Die Grausamkeit steckt in uns allen

Mit poetischer Klugheit erkundet Daniela Seel in „Nach Eden“ die dunklen Seiten der menschlichen Natur

Von Marie Isabel Matthews-SchlinzigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marie Isabel Matthews-Schlinzig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist eine ebenso spannende wie einnehmende dichterische Entscheidung, das lyrische Schreiben als Erkenntnismedium zu nutzen. Als verdichtete Suchbewegung in Sprache – ein Erforschen, das häufig weniger zu Antworten führt, als den Fragen Gestalt zu geben. Eben dies leistet Daniela Seels jüngster Gedichtband Nach Eden mithilfe eines klug geknüpften Kreises von Themen, die von weiblicher Wissbegierde und Mutterschaft über Formen der Entmenschlichung und wissenschaftlichen Kolonialismus bis hin zur ökopoetischen Kritik an Naturzerstörung reichen. Dabei spielt, leider wenig überraschend, Grausamkeit eine zentrale Rolle: Welches Potenzial zur Gewalt steckt in jeder*m von uns? Wie prägt sie unsere Geschichte und unsere Art, mit Wissen umzugehen? Wo und wann versteckt sie sich in unserer/n Sprache/n? 

Die Perspektive des lyrischen Ichs, das sich und die Welt anhand solcher Fragen prüft, ist mehrfach konturiert: als Dichterin, Frau, Mutter, Mensch. Diese Vielfalt wird gleich zu Beginn deutlich und zwar in dem Stück Aus einer Beunruhigung, einer Bewegung, aus Weite Rau∼m. Es geht dem Langgedicht, das den restlichen Band umfasst, voran und definiert als epistemischen Ausgangspunkt und Rahmen des Bandes eine feministische Lesart des „Auszugs“ von Eva aus dem Paradies: Was, wenn man ihn nicht als „Rauswurf“ versteht, sondern als „Ausgang des Menschen in die Zeit. In Sterblichkeit“? Wenn man ihn versteht als ein Votum für Freiheit, motiviert von weiblicher „Neugier“ und „Lust“ – auch an der eigenen „Verantwortung“? Einer Freiheit, die bewusst jenseits von Eden stattfindet (dessen Charakter als „umwallt[er]“ Garten eh nichts Gutes verheißt) und das Verbunden-Sein alles Existierenden ebenso positiv umarmt wie die Grenzen des menschlichen Daseins. 

Mit leichter Hand und bluternstem Sinn gräbt Seel hierbei unter biblischen Begriffen Denkformen der Gewalt hervor, die für die Geschichte der Menschheit prägend sind: Kategorisierung, Hierarchisierung, die Aufwertung des Eigenen und die Abwertung Anderer – einschließlich der Unterscheidung von „Kraut und Unkraut […] Nützling und Schädling“. Eine Art dichterische Archäologie wird sichtbar – eine Ausgrabung in Sprache, dem eigenen Lebensumfeld, der Natur –, die die weitere Lektüre strukturieren wird: So erinnert sich in späteren Stücken das lyrische Ich beispielsweise an den eigenen Schulweg, der „durch das Gelände des Kalmenhofs“ führte. Dort wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion T4 Menschen zwangssterilisiert und – vor allem auch Kinder – getötet. 

Der Tod beziehungsweise die Tötung und Ermordung von Kindern gehört zu den bedrückendsten und bewegendsten motivischen Fäden, die den Band durchziehen und sich immer wieder miteinander verknüpfen: Da ist gleich zu Anfang die Erfahrung des Kindsverlustes noch im Mutterleib kombiniert mit der gewaltig-technisierten Kälte, mit welcher der medizinische Apparat diesem Erleben begegnet – ohne auch nur im Geringsten dessen Schmerz gerecht zu werden. Da ist die Erfahrung von Mutterschaft an sich, die den Blick auf das eigene Dasein radikal verschiebt und schärft: Nicht umsonst hebt das Langgedicht an mit der Zeile: „Mein Kind hat mir mein Sterben geschenkt.“ Da sind indigene, versklavte Frauen, die ihre Kinder abtreiben, damit diese nicht in Unfreiheit geboren werden. Da ist die Hexenverfolgung – zwar ein in der zeitgenössischen Lyrik immer wieder beackertes Feld – andererseits hier nur folgerichtig präsent, wurden doch die als ‚Hexen‘ Gequälten und Hingerichteten unter anderem der „Verbrechen“ gegen (geborene und ungeborene) Kinder beschuldigt. 

Mit Blick auf diesen Motivkomplex fallen einige der für den Band bestimmenden formalen Merkmale auf. Zunächst ist da die Vielstimmigkeit: Neben dem zentralen lyrischen Ich kommen zahlreiche andere – direkt oder indirekt – zu Wort: ein Kind, das Fragen stellt; Autor*innen, historische Personen, Zeitzeug*innen, die zitiert werden – wie etwa Alexander von Humboldt oder Maria Sibylla Merian. 

Zahlreiche literarische Bezüge verstärken diese Polyphonie. Sie prägen den Band unterschiedlich stark und schließen Homer und die Bibel ebenso ein wie Kant und Hölderlin. So wird beispielsweise der ‚epische‘ Charakter der Langgedicht-Form einerseits thematisiert, andererseits modernisiert in der wiederholten Ansprache eines „Walgesichts“. Dieses wird – nicht zuletzt aufgrund seines Status als Opfer menschlicher Grausamkeit – als Muse der Dichtung zentriert. Dabei bleibt, trotz allen Wunsches einer Anverwandlung an die ältere, in vieler Hinsicht mächtigere Kreatur, das lyrische Ich so unvermeidlich wie tragisch in seinem menschlichen Blick gefangen. 

Immer wieder fühlt man sich während der Lektüre ermutigt, innezuhalten, um den unterschiedlichen Äußerungen zu lauschen, sie gegen- und miteinander abzuwägen. Ein Effekt, den Seel durch einen großzügigen Einsatz von Weißraum erreicht, der enorme Resonanzen entfaltet. Auf diese Weise wird die Stille, welche als Motiv immer wieder im Text auftaucht und mit dem dichterischen Sprechen interagiert, auch zum formal prägenden Element. So steht etwa eine Kinderstimme ganz allein auf weißem Blatt: „Mama, hör auf zu schimpfen, bitte.“ So folgt eine komplett leere Seite auf die erschütternde Zeugenaussage „Ludwig Heinrich Lohne[s], der als Heiminsasse und Schreinerlehrling [im Kalmenhof] zum Totengräber verpflichtet war“ und dort Zeuge des qualvollen Sterbens von Kindern wurde. 

Getreu dem anfangs erwähnten Gedanken der Alles-Verbundenheit sind die einzelnen Abschnitte des Langgedichts zudem ohne Zwischenüberschriften, also ‚lose‘ – jedoch nie ohne Überlegung – aneinandergereiht. Den Leser*innen wird so viel Freiheit zugetraut und abverlangt. Eine weitere Eigenschaft von Seels Schreiben scheint auf: Es ist nicht nur eine Erkenntnis-, sondern auch Verlangsamungsmaschine. Es reflektiert nicht nur auf ‚die lange Dauer‘, sondern setzt auf diese. Es fördert nicht nur ein tieferes Nachdenken über das Geäußerte, es fordert zu solcherart Nachdenken auf: über die Verknüpfungen zwischen den unterschiedlichen Themen und Stimmen des Bandes, über das Gesagte und Ungesagte, das Bezeugte und Nicht-mehr-Sichtbare. Nicht umsonst steht am Ende eine kurze Bibliografie mit weiterführender Lektüre, die als Aufforderung verstanden werden kann, das in den Versen angesprochene Wissen weiter zu vertiefen.

Entsprechend dieser Einladung beziehungsweise Aufforderung an die Lesenden ist Seels Sprache sowohl klangvoll, innovativ und gespickt mit diversen literarischen Stilmitteln, etwa der Wiederholung („Sing mir, Walgesicht“), der Alliteration und Assonanz („rau oder rotwangig, / rohwüchsig wüte ich“), schönen Neologismen („lichtledig“) – aber gleichzeitig enorm zugänglich.

Eine Abweichung von dieser Regel bildet der mittlere Abschnitt des Langgedichts, der aus einer Serie von Hölderlin-inspirierten Gedichten besteht. Dieses hochpoetische, teils verspielt-hermetische Echo auf einen der berühmtesten deutschen Lyriker wirkt zunächst wie ein Fremdkörper. Ein genauerer Blick enthüllt neben dem disruptiven Potenzial der Gedichte jedoch einen Kern, der sowohl formal wie inhaltlich mit dem Rest des Langgedichts korrespondiert: Es ist eine suchende Annäherung, ein (mehrfach mit Durchstreichungen betontes) zweifelndes Zaudern, ein zerbrechliches Verletzlich-Sein, ein Anempfinden an eine andere dichterische Stimme, die ebenfalls in Suchbewegungen begriffen war, und an deren Themen (Natur, Menschsein, Religion). 

Stärker als in diesem Mittelteil binden allerdings die erste wie zweite Hälfte des Langgedichts das Kosmische und Historische zurück an das intimste Private. Das trägt in nicht unerheblichem Maße zur Wucht dieser Texte bei. Grausamkeit, auch in Form der Zerstörung des Planeten durch den Menschen, ist dabei nie nur Abstraktum oder Anderes, nie nur etwas, das jenseits des persönlichen Lebenskreises passiert, sondern immer auch eigene Verantwortung. 

Nach Eden ist ein Band, der verstört, überrascht und der einen trotz der Ernsthaftigkeit seiner Themen nicht hoffnungslos zurücklässt. Ein Band, der ebenso hochpolitisch wie intelligent und poetisch ist, der einen mit den Fragen zurücklässt und zum Weiterdenken zwingt. Kurz: Es ist genau die Art von Lektüre, die unsere Zeit der Desorientierung, Krisen und Imitation echter Denkprozesse durch Algorithmen braucht.

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Daniela Seel: Nach Eden. Gedicht.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024.
90 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518431894

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