Doch ein Weg ins Licht?

Joanna Bators Erzählungsband „Die Flucht der Bärin“ ist kaleidoskopisch

Von Peter KockRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Kock

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die großartige – und bei uns leider immer noch viel zu wenig bekannte – polnische Autorin Joanna Bator legt nach ihrem bisherigen opus magnum Bitternis, einem über 800 Seiten umfassenden „realistischen“ Roman, jetzt einen Band mit 16 meist kürzeren Erzählungen vor. Es sind Geschichten mit ständig wechselnden Erzählerinnen, meist offenem oder überraschendem Ende, die, wie man rasch merkt, oft ins Surreale hinübergleiten und sich schon gar nicht entlang eines Handlungsfadens einfach bilanzieren lassen.

Das war im Vorläuferwerk, das den Werdegang von vier Frauen (Urgroßmutter, Großmutter, Mutter bis hin zur Ich-Erzählerin Kalina) im damals deutschen und heute polnischen Schlesien schildert und ihr konsequentes Bemühen um ihre Selbstbehauptung gegen die teils äußerst brutale Unterdrückung durch ihre Männer, noch ganz anders. Der Roman und seine im Wechsel erzählten Lebensstränge wurden auch hier als großartig und faszinierend gewürdigt. Joanna Bator lässt eine der jetzt vorgelegten Geschichten – nur ein Beispiel – am Grab von Protagonistin Kalinas Großmutter spielen, und Kalinas Mutter greift als rettender Engel direkt in die Handlung ein.

Aber es soll hier nicht um diese meist eher verdeckten Anspielungen gehen, ohne die man die diversen Geschichten etwa nicht verstünde. Der literarische Kosmos des großen Romans hatte vielmehr – allein der Titel „Bitternis“! – einen so nachdrücklichen Eindruck von patriarchaler Vorherrschaft über Erniedrigung bis hin zur fortgesetzten Gewaltanwendung vermittelt, dass die Ermordung von zweien dieser brutalen Männer auf die volle Sympathie von uns Leserinnen und auch Lesern stößt! Offenbar etwas, was gute Literatur vermag, wenn ich auf das erstaunte, betroffene Fazit einer hier kürzlich erschienenen Besprechung eines Romans schaue: „Was heißt es über einen selbst, wenn man plötzlich Mord mit zweierlei Maß misst?“ Und wieweit prägt die niederdrückende Atmosphäre von Düsternis und Bitterkeit in den vorhergehenden Romanen (Dunkel, fast Nacht (deutsch 2013) lautete der Titel des vor Bitternis erschienenen Romans) die Stimmung der jetzt vorgelegten, auf den ersten Blick nur lose verbundenen kurzen Erzählungen?

Über den Abgründen vielfacher Formen männlicher Dominanz und Gewalt entfaltet sich die subtile, hintersinnige, raffinierte und auch stilistisch überzeugende Prosa Bators in immer neuen, man könnte fast sagen, Versuchsanordnungen. Daran hat auch die wunderbare Übersetzung von Lisa Palmes einen großen Anteil.

Der Ton dieser vielfach von Verlust und Aussichtslosigkeit geprägten Geschichten wird gleich zu Anfang gesetzt: Eine 70-jährige Dichterin ist auf dem Weg in den Freitod, sie will sich im schweizerischen Fluss Aare ertränken, weil sie wie ihr Vater an Alzheimer erkrankt ist – an einer Brücke über diesem Fluss hat sie vor Jahrzehnten ihren Liebsten gehen lassen, was ihr als die wichtigste falsche Weichenstellung ihres Lebens erscheint. Kurz bevor sie ins Wasser geht, trifft sie auf eine, wie sie aus den Nachrichten weiß, aus dem Zoo entlaufene Bärin, die wie sie ins strömende Wasser schaut und deren Fell für sie nach Freiheit riecht. Hier bricht die Geschichte ab. Die nächste Erzählung zeigt die Anstrengungen einer anderen Frau, die sich mehrere Häuser von Maklern zeigen lässt und vorgibt, die Gattin reicher Männer oder Künstler zu sein, obwohl sie in Wirklichkeit allein für einen schwerbehinderten Sohn zu sorgen hat. Erst die dritte Geschichte, die aus der Perspektive von dessen Betreuerin geschildert ist, klärt das Gespinst verzweifelter Lügen auf – und endet damit, dass sie nach deren Auffliegen aus der Stadt flieht und sich in den Schnee legt – in Erwartung des Todes.

Den Ich-Erzählerinnen (bis auf zwei sind alle Geschichten aus der Sicht von Frauen geschildert) ist also nicht unbedingt zu trauen; die triste Realität gerät zunehmend ins Schwanken; als gescheitert empfundene Lebensläufe stehen kurz vor dem Abbruch. Momente des Grotesken, ja Spukhaften treten hinzu, schleichend wie beim ersten Auftauchen der Bärin, bis hin zum Auftreten von Tieren wie einer sprechenden Schildkröte, einem Wels, der eine der Frauen verschlingt und wieder ausspuckt; eine Frau wird gar selbst zur Fledermaus; eine andere erwartet in einer der letzten Geschichten schließlich einen Bären als ihren Liebhaber, der sie, möglicherweise, umbringt.

Diese spukhafte, traumhafte Vermischung mit dem Irrealen entzieht uns ständig den Boden des Gewohnten unter den Füßen, schärft aber zugleich den Blick für die Einzelheiten des Erzählten. Und während sich die Fälle von Tod und Trauer häufen, spüren wir bestimmten Motiven, Bildern und Metaphern nach wie auch den vielfältig verschachtelten Beziehungen einzelner Personen zu anderen in vorhergehenden Geschichten. Es entsteht fortschreitend der Eindruck einer löchrigen, ungewissen Realität, in der dennoch vieles mit allem zusammenzuhängen scheint. Wir bemerken lesend, dass wir rückblätternd diesen Verflechtungen wie dem Wandern der Motive über die Geschichten hinweg nachzuspüren beginnen. Und dass wir uns nicht einfach in einem Handlungsstrom treiben lassen können, sondern selbst an der Rekonstruktion dieser literarischen Welt teilzunehmen beginnen. Wir lassen die übliche Annahme, das dargestellte Geschehen sei „die“, wenn auch fiktive, Realität fahren, begeben uns suchend in verschiedene Realitätsebenen.

Aber was geschieht dabei mit unserer gewohnten Wahrnehmung?

Zunächst zu den personalen Verflechtungen. Unser Ich, das sich gewöhnlich sein Bild vom eigenen Selbst und der Welt, von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt macht und dieses fortlaufend weiterentwickelt, kann dabei gar nicht anders, als von seiner Instanz aus eigene Konstruktionen und Konzepte zu entwerfen. Aber, wie eine der Erzählerinnen feststellt, es sind

wichtige Personen, denen wir begegnen, eine Art Knoten in einem Netz, und dass wir, wenn wir Glück haben, das Muster erkennen, das sich aus dem Ganzen ergibt, denn hinter und vor diesen Knoten sind weitere Knoten (…) Wir folgen nur beharrlich dem Spinnennetz aus Pfaden, das uns anzieht und verbindet. Ursache und Wirkung gibt es nicht, es gibt nur das Netz.

 Eine andere Erzählerin ergänzt später:

Ich habe immer stärker das Gefühl, als bewegte ich mich mit allem, was ich tue, in einem Netz, in dem ich immer wieder ähnlichen Menschen, Gegenständen, Tieren, Gerüchen begegne. Manchmal spüre ich es beben, als ginge ich über ein großes, federndes Spinnengewebe, das unter meinem Gewicht nachgibt.

Und weiter denkt sie „an das merkwürdige Gefühl, keine Grenzen zu haben, als wäre zwischen mir und der Welt nur eine löchrige Membran, und die Dinge könnten beliebig rein und raus“.

Je weiter ich mich diesem federnden Spinnengewebe überlasse, umso stärker treten die wahrgenommenen Einzelheiten hervor. Etwa die Gerüche. Die obsessiv hausbesichtigende Erzählerin der zweiten Geschichte wird vom Fäulnisgestank von Aas und Domestos geradezu verfolgt, den auch ein Arzt in der Notaufnahme bei einer sterbenden, von Tumoren verunstalteten Person feststellt. Ein ähnliches Bild für Tod und Verwesung sind etwa verfilzte Haarknäuel, die sich aus Wasserabflüssen in die Häuser ausdehnen, oder Fell, das die Metamorphose von Menschen zu Tieren begleitet. Als Bild steht dieses nicht nur für Abscheu erregende Prozesse, sondern, wie in der Titelgeschichte, auch für Freiheit. Oder das Ektoplasma, ein Begriff, der in der Biologie die gelartige Außenschicht von Einzellern bezeichnet und in der Parapsychologie als Ausscheidung von Geistern verstanden wird. Schon in Dunkel, fast Nacht hatte die Schwester der Ich-Erzählerin in der Kindheit vorgeflunkert, das Ektoplasma sei die Substanz der Geister, eine „Mischung aus Kohlenstaub und Tränen“. So ziehen sich manche Motive quer durch die Romane von Joanna Bator.

Hier taucht das Ektoplasma als Zeichen für die Dichte und Schwere der Luft ín den Häusern auf, in denen es die Erzählerinnen dann nicht mehr wundert, wenn der Raum zu pulsieren scheint, wie um etwas mitzuteilen, was sich nicht deuten lässt. Auch die Zeit verstreicht ganz anders als üblich. Dazu kommen Grenz- und Nahtoderfahrungen. Dieser Übertritt in andere Dimensionen hat indes nichts Bedrohliches; der Verlust der starr fixierten Ich-Konzepte setzt hingegen die Phantasie frei, eröffnet Möglichkeitsräume.

Zwei solcher sowohl Flucht- wie Freiheitsräume spielen in der Flucht der Bärin eine große Rolle. Ein junger Hilfsarbeiter und Gelegenheitsjobber wird in ein heruntergekommenes, leerstehendes ehemaliges Luxushotel gelockt, um dort Renovierungsarbeiten zu übernehmen. Er wird, ohne dass groß darüber diskutiert wird, Teil einer Wohngemeinschaft aus prekären Existenzen wie ihm, psychisch Auffälligen und sonstigen Outsidern, deren Chef zum Zweck dieser Anlage (eine psychiatrische Klinik? eine Form betreuten Wohnens?) nur beiläufig bemerkt, hier lebe man einfach im Hier und Jetzt. Es entspinnt sich dann so etwas wie eine zarte Liebesgeschichte des verunsicherten jungen Mannes zu einer Punkerin, die ihn so sein lässt, wie er ist. „Wir leben alle am Rand.“, sagt diese Ewelina, und „Es genügt mir, wenn du da bist.“ Das Hotel Sudety bietet solchen halblegalen Hausbesetzern und Menschen in Bedrängnis einen Fluchtort.

Eine andere Geschichte zeigt zwei Frauen, die ihr Leben hinter sich lassen wollen und sich auf einer verlassenen kleinen Insel vor der Kykladeninsel Karpathos, die nur von der Hauptinsel aus per Boot erreichbar ist, als Strandreinigerinnen und Wanderführerinnen von kleinen Touristengruppen betätigen. (In Wolkenfern (deutsch 2013) hatte Karpathos mit seinen Resten matriarchaler Kultur schon einmal einen solchen Sehnsuchtsort dargestellt.) Im Herbst spült das Meer plötzlich auffällige Mengen von Badelatschen, ja Kinderschuhen an den Strand. Dann finden sie ein umgekipptes Schlauchboot und schließlich einen jungen Mann, der ein kleines Mädchen behütet – offensichtlich Bootsflüchtlinge, die auf der kargen Insel gestrandet sind. Mit diesem Einbruch des aktuellen Migrationselends auch in entlegenen Gebieten Europas bricht die Handlung ab.    

Eine weitere Geschichte schildert, wie eine sehr erfolgreiche Kunsthändlerin in Japan zutiefst beeindruckt ist vom Butoh-Tanz, der eine minimalistische Form des Ausdruckstanzes als emotionale Selbsterforschung kultiviert und „reine Improvisation (ist), die auf der Überzeugung basiert, das alles sich vom Nichts zum Nichts bewegt, und wenn der goldene Faden reißt, der uns gen Himmel zieht, kehren wir in die Finsternis zurück, aus der wir nur für eine Weile aufgetaucht sind“. Der goldene Faden, Metapher für unsere fragile Verbindung zu möglichen spirituellen, „höheren“ Dimensionen unseres Lebens, ergänzt das starke Bild vom horizontalen, federnden Netz unserer Existenz.

In der letzten Geschichte tauchen beide Motive – Butoh und der goldene Faden – noch einmal auf. Hier erlebt eine vom Wels ausgespiene Frau eine Art Wiedergeburt, fühlt sich einig mit Natur und Tierwelt, „mit jeder Pore meiner Haut hörte ich jegliches lebendige Wesen.“ Mit diesem Gefühl des universalen Einsseins beginnt diese Frau, Butoh zu tanzen, „als hielte mich ein goldener Faden aufrecht, der oben auf meinem Kopf entsprang und hinauf zu den Sternen zog.“ Dieses großartige Bild der absoluten Durchlässigkeit zur Welt, der Einheit mit anderen Menschen, Tieren, der Freiheit von Begehren, dem In- und Miteinander von Gefühlen und Verstand, tiefster Trauer und reinem Entzücken wie spiritueller Offenheit zugleich endet das Buch. Diese letzte Geschichte heißt „Tikkun Olam“. Das ist nicht Japanisch, sondern ein althebräischer Begriff, der nicht erklärt wird. Er geht wohl auf die Zeit um 200 zurück und bezieht sich auf die „Reparatur“ der Welt durch gute Taten.

Joanna Bator führt das nicht aus, aber die Würdigung oder auch – wo möglich – konkrete Unterstützung von Geschädigten, Unterdrückten oder auch Geflüchteten kann durchaus als Umsetzung dieses moralischen Postulats verstanden werden.

Kein Bild

Joanna Bator: Die Flucht der Bärin.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
317 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432853

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