Ode an Udo
Benjamin von Stuckrad-Barre preist mit „Udo Fröhliche“ die Ikone Udo Lidenberg
Von Thorsten Schulte
Hut, Sonnenbrille, Zigarre und ein Eierlikör – unverkennbare Markenzeichen des Rockstars Udo Lindenberg. Lindenberg ist schnoddriger Poet, solidarischer Rebell, lässiger Weltbürger, Rocker, Maler, Clown und zugleich ein Mensch, der seine Kunstfigur so vollständig mit seinem Privatwesen verschmolzen hat, dass Authentizität selbst zu seiner größten Inszenierung wurde. Was diesen „echten Udo“ ausmacht, „der von ihm in jahrelanger bildhauerischer Genauigkeit zu vollendeter Schluffigkeit perfektioniert“ wurde, darüber schreibt sein Bewunderer und langjähriger Freund, der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, im Buch Udo Fröhliche. Es ist eine Ode an Udo, eine Lobpreisung und Anekdotensammlung.
Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre ein Buch veröffentlicht, erregt es Aufmerksamkeit. Seit Soloalbum (1998) entzünden sich am Pionier der neuen deutschen Popliteratur und seinem Werk nach jeder Neuerscheinung ebenso hemmungslose Kritik wie überschwängliches Lob. Literaturkritiker bezeichneten ihn als eitlen Hochstapler. Andere sehen in Stuckrad-Barre ein Sprachgenie. Weiter auseinander könnten die extremen Urteile nicht liegen. Benjamin von Stuckrad-Barre kann mit Aburteilungen, Beleidigungen und Liebeserklärungen umgehen, hat er einmal in einem Podcast gesagt. Extreme prägen ohnehin sein Leben, er war kokainsüchtig, Alkoholiker, mehrmals wäre er fast gestorben. Stuckrad-Barre hatte früh enormen Erfolg, er war Post-Punk-Popliterat und ein Star, der auf Plakate gedruckt wurde. Er ist hoch geflogen und tief gefallen. Udo Lindenberg wurde für ihn zu einem echten Freund und einer stabilisierenden Figur, als er eine solche wirklich dringend brauchte. Lindenberg kennt die Mechanismen des Exzesses selbst. Auch er ist geflogen, gefallen und wieder aufgestanden. Früh ist er zum Star geworden, dann zum Alkoholiker („Wodkaleiche im Kreativitätssiechtum“, schreibt Stuckrad-Barre in Udo Fröhliche) und im Rentenalter startete er ein bemerkenswertes Comeback. Lindenberg füllte mit neuen Songs die größten Stadien in Deutschland. 2023 hob er dann mit Comet, seiner ersten Nummer-eins-Hitsingle überhaupt, zu einem Höhenflug ab. Sicherlich auch wegen dieser Zusammenarbeit mit Apache 207 gibt es Lindenberg-Fans inzwischen in jedem Alter, Rentner wie Teenager.
Udo Lindenberg, dieser musikalische Komet, kann als lebenslanger Orientierungspunkt für Stuckrad-Barre bezeichnet werden. Schon als Zwölfjähriger setzte Stuckrad-Barre Kopfhörer auf, tauchte in die „Udo-Welt“ ab und lernte die Lieder auswendig. Er „suchte Rat und Trost bei Udo“, schrieb er in Panikherz (2016). Ebenfalls in Panikherz wies Stuckrad-Barre darauf hin, dass ihm „eigentlich immer, in jeder Situation“ ein passender, alter Udo-Text einfalle. Es kann hinzugefügt werden, dass ihm auch in jeder Situation eine Anekdote aus dem Leben Lindenbergs einfällt. Viele biografische Kurzgeschichten hat er in Udo Fröhliche zusammengeworfen. Auffällig ist, dass sich einige Anekdoten wiederholen. Dass Lindenberg im Ausweis Udo Gerhard Lindenberg heißt und als kurioser Wohnsitz das Hotel Atlantic eingetragen ist, beispielsweise. Oder dass er sagt, er sei „von Beruf Udo Lindenberg, diesen Beruf gebe es nur einmal auf der Welt“. Alles schon in Panikherz zu lesen und nun noch einmal für Udo Fröhliche wiedergekäut.
Aber das ist typisch für den Schreibstil von Benjamin von Stuckrad-Barre. Es wirkt, als schreibe er in hoher Geschwindigkeit alles auf, was ihm gerade einfällt. Und ihm fällt viel ein. Viele seiner Bücher sind rastlose Gedankenströme. Da können sich auch ab und zu Gedankenblitze und Formulierungen wiederholen, nicht nur von Buch zu Buch, sondern selbst innerhalb eines Buches. Auch Udo Fröhliche ist eine Ideenflut: Geschichten über Politik, Reeperbahn und Socken prasseln auf den Lesenden ein, alphabetisch im Stil eines Lexikons sortiert und assoziativ rund um Udo Lindenberg organisiert. Vieles davon ist banal, aber bei weitem nicht alles. Trivialität und Tiefe konkurrieren. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn der Autor zur Lyrikanalyse ansetzt und sich sodann Songtexte von Udo Lindenberg vornimmt. Er schreibt über die Balladentiefe, die Witzlieder und die monströsen Rockopern. Seine Analyse enthält Pop-Referenzen, Walter Benjamin wird ebenso erwähnt. Und die Themen aus Gottfried Benns Gedichten scheinen immer wieder auf – Vergänglichkeit, Einsamkeit in der Leere der modernen Welt, Sinnsuche und Krisenstimmung („tiefgefrorene Träume im Kühlschrank“, würde Udo Lindenberg sinnieren). Stuckrad-Barre scheint Gottfried Benn ebenso zu lieben wie Udo Lindenberg oder die israelische Musikerin Noga Erez. Alle verbindet ein fast rauschhafter Umgang mit der Sprache. Ein Exkurs über Udo Lindenbergs Sprache erklärt, dass Lindenberg das „Unmögliche“ gelang – „mit deutschen Wörtern cooles Zeug singen“ nämlich. Udo Lindenbergs „Platten prägten die deutsche Sprache und den fortan freieren Umgang mit ihr im gleichen Maße, wie sie jeweils aktuell kursierende Redensweisen und Ausdrücke festhielten, Udos dichterisches Werk wurde somit auch zum Spracharchiv“, konstatiert Stuckrad-Barre. Vieles von Lindenberg wirkt improvisiert, ist aber rhythmisch sehr bewusst gebaut und poetisch. Intensiv gelobt wird „Udos Namenserfindungsfreude“. Auf etwas mehr als sechs Seiten sind Wortschöpfungen von Udo Lindenberg aufgelistet – „Beklopptomanie“, „Bunte Republik Deutschland“, „Dröhnkoffer“, die berühmten „Geflippten“ oder der ausführlich erklärte „Mikrophonschleudertest“. Freistil, nennt das Lindenberg. „Freistil, es lebe der Freistil. Im Denken, in der Musik – und in der Sprache sowieso“, schreibt Stuckrad-Barre, dessen Vorliebe für Neologismen sich zudem auch in zahlreichen eigenen Kreationen im Buch zeigt. Der Autor spielt mit der Sprache. Er ist ein pöbelnder Vandale und zugleich ein Meister der Formulierung.
Ob sich eine Alkoholsucht und der Umgang eines überreizten Nachtmenschen mit ihr positiv auf ein künstlerisches Schaffen auswirken können, darf bezweifelt werden. Stuckrad-Barre bezeichnet jedenfalls „Udos intakte Ambivalenz gegenüber dem Rausch und diesem lebenslangen Duell mit der Sucht“ als „sein künstlerisches Kapital“. Lebensverlängernd dürfte Lindenbergs Lebenswandel jedenfalls kaum sein. Deswegen ist sogar der Autor verblüfft, welche Jubiläen schon gefeiert werden konnten. Panikherz erschien 2016, pünktlich zum 70. Geburtstag Udo Lindenbergs. Zehn Jahre später ist Udo Fröhliche eine Lobpreisung zum 80. Geburtstag. Zwar singt Lindenberg in Comet, er wolle auf Nummer sicher gehen, dass er für immer lebt. Für sein Werk mag das gelten. Doch auch Udo Lindenberg ist sterblich. Kurz nach dem Erscheinen des Buches erschüttern Meldungen zum Gesundheitszustand des Rockstars Deutschland. Was mit dem Autor geschehen wird, wenn sein Retter, seine Bezugsperson, irgendwann sterben sollte, möchte man nicht fragen oder nur denken – und muss es nach den Schilderungen im Buch dann eben doch. In Panikherz ist Udo derjenige, der den Erzähler auffängt. Panikherz ist eine Abrechnung von Stuckrad-Barre mit seiner Drogenabhängigkeit, Klinikaufenthalten und Selbstzerstörung mit Popkultur-Soundtrack. In Udo Fröhliche ist Udo selbst das Thema und nicht mehr nur der Rettungsanker für eine Selbstanalyse. Das Buch wirkt deutlich entspannter und liebevoller angelegt. Wenn Panikherz ein Buch aus der Nacht ist, dann ist Udo Fröhliche eher das Buch des Morgens danach: versöhnlicher und milder. Trotzdem ist spürbar, dass sich Stuckrad-Barre der Gefahren eines Rückfalls, der psychischen Dekompensation, bewusst ist. Er fragt, immer zwischen Selbstinszenierung und Selbstzerstörung schwankend: Ob der Gutschein für die Reise zum Mond noch gilt? „Lass Dir ruhig sagen, dass wir Träumer sind, am Ende werden wir gewinnen. Wir lassen diese Welt nicht untergehen“, singt Udo Lindenberg im großartigen Song Wir ziehen in den Frieden. „Heaven can wait, ne?“, ist der letzte Satz des Buches.
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