Auf dem Zauberberg
Eine gewisse Helena Falke gibt ihrer Ermittlerin in „Noch fünf Tage“ ziemlich wenig Zeit
Von Walter Delabar
Mit zunehmendem Alter steigt zwar die Gewissheit, dass die Zahl der restlichen Tage endlich ist – das ist aber weit von jenen fünf Tagen entfernt, die der Heldin, Ermittlerin und dem Opfer Lisa Castrop in ihrem Bergsanatorium-Krimi bleiben.
Der Grund? Sie ist quasi der Kollateralschaden eines Attentats, dem die Familie ihres Arbeitgebers zum Opfer gefallen ist. Eine Vergiftung durch Polonium-210 (ein bisschen auftragen muss es schon) hat die Harmanns beim Essen, das ihnen ihre Sterneköchin (Frau Castrop selbst) wie immer auf höchstem Niveau zubereitet hat, niedergerafft. Frau Castrop selbst hat immerhin auch eine Dosis abbekommen, zu klein, um sie sofort zu töten, zu groß, um ihr eine Überlebenschance zu geben. Also liegt sie jetzt im Gebirge in einem Krankenhaus und wartet auf den Tod. Was nicht erst beim Namen der Dame an ein großes Vorbild erinnert, das durch einen kleinen Buchstabendreher mal eben auf die Schippe genommen wird.
Fünf Tage bleiben Frau Castorp, sorry, Castrop, also, und sie beschließt, sich auf die Suche nach dem Täter zu machen und ihn in dieser knappen Frist zu entlarven.
Das ist ein schön konstruierter Plot, der auch noch dadurch zugespitzt wird, dass die Opfer-Ermittlerin mehr oder weniger bettlägrig ist, also bei ihren Ermittlungen auf ihren Kopf, das Gespräch und die wenigen Sozialkontakte angewiesen ist, die bis zu ihr vordringen. Denn zu allem Überfluss ist die Dame ja auch noch selbst höchstverdächtig, da die giftige Substanz im Essen nachgewiesen wurde, das sie so kunstfertig zubereitet hat, wie stets. Nun ist es für die Glaubwürdigkeit eines Romans wichtig, dass seine Protagonisten in dem, was sie tun, genauso gut sind, wie sie sein müssen. Eine Spitzenköchin kocht deshalb immer mit größter Ernsthaftigkeit, wenn sie kocht. Darunter macht sie es nicht, so auch in diesem Roman. Ansonsten aber ist jene Frau Castrop halbwegs normal ausgestattet.
Was aber eben heißt, dass sie neben ihrer kulinarischen Ausbildung wenig mitbringt, um einen Kriminalfall zu lösen, zumal unter den erschwerten Bedingungen, unter denen sie ihr Projekt in diesem Fall vorantreiben muss: beschränkte Zeit, beschränkter Bewegungsraum, kein Zugang zum Tatort, notgedrungen passive Haltung. Hinzu kommt, dass sie eine zwölfjährige Tochter hat, der sie ihr baldiges Dahinscheiden beibringen und die sie den Händen ihres trunksüchtigen Ex-Mannes überlassen muss. Sie hat neben ihren schwindenden Kräften und der eigentlich naheliegenden Todesangst mithin Stress genug – und eigentlich keine Luft, sich um die Entdeckung des Täters zu kümmern.
Aber seis drum, die Versuchung, es sie in einer solchen Experimentalanordnung doch versuchen zu lassen, ist einfach zu groß. Auch wenn der Plot eigentlich zu konstruiert ist, um wirklich zu zünden oder zu funktionieren. Das Ganze wäre vielleicht nur dadurch zu retten gewesen, dass Castrop in diesen fünf Tagen alles Mögliche tut: Chaos stiften, Panik schieben, Ärger machen, Leute reinreiten, ihre Familie zum Heulen und Zähneknirschen bringen, grandios scheitern, eine zerrüttete Familie hinterlassen und unfriedlich dahinscheiden. Das wäre dann aber kein Krimi gewesen, sondern eine kleine feine Studie der besonderen Art. Stattdessen jedoch Noch fünf Tage, und gerade das, was dann auf die 300 Seiten dieses Buches gefunden hat, zeugt von der Überschätzung der Protagonistin und ihren Möglichkeiten. Das macht den Roman damit unvermutet zur Krimiidylle. Sogar der trunksüchtige Mann bessert sich. So ist der Krimi unter der Hand dem gelungenen Leben im größtmöglichen falschen verpflichtet, was kein gute Ansatz ist.
Sicher, wir haben gelernt, dass der Krimi weniger dem Chaos und dem Regelverstoß als der Ordnung und ihrer Restituierung verpflichtet ist. Gerade die Aufklärung der Tat dient dem. Aber dabei stoßen Krimis immer wieder an eine Grenze, die sie nicht überwinden können. Dann wird gemogelt, wie im klassischen Tatort-Ende: Der Täter, der nicht zu überführen ist, gesteht einfach alles in Länge und Breite: Motivation, Gelegenheit, Durchführung und nicht zuletzt Täterschaft überhaupt. Das epistemologische Problem, Handlungsketten auf ihren Ursprung hin zurückzuverfolgen, vulgo die Tat selbst, ist gelegentlich nicht anders zu lösen. So auch nicht in diesem Fall, weswegen er zum Schluss, hopplahopp, eine Lösung verpasst kriegt. Ist ja auch kaum noch jemand außer der eigenen Tochter übrig, der es gewesen sein könnte. Naja, die Tochter isses nicht, aber schon jemand, von dem die Rede ist.
Hinzu kommt, dass die Entlarvung des Verbrechers über die narrative Rekonstruktion der jüngeren Lebensgeschichte der Protagonistin entwickelt wird. Wenn der Täter (oder die Täterin) aus dem näheren Umfeld der Opfer stammt, dann muss er/sie irgendwo in den Lebenserzählungen Castrops auftauchen. Also wird alles auf den Tisch gebracht, was es da zu erzählen gibt, und gut ist. Ein politisches oder wirtschaftliches Motiv (die Familie ist quasi die Dritte Macht hinter McDonald’s und Burger King und der Chef hat ein paar Ideen, die unter den Gründern der neuen Tech-Giganten en vogue sind) scheidet damit aus. Es ist am Ende immer alles privat – oder halbwegs, was heißt, es geht um Geld. Und außerdem gibt’s eine Menge zu erzählen, was dann auch noch in die fünf Tage passen sol
Nun wird man eine solche Engführung einem Debut (es handelt sich um den ersten Krimi dieser Helena Falke), das ansonsten einigermaßen gelungen ist, nicht übelnehmen. Allerdings soll es sich bei Helena Falke um das Pseudonym einer bekannten, gar preisgekrönten deutschsprachigen Autorin handeln, die sich anscheinend auch mal im Krimi-Genre versucht, quasi halbwegs blind verkostet, wenn auch durch das „bekannt“ und „preisgekrönt“ halbwegs abgefedert. Die Kohle muss halt ran. Das wird man ihr nicht übelnehmen, auch nicht den Versuch, auf kleinstem Raum und in möglichst geringer Zeit eine Verbrechensdetektion zu unternehmen. Aber weder das preisgekrönte andere Leben noch der seriöse Verlag machen dieses Buch besser.
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