Ein Holzhaus überm See
Michael Krügers Gedichte in „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ sind beeindruckend, auch verstörend und hochaktuell
Von Herbert Fuchs
Der Autor der Gedichte, Michael Krüger, hat über viele Jahrzehnte hin das literarische und kulturelle Leben in Deutschland mit geprägt. Er war unter anderem Leiter des Carl Hanser-Verlags und hat mehrere Bücher, darunter auch Lyrik, veröffentlicht. Jetzt im Alter hat er seinen Wohnsitz in ein Holzhaus auf dem Land in der Nähe des Tegernsees verlegt. Von dieser hohen, ländlichen, halb-idyllischen Warte herab schaut er auf seine unmittelbare Umgebung und darüber hinaus auf die Geschehnisse der Welt. Und was er dazu in seinen Gedichten schreibt, gehört zum Bemerkenswertesten, was in den letzten Jahren in diesem Genre veröffentlicht worden ist.
Die Gedichte – in allen spricht ein Ich, das man wohl in vielem mit dem Autor gleichsetzen darf – entwerfen Bilder eines Lebens, in dem sich das Ich an die Ländlichkeit und Natürlichkeit der Umgebung anzupassen versucht, nicht nur um einfach damit zurechtzukommen, sondern um sie aktiv zu akzeptieren und zu bejahen. Es sucht die Nähe zu Pflanzen, Tieren und Menschen. Das genaue Beobachten der Umgebung und der Versuch, sich den Eindrücken und Erlebnissen in der Natur zu öffnen und sie zu verstehen, sie nicht zu verklären, sondern so genau wie möglich zu beschreiben, zeugen von einem großen Respekt vor allem, was wächst und lebt.
Dass Natur realistisch gesehen wird – auch als störend, fast als „Hausfriedensbruch“ – zeigen bereits die ersten Zeilen eines kleinen Textzyklus mit der Überschrift „Das Holzhaus“:
Die Ameisen haben eine Straße zum Dach hinauf gebaut,
die nur aus Bewegung besteht, keine Befestigung, kein Asphalt,
nur der unerbittliche Wille, eine Straße zum Dach hinauf zu haben,
als wäre das Begründung genug. Das geht natürlich nicht.
Die Ameisen als eine Plage. Es ist wie ein kleiner Krieg – der Text benutzt entsprechende Wörter – zwischen Hausbewohner und Ameisenvolk, der mitunter auch leicht groteske und humorvolle Züge annimmt. Fast könnte man nach den ersten Texten den Eindruck gewinnen, dass das Ich die natürliche Umgebung als Last und Mühe, vielleicht sogar als Bedrohung erlebt:
Auch um die Wespen muss ich mich
kümmern, die von Süden her das Haus anfliegen, um Gott weiß was
zu tun.
Aber die Blumen um das „Holzhaus“ versöhnen mit vielem, was Landleben heißt:
Dann liebe ich auch die Glockenblumen,
die aussehen, als lauschten sie in sich hinein, und als hörten sie etwas,
woran ihnen viel liegt.
Das Wort „Liebe“ in dem Satz darf als ein Schlüsselwort gelesen werden. Es verweist auf das im Eigentlichen Bewundernswerte der Gedichte: die uneingeschränkte Hinwendung des Ichs zu den Pflanzen, Tieren und den Menschen: Ein Fischer und andere Dorfleute tauchen an verschiedenen Stellen auf. Die Natur und die ländliche Gegend werden in ihrer Gefährdung, manchmal Fremdheit, manchmal Ärgernis für den Menschen gezeigt, nie aber als etwas, das nicht angenommen wird. So möchte das Ich gerade mit Tieren, so zum Beispiel mit einem oft so lästigen Waschbären, das „Gespräch suchen“. Und von den Kröten heißt es:
Manche sind schwerhörig, andere taub und ein wenig
verwahrlost vom engen Leben in den Mauern, maulfaul
sind sie alle, ein schöner Gesang ist von ihnen nicht zu erwarten.
Und es mangelt ihnen an jedem Interesse. Ohne Ehrgeiz
und Neid hocken sie da, und man darf wohl einmal fragen,
was Gott sich gedacht hat, als er diesen Wesen gestattete,
die Gesellschaft der Lebenden zu vergrößern.
Wir lieben sie trotzdem, wenn sie uns vergeben, dass wir so
über sie reden.
Immer wieder greift der Autor zu kleinen Geschichten über die Tiere, die sie in eine fast kameradschaftliche Nähe zu dem beobachtenden Ich rücken. Die Kröten
kriegen einen Namen mit P, alle sind weiblich: Pia,
Paula, Pine, Pauline, Patricia und Petra, schwer zu sagen,
hinter welcher verwarzten Haut der Prinz auf uns wartet.
Und die Glühwürmchen betreuen die Seelen verstorbener Menschen. Krüger schafft Bilder, die das, was vielleicht übersehen würde, in ein neues Licht setzen. Die Kunst des Dichters ist es, Unerklärliches in Verstehbares zu „übersetzen“ und Dinge und Ereignisse so in Sprache zu übertragen, dass sie einen Sinn ergeben, der sonst verschlossen bliebe. In Michael Krügers Texten geschehen diese kleinen dichterischen Wunder in vielen Zeilen.
Dass das alles nicht eine falsche Idylle wird, dafür sorgen neben der feinen Ironie und den vielen humorvollen Beobachtungen auch Vorgänge jenseits der Ländlichkeit, die das Leben des Ich zwar nicht bestimmen, es aber doch erreichen. Sie dringen als Fremdkörper in seine Welt ein, oft nur als knappe Einschübe, aber nicht zu übersehen und in ihrem kritischen, gelegentlich aggressiv-zynischen Ton nicht zu überhören. So heißt es an einer Stelle:
[…] An den Schnittstellen
von Banken und Politik sollte man sich besser nicht aufhalten,
seit der Finanzmarkt eine Spielwiese für Kriminelle geworden ist.
Da werden Cum-Ex-Geschäfte abgewickelt, unter den Augen
der Wirtschaftsprüfer, die selber natürlich mitverdienen wollen.
Ein belorussischer Minister besitzt zwanzig Luxus-Apartments
an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Er hat ganz vergessen,
woher das Geld kam, weshalb man ihn in Frieden lässt vorerst.
Auch die Widmungen, besonders häufig in der ersten Hälfte des Buches, sorgen dafür, dass den Texten jeder Anflug eines eigenbrötlerischen Charakters genommen wird. Sie verbinden das Holzhaus überm See mit Menschen in aller Welt.
Die Sprache der Gedichte ähnelt in manchen Zeilen der Prosa. Aber natürlich täuscht dieser Eindruck. Sie ist rhythmisch gebunden, besteht aus Verszeilen und Strophen, und die Texte werden in einer Zyklenform präsentiert und folgen damit einem bestimmten Ordnungsschema. Die Sprache besticht durch ihren Bilderreichtum und ihre Anschaulichkeit.
Der letzte große Textteil „Als 1 Minute noch aus 60 Sekunden bestand“ greift in dem Bild der verrinnenden Zeit den Titel des Gedichtbandes auf: Die Wiedereinführung der Sanduhr. Er suggeriert, die Zeit könne – vielleicht – verlangsamt werden. Die kalendarische Reihung der Gedichte wie auch ihr Sich-Einlassen auf den völlig anderen Rhythmus der Natur können als ein Versuch gewertet werden, der „Schnelllebigkeit“ draußen jenseits des Ländlich-Natürlichen eine „Langsamlebigkeit“ drinnen, ganz nah bei der Natur, entgegenzusetzen. Auch wenn das selbsttrügerisch sein mag, die poetische Wahrheit besagt etwas Anderes: Im alten Holzhaus überm See gelingen immer wieder Momente der Stille und der Kontemplation, die in einem anderen Lebensraum in dieser Intensität nicht möglich wären. Solche eindringlichen Momente werden beispielsweise im Text 2. August 2021 beschrieben:
In der Nacht klagten die Schafe,
aber der Mond, braun wie eine alte Dattel,
hörte nicht zu. […].
Um fünf Uhr in der Früh stand ich am Fenster
und sah den Vögeln zu, die ihren Proviant
einsammelten für die Reise,
aufgekratzt schienen sie mir, albern und untreu.
[…]
Ich habe mich dann zu den Schafen gelegt
und ein wenig mit ihnen vom Frühjahr geträumt,
als das Gras fett aus der Wiege stieg
und der Klee nicht wusste wohin.
Bis mir, ich sage es nicht gerne,
Die Tränen kamen vor Glück.
Die Zeit hat in Krügers Gedichten aber noch eine andere Bedeutung, nämlich die des oft zitierten Satzes, sie sei aus den Fugen geraten. Die Zeit wird in den schrecklichen Geschehnissen, die auf die Menschen überall auf der Welt einstürmen, nicht mehr als etwas, das überschaut oder gar kontrolliert werden könnte, fassbar. Wir kommen nicht mehr hinter ihren Abläufen „hinterher“, bleiben ratlos zurück. Krüger hat dafür im Text 15. März 2022 im letzten Teil des Bandes die Worte gefunden:
Als eine Minute noch aus sechzig Sekunden bestand
und die Tage gezählt waren, als die Tür einen Schlüssel hatte,
der ins Schloss passte und mit dem man abschließen konnte,
als noch ein Bild an der Wand hing in einem schiefen Rahmen,
gelang uns spielend die Verwandlung der toten Zeit
in eine wärmende Erzählung.
Die Gedichte sparen die brüchigen Seiten der Natur und deren Gestörtheit und Gefährdungen nicht aus. Ihre bedrückenden Seiten werden am Ende des Teils, der die Überschrift „Flussaufwärts“ trägt, deutlich. Die Textserie beginnt an einem 1. November 2020 und endet mit dem Gedicht Auf ein Jahr, das geht. Das eigentlich letzte Gedicht des Zyklus trägt den Titel Nachwort zum Apfelbaum. Es könnte in seiner melancholisch–skeptisch-trostlosen Haltung auch als Rückblick auf das Jahr 2020/21 gelesen werden. Von „Plagen“ ist im Text die Rede, von „Baumwunden“, von einer inneren Aushöhlung des Baums, einer Seelen-Ortlosigkeit, einer Nicht-Fassbarkeit des Baums.
Am Ende des Textes stehen vier Verszeilen, die die Störungen innerhalb der Natur wie wenig andere in dem Zyklus offenlegen:
Der Herbst hat sehr langsam den Kreislauf des Elends
befördert, trotzdem keine essbaren Pilze.
Das Leben glitt einem unbemerkt davon,
ohne sich die Finger schmutzig zu machen.
Und was soll jetzt mit dem Apfelbaum geschehn?
Krüger schlägt im dritten Teil des Gedichtbands, der die einfache Überschrift „Zwölf Gedichte“ trägt, einen anderen Ton an: ernst, kritisch, zweifelnd, auch verzweifelt, anklagend und gleichzeitig hoffnungslos. Der Grund dafür: Krieg. Die Engel, so heißt es bereits im ersten Gedicht des Zyklus, hätten keinen Sinn für die „unendlichen Lesarten des Krieges wie wir“.
Vielleicht gehören die Zwölf Gedichte, entstanden vor und nach dem Ausbruch des Kriegs Russlands gegen die Ukraine, zu dem Eindringlichsten, was in den letzten Jahren über die Gewaltbereitschaft von Menschen gegen Menschen in literarischer Form veröffentlicht worden ist. Die Bilder von zügelloser Willkür steigern sich von Text zu Text, immer deutlicher werden die Anspielungen auf den Krieg in der Ukraine, zunehmend klarer die Hinweise auf die Verantwortlichen.
Der Krieg ist nur als Erzählung verständlich.
Aber was ist zu verstehen? Wie überzeugend klingt alles,
wenn man kaum etwas weiß.
Wahrscheinlich sind solche Fragen der eigentliche Anlass, über den Krieg Gedichte zu schreiben. In literarischer Form können die Unsicherheit der Menschen im Umgang mit Kriegsgeschehen und Kriegsgewalt und ihre Hilflosigkeit sowie ihre Fragen, auf die es keine Antworten gibt, überzeugend formuliert werden. Das Leiden der Menschen und ihre Sehnsucht nach Frieden können in keinem anderen Medium wirkungsvoller dargestellt werden.
Im dritten Gedicht zum Beispiel wird das in vielen Zeilen deutlich. Am Ende heißt es da poetisch-lapidar, aber unerbittlich klar:
Solange es geht, überwachen wir
das Ziehen der Wolken, sie ziehen unaufhörlich nach Westen,
das verheißt nichts Gutes. Denn heute haben sie unser Land
genommen, aber morgen kommen sie, eures zu erobern.
Was klänge in seiner Einfachheit und lyrischen Verdichtung verzweifelter als Zeilen des sechsten Gedichts
Das Jahr ist schon halb vorbei, vorbei auch die Hoffnung,
dass der Krieg verliert.
[…]
Man weiß nicht weiter, hat den Faden verloren, überall lungern
die verkrüppelten Hoffnungen herum.
Und im neunten Gedicht steht der Vers, der sich festsetzt und nicht so bald aus dem Gedächtnis verschwindet
Leviathan läuft lachend über die rauchenden Trümmer hinweg.
Der letzte Text-Zyklus schließt sich in manchem an den zweiten Gedichte-Zyklus an. Wie dort möchte das Ich seine natürliche Umgebung als vorrangige Quelle für seine „kalendarischen“ Gedichte benutzen. Aber das gelingt nur in Ansätzen: der Krieg ist da und kann nicht mehr aus dem Kopf verdrängt werden; die Bäume leiden unter Krankheiten und müssen geschlagen werden; und selbst Nepomuk, der Esel, hat „das Grollen des Krieges gehört“. Vieles ist zwar, wie es vorher war. Nepomuk beispielsweise ist nach wie vor ein Freund und macht das Ich „stolz“. Anderes ist bedrückender und gelingt weniger gut:
Ich muss eine Ladung Wolken nach Westen schieben,
damit die Krokusse mehr Sonne kriegen, sie warten noch ab,
wie immer in solchen turbulenten Zeiten
heißt es im Text Sonntag, 20. Februar 2020. Und im folgenden Gedicht stehen die Zeilen:
Ich glaube, die Vögel kehren zurück. Manche von ihnen
sehen abgekämpft aus, es heißt, sie mussten große Umwege fliegen,
um nicht in Kampfhandlungen zu geraten im kalten Krieg
Die Texte werden zu einer scharfen Anklage gegen die, die den Krieg gegen die Ukraine begonnen haben, und zu einer erschütternden Klage darüber, dass der grausame Krieg kein Ende nimmt: „Ach Odessa, jetzt schlägt man dich noch einmal tot.“
Überraschend ist, dass die Gedichte zunehmend auch zynische Töne annehmen:
[…] trotzdem erwarte Ich nichts von der Zukunft – Ich habe
das Vertrauen verloren, dass hinter dem Wald noch etwas ist,
steht da an einer Stelle. Und eine andere klingt noch verzweifelt-wütender:
Die Wette mit Gott ist verloren, das zeigt ein Blick
auf Kyrill, wenn er sich vom russischen Präsidenten
die Füße küssen lässt.
Der Text Donnerstag, 31. März 2022 enthält besonders scharfe Attacken gegen Putin. Der Autor geht dabei bis an die Grenze des sprachlich Zumutbaren.
Wer die Grausamkeiten des Kriegs in der Ukraine nicht verdrängen kann, greife zu Krügers Gedichten. Auch der, der sich von den Stereotypen in den Berichten der Medien frei machen will. Vor allem der, der seine Erschütterung über die Gewalt der Menschen und über die eigene Hilflosigkeit mit anderen teilen möchte, um sie besser ertragen zu können. Krügers Gedichte sind hochaktuell; sie sind für unsere Zeit geschrieben und vermitteln etwas von der Angst und der zornigen Hilflosigkeit, die viele Menschen angesichts des Chaos in der Welt ergreift. Die Gedichte werden sicherlich auch noch in Jahrzehnten gelesen werden und legen dann – hoffentlich – Zeugnis ab davon, dass viele heute die Ausweglosigkeit dieser Zeiten zutiefst bedauern.
Gibt es Tröstliches in dem Buch Die Wiedereinführung der Sanduhr? Vieles! Die Natur-Gedichte gehören dazu. Und auch die Schlusssätze eröffnen nach all dem Niederdrückenden eine positive Perspektive. Sie handeln von einer kleinen Szene in Berlin:
In Berlin höre ich die Monologe der Tauben; ihr dürftiger Wortschatz;
wie alt werden Tauben? Wenn man ihnen lange zuhört, weiß man,
dass die Geschichte sich nicht irrt. Sie torkelt zwar manchmal wie betrunken
herum, findet aber immer ihr Ziel. Um die Ecke hat Imre gewohnt,
sein herzliches Lachen hat sich in der Straße gehalten.
Imre Kertész, Holocaust-Überlebender und Literatur-Nobelpreisträger, konnte trotz allen Leids, das ihm zugefügt worden war, „herzlich lachen“. Ein tröstlicher Schlusspunkt dieses wichtigen, großen Gedichtbands von Michael Krüger.
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