Faule Geschäfte in der Welt der hohen Türme

Oliver Bottinis neuer Roman „Die Summe aller Dinge“ spielt vor dem Hintergrund der Cum-Ex-Skandale

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Allein sechsmal hat Oliver Bottini (Jahrgang 1965) den Deutschen Krimipreis gewonnen. Und er lässt sich immer genügend Zeit für akribisches Recherchieren, ehe er mit einem neuen Roman in die Öffentlichkeit tritt. Diesmal sind es die Cum-Ex-Skandale, vor deren Hintergrund er die persönlichen Geschichten seiner Helden stattfinden lässt. Zaid, Freddy und Erik heißen die. Und im Prolog von Bottinis Roman Die Summe aller Dinge dürfen die Leserinnen und Leser erleben, wie alle drei kurz nacheinander sterben – Zaid von eigener, Freddy und Erik von fremder Hand.

„Warum?“, heißt die Frage, die Vera Berg danach umtreibt. Zaid Benours Frau, als Frankfurter Polizeioberkommissarin nicht beruflich, aber privat in die Geschichte ihres Mannes und seiner beiden Freunde aus Konstanzer Studientagen verstrickt, beginnt, nach Antworten zu suchen. Und weil nach dem Suizid ihres Mannes auch die gemeinsame Tochter Emmy verschwunden ist, nimmt Vera dabei weder Rücksicht auf die Verpflichtungen, die ihr Job mit sich bringt, noch auf das eigene Leben, um das sie umso mehr zu kämpfen hat, je tiefer sie in die geheimen Machenschaften der drei Freunde eindringt.

Man schrieb das Jahr 2012, als die Politik endlich jenen Finanzgeschäften einen Riegel vorschob, die die deutschen Steuerbehörden Milliarden Euro kosteten. Dabei waren die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte nur deshalb legal, weil niemand diese betrügerischen Deals mit der oft mehrmaligen Rückzahlung von Kapitalertragssteuern durch die Finanzämter bis dahin als illegal entlarvt hatte. Und illegal waren sie dem Gesetz nach auch nicht, solange die Lücke, die es möglich machte, versteuerte Dividendengewinne von Aktien, die man rund um den Dividendenstichtag möglichst unübersichtlich hin- und herverkaufte, mehrfach vom Fiskus zurückzufordern, offen blieb.

Zaid Benours, Frederic „Freddy“ Lazars und Erik Cahns Reichtum, binnen weniger Jahre angehäuft, stammte aus solchen Geschäften, zu Beginn äußerst trickreich von ihren Schreibtischen in den hohen Finanztürmen Frankfurts aus gemanagt. Wobei Freddy und Erik diejenigen waren, die das „Rechengenie“ Zaid 2005 angeworben hatten, damit der aus Syrien Stammende ihnen mit seinen ausgeprägten mathematischen Fähigkeiten behilflich war. Doch nachdem das Geld reichlich geflossen war, landeten derartige Finanzgeschäfte alsbald vor den Gerichten, die sich nun allerdings mit der zeitaufwendigen Schwierigkeit konfrontiert sahen, den Betrügern ihren Betrug auch nachweisen zu müssen. Und die nutzten derweil die Gelegenheit, um sich mit ihren Firmen ins Ausland abzusetzen, um von dort aus mit den ähnlich krummen Cum-Cum-Geschäften weiter fleißig Geld zu scheffeln.

Genau vor dem Problem, dem betrügerischen Trio seinen Betrug hieb- und stichfest beweisen zu müssen, steht die Frankfurter Staatsanwältin Esther Molien in Oliver Bottinis Roman. Und der Phalanx aus Wirtschaftsanwälten, Chefjuristen diverser Banken und ausgebufften externen Strafverteidigern, mit der sie sich konfrontiert sieht, hat sie wenig mehr entgegenzusetzen als ihren festen Willen, endlich Licht in das Dunkel jener verzweigten Geschäfte zu bringen, mit denen sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit der deutschen Steuerzahler bereicherten.

Allein schnell muss Molien registrieren, dass ihre Gegner nicht nur „in den Banken, Kanzleien und Broker-Firmen sitzen, sondern auch in Ministerien, Ämtern, Behörden, Verwaltungen.“ Und die haben die Macht, ihr Nicht-Wollen nach Belieben zu kaschieren mit Ausreden wie „Kein Geld für weitere Staatsanwälte“ oder „Die Sachverhalte sind extrem komplex, die Einarbeitung dauert“ oder „Wir warten noch auf Gutachten. Auf Grundsatzurteile“.

Da hat es die mit Esther Molien in Verbindung stehende Oberkommissarin Berg scheinbar leichter. Weil sie wissen will, warum ihr Mann Zaid Benour und dessen beide Freunde Freddy und Erik sterben mussten, reist sie auf eigene Faust nach Capri, jene Insel, auf der sich Erik Cahn einst eine Traumvilla zulegte und in der sich die drei Freunde ein letztes Mal trafen. In dieser soll er schließlich am selben Tag ermordet worden sein, an dem in London Freddie Lazar bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben kam. Und weil die erste Antwort, auf die Berg bei ihrer Suche stößt, dahingehend lautet, dass sowohl Erik als auch dessen Frau Livia den nächtlichen Anschlag eines Camorra-Killers überlebt haben und sich seitdem auf einer gut organisierten und lange vorbereiteten Flucht befinden, nimmt sie die Fährte des flüchtigen Pärchens furchtlos auf.

Die Summe aller Dinge spielt in der Gegenwart des Jahres 2018. Jeweils in den ersten Kapiteln der sieben Teile des Buches aber erzählt Oliver Bottini die Vorgeschichte seiner Helden zwischen 2005 und 2011. Sie handelt von großen Versuchungen, scheinbar einfachen Wegen, seine Gier zu befriedigen und reich zu werden, sowie den auf die wenigen Jahre eines Jetset-Lebens nahezu naturgemäß folgenden Absturz des Trios und seinen erbitterten Kampf darum, lebendig aus der prekären Situation herauszukommen, in die man sich selbst manövriert hat.

Immer wieder die Schauplätze und Perspektiven wechselnd, verfolgt Bottini einerseits die Suche Vera Bergs nach dem letzten Überlebenden des Trios, um von ihm zu erfahren, warum ihrem Mann außer dem Suizid kein Ausweg mehr übrigzubleiben schien. Andererseits erzählt der Roman den Kampf der Frankfurter Staatsanwältin Esther Molien gegen ein System, dem Betrügereien wie die Cum-Ex-Tricks, aus denen später Cum-Cum-Tricksereien wurden, inhärent sind. Und während sich Molien und die wenigen Vertreter des Rechts, die sie auf ihrer Seite weiß, an den bürokratischen Hürden, die sich ihnen entgegenstellen, abarbeiten, muss Vera Berg schon bald nicht mehr nur um ihr Leben fürchten, sondern sich auch auf Kämpfe mit Gegnern einlassen, die ihr von vornherein überlegen sind.

Der heute mit seiner Familie in Frankfurt am Main lebende Oliver Bottini hat sich für seine Bücher schon immer gesellschaftlich brisante Themen ausgesucht. So entstanden unter seiner Feder hochpolitische Kriminalromane im besten aufklärerischen Sinne, von der Kritik – nicht zuletzt ihres Stils wegen – immer hoch gelobt und vom breiten Publikum zunehmend geschätzt. Ob es um den auf die New Yorker Anschläge vom 11. September 2001 als amerikanische Reaktion folgenden Irak-Krieg ging (Einmal noch sterben, 2022), die fatalen Folgen von Globalisierungsprozessen in der Agrarwirtschaft (Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens, 2017), die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre und einen darin verstrickten kroatischen Kriegsverbrecher (Der kalte Traum, 2012) oder jetzt, in Die Summe aller Dinge, um windige, den Staat und seine Bürgerinnen und Bürger betrügende Finanzgeschäfte – stets verband und verbindet Bottini auf raffinierte Weise Privates mit Öffentlichem, persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Malaisen.

Was Letzteres betrifft, so hat der Autor auch diesmal eine berührende Binnengeschichte in seinen Roman eingebaut. Es ist die Geschichte eines Mannes, Heinz Allmendingers, des Bürgermeisters des fiktiven Ortes Unterwalden, den die Geschicke der rund 15.000 Bürgerinnen und Bürger seiner kleinen baden-württembergischen Stadt Tag und Nacht umtreiben. Jeder kennt ihn, jeder verlässt sich auf ihn, auf jede kleinste Anfrage oder Kritik sucht er eine Antwort. Und er hat Großes vor mit seiner kleinen Stadt – ein „Forum Unterwalden“ soll die Zukunft der ganzen Region sichern. „Ein Medienzentrum mit Bücherei und Kino, ein Bürgerhaus, eine Sporthalle, ein Café, Veranstaltungsräume und die Außenstelle einer baden-württembergischen Uni […] dazu Grünflächen, Sitzbänke, ein Spielplatz“ sollen Allmendingers Stadt entscheidend aufwerten, Perspektiven für die ansonsten abwandernde Jugend aufzeigen und einer seit Jahren daniederliegenden Industriebrache neues Leben einhauchen.

Zur Finanzierung dieses Traums aber muss Unterwalden vier Millionen Euro selbst aufbringen. Deshalb hört Allmendinger Zaid Benour an, der die örtliche Sparkasse in seine abenteuerlichen Finanzgeschäfte einbinden will. Deshalb lässt er sich durch den scheinbar so sympathischen Banker aus dem fernen Frankfurt gegen seine eigene Überzeugung, dass aus einem Null-Einsatz binnen Kurzem nie und nimmer ein Millionengewinn entspringen kann, mit dem seine Träume plötzlich realisierbar werden, überreden, in das faule Geschäft einzusteigen. Es wird der große Fehler seines Lebens. Und wie Oliver Bottini an diesem einen Fall zeigt, wie tief und verheerend die in den Bankentürmen ausgeheckten Betrügereien in das Leben einfacher Menschen eingreifen konnten, ist richtig große Kunst.

Titelbild

Oliver Bottini: Die Summe aller Dinge.
DuMont Buchverlag, Köln 2026.
400 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783832181482

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