Nachklang der Sehnsucht
Ben Shattuck erzählt in „Eine Geschichte der Sehnsucht“ von den Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Von Florian Birnmeyer
Ben Shattucks Erzählung Die Geschichte des Klangs ist gerade mit Paul Mescal und Josh O’Connor verfilmt worden und auch in die deutschen Kinos gekommen. Das überrascht kaum. Shattuck ist ein szenischer Erzähler, einer, der Bilder nicht einfach beschreibt, sondern sie wie Einstellungen komponiert. Er schreibt mit einem filmischen Bewusstsein für Ausschnitt, Perspektive und Auslassung. Seine Prosa scheint oft mehr zu wissen, als sie sagt. Sie deutet an, ohne sich im Vagen zu verlieren.
Sowohl in Die Geschichte des Klangs als auch in der hier zu besprechenden Eine Geschichte der Sehnsucht – beide erschienen ursprünglich 2024 bei Penguin in New York in einem gemeinsamen Band – springt Shattuck zwischen Zeiten, Figuren und Wahrnehmungen hin und her. Statt chronologisch zu erzählen, legt Shattuck Schichten übereinander. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich dabei durch konkrete Dinge: ein Gemälde, eine Tonaufnahme, einen Archivfund, eine Erinnerung. Die Kunstwerke und Fundstücke dienen Shattuck nicht nur als Staffage, sie sind essenzieller Träger der Handlung und deren Kern.
Ein wenig fühlt man sich an große amerikanische Erzähltraditionen erinnert, allerdings im zeitgemäß schmaleren Format. Das vorliegende Bändchen überfordert die Aufmerksamkeit des modernen Lesers nicht, der an kurze Videos, kurze Texte und kurze Spannen gewöhnt ist. Doch gerade diese Kürze täuscht. Shattucks Prosa ist nicht übermäßig spannend im landläufigen Sinn. Sie ist weder Thriller noch Krimi, sie drängt nicht mit grellen Effekten nach vorn. Und doch besitzt sie eine eigene Spannung: eine der Verzögerung, der kleinen Wendungen, der nachträglichen Erkenntnisse. Man liest weiter, weil man spürt, dass sich unter der Oberfläche etwas verschiebt.
Aufmerksames Lesen ist deshalb durchaus geboten. Das Figurenpanorama bleibt überschaubar, den zwei Erzählungen des Bandes angemessen, aber es ist kunstvoll genug angelegt, um mehr zu sein als eine bloße Skizze. In der ersten Geschichte begegnen wir einem zwanzigjährigen Sohn, dem Ich-Erzähler, und seiner Mutter Laurel. Ende des 18. Jahrhunderts leben sie gemeinsam auf einem Hof in Nantucket, jener Insel vor der amerikanischen Ostküste, die als ehemaliges Zentrum des Walfangs auch literarisch aufgeladen ist. Wer Nantucket sagt, ruft früher oder später auch Moby Dick auf, diese große amerikanische Erzählung über eine obsessive Jagd auf dem Meer, die in den Abgrund führt, von Hermann Melville.
Bei Shattuck wird Nantucket zu einem Ort der Abgeschiedenheit und der nachträglichen Enthüllung. Der Vater des Erzählers ist auf groteske Weise ums Leben gekommen: Er ist im Gartenteich erfroren. Nach seinem Tod erhalten Mutter und Sohn Besuch von Will, einer früheren Liebe Laurels, und dessen Verlobter Rivkah. Was zunächst wie eine höfliche Begegnung erscheinen könnte, entwickelt sich rasch zu einer stillen Unordnung der Gefühle. Die vergangene Verbindung zwischen Laurel und Will scheint wieder aufzublühen, während Rivkah immer mehr an den Rand der Wahrnehmung gedrängt wird.
In der Erzählung Shattucks ist der Sohn ein stiller Beobachter. Gerade darin liegt eine Stärke der Erzählung. Shattuck erzählt nicht aus der allwissenden Distanz. Das Eigentliche liegt zwischen Gesten, Blicken und Verschiebungen. Erst allmählich erkennt der Erzähler, dass zwischen seiner Mutter und Will mehr gewesen sein muss, als ihm zunächst bewusst war. Am Ende bleibt ein Bild: ein Vogelgemälde, geschaffen von einem gewissen William Snowe.
Dieses Gemälde verbindet die erste Erzählung mit der zweiten, die im Jahr 2008 angesiedelt ist. Nun gehört es dem Walfangmuseum von Nantucket. Dort, wo die Geschichte des Ortes gesammelt, ausgestellt und konserviert wird, taucht auch diese private Geschichte wieder auf. Ein Maler, der sich in das Museum verirrt, stößt auf eine weitere Skurrilität, die hier nicht verraten werden soll. Nicht alle Details dieser Erzählungen müssen vorweggenommen werden. Shattucks Texte leben davon, dass sie kleine Geheimnisse bewahren.
Überhaupt ist Shattucks Erzähler ein eifriger Sammler, Beobachter und Listenmacher. Er nimmt die Welt mit sinnlicher Genauigkeit wahr: Pflanzen, Geschmäcker, Geräusche, Oberflächen, Gerüche, historische Spuren. Diese Detailfreude wirkt nie bloß dekorativ. Sie ist Teil der Poetik. Shattucks Erzählen vertraut darauf, dass die Dinge mehr speichern, als Menschen aussprechen können. Ein Bild kann eine Geschichte tragen. Eine Tonaufnahme kann eine verlorene Nähe bewahren. Ein Museum kann nicht nur Vergangenheit ausstellen, sondern auch die Gegenwart irritieren.
Gerade diese Gabe der genauen Beobachtung macht die Prosa von Eine Geschichte der Sehnsucht ebenso aus wie jene von Die Geschichte des Klangs. Beide Texte sind auf mehreren Ebenen geschickt angelegt. Beide erzählen jeweils zwei Geschichten, die durch ein historisch-künstlerisches Artefakt miteinander verbunden werden. In Eine Geschichte der Sehnsucht ist es ein Gemälde, in Die Geschichte des Klangs sind es Tonaufnahmen. Man erkennt darin ein Muster. Es funktioniert, vielleicht gerade deshalb, weil Shattuck es mit großer erzählerischer Ökonomie einsetzt. Doch es ist auch ein Muster, das sich nicht endlos wiederholen ließe, ohne an Reiz zu verlieren.
Denn schnell wird deutlich, wie diese Erzählungen gebaut sind. Ein Gegenstand wandert durch die Zeiten. Eine Spur führt von der Vergangenheit in die Gegenwart. Figuren berühren einander, ohne einander ganz zu besitzen. Das Vergangene ist nicht abgeschlossen, sondern liegt als Echo, Bild oder Klang in der Gegenwart weiter. Dazu passt Shattucks szenisch-filmisches Erzählen, das vieles zeigt und vieles ausspart. Er lässt Lücken, aber keine Leerstellen. Man hat den Eindruck, dass er mehr imaginiert hat, als auf der Seite steht.
Darin liegt seine eigentliche Kunst. Shattuck benennt nicht alles, aber er scheint alles gesehen zu haben. Nur wer selbst genau weiß, wie eine Geschichte verläuft, kann entscheiden, was er weglässt. Seine Auslassungen wirken deshalb nicht zufällig, sondern kontrolliert. Sie geben den Leserinnen und Lesern Raum, ohne sie allein zu lassen.
So geht man aus diesen Geschichten befriedigt und doch nicht satt heraus. Sie schließen nicht alles ab, aber sie hinterlassen einen Nachklang. Vielleicht ist genau das ihr Reiz: dass sie weniger auf Auflösung zielen als auf Resonanz. Man legt das schmale Bändchen beiseite und hat das Gefühl, etwas gesehen, gehört und gespürt zu haben, das nicht ganz verschwinden will.
|
||















