalistischen‘ (also über Afrika hinaus nachweisbaren) Menschenform (Homo habilis), dann der ‚Nachfolgespezies‘ Homo erectus sowie drittens des Homo heidelbergensis, aus dem heraus die Entwicklung der eigenständigen europäisch-asiatischen Menschenform des Neandertalers erfolgte. Am Ende stand die abschließende Einwanderung des rezenten und in allen Facetten generalistischen Homo sapiens. Dass dieser im Laufe der Forschung zum Homo sapiens sapiens wurde, weil seinem Verwandten, dem Homo neandertalensis, ebenfalls ein ‚sapiens‘ zuerkannt wurde, spielt da kaum eine Rolle. Dies ist die wissenschaftshistorische Vorgeschichte zur vorliegenden Publikation, in der jene allerdings detailliert und mit anschaulichen Karten illustriert dargestellt wird.

Im Dezember 2010 haben sich die Dinge durch die Entdeckung, die den Anlass für Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart bietet, geändert. Denn 2010 „erhielt die Menschheit ein ganz besonders Weihnachtsgeschenk“, wie es auf der Buchrückseite heißt. Dieses lag nicht unter einem Christbaum, sondern wurde in der sibirischen Denisova-Höhle ‚ausgepackt‘. Es handelt sich um Knochenfragmente, die anhand akribischer Untersuchungen der auswertbaren DNS im Labor einer bis dahin unbekannten Population der Gattung Homo zugeordnet werden konnten.

Kurzerhand benannt nach dem Fundort etablierte sich der Denisova-Mensch als östlicher Verwandter der Neandertaler, der sich weit über den asiatischen Raum verbreiteten konnte und der wohl aufgrund der damit verbundenen potenziell größeren Erbgutvielfalt resilienter war als die westliche Verwandtschaft, die in Europa das Mittelpaläolithikum dominierte. Und beide Verwandte der rezenten Menschenform sind in dem Sinne nicht vollends verschwunden, als sich in den gegenwärtigen Populationen genetische Spuren dieser älteren Spezies finden lassen: Die Bevölkerung im heutigen Asien trägt bis zu 5 % Denisova-DNS in sich, was nicht nur verwandtschaftliche Beziehungen wahrscheinlich macht, sondern auch die in früheren Forschungsansätzen vorherrschenden Szenarien einer vollständigen Auslöschung älterer Menschenformen zumindest fraglich erscheinen lässt.

All dies wird anschaulich in den drei Großkapiteln „Der dritte Mensch“, „Die Ursprünge“ sowie „In der Haut des Denisovaners“ dargestellt. Der Einstieg ist dementsprechend der Entdeckung oder eigentlich eher der Entschlüsselung dieses ‚dritten Menschen‘ gewidmet, und so werden anhand der paläoanthropologischen Befunde nicht nur die konkreten Fund- und Untersuchungsbedingungen dargelegt, sondern auch interessante molekulargenetische Basisinformationen geliefert. Dieser Aspekt des Über-das-Detail-Hinausweisens ist eine ständig wiederkehrende Komponente des Buches: Es werden immer wieder weite – aber nie weitschweifige – Perspektiven aufgetan, die für die eigentliche Geschichte zwar nicht zwingend notwendig wären, anhand derer jedoch das große Ganze noch viel deutlicher wird.

In vergleichbarer Weise übersichtlich wie informativ ist der zweite Abschnitt aufgebaut, der Ursprünge und Ausbreitung der Denisova-Menschen beleuchtet. Dabei wird der Blick zunächst auf den „seltsamen Homo erectus“ gelenkt, aus dem heraus sich sowohl Neandertaler als auch Denisova-Menschen entwickelt hatten und zu dessen wesentlichen Errungenschaften die Beherrschung des Feuers gehörte, die es erst ermöglichte, nördlichere Regionen aufzusiedeln.

Hilfreich sind hierbei auch die aufgenommenen Karten, anhand derer die wahrscheinlichen Ausbreitungs- und Wanderwege der verschiedenen Menschentypen illustriert sind. Auffällig in diesem Kontext ist, dass die westlichen, also Europa betreffenden Wege auch gegenwärtig wieder die Routen der Süd-Nord-Bewegungen von Menschengruppen sind, die aus den verschiedensten Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Ob es bereits in urgeschichtlicher Zeit vergleichbare Ursachen der Wanderungen gegeben hat, wird im Werk nicht thematisiert und damit auch nicht ausgeschlossen. Ausführlich werden Forschungsgeschichte und -ergebnisse vorgestellt, Kontroversen diskutiert und damit der Weg zum Jetzt-Stand der Paläoanthropologie gewiesen. Dabei ist es – und das gilt für alle Abschnitte des Buches – genau die richtige Mischung aus sachlich adäquater Sprache und deskriptiver, allgemeinerer Formulierungsweise, die das Lesen sowohl informativ als auch unterhaltsam macht.

„In der Haut der Denisovaner“ schließlich bezieht sich – neben wenigen Verweisen – auf die Protagonistinnen und Protagonisten des Buches, die Denisova-Menschen, die vor eineinhalb Jahrzehnten so plötzlich dem Nebel des Vergessens entrissen wurden. Dabei werden paläogenetische Forschungsergebnisse ebenso vorgestellt wie auch die fossilen Überreste der Denisovamenschen, sodass beim Lesen eine erstaunlich genaue Vorstellung von diesen Menschen gewonnen werden kann. Diese wird mindestens ebenso anhand der zahlreichen Illustrationen beflügelt, die die entsprechenden Individuen rekonstruktiv darstellen.

Die „Suche nach verlorengegangenen Denisova-Fossilien“ mag zu Assoziationen mit Tomb Raider oder Indiana Jones führen, bezieht sich aber auf den Versuch, den Entwicklungsweg der Denisova-Menschen zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang steht eine Begegnung mit „Dali“, einem Skelett aus dem gleichnamigen chinesischen Dorf, der als Paläo-Denisovaner eingeführt wird. Es werden aber auch etwa die Jinishuan-Frau, eine Bewohnerin des ‚denisovanischen Nordens‘ oder „Maba, der Pechvogel“, der in der südlichen Ökosphäre der denisovanischen Verbreitung lebte, vorgestellt (wobei Letzterer nicht an der Spitze der Nahrungskette stand, sondern seinerseits den Speiseplan einer größeren Raubkatze ergänzte).

Diese aus Skelettfunden herauskristallisierten ‚Personenbeschreibungen‘ machen einen Reiz des Buches aus, das dann über die Thematisierung von Rekonstruktionen aus derlei Funden zum Schluss führt: „Denisova lebt“, was sich wiederum auf das Weiterleben ihres genetischen Materials bezieht. Letztlich starben sie nach der Ankunft des Homo sapiens aus, wobei in der vorliegenden Publikation eher eine Art friedlicher Übernahme skizziert wird.

Ob all das aber wirklich so friedlich vonstattenging? Es gibt eine geniale Karikatur des Cartoonisten Gary Larson, die eine eigene ‚These‘ zum Aussterben der Neandertaler illustriert: Während der Neandertaler – entlehnt ist die Szene der Überlieferung zum Tod des Archimedes – hochkonzentriert ein komplexes geometrisches Problem zu lösen sucht, wird er vom Homo sapiens kurzerhand erschlagen. Dies ist in doppelter Hinsicht provokant, denn es wird hier nicht nur die Position des Brutal-Urtümlichen vice versa neu zugewiesen, sondern unter der Hand auch auf die Aggressivität der modernen Menschen angespielt. Und auch wenn es als wissenschaftlicher Fortschritt betrachtet werden kann, die lange Zeit vorherrschende sozialdarwinistische Vorstellung vom gewaltsamen Auslöschen infrage zu stellen, lässt bereits ein Blick auf die unmittelbare Gegenwart den Gedanken nicht mehr ganz so abwegig erscheinen, dass menschliche Entwicklung(en) wohl oft auch mit Mord und Totschlag einhergingen – auch wenn das im Einzelnen weder bewiesen noch widerlegt werden kann.

Diese handliche und gleichzeitig komplexe Darstellung der Denisova-Menschen liest sich trotz des erkennbaren wissenschaftlichen Standards spannend wie ein Krimi. Das ist nicht zuletzt dem Duktus Silvana Condemis und François Savatiers zu verdanken, der in der Übersetzung durch Anna und Wolf-Heinrich Leube nicht verlorenging. Neben dem informativen Kartenmaterial und den teils farbigen Bildtafeln sind es auch die Illustrationen von Benoit Clarys, die das Ganze noch anschaulicher machen. Die informative Bibliographie tut ein Weiteres, um das Thema abzurunden und den Blick darauf zu erweitern. Das Buch ist einer ganz besonderen Frühmenschenart gewidmet und ermöglicht neben deren umfangreichen Vorgeschichte auch einen indirekten Blick auf spätere Entwicklungen. All das macht das Werk äußerst lesenswert. Positiv zu bemerken ist außerdem, dass Preis und Qualität in einem angenehmen Verhältnis zueinander stehen, was einen Erwerb nachgerade ‚alternativlos‘ macht.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Kein Bild

Silvana Condemi / François Savatier: Denisova. Die Entdeckung einer neuen Menschenart.
Illustriert von Benoit Clarys.
Übersetzt von Anna Leube und Wolf-Heinrich Leube.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
256 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406826979

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch