Post-, trans-, ultra-, anti- oder meta-?

Die Beiträge des von Dieter Thomä herausgegebenen Sammelbands über „Postismen“ zeigen, wie brüchig die Konstruktionen von Danach-Epochen sind, aber bleiben oft beim Davor hängen

Von Hermann RotermundRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hermann Rotermund

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Vorsilbe „Post-“ hat nicht unbedingt einen guten Ruf. Oft figuriert „postmodern“ als Schimpfwort, das die Abkehr vom allgemein Verbindlichen, von der Wahrheit und insgesamt von den Errungenschaften der Aufklärung attackiert. Die Postmodernen, gelegentlich zu „Pomo“ verkürzt, sind „woke“, ihnen wird Relativismus und die Ablehnung von Freiheit unterstellt. Ideologische Zerrbilder dieser Art gibt es bei einigen „Postismen“. Andere wiederum lassen die Legitimation des „Danach“ vermissen. So könnte man beim Wort „postdigital“, das seit zwei Jahrzehnten im Umlauf ist, fragen, ob nicht etwa eine ahnungslose Verwechslung von Präpositionen vorliegt. Denn in den meisten Anwendungsfällen dieses Begriffs scheint es sich eher um trans- oder ultradigitale Perspektiven zu handeln – und nicht um eine Situation nach der von digitalen Medien bestimmten Lage.

Viele Untersuchungen, die den Begriff postdigital verwenden, berücksichtigen durchaus die Existenz des Digitalen, wollen dabei jedoch auch kulturelle Aspekte aufgreifen, bei denen es nicht im Zentrum steht. Ein zeitliches „Danach“ wäre hier also ganz unangemessen, sofern es nicht um eine spekulative Zukunft oder vergangenheitsorientierte Phantasien ginge. Alle Systeme und Strukturen der heutigen Gesellschaft sind nun einmal durch das Digitale affiziert. 

In Thomäs Sammelband Postismen. Vom Nutzen und Nachteil eines Denkmusters für die Wissenschaften widmet sich die erfahrene Begriffshistorikerin Eva Geulen dem Postdigitalen. Die erhoffte größtmögliche Klarheit kann ihr Beitrag allerdings leider nicht liefern. Geulen fragt nach den Impulsen und Motiven, die mit dem grassierenden Postismus verbunden sind. Die Konstrukte von Epochenbegriffen und Epochenzuschreibungen haben sich vielfach als brüchig erwiesen. In der diskurshistorischen Sicht, die Friedrich Kittler in die Literaturwissenschaft einzuführen versuchte, wurden sie trickreich durch Jahrhundertzahlen ersetzt. Für Geulen bleibt Kittler, der die durch technische Dispositive herbeigeführten Schicksalswenden der Schrift beschrieb, dennoch ein Postist, dessen Wendemarke die um 1900 deutlich hervortretende Materialität der Schrift ist. Sie hebt zwei zusammenhängende Aspekte des Digitalen hervor: Dieses sei einerseits unabweisbar vorhanden und enthalte darüber hinaus den Imperativ, noch mehr, noch schneller, noch umfassender zu digitalisieren. Digitalisierungsfloskeln halten die Diskurshoheit in politisch-ökonomischen Verlautbarungen aufrecht, aber dafür, dass das junge Postdigitale sie angreifen und durchbrechen möchte, liefert Geulen keinen Beleg. Ein charakteristischer Zug des Postdigitalen ist in ihrer Sicht vor allem die Ratlosigkeit bei der Frage nach Kontinuität und Diskontinuität, also nach der grundsätzlichen Legitimation des Begriffs.

Auch einer KI, die Geulen konsultiert, fällt zum Postdigitalen nicht mehr ein als ein Hinweis auf die Allgegenwärtigkeit des Digitalen und die Bestrebung, in Gegenwartsanalysen über das Digitale hinauszugehen. Sie fügt Chatbot-typisch den versöhnenden Hinweis hinzu, es gelte, neue Wege der Integration von digitalen und nicht-digitalen Domänen zu finden.

Geulens eigene Suche nach begrifflicher Versöhnung greift schließlich einen Exkurs des Literatur- und Medienwissenschaftlers Hannes Bajohr über den Begriff des Postartifiziellen auf. Bajohr nennt zwei Szenarien: Einerseits könnte es einen Ouroboros-Effekt geben, wenn die sich selbst trainierende KI fast nur noch Texte vorfindet, die von KIs generiert wurden. Andererseits gäbe es dann vermutlich immer noch besonders markierte Texte, bei denen die Herkunftsfrage gestellt werden könnte. Das wären dann literarische und eher nicht wissenschaftliche Texte. Immerhin: Das Postartifizielle wäre als Ersatz für das Postdigitale durchaus willkommen, „weil dieses Post- kein Nicht-mehr-aber-doch-auch signalisiert, sondern ein Post- im alten Sinne ist, nämlich nach der Unterscheidung von künstlichen und natürlichen Texten.“

Der geringe semantische Wert, den die Präposition „post“ in der Kombination mit den Bezeichnungen von Epochen oder Denkrichtungen hat, wird in den meisten Beiträgen nicht reflektiert. Stattdessen wird der jeweilige Postismus so genommen, wie er sich im Sprachgebrauch wissenschaftlicher und anderer Communities ausgebildet hat. Paul C. Taylor macht in seinem Beitrag, der den Phänomenen Post-Black, Old Black gewidmet ist, einen erheiternden Vorschlag zur Aufhellung der diffusen Semantiken mit der folgenden logischen Formalisierung:

Die Bezeichnung eines Sachverhalts als „Post-P“ anstelle von „Q“ kann anzeigen, dass (a) alle Bestandteile von Q mit Ausnahme ihrer gemeinsamen Ursprünge im vorherigen Zustand P keinerlei Einheitlichkeit besitzen; dass (b) die an Q Beteiligten ihre Distanz gegenüber P zum Ausdruck bringen möchten, aber ohne dessen prägende Rolle für sie zu leugnen und ohne vorschnell das Motiv kenntlich zu machen, da die sich entfaltende Gegenwart vereinheitlicht; oder dass (c) die begrifflichen Mittel, die für P angemessen waren, für das Verstehen von Q nicht hilfreich sind, weshalb die Benennung von Q unsere kognitiven Kräfte übersteigen und die Q innewohnende Neuartigkeit unterdrücken würde.

Taylor hält demnach mindestens drei Post-Varianten für möglich und gültig. Angewendet und in Beispiele übersetzt sind diese: (a) Das aktuell sich herausbildende digitale Zeitalter ist in gewissen Aspekten post-industriell, doch diese Kennzeichnung allein sagt längst nicht alles über den Charakter der digitalen Welt aus; (b) aus der Perspektive der digitalen Welt finden kritische Analysen der industriellen Epoche statt, ohne bestehende Zusammenhänge dieser Epochen zu unterdrücken oder (c) das analytische Vokabular, das ein Verständnis der industriellen Epoche ermöglicht hat, erweist sich als Hemmnis für das Verstehen der digitalen Welt, aber ein neues Vokabular ist noch nicht verfügbar. Die letztgenannte Variante findet sich übrigens bei Dirk Baecker, der 2018 in seinem Buch 4.0 hilfsweise einfach von der „nächsten Gesellschaft“ spricht. Eva Illouz steuert im hier besprochenen Sammelband eine vierte Variante bei, indem sie der Postmoderne attestiert, sie wolle die Moderne vollständig hinter sich lassen, deren „Tragwerk“ zerstört und deren früher dominierende Ideologien Marxismus und Liberalismus veraltet seien. Das „Post-“ wird dadurch gerechtfertigt, dass Elemente der Moderne in freien Zitaten und Kombinationen vorkommen, ohne irgendeine Verbindlichkeit zu besitzen. Letztlich tauge die Moderne für Anhänger der Postmoderne nur noch als Prügelknabe.

Dieter Thomä, der Herausgeber des Bandes, hat 2025 bereits eine Monographie mit dem Titel Post- vorgelegt, die als Nachruf auf eine Vorsilbe untertitelt ist. Darin setzt er sich ausführlich mit einigen prominenten „Postismen“ auseinander, so beispielsweise dem Posthistoire, dem Postkolonialismus und selbstverständlich auch der Postmoderne. Er behandelt diese Begriffe, ihre Urheber und Verfechter allesamt äußerst kritisch. Seine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber allen Postismen fasst er in dem Satz zusammen: „Wer darauf pocht, sich in einer Zeit danach zu befinden, muss dauernd auf die Zeit davor schielen – und hat für die Zukunft womöglich kein Auge mehr.“ Diesen skeptischen und gelegentlich auch polemischen Geist der Kritik hat Thomä allerdings nicht völlig auf den Sammelband übertragen können.

Die Beiträge unterstützen oder problematisieren ihren jeweiligen Postismus auf sehr unterschiedliche Weisen. Philipp Sarasin, der sich im Wesentlichen eine Relektüre von Jean-François Lyotards La condition postmoderne vorgenommen hat, hebt die Weitsicht Lyotards hervor, der 1979 die Informatisierung der Produktion und ihre Unterwerfung unter das Prinzip der Performativität an die Wand malte, als von beidem noch kaum etwas zu sehen war. Sarasins Text zieht auch Querverbindungen zur heutigen politischen und ökonomischen Situation vor allem in den USA und fragt, ob dort das Aufkommen eines neuen Faschismus zu erwarten sei. Der Historiker Sven Reichardt formuliert: Es könne ein Faschismus der „atomisierten“ postmodernen Gesellschaft entstehen, „ein rhizomartiges Gebilde“, „dezentral organisiert und transnational vernetzt sowie vorangetrieben durch die „postfaschistischen Schwärme des Internets“. Eine Einschränkung der Vielfalt und die Zusammenführung aller Bestrebungen unter ein Führer-Kommando widerspräche zwar dem Ansatz Lyotards, aber die von ihm so benannten „telematischen Technologien“ ermöglichen auch neue Techniken des Regierens und der Machtausübung.

Einige Beiträge, beispielsweise über die Philosophie nach Heidegger (und Heideggers Hegel-Interpretation), über das Nach-Denken, die Nach-Antike oder über Postkritik markieren ihr Davor und Danach nur sehr vage. Der Aufsatz Albrecht Koschorkes über den Liberalismus fällt in die oben beispielhaft angeführte Rubrik der kritischen Analysen, die weder das Davor zerstören noch ein Danach begründen. Dass die Vorstellung von einem kontinuierlichen progressiven „Geschichtsverlauf“ in die Krise geraten ist und es nurmehr partikularisierte liberale Reformideen gibt, die nicht mehr Teil eines alles überwölbenden Ganzen sind, ist allerdings nachvollziehbar.

Die grundsätzliche Frage nach der Begründung und Existenzweise eines „Post“ kann auch an Ulrich Schmid, den Autor des Beitrags über Postsozialismus, gestellt werden. Die „sozialistische“ Natur der Länder des früheren sowjetischen Blocks wird im Beitrag durchaus problematisiert, Schmid spricht vom „Zusammenbruch eines geschichtslosen Zustands“ in den Jahren 1989 bis 1991. Schnell schlug die Unterdrückungserfahrung in diesen Ländern in Ressentiments gegen die vom Westen als universalistisch propagierten Werte um, und es entstand dort der Eindruck eines „westeuropäischen Nachahmungsimperativs“. Allerdings hat sich wohl außer in Russland und partiell im ungarischen Orbánismus (dem im April 2026 ein – möglicherweise aber nur vorläufiges – politisches Ende zuteil wurde) der Postsozialismus nicht in ein institutionell gestütztes ideologisches System verfestigt, sodass der Begriff wohl mit Recht in den letzten Jahrzehnten bis heute nicht populär geworden ist.

Das Wort „posttraumatisch“ bezeichnet einen Zustand, in dem ein Trauma keineswegs überwunden ist, sondern in ihm ist das Trauma in vergrößerter Form enthalten. So formuliert es Eva Illouz in einem Dialog mit Dieter Thomä. Sie hätte hinzufügen können, dass ein Trauma, genau besehen, schon ein Danach in sich birgt, da es in der Regel zeitlich nach einem Ereignis und nicht mit ihm zusammen auftritt. Dem Begriff posttraumatisch ist ein eigener Beitrag gewidmet, den Philipp Felsch verfasst hat. Er lässt einige historische traumatische Episoden Revue passieren: das Erschrecken über die Geschwindigkeit der gerade eingeführten Eisenbahn, den aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs mitgenommenen Horror der „Kriegszitterer“, die psychischen Wunden von KZ-Überlebenden. Bei den im Vietnamkrieg erzeugten Traumata fand in den USA eine interessante Umkehrung statt: Die Täter waren auf einmal bedauernswerte Opfer. Seit 1980 ist die posttraumatische Belastungsstörung PTBS in der amerikanischen Psychiatrie offiziell als Krankheit anerkannt und in einer Weise bestätigt, dass „nicht mehr das Trauma, sondern sein Fehlen als abnorme – oder vorgetäuschte – Reaktion auf Gewalterfahrung angesehen werden“ muss. Das Trauma kann sogar infektiös sein und durch indirekten Kontakt (beispielsweise über Medien) Störungen auslösen. Mit Traumata beschäftigen sich auch geisteswissenschaftliche Disziplinen, vor allem in der Gedächtnisforschung und in der Kultivierung von Erinnerung. Felsch spitzt diese Entwicklung am Beispiel des Historikers Dominick LaCapra noch weiter zu. Dessen Schriften machten deutlich, „dass sich der historiographische Diskurs im Zuge dieser Aneignung hin zum therapeutischen verschob“. Der absurde Endpunkt von Felschs informativem und unterhaltsamem Überblick ist das „Pre-Traumatic Stress Syndrome“ – also eine Reaktion auf etwas, das sich noch nicht ereignet hat.

Die Beiträge des Bandes machen das „Post“ ihrer Postismen nicht immer plausibel. Die Postmoderne Lyotards ist gut begründet, das Schimpfwort postmodern ist es meistens nicht. Oft kommt wie beim Liberalismus ein „anti“ zur Sprache, bei Axel Honneths Überlegungen zur Schuld handelt es sich am ehesten um ein „trans“. Beim Postzionismus könnte sogar ein „ultra“ überlegt werden, und bei Ausbleiben all dieser Ausrichtungen bleibt mindestens ein „meta“ übrig. Ein großer Teil der Beiträge ist, für sich genommen, interessant und erhellend. Es fehlt allerdings ein inneres Band, das die Beiträge zusammenhält. Belege für die Notwendigkeit und Gültigkeit des „post-“ liefern sie in den seltensten Fällen – was bei der grundsätzlichen Skepsis des Herausgebers gegenüber dieser Vorsilbe nicht verwundern kann.

Titelbild

Dieter Thomä (Hg.): Postismen. Vom Nutzen und Nachteil eines Denkmusters für die Wissenschaften.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
350 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783518300763

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch