Eine erschütternde Geschichte, von der wir Kenntnis nehmen sollten
András Visky wartet mit einem literarisch ansprechenden Romanerstling auf
Von Günter Helmes
Als ob der liebe Gott gestorben wär“
(Else Lasker-Schüler, Weltende, 1903)
Wirklichkeit ist die Wirklichkeit verantwortlich.“
(András Visky, Die Aussiedlung)
Wer wollte in Abrede stellen, dass es sich bei András Viskys autobiographischem, vom Autor freilich als „Fiktion“ eines „irgendwie erwachsen gewordenen Kindes“ behaupteten Roman Die Aussiedlung um ein beachtenswertes, in dieser oder jener Hinsicht sogar bedeutendes Buch handelt? Wobei allerdings noch näher zu bestimmen ist, wodurch sich dieser Roman auf lesenswert, ungewöhnlich und erinnerungswürdig hin von der erdrückenden Mehrzahl dessen abhebt, womit der Markt Monat um Monat ge-, ja überflutet wird: Durch das Sujet, durch Inhalt und Gehalt, seine Weltanschauung? Oder durch die erkenntnis- bzw. die sprach- und erzähltheoretische Fundierung, die Sprache, die Komposition und deren Originalität? Oder durch eine Mischung aus diesen bzw. einigen dieser und weiterer Parameter wie Wirkung und Funktion, die landläufig herangezogenen werden, wenn es um literarisches Beurteilen geht?
Wer wollte andererseits mir nichts dir nichts unterschreiben, dass ein Roman wie Die Aussiedlung „kaum ein zweites Mal in einem Jahrhundert geschrieben“ (Péter Nádas) werde und man so einen „noch nie gelesen“ (Herta Müller) habe? So zu lesen auf dem Schutzumschlag der 3. Auflage 2026 des 2025 auf Deutsch erschienenen, mit hilfreichen Anmerkungen der Übersetzerin Timea Tankó versehenen Buches. Das, ansonsten bislang nur auszugsweises ins Englische übersetzt, kam 2022 bei Jelenkor in Budapest unter dem Titel Kitelepítés heraus.
Ob man dem in Rumänien lebenden, auf Ungarisch schreibenden Autor (Drama, Lyrik), Dramaturgen und Theaterwissenschaftler András Visky und dessen den 6 Geschwistern und dem „Andenken“ an die Eltern gewidmeten Romanerstling – dieser stand 2026 auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse für Übersetzung – mit solchen Superlativen einen Gefallen tut? Ob man sich andererseits darüber im Klaren ist, dass man mit solchen sich gewiss u.a. dem Augenblick momentaner Begeisterung oder Erschütterung geschuldeten Urteilen auch über die literarische Tradition und deren Verdienste urteilt, tendenziell zurückstufend nämlich?
Konkret: András Visky, Jahrgang 1957, erzählt unter Einbeziehung u.a. von Dokumenten, historischen Entwicklungen und Ereignissen sowie von historischen Akteuren wie dem hochrangigen RKP- bzw. PCR-Politiker Alexandru Drăghici im Wesentlichen von seiner der ungarischen Minderheit in Rumänien angehörenden Herkunftsfamilie und deren Schicksal in den späten 1950er, frühen 1960er Jahren im kommunistischen Rumänien. Erzählt von sich als kleinem Jungen und aus/von dessen Perspektive, seinem halben Dutzend älteren Geschwistern, seiner Mutter und seinem Vater, darüber hinaus von einer Vielzahl weiterer Figuren, die ihren Weg kreuzen, guten wie üblen. Dabei verfährt er passagenweise a-chronologisch und geht gelegentlich auch weiter in die Vergangenheit zurück. Er tut es in dem ausgeprägten, erzählerisch umgesetzten Bewusstsein – Stichwort: erkenntnis- bzw. sprach- und erzähltheoretische Höhe –, dass die sogenannte „Wirklichkeit und sogar deren Fragmente […] menschliche Konstrukte“ sind, die es „kennenzulernen und zu akzeptieren“ gilt.
Die Viskys verlieren – schlimm genug – im Rahmen von mit dem Ungarnaufstand 1956 in direktem Zusammenhang stehenden sogenannten Säuberungsaktionen nicht nur Hab und Gut und ihre soziale Existenz. Sie müssen fortan auch – der Vater wird gewaltsam von der Familie getrennt – Schreckliches erleiden. So wie ungezählte andere auch, die, wie schon zuvor Anfang der 1950er Jahre, aus ethnischen (u.a. Rumäniendeutsche) oder politischen (u.a. Altkommunisten und Abweichler) Gründen als „politisch unzuverlässige Elemente“ seitens des Regimes verfolgt und von der Securitate – Nachrichtendienst und Geheimpolizei in einem – verschleppt, in Gefängnissen gefoltert, in „Lager[n] der unbestatteten Toten“ geknechtet und zehntausendfach ermordet werden.
Der Vater, ein protestantischer Pfarrer der Reformierten Kirche, wird als anti-kommunistischer Oppositioneller verhaftet und zu 22 Jahren Haft verurteilt. Die Mutter mit österreichischem Hintergrund hingegen wird mit ihren Kindern über mehr als 4 Jahre in verschiedene Zwangsarbeitslager in der Bărăgan-Steppe deportiert, einer Tiefebene im südöstlichen Rumänien. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen hier sind, besonders im Winter, von kaum vorstellbarer Härte. Beispielsweise müssen nicht wenige, darunter auch András‘ Familie, bei schlechtester Ernährungs- und sonstiger Versorgungslage in Erdlöchern hausen; eine Zeitlang zumindest. Diese barbarischen Bedingungen kosten viele das Leben, auch in der Form, dass zahlreiche ihrem Leben in der nahe gelegenen Donau oder aber im Schnee einer eiskalten Winternacht ein Ende setzen.
Soweit erst einmal, so grauenhaft. Ist es angesichts dieses Grauens kaltherzig – ich komme noch einmal auf die Urteile von Nádas und Müller zurück – darauf hinzuweisen, dass erschütternde autobiographische oder autofiktionale Geschichten dieser Art, darunter auch solche die Deportation in die Bărăgan-Steppe betreffend, allein aus dem 20. Jahrhundert so oder so schon öfters erzählt worden sind, dazu nicht selten auf meisterliche Art? Beispielsweise von Chris Abani, Bruno Apitz, Jerzy Bielecki, Horst Bienek, Antonia Bruha, Helmuth Frauendorfer, Carlo Emilo Gadda, Mariana Gorczyca, Edgar Hilsenrath, Imre Kertész, Ruth Klüger, Wolfgang Langhoff, Gert Ledig, Primo Levi, Nelson Mandela, Ana Novac, Boris Pilnjak, Nico Rost, Jorge Semprún oder Alexander Solschenizyn.
Sicherlich, es geht nicht an, im Sinne einer ‚Hitliste‘ Grauen gegen Grauen zu stellen oder angesichts all des selbstverständlich nicht auf das 20. Jahrhundert beschränkten allgemeinen „Weinen[s] in der Welt“ zu Zurückhaltung und Relativierung des eigenen Schicksals oder gar zum Schweigen aufzufordern. Ist doch jedes Leiden dieser Art sozusagen „unmittelbar zu Gott“ (Leopold von Ranke). Aber so viel kann doch behauptet werden, ohne das Verdienst der Aussiedlung damit unstatthafter Weise zu schmälern: Am Sujet und insbesondere am Inhalt – u.a. hier dürften Nádas und Müller angesichts ihrer eigenen literarisch mehr oder minder aufgearbeiteten Biographien Identifikation und Solidarität empfunden haben – kann es nicht wirklich liegen, dass der Roman etwas Besonderes darstellt. Sind es also Gehalt und Weltanschauung, die dem Roman eine besondere Kontur verleihen?
Für den einen oder anderen Teil der Leserschaft zweifellos, lassen sich doch drei klar erkennbare thematische Schwerpunkte ausmachen, die sich alle dem Sujet ‚außergewöhnliche, politisch-gesellschaftlich verursachte Leiderfahrung‘ zuordnen lassen: ‚Antikommunismus und Russland-Feindlichkeit‘, ‚Religion/Bibel, Theodizee und Kirche‘ sowie ‚Liebe‘. Dabei sind – wer könnte das angesichts damaliger rumänischer und ungarischer Erfahrungen nicht nachvollziehen! – die Stellen im Roman Legion, die das Regime vor Ort und dessen Handlanger Securitate sowie die Sowjetunion bzw. Russland geißeln. Selbst der Ostwind, auf den im eigentlichen wie im übertragenen Sinn immer wieder die Rede kommt, scheint im Bund mit jenen Mächten zu sein, die ohne Wenn und Aber und kurz und bündig als das Böse schlechthin dargestellt werden.
Würde man allerdings den Roman jeweils auf diejenigen Stellen zusammenstreichen, die eines der drei Themen verhandeln, ergäbe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass das Thema ‚Religion/Bibel, Theodizee und Kirche‘ sogar noch mehr Seiten füllt als das zunächst angesprochene, also schon rein quantitativ dominiert. Von daher, aber eben auch von der argumentativen Qualität des Erzählten her macht man allerdings alles andere als einen Fehler, wenn man in Die Aussiedlung zuvorderst einen religiösen Roman mit essayistischen Tendenzen sieht. Einen Roman, für den Gewalt, Unrecht, Verbrechen, Leiden und Grauen nur ein relatives erzählerisches Eigenrecht haben. Sie geben vielmehr den Anlass zu grundsätzlichen Fragen, Erwägungen und versuchen Antworten theologisch-existenzieller Art, darüber hinaus, um über Liebe zu sprechen.
Zum einen nämlich ist es so, dass die vielgestaltige Heimsuchung der Familie Visky ein ums andere Mal mit in der Bibel Erzähltem parallelisiert wird. Dergestalt, dass auch Die Aussiedlung, darin der „Heiligen Schrift“ gleichgesetzt, als „Buch der Gefangenschaft und Freiheit“ daherkommt und damit in kaum zu übersehender Weise nobilitiert wird. Ob man darin den Ausdruck einer gewissen anmaßenden Selbstüberhöhung seitens des Erzählers sehen möchte – in diesem Zusammenhang wäre bspw. auch eine Passage gegen Ende des Romans näher zu befragen, in der sich Visky „wie der schutzlose […] Gottessohn oder meinetwegen der verlorene Sohn“ vorkommt –, bleibt jedem Leser selbst überlassen. Zum anderen ist es neben dem Vater vor allem die im Romanverlauf in einem wahren Martyrium mehr und mehr dahinsiechende Mutter, die angesichts all des Übels, das ihr, den Ihrigen und vielen anderen zugefügt wird, unablässig über zahlreiche Bibelstellen und das Wesen Gottes sinniert und jedenfalls um Gott ringt. In diesem Zusammenhang kommt einem – Details der zahlreichen mütterlichen Reflexionen können an dieser Stelle nicht vorgetragen oder gar diskutiert werden – ein Satz aus Richard-Beer Hofmanns Trauerspiel Der Graf von Charolais in den Sinn: „Es scheint, Er liebt es nicht, wenn man zuviel von Ihm spricht — sei’s mit Beten oder Fluchen! Zu Sich‘res haßt Er — und ein allzusehr auf Ihn vertrauen — nennt er: Ihn versuchen.“ Bliebe zu erwähnen, dass der Roman nicht mit Kritik an der Kirche spart, wechselten seinerzeit doch „etliche Pfarrer […] in die Partei oder sogar zur Securitate“.
Zum dritten das Thema ‚Liebe‘: Dieses Thema hat Visky vor einem Vierteljahrhundert schon einmal in dramatisch-lyrischer Form verhandelt, in dem schmalen Band Júlia – Párbeszéd a szerelemröl (2003) und dessen Vorstufen nämlich. Das Buch, in dem das Thema ‚Liebe‘ wie in Die Aussiedlung sowohl in die Deportations- und die Gulag-Geschichte der Familie als auch in religiöse Zusammenhänge eingebettet ist, erschien 2021 unter dem Titel Julia oder Gespräche über die Liebe auf Deutsch. Man könnte, eingestandener Maßen flapsig, diesbezüglich für Die Aussiedlung also von einem Warmup sprechen. Liebe zu Gott, Gottes Liebe, partnerschaftliche Liebe, körperliche Liebe, Elternliebe, Geschwisterliebe, Liebe und Buße, „Liebesrache“ – so lauten zentrale Aspekte des Themas ‚Liebe‘ des Näheren. Eine schöne Beobachtung in diesem Zusammenhang: „der Körper ohne Liebe, das ist auch ein Zwangswohnsitz, der grausamste von allen“.
Wie steht es schließlich um die Originalität, um die Sprache und die Komposition des Romans? Die in dieser Ausgabe 440 Seiten sind in durchnummerierte 822 absatzlose Abschnitte unterteilt. Diese können auch schon einmal wie die Abschnitte 447 und 705 weniger als eine Zeile lang sein. Nur selten sind sie hingegen wie bspw. Abschnitt 222 länger als eine Seite. Zugeordnet sind diese Abschnitte 49 unnummerierten Kapiteln, deren in Klammern gesetzte Titel das jeweilige zentrale Thema benennen. Alle Abschnitte beginnen in Kleinschreibung und enden ohne ein Satzzeichen. Überhaupt ist das Komma das einzige Satzzeichen – vergleichbar eigenwillig verfährt der diesjährige ungarische Nobelpreisträger für Literatur László Krasznahorkai in Herscht 07769 –, das im Roman verwendet wird.
Die drei zuletzt genannten Merkmale sind sicherlich ungewöhnlich. Sie könnten im Zusammenspiel mit den zunächst angeführten Merkmalen einen auf Dreierlei zielenden Versuch darstellen: Zum einen jene wohl den Atem mal stocken, mal hetzen lassende Bedrängnis zum Ausdruck zu bringen, die mit dem Prozess des Erinnerns verbunden ist, zum anderen den kontinuierlichen Fluss des Erinnerns sprachlich abzubilden und zum dritten darauf hinzuweisen, dass die erinnernd konstruierte Wirklichkeit aller Separation und Fragmentierung (Kapitel, Abschnitte, syntaktische Einheiten) zum Trotz eine ganzheitliche ist. Ob dieser in Erwägung gezogene Versuch in Gänze überzeugt, vielleicht sogar – Stichwort: Wirkung – Schule machen wird?
Grundsätzlich ließe sich darauf hinweisen, dass es Literatur nicht unmöglich ist, wie im barocken Sonett Schrecken und Grauen, Erleben und Erinnern qua artistischer Form zu bannen, sie sozusagen im dreifachen Hegelschen Sinne aufzuheben. Dazu hat auch András Visky offensichtlich das Zeug, zumindest dann, wenn es um Sprache geht. Die stilistischen Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen und die er im Wechsel souverän zu handhaben weiß, begeistern ob ihrer Vielfalt und ihres Variantenreichtums. Ihre diametral entgegengesetzten Eckpfeiler lauten Poesie und Behördensprache. Was dergestalt entsteht, ist eine Mischung aus Dokumentation, Bericht, Erzählung, Märchen, Groteske, Albtraum, Komik, Satire, Sarkasmus, (Selbst-)Ironie, Verlachen und anderem mehr.
In der Zusammenschau ergibt sich, dass Viskys hoch reflektiertes, auf Besonnenheit und vielleicht sogar Abgeklärtheit verweisendes sprachliches Virtuosentum mit dem kompositorischen Gestus des spontanen Schreibaktes konfligiert. Anders formuliert: Teilen der Komposition (absatzlose Abschnitte, Kleinschreibung, Reduktion der Satzzeichen) haftet nach meinem Geschmack etwas Inszeniertes, Manieristisches an.
Fazit: András Visky hat einen Roman geschrieben, der – Stichwort: Kanonisierung – vermutlich von damit befassten Instanzen in wie auch immer dimensionierte, wo auch immer lokalisierte, womit auch immer betraute und wem auch immer dienende kollektive Erinnerungsspeicher aufgenommen werden wird. Gäbe es Schulnoten für Literatur und würden diese wie ehedem nach sachgebundenen Kriterien und nicht nach derzeit favorisierten gutmenschelnden und erfolgsstatistischen Gesichtspunkten vergeben, dann müsste man wohl länger in sich gehen und sich letztlich für eine Kommanote im Zweierbereich entscheiden. Ich neige zu – aber das gehört nicht wirklich hierher. Doch gibt es in diesem Bereich ja zum Glück keine Schulnoten, sondern nurmehr mehr oder minder selbstreflexiven, so oder so einsichtig begründenden, dies ein- und jenes ausblendenden, hier hochgewichtenden und dort geringachtenden Geschmack. Und über den lässt es sich – anders lautende lateinische Redewendung hin oder her – trefflich streiten.
Wenn Die Aussiedlung kürzlich auch auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises gesetzt worden ist, so lassen sich dafür wie gezeigt sicherlich einige literarische Argumente im enggeführten Sinn ins Feld führen. Meine Vermutung wäre allerdings – Stichwort: Funktion –, dass in der Jury dabei, wie bewusst auch immer, auch Politisches, im offiziellen Trend liegende wadepuhlig-pistoliusitische Russophobie nämlich zum einen und Solidarität mit der Orbán-Opposition zum anderen, ein Wörtchen mitgeredet hat.
Wie dem auch sei: Es wäre eine Freude, wenn András Visky die Kraft für einen weiteren Roman aufbringen würde. Über ein anderes Sujet oder über jenen Zeitraum seines Lebens, den das epilogartige, mit Biblischem getränkte letzte Romankapitel „Neuschloss“ nur skizziert – das erwachsen gewordene Gulag-Kind András Visky leistet seinen Militärdienst ab. Von ihm, der sich so sicher war, dass das Böse zwar über den eigenen Körper, nicht aber über seine Seele „verfügen“ kann, heißt es im letzten Satz: „bei Tagesanbruch war ich bereit zum Töten, ich war zu einem Ersatzteil eines makellos funktionierenden Mechanismus geworden, hatte meinen Platz gefunden und mich selbst endgültig verloren.“
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