Verhalten hallender Klang

In „Der Gesang der See“ erzählt Trude Teige in gemächlichem Tempo vom Leben auf einer norwegischen Insel im 19. Jahrhundert

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit dem schönen Titel Als Großmutter im Regen tanzte (2023) und der aufwühlenden Handlung dahinter hat Trude Teige auch bei deutschen Leser:innen Popularität erlangt. Den bereits 2015 im norwegischen Original erschienenen Roman erweiterte die Autorin mit Und Großvater atmete mit den Wellen (2021, auf Deutsch 2024) sowie Wir sehen uns wieder am Meer (2024) zur Trilogie. In allen drei Büchern beleuchtet sie mit wohldimensionierten Figuren die Rolle, die Norwegen im Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Sie bietet Spannung auf hohem Niveau in Texten, deren Attraktivität sich nicht zuletzt aus der Diskrepanz zwischen kognitiv einfach rezipierbaren lexikalisch-syntaktischen Strukturen und der Darstellung emotional schwer fassbarer Ereignisse speist.

Grundlage der Trilogie sei die Geschichte ihrer eigenen Großmutter, so Teige. Ähnliches sagt sie zu Der Gesang der See, ihrem Erstling aus dem Jahre 2002, der im März 2026 erstmals auf Deutsch erschienen ist. Zu diesem Roman habe sie das Leben ihrer Ururgroßmutter inspiriert. 

Bei einem schwarzen Felsen in einer weiten Bucht, der Mulevika, gelegen auf der Insel Kvalsvika an der norwegischen Westküste, wartet Kristiane auf Anders, ihren Ehemann, dessen Lotsenboot seit ein paar Tagen verschollen ist. Durchgefroren und durchnässt leidet sie an massiven Erfrierungserscheinungen. Lars, ein Freund aus Kindheitstagen, findet sie und lässt sie im Dorf versorgen. Kristiane überlebt, ihr Mann hingegen wird tot aus seinem Lotsenboot geborgen.

Wenige Monate später bringt Kristiane einen Jungen zur Welt. Zur Freude über das neue Leben tritt die Sorge um den Lotsenposten, den sie, so wie sie es ihrem Vater kurz vor seinem Tod versprochen hat, in der Familie halten will. Sie entscheidet sich dazu, Lars zu heiraten, der vor der Eheschließung bereit ist, eine Lotsenausbildung zu absolvieren.

Während eines Besuchs in der nächstgrößeren Stadt, Ålesund, erweist sich Kristiane als klug taktierende Geschäftsfrau, der es wichtig ist, für den Kabeljau, den die zahlreichen Fischer von Kvalsvika fangen, einen guten Preis auszuhandeln. Bei einem abendlichen Dinner trifft sie Fredrik, Sohn des Fischgroßhändlers Rønnestad, der sie mit seinem Geigenspiel begeistert. In Kvalsvika und später in Skotholmen, wo Fredrik als Verwalter der Niederlassungen seiner Familie eingesetzt ist, beginnt sie eine Affäre mit ihm. Doch sie stellt klar, dass sie ihren Platz an Lars‘ Seite nicht verlassen wird.

Während dieser auf Lotsenfahrt ist, kümmert sich Kristiane um den Fischfang. Im Zuge des wachsenden Wohlstands der Familie stellt sie weitere Mitarbeiter ein und kauft ein zweites Boot. Lars, der sich ebenfalls um geschäftliche Angelegenheiten kümmert, freundet sich mit Fredrik an. Er wird ihn auf seiner Niederlassung in Skotholmen vertreten.

Trude Teige fokalisiert mit heterodiegetischer Erzählstimme eine Protagonistin, die sich kaum um die Meinung der Menschen in ihrem Umfeld schert. Indem Kristiane ihre Anliegen zielstrebig und unbeirrt verfolgt, emanzipiert sie sich von den dominierenden weiblichen Lebensentwürfen ihrer Zeit. Dennoch kann sie nur bedingt überzeugen, weil man sich unter ihrer Geradlinigkeit mehr Tiefe gewünscht hätte. An Kristiane und ihrem Handeln wird besonders augenfällig, was den Roman nur wenig fassbar, ihn sogar etwas beliebig macht: Teige jongliert mit vielen Bällen. Sie greift mancherlei Themen auf, dabei versäumend, sie im Gesamtkontext des Romans zu funktionalisieren beziehungsweise sie zu einer kohärenten Ganzheit verschmelzen zu lassen.

„Atmosphärisch und eindringlich wie der nordische Wind“ – so verheißt der Umschlagtext. Obgleich die Natur mit ihren Bedingungen und ihren Gewalten im Zentrum von Der Gesang der See steht, lässt die angekündigte Intensität auf sich warten. Zu überprüfen wäre, ob im norwegischen Original mehr davon zu spüren ist, wie es der norwegische Titel – Havet sing (Das Meer singt) – nahelegt. Im Vergleich zur Nominalisierung im Deutschen impliziert er eine prononciertere Anthropomorphisierung, hebt er ab auf die Natur in ihrer Aktivität und Dynamik. Eine wörtliche Übertragung wäre auch insofern zu begrüßen gewesen, als im Deutschen mindestens zehn Buchtitel mit „Gesang“ vorliegen – angefangen bei Delia Owens‘ Erfolgsroman Der Gesang der Flusskrebse über Olga Tokarczuks exzellenten Gesang der Fledermäuse bis hin zu Unterhaltungstexten wie Der Gesang der Seeschwalben von Gabriella Engelmann.

Diejenigen, die auf dem Meer arbeiten, sind den manchmal verderbenbringenden Stürmen ausgesetzt. Wer jedoch außer der Thematisierung dieser dauerhaften Bedrohung im Text einen Dialog zwischen Menschen und Natur sucht, etwas, was über Kulisse, „couleur locale“, hinausgeht, wird enttäuscht werden. Nichtsdestoweniger: Die Kristianes Lieblingsfelsen in der Mulevika oder dem einzigen Pflaumenbaum auf der Insel inhärierende Symbolkraft manifestiert sich ebenfalls, wenn Kristiane hüllenlos im Meer badet, sowie in einer Winterszene, in der sich Erwachsene und Kinder am Schlittenfahren erfreuen. In der Rahmung des Plots, die den Leser:innen einen „full circle moment“ beschert, offenbart sich die Ambivalenz der Natur: Zu Beginn sitzt die schwangere Protagonistin halberfroren und verzweifelt auf ihrem Felsen, am Ende steht sie erneut als schwangere Frau in der Bucht – nun rundum hoffnungsfroh.

Relativ gut gelingt es Teige, hervorzuheben, dass Kristiane selbst wie eine Naturgewalt voranschreitet. Sie ist authentisch in der Art und Weise, wie sie agiert, wie sie sich in einer patriarchalisch geprägten Geschäftswelt durchsetzt. Um eine wirklich plastische Figur und vielleicht zur Sympathieträgerin zu werden, müsste ihr Vorgehen allerdings weniger schematisch und automatisiert wirken. Aus einer Verpflichtung gegenüber dem Vater heraus möchte sie die Lotsennummer für die Familie bewahren. Selbstredend ist diese extrinsische Motivation der erzählten Zeit zu schulden. Mehr Individualität hätte Kristiane dennoch gutgetan.

Eine Reihe von Begegnungen pointiert die Unbeugsamkeit der Protagonistin: Nach dem Tod ihres ersten Mannes besucht sie der „Aldermann“ des Dorfes, um ihr mitzuteilen, dass sie die Lotsennummer nur behalten könne, wenn sie so schnell wie möglich einen Lotsen heirate. Für diese Regelung erwirkt sie Aufschub. In Ålesund lässt sie sich im Hinblick auf das Aushandeln der Fischpreise nicht abwimmeln und genauso wenig lässt sie sich beirren, als der Pfarrer sie mit dem Vertreter einer religiösen Laienbewegung besucht, um ihr ein für alle Mal einzutrichtern, dass ein „Weibe stille zu sein habe“ und es sich nicht zieme, dass sie sich um Geschäft kümmere oder nackt im Meer bade.

Sieht man von Jensine, der „Dorftratschtante“, und ihren mahnenden Besuchen bei Kristiane ab, gestalten sich die Interaktionen mit anderen Frauen weitestgehend positiv. Es sind Zeichen weiblicher Komplizenschaft auszumachen, zu situieren in den Ansätzen eines traditionell binär angelegten Kampfs der Geschlechter, der sich in der Gegensätzlichkeit von ruralem und urbanem Leben spiegelt. Kristiane stößt auf Unverständnis bei den Dorfbewohner:innen, als sie die frisch aus Ålesund nach Kvalsvika verheiratete junge Frau Andrine verteidigt. Sie versteckt ihr Cello, kann aber letztendlich nicht verhindern, dass Ehemann und Schwiegervater das Instrument des „unzüchtigen Weibsbildes“ abholen und entgegen der Behauptung, dass sie es Andrine aushändigen würden, ins Meer werfen. Kristiane rät dieser, ihre Wut ernst zu nehmen und sich zu behaupten. Nachdem die rothaarige Andrine Mutter eines Mädchens mit derselben Haarfarbe geworden ist, keimt in ihr Renitenz: „Mit den Haaren braucht sie eine Mutter, die ihr beibringt, hocherhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen“.

Die Episoden mit Andrine und ihrem Cello hätten genauso intensiviert werden können wie die Darstellung der Geschehnisse in der Familie, in die Kristianes Schwester Eline nach dem Suizid der Mutter von sechs Kindern hineinheiratet. Dichtere Panoramen des kargen Daseins an den Fjorden, mehr Hintergründe zu Kristianes Familie, dem Lotsenpatent und dem Fischfang hätten die Attraktivität des Textes ebenfalls gesteigert.

Zu bedauern ist insbesondere, dass die beiden Männer in Kristianes Leben, Lars und Fredrik, die sie nicht nur lieben, sondern sie in geschäftlichen Dingen ernst nehmen, tendenziell flache Charaktere sind. Dabei schlummert in beiden das Potenzial, sich zu entwickeln. Lars wächst über sich selbst hinaus, als er, der Sohn eines „Häuslers“, sich um eine Filiale der Familie Rønnestad kümmern soll. Fredrik reduziert sich eher auf den Status einer tragischen Figur voller Schwermut, den Typus des im Familienzwang stehenden Außenseiters repräsentierend, mehr der Kunst als dem Kommerz zugetan. Mit ihm integriert Teige das Thema Musik im Abseits der Naturgewalten – Fredrik spielt Geige und Klavier. Er ist der Einzige, der das Piano, das Kristiane aus der Stadt orderte, adäquat erklingen lässt. Zum Abschluss eines festlichen Abendessens in Kristianes Haus führt er Beethovens Mondscheinsonate auf. Im überwältigenden Klang imaginiert Kristiane die Fusion von Kunst und Natur: 

Ein sanfter Strom einzelner Töne erfüllte den Raum, die rechte Hand wanderte in gleichmäßigem Takt über die Tasten, während die linke im langsameren Wechsel der Akkorde einen dunkleren, beinahe vibrierenden Hintergrund hinzufügte. So zeichnete sich bald eine schöne, warme Melodie ab, die ein perfektes Gegengewicht zu den etwas schwermütigen Basstönen bildete. […] Die Töne spülten über sie hinweg: die traurige tiefe Begleitung und die warme, melancholische Melodie. Es war, wie nackt ins sommerlich warme Meer zu steigen und sich einfach ins Wasser fallen zu lassen. 

Von inhaltlich, sprachlich und rhythmisch ausgewogenen Passagen dieser Art würde man sich mehr wünschen, daneben auch die Konturierung des Kontrasts zwischen dem Gesang des Meers, Musik der Natur einerseits und Instrumentalmusik andererseits. Es drängt sich der Eindruck auf, dass sich diese, abgesehen von ausgelassener „Fiedelmusik“ bei Hochzeiten, nicht ins Dorf holen lässt: Das Cello verschwindet im Meer und Kristianes Piano ist verwaist, denn ihr Ansinnen, bei Andrine Unterricht zu nehmen, bleibt in der Luft hängen.

Diese thematischen Leerstellen sind paradigmatisch für den Roman insgesamt. Zu lesen ist er als Frühwerk der Autorin, hervorragend zum Vergleich mit allem Folgenden geeignet. Im Übrigen darf man gespannt sein, ob sich im zweiten Roman um Kristiane, 2004 im Original erschienen, für August 2026 in der Übersetzung angekündigt (Hinaus in den Wind), Anzeichen ästhetischer Progression finden.

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Trude Teige: Der Gesang der See.
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
256 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783949465277

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