Die Gesellschaft ist nervös geworden
Die Analyse des Kampfgeschehens zwischen Digitalisierung und Gesellschaft ist ein theoretisches Abenteuer. Dirk Baecker verweigert dabei Gewissheiten – und Verständlichkeit für jene, die nicht systemtheoretisch gebildet sind
Von Hermann Rotermund
Epochen, so ist von Niklas Luhmann zu lernen, benötigen zu ihrer Darstellung zwei Abgrenzungsereignisse. Ein einziges genüge nicht, hilfsweise könne höchstens gesagt werden: Europa vor der Kartoffel und nach der Kartoffel. Auf diese Weise ließe sich nur das Ereignis beschreiben, das die Epochen trennt, nicht aber eine Epoche definieren. Der aktuelle Medienwandel, die Abkehr von der Buchdruckgesellschaft und ihren Funktionssystemen, lässt sich nicht mit einem einzigen prominenten Ereignis verbinden. Er ist ein Hintergrundprozess, der die Gesellschaft schon seit Jahrzehnten vor immer wieder neue Aufgaben stellt. Die Gesellschaft erlebt die Digitalisierung nicht als Vorgang, der von ihr getrennt abläuft, sondern sie ist mit der Verwandlung von analogen in digitale Zustände permanent beschäftigt, von ihr gefordert und mitunter überfordert.
Dirk Baecker, der wohl wichtigste und produktivste Vertreter der soziologischen Systemtheorie in der Nachfolge Niklas Luhmanns, äußerte schon 2007 in seinen Studien zur nächsten Gesellschaft die Vermutung, „dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks“. In seinem 2018 erschienenen Buch mit dem nur auf den ersten Blick rätselhaften Titel 4.0 verwendete er den Begriff der „nächsten Gesellschaft“ explizit als Versuchsballon zur Diagnose der gegenwärtigen Gesellschaft. Der Eintritt in die vierte Medienepoche nach denen der Mündlichkeit, der Schriftlichkeit und des Buchdrucks schien für ihn nicht nur bevorzustehen, sondern bereits erreicht zu sein. 2018 widmete er sich allerdings auch schon einem besonderen Aspekt: dass nämlich die Gesellschaft wahlweise als aktives Subjekt oder als passives Objekt der Digitalisierung betrachtet werden kann. Diese Sicht auf zwei Seiten des fortlaufenden Wandels schärft Dirk Baecker nun in seinem neuen Buch, das den Titel Digitalisierung hat. Der durchgestrichene Titel gibt bereits eine wichtige Auskunft. Baecker erläutert das Durchstreichen in einer Anmerkung so:
Die Praxis des Durchstreichens signalisiert im Text […] die Aufhebung des zu sehr bewährten, längst unproblematisch gewordenen Textsinns des durchgestrichenen Wortes, ohne auf das Wort selbst zu verzichten. Das durchgestrichene Wort ist als Einspruch gegen sich selbst und somit auf zwei Ebenen zu lesen, einerseits als Behauptung und andererseits als Hinweis auf eine damit nicht erschöpfte, vielleicht nicht einmal erfasste Wirklichkeit (es sei denn diejenige des diese Wirklichkeit behauptenden Beobachters).
Die Lektüre des Buchs ist nicht völlig voraussetzungslos. Wer mit dem systemtheoretischen Vokabular nicht vertraut ist, also mit »symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien«, dem Autopoiesis-Konzept, der strukturellen Kopplung, dem kybernetischen Kommunikationsbegriff und dem Formkalkül George Spencer-Browns, wird nicht viel von der Lektüre haben. Ein kleiner Umweg über eine Einführung in die Systemtheorie wäre dann hilfreich, um der Wissenschaftssprache Dirk Baeckers mehr als den Sound einer „grotesken Felsenmelodie“ (so Karl Marx über die Sprache von Hegels Logik) abzugewinnen.
Der Begriff der Digitalisierung bezeichnet allgemein auf der Ebene von Daten die Übersetzung analoger Werte in digitale Formate, die gespeichert, berechnet und wieder zurückübersetzt werden können. Bei den Daten kann es sich um Akten der Verwaltung handeln oder auch um die Wahrnehmungen der Umgebung beim Autofahren. Die Anwendung des Begriffs auf die ganze Gesellschaft steht noch aus, und darum geht es Dirk Baecker in seinem Buch. Er greift zunächst auf Niklas Luhmann zurück, der vorschlug, „immer dann von Digitalisierung zu sprechen, wenn selbstreferentiell geschlossene Systeme über strukturelle Kopplung ihre analogen Umwelten in diskret beobachtende Unterscheidungen übersetzen“. Die strukturelle Kopplung ist ein zentraler Begriff der Systemtheorie, der davon ausgeht, dass Gegebenheiten der Umwelt nicht das Geschehen in einem System bestimmen können, aber jedes System dennoch viele seiner Voraussetzungen in seiner Umwelt findet, die es selbst nicht herstellen und reproduzieren kann. Ein gängiges Beispiel ist die strukturelle Kopplung von Kommunikation an Bewusstsein (über Sprache). Bei Dirk Baecker sind Daten eine Form der strukturellen Kopplung – beispielsweise zwischen gesellschaftlichen und psychischen Systemen.
Bei der Beschreibung der Digitalisierung weist er auf das Zusammenspiel von vier Systemreferenzen hin: Technik, Organismus, Bewusstsein und Gesellschaft. Ein Beispiel zeigt, dass diese vier Systeme die Daten in unterschiedlicher Weise vernetzen, verrechnen und formen:
Der Börsenhändler beobachtet auf seinem Reuters-Bildschirm einen Aktienkurs, der im nächsten Moment vom Computer anders berechnet, in seinem Blickfeld von einem anderen Kurs ergänzt oder gestört, von seinem Verstand in eine Relation gesetzt und auf dem Markt zum Gegenstand von Anlageentscheidungen gemacht wird.
Digitalisierung ist in Baeckers Sicht also ein umfassender Vorgang, der nicht nur die IT-Technik betrifft, sondern auch und vor allem das, was ihr Funktionieren an Funktionen in Organismen, im Bewusstsein und in der Gesellschaft insgesamt in Gang setzt. Der Medienwandel ist nicht so weit fortgeschritten, dass von einer „digitalen Gesellschaft“ gesprochen werden könnte. Viele Vorgänge sind noch analog und kontinuierlich und nicht digital, diskret und binär. Es findet daher die dauernde Suche nach Übersetzungen aus analogen in digitale Datenformate – und auch umgekehrt – statt. Die Digitalisierung, so Baecker, liegt im permanenten Widerstreit mit sich selbst, also mit einer Gesellschaft, die dennoch zunehmend auf sie angewiesen ist. Dieser Widerstreit dokumentiert sich im Strich, den Baecker durch das Wort “Digitalisierung” macht. Jederzeit muss der Prozess gegen den gesellschaftlichen Widerstand gesichert werden. Die digitale Transformation, so schrieb Dirk Baecker einmal an einer anderen Stelle, ist rekursiv und nicht-trivial, befindet sich also in einem ständigen Rückkopplungsprozess mit der Gesellschaft, um das Rad immer ein wenig weiter drehen zu können.
Das schmale Buch (netto 103 Seiten Text und 45 Seiten Anmerkungen) ist äußerst dicht gepackt mit Analysen einzelner Aspekte der Digitalisierung. Diese sind eingefasst durch eine systemtheoretische Sicht und beziehen viele Anregungen aus der soziologischen Literatur der letzten Jahrzehnte.
Obwohl er anerkennt, dass die Gesellschaft längst noch nicht vollständig digitalisiert ist, kann Baecker viel über die bereits eingetretenen Folgen berichten. Die Geschwindigkeit der Kommunikation, das Zusammenziehen von Zeit und Raum auf ein Jetzt hob zwar schon Marshall McLuhan als Merkmal der von ihm erlebten Medienwelt hervor. Der heutige Computer ist jedoch kein Medium der „Einbahnstraßen-Kommunikation“ mehr, wie die früher dominierenden Massenmedien, sondern ermöglicht jedem die Beteiligung an Kommunikation – und ist auch selbst beteiligt. Folgenreich ist zudem, dass jetzt nicht mehr nur Symbole (Schrift, Bilder, Gesten) kommuniziert werden, sondern Berechnungen.
Die Kommunikation von Funktionssystemen verändert sich und wird verändert durch die Verknüpfung der Digitalität mit dem jeweiligen „Erfolgsmedium“ (bei Luhmann zum Beispiel Macht, Geld, Wahrheit, Kunst). Beispielsweise löst sich die Rolle der Sprachgemeinschaft und der Nation zugunsten von Gleichgesinnten-„Blasen“ auf, also zu einer fragmentierten Öffentlichkeit. Parallel dazu schaffen allerdings gerade algorithmisch automatisierte Schreibprozesse neue Vernetzungsmöglichkeiten. Die Funktionssysteme der Gesellschaft – wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion – stehen selbst auf dem Spiel. „Die Gesellschaft ist nervös geworden, daher wird über die Ausdifferenzierung einer nächsten Gesellschaft nachgedacht.“ Wie allerdings eine solche Ausdifferenzierung aussehen könnte – außer dass mit einem viel höheren Maß an Ungewissheit zu rechnen sein wird als in der durchrationalisierten Buchdruckgesellschaft –, bleibt in Baeckers Text offen.
Die KI spielt im laufenden Transformationsprozess selbstverständlich eine wichtige Rolle. Baecker zieht eine Parallele zwischen den großen Sprach- und Denkmodellen, die im maschinellen Lernen eingesetzt werden, und einer Theorie der digitalen Medien. Beide verfolgen die Vision einer stochastischen Welt, die aus Zufällen eine Wirklichkeit bildet, die wiederum weitere Zufälle generiert. Die Wahrscheinlichkeit, die eine KI als Entscheidungsgrundlage anbietet, kommt auf andere Weise zustande als die Wahrscheinlichkeit, die bei menschlichen Überlegungen als beste Möglichkeit realisiert wird – beide setzen jedoch, genau betrachtet, auf Zufälle. Die stochastische Seite des Umgangs mit Daten entwickelt Baecker argumentativ weiter und erinnert daran, dass es sich dabei um eine Kunst des Ratens und der Vermutung handelt. In diesem Zusammenhang betont er: Vorhersagemodelle legen nicht die Zukunft fest, sondern die Erwartungshaltung, die Lernbereitschaft und die Ungewissheit. Jede Gewichtung, die in den KI-Modellen vorgenommen wird, steht unter dem Vorbehalt der Korrektur – welche die KI-Installationen entweder selbst durch die unter anderem von Geoffrey Hinton entwickelte „backpropagation“ vornehmen oder ihre Nutzer. Auf dem jetzt erreichten Entwicklungsstand erweist sich die immer noch häufig gestellte Frage nach der Herkunft einer Mitteilung als schon nicht mehr sachgerecht. Daher ahnen auch KI-Pioniere wie der Nobelpreisträger Hinton längst, was Dirk Baecker an einer Stelle formuliert:
Nicht mehr der Turing-Test, sondern ein Durkheim-Test ist das Maß aller Dinge. Nicht die mögliche Verwechslung von Mensch und Maschine ist die Frage, sondern die Fähigkeit der Maschine, sich kooperativ in soziale Systeme der Interaktion auch mit Menschen hineinzufinden.
Das Rechnen mit Zufällen in dynamischen Systemen und das Treffen von Entscheidungen, um Unterscheidungen vorzunehmen, ermöglicht die Entwicklung einer „Ökologie der Werte“, die kein „Supersystem“ – wie etwa eine Vernunft der Geschichte oder des Fortschritts – benötigt. Die sich entwickelnde Intelligenz der Künstlichen Intelligenz beschreibt Baecker als „Stochastik der Kognition“, die sich als „Zusammenhang von System und Netzwerk, Funktion und Argument, Zufall und Zufall entfaltet“.
In Dirk Baeckers Buch gibt es kaum Beispiele zu den auf einem gewissen Abstraktheitsniveau angebotenen Analysen. Seine Argumentation und seine Schreibweise sind stark komprimiert. Das Buch kann dennoch mit Gewinn gelesen werden. Gerade weil es sich den gängigen mit dem Begriff der Digitalisierung verbundenen Schilderungen von Bedrohungsszenarien und auch der zweckrationalen ökonomischen Propaganda vieler „Digitalisierer“ entzieht, ist es ein sehr aktueller Beitrag zur Transformation von Medien und Gesellschaft.
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