Was bleibt, wenn scheinbar alles verloren geht
Welf Reinharts Langfilmdebüt „Der verlorene Mann“ überzeugt mit einem erfrischend anderen Blick auf die Alzheimerkrankheit
Von Nuria Demessier
Der Name Welf Reinhart ist bisher wahrscheinlich nur Kennern der Kurzfilm-Szene bekannt. In seinem mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichneten Film Eigenheim (2021) setzt er sich mit der Wohnungsnot und deren Folgen für die Würde des Menschen auseinander. Sein kürzlich angelaufener Kinofilm Der verlorene Mann wagt sich ebenfalls an ein momentan gesellschaftlich präsentes Thema und wirft die Frage auf, wie wir Personen mit Alzheimer begegnen wollen.
Die Handlung – Reinhart schrieb auch am Drehbuch des Films mit – ist schnell erzählt. Besonders in der Personenkonstellation unterscheidet sie sich jedoch von der, die in den meisten Spielfilmen zum Thema Demenz auftaucht: Hanne, Kunstlehrerin kurz vor dem Ruhestand, lebt zusammen mit ihrem Ehemann Bernd, einem pensionierten Pfarrer, in Hannes idyllischem Haus mitten in der Natur. Eines Tages taucht Kurt – Hannes früherer Ehemann – bei ihnen auf und stapft wie selbstverständlich an seiner Exfrau vorbei ins Haus. Schnell wird klar, dass er an Alzheimer erkrankt ist und große Teile seiner Vergangenheit – darunter auch die Scheidung der Ehe – vergessen hat. Die angespannte Lage in den Pflegeeinrichtungen der Umgebung und eine völlig überforderte Tochter führen dazu, dass Hanne und Bernd Kurt eine Weile bei sich aufnehmen müssen. Der Film erzählt also nicht, wie die Demenz die Beziehung zum eigenen Partner oder dem eigenen Kind verändert, sondern zeigt einen quasi vergangenheitslosen Mann, der, so wie er ist, mitsamt seiner Krankheit neue Beziehungen eingeht.
Für Hanne ist Kurt über zwanzig Jahre nach ihrer Trennung eine fremde Person. Sie weigert sich zu Beginn, den Mann, den sie ja schließlich gar nicht mehr kenne, erneut in ihr Leben zu lassen. Es ist Bernd, der sich aus christlicher Nächstenliebe für Kurt einsetzt und die Leichtigkeit schätzt, die seine Anwesenheit in das Eheleben bringt. Kurt nimmt das Leben auf eine Weise wahr, die auf Sinnlichkeit und Emotionen statt auf Rationalität und Konventionen beruht. Er staunt über den herabfallenden Schnee, er nimmt jeden Baum und jedes welke Blatt im Wald genau unter die Lupe und er schreit seine Freude aus dem offenen Dachfenster nach draußen. Seinen letzten Job oder den Beruf seiner Tochter, Dinge, die Hanne zu erfragen versucht, um ihn neu kennenzulernen, hat er längst vergessen. Was ihn als Person ausgemacht hat und noch immer ausmacht, zeigt sich stattdessen dann, wenn bestimmte Sinneseindrücke oder Situationen im Körper verankerte Erinnerungen wachrufen. So singt Kurt schon nach den ersten Akkorden von Der Traum ist aus, dem Ton-Steine-Scherben-Song, textsicher mit und die Tasten von Bernds Klavier finden sich – ausgebaut vom ehemaligen Klavierbauer Kurt – plötzlich im ganzen Haus.
Hanne dagegen hat den Zugang zur Welt über die Sinne völlig verloren. Ihre Hand, in der nach einem Bruch eine Nervenschädigung zurückgeblieben ist, steht sinnbildlich für ihren verloren gegangenen Bezug zum Fühlen und auch den Verlust einer ihrer größten Leidenschaften: dem künstlerischen Schaffen. Durch Kurt gewinnt sie diesen Teil ihrer Identität und ihre Unbeschwertheit zurück. Die eingestaubte Werkstatt wird wieder zu einem ihrer liebsten Orte und in nur kurzer Zeit entstehen neue Skulpturen und Kunstwerke. Auch Kurt will sie plötzlich gar nicht mehr so schnell loswerden. Ob es die wiederentdeckten Seiten ihres ehemaligen Mannes sind oder ob sie sich neu in ihn verliebt, bleibt offen. Klar wird nur, dass für Bernd die neue Dreisamkeit zunehmend zum Problem wird.
Der langsam erzählte Film zeigt einen Mann mit Alzheimer, der trotz seiner Erkrankung als eine geliebte und liebende Person einen Platz im Leben des Ehepaares einnimmt und seine Würde nie verliert. Durch den Verzicht auf Rückblenden aus Kurts früherem Leben entsteht erst gar nicht die Gefahr, den Fokus auf das zu richten, was von Kurts Identität verloren geht. Diese verschwindet nicht durch den Verlust seiner Erinnerungen und der kognitiven Fähigkeiten, sondern sie steckt in seinem gesamten Körper und seinem für ihn doch immer irgendwie zielgerichteten Handeln. Da die Alltagsprobleme, die durch Alzheimer entstehen, im Film weitestgehend ausgespart werden, droht die Darstellung der Krankheit, diese etwas zu verharmlosen. Die etwas plötzlich aufkommende und für Hanne so bittere Einsicht, dass das Fortschreiten der Demenzform nicht aufzuhalten ist, verhindert jedoch, dass der Film völlig in eine Romantisierung abrutscht. Auch die leise Kritik am Pflegesystem, die Reinhart trotz aller Individualität der Geschichte einarbeitet, verdeutlicht noch einmal die Ernsthaftigkeit und gesellschaftliche Brisanz des Themas.
Getragen wird der Film besonders vom prominenten Hauptdarsteller-Trio aus Dagmar Manzel (Hanne), Harald Krassnitzer (Kurt) und August Zirner (Bernd), die schauspielerisch überzeugen und gut harmonieren. Sie füllen die schlicht gehaltene und beklemmend wirkende Bilderwelt des Films mit Leben. Diese setzt besonders auf die Metaphorik der Jahreszeiten, wobei der in den Winter übergehende Herbst die Lebensphase der Protagonisten visualisiert. Ein brauner, trockener Ahornsamen, der sich als Leitmotiv durch den gesamten Film zieht, erinnert jedoch daran, dass auch aus einer nicht zu beschönigenden Lebenssituation Neues und Wertvolles entstehen kann.
Der erste Kinofilm des erst 31-jährigen Regisseurs ist damit insgesamt eine Bereicherung für die mittlerweile breite Landschaft an Filmproduktionen zum Thema Demenz. Er kann es ohne Probleme mit Klassikern wie Honig im Kopf (2014) oder Iris (2001) aufnehmen und zeigt zugleich, dass mit einem originellen Plot auch ohne großes Budget ein Film mit Aussagekraft möglich ist.
Der verlorene Mann. 2021
Regie: Welf Reinhart
Drehbuch: Tünde Sautier, Welf Reinhart
Darsteller*innen: Dagmar Manzel (als Hanne), Harald Krassnitzer (als Kurt), August Zirner (als Bernd) u. a.
Spieldauer: 104 Minuten
(Uraufführung beim International Film Festival Rotterdam, Kinostart in Deutschland und Österreich im Mai 2026)
Trailer bei YouTube:
https://www.youtube.com/watch?v=y-BeIPLpd5E
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen













