Was vom Menschen bleibt, ist die Erinnerung
Helmut Blepp erweckt in “Nachsaison” Vergangenes in Versen zu neuem Leben
Von Michael Eschmann
Helmut Blepp, geboren 1959 in Mannheim, legt mit Nachsaison einen weiteren Gedichtband vor. In der Jugend nehmen wir die Welt oft nur verschwommen wahr. Erst im Laufe der Jahre wird manches klarer. Im Alter schließlich richtet sich der Blick zurück, der ganz unterschiedlich ausfallen kann: zum Beispiel voller Zorn, Melancholie oder, wie hier, in einer poetisch klaren Sprache.
Der Lyriker Helmut Blepp verwendet Worte in dichter Bündelung als Ausdruck von Erkenntnis. Denn erst jetzt in der Gegenwart wird bewusst, dass etwas Altes endet und etwas Neues beginnt. Dazwischen liegen Enttäuschungen, Illusionen und Sehnsüchte. All das gestalten wir Menschen individuell – und erleben es dabei immer wieder aber auch als ein Scheitern.
Initiation
Die Bäume am Fluss
geklettert in die Kronen
wo die Äste uns kaum noch hielten
Am Ufer gegenüber rosteten Kräne
der letzte Kies noch zur Verladung
ein Nistplatz für Möwen
von traurigen Rentnern
die Brot aus Tüten warfen
Erst wenn der Wind uns wiegte
und wir in Rinde verkrallt
den Tod am Boden ahnten
dann küsstest du mich
Sprache wird somit zur einzig legitimen Waffe nach dem Bewusstsein. René Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ wird zu „Ich denke, also schreibe ich“. Gerade in diesem Lyrikband weht ein poetischer Geist durch viele Verse, der Vergänglichkeit verkündet – doch nicht melancholisch. Helmut Blepp schreibt nachdenklich. Seine Gedichte versuchen, eine Welt zu erfassen, die schnelllebig und oberflächlich ist, und aus der es kein wirkliches Entkommen gibt. Dennoch bleibt das Gedicht bestehen, das wie ein Leuchtturm im Meer der Lyrik einen Lichtstrahl auf unser fragiles Dasein wirft. Auch Themen wie Geborgenheit, Nestbau und Liebe sind darin vertreten.
Nachtfahrten
Schau wie die Wiese wogt
Wirf das Ruder herum
Und lass uns Land gewinnen
Ein schützendes Gehöft bauen
Kartoffeln und Rüben ernten
Den Hund von der Kette lassen
Nachts aber die Segel setzen
Jauchzend hinein ins tosende Feld
Der Mond kennt die Richtung
Und wenn Landgeruch herüberweht
Ergeben wir uns neuen Ufern
Wie Findlinge im Sand
Das Gedicht „So früh schon so spät“ vermittelt eindrucksvoll das Gefühl der Vergänglichkeit der Zeit, die unbarmherzig alles Lebendige in Nichts verwandelt.
So früh schon so spät
Ich rieche den Frühling wieder
er ist älter geworden
blasser im Licht
mit Stunden ohne Takt
Seine Wasser säuseln nur noch
ich kann am Ufer liegen
Vogelgesänge auf der kribbelnden Haut
heimwärts weht linde Erinnerung
Der Kompost vom letzten Herbst
wärmt noch die Kröten
schlafende Erde unter mir
und Abschied über allem
„Nachsaison“ ist ein gelungenes Buch geworden. Es enthält insgesamt neunundzwanzig kurze Gedichte, die meist in zwei bis drei Absätzen verfasst sind. Sie erzählen von ersten Begegnungen und verlorenen Möglichkeiten, von der Leichtigkeit eines Augenblicks und der Schwere der Zeit. Immer wieder blitzen Hoffnungen auf, Ahnungen, Erinnerungen und Sehnsüchte kehren zurück – alles im langen Kreislauf eines gelebten und nicht gelebten Lebens. Die Illustrationen von Steffen Büchner, die mit ihren Linolschnitten hell-dunkle Kontraste gekonnt hervorheben, untermalen dies wirkungsvoll und verleihen dem Band eine besondere Ausstrahlung. Zusammenfassend lässt sich ein Aphorismus formulieren: Unser Leben gleicht einem Wandern durch die Fremdheit der eigenen Vergangenheit und Illusionen, wobei unsere Sprache als Kompass dient.
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