Die große Sehnsucht nach Liebe
Dana Grigorcea kehrt in ihrem reichen Roman „Tanzende Frau, blauer Hahn” erneut nach Rumänien zurück
Von Liliane Studer
Seit bald zwanzig Jahren lebt Dana Grigorcea in der Schweiz. Doch in ihren Romanen kehrt sie jeweils zurück nach Rumänien, wo sie 1979 geboren wurde und aufgewachsen ist. Ihr sechster Roman Tanzende Frau, blauer Hahn spielt kurz nach der Wende im Dorf Buşteni in der rumänischen Provinz. Dort treffen sich Roxana und Camil jeweils im Sommer. Roxana kommt aus Bukarest hierher in die Ferien, Camil lebt im Dorf, im ärmeren Viertel auf der anderen Seite des Bahnübergangs. Welten liegen zwischen ihnen, die sich während der gemeinsamen Zeit im Sommer jedoch auflösen. Bei ihren Treffen erzählen sie sich Geschichten von den Menschen, die im Dorf leben. Da ist Madame Smara, eine feine Dame und erfolgreiche Anwältin aus Bukarest. Mitten durch ihr Haus wächst ein Baum, für den sie extra eine Lücke ins Dach schlagen lässt. Doch eines Nachts, während sie in Bukarest ist, stürzt das Dach ein,
über Madame Smaras Mann, den man aber wieder ausgrub und der außer ein paar Kratzern keinen Schaden genommen hatte, zumindest dem Anschein nach, weil er wegen seiner Krankheit, über die man nichts Genaues wusste, ohnehin kaum sprach und meistens nur benommen lächelte.
Ebenso besonders ist „Herr Helmann, der täglich vorbeikam mit seiner Sense, zweimal so groß wie er selbst, und dennoch hielt er sie mühelos über der Schulter im Gleichgewicht“. Frau Helmann ist um einiges größer als ihr Mann und sieht der Sklavin Isaura aus der gleichnamigen brasilianischen Telenovela ähnlich, „einem Straßenfeger der Neunzigerjahre“. Jeden Abend ziehen sich alle um halb fünf vor den Fernseher zurück, um ja keine Folge zu verpassen. Selbstverständlich auch die beiden Jugendlichen.
Es sind solche Geschichten, die Roxana und Camil beobachten, während sie durchs Dorf streifen – auf Entdeckungsreise nach versteckten Liebesgeschichten. Stumm beobachten sie die Paare, bis sie in einen ihrer Lachanfälle ausbrechen. Denn gemeinsam lachen, das können sie. Sie entdecken Paare, die nicht zusammenzupassen scheinen und doch glücklich sind. Auch die beiden verbindet eine solche (Liebes-)Geschichte, die sie nie wirklich ausleben werden. Denn Camil stirbt am 1. August 2012 – das erfahren die Leser:innen bereits auf den ersten Seiten – unter ungeklärten Umständen. Eine Nachbarin übergibt Roxana an der Beerdigung eine Sammlung von Fotos. Diese Ana-Mia ist die dritte wichtige Figur in diesem reichen Roman, Roxanas Rivalin vielleicht, eine vom Dorf, die Camil seit jeher gekannt hat. Die Frau, die ihn im Sommer 2012 in Valencia noch besucht hat und die ihm beim Abschied versprechen sollte, „ihn in den kommenden Semesterferien zu heiraten. Ich [Ana-Mia] reiste ab in der heimlichen Hoffnung, dass es nicht so weit kommen würde.“ Ist Ana-Mia die Autorin, die mit dieser Geschichte durch Deutschland reist und sie Abend für Abend dem Publikum vorstellt? Davon erzählen die kursiv gesetzten Passagen, die jedes Kapitel abschließen. Dana Grigorcea lässt diese Fragen unbeantwortet, die Parallelgeschichten bleiben so stehen.
Aus früheren Romanen kennen Leser:innen Grigorceas Können, Realismus mit Surrealem zu verbinden, Unmögliches mit der genau gleichen Ernsthaftigkeit, manchmal auch mit einem Augenzwinkern als Wirklichkeit stehen zu lassen. In diesem neuen Roman gelingt es Dana Grigorcea einmal mehr, Einblick in das Rumänien der Nachwendezeit zu geben und gleichzeitig magische Räume zu öffnen.
Dana Grigorceas Fabulierlust, ihre Freude am Erzählen dringen auch in der persönlichen Begegnung durch. Sie sprudelt vor Begeisterung, wenn sie etwa vom Literaturfest München 2026 berichtet, das sie kuratieren durfte und für das sie das Thema „Freiheit“ gewählt hat. Kunst öffne den Weg zu Freiheit, ist sie überzeugt. Kunst, so betonte sie kürzlich in einem Interview, sei die Spielwiese der Demokratie, Literatur rette uns, durch sie lerne man, sich auf die Gedanken anderer einzulassen. In dieser Überzeugung bleibt kein Raum für Klagen, sie erzählt nicht von der Autorin, die nach ihren Sätzen ringen muss. Zu spüren sind vielmehr sowohl Lust wie Dringlichkeit. Literatur ist Lebenselixier, wir alle brauchen sie, dafür zu leben ist ein Privileg. „Beglückend“ – ein Wort, das sie immer wieder gebraucht –, beglückend seien die Begegnungen mit den Kolleg:innen am Literaturfest München gewesen, beglückend sei das Schreiben des neuen Romans, das Leben mit den Kindern, die Arbeit für den eigenen Verlag Telegramme – den sie gemeinsam mit ihrem Mann Perikles Monioudis neben allem anderen auch noch führt.
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