Das Kalifat überleben

In „Der letzte Sommer der Tauben“ erzählt Abbas Khider vom Hereinbrechen einer Diktatur in das Leben eines Teenagers

Von Martin SchönemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Schönemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Abbas Khider ist in Deutschland kein Unbekannter. Als junger Mann aus dem Irak geflohen, kam er nach jahrelanger Odyssee in Deutschland an, studierte hier und wurde zum Schriftsteller. Er verfasste eine Reihe erfolgreicher Romane, meist zu den Themen Migration und Flucht. Vor allem mit seiner Sprachkunst hat er sich inzwischen ein treues Lesepublikum erarbeitet. Sie ist poetisch, dabei mit Witz und Ironie, und scheut auch keine Ausflüge in flapsige Umgangssprache. In seinem neuen Roman verzichtet Khider allerdings auf alle Kunstfertigkeit, schlüpft in eine noch unerwachsene Erzählerfigur und schreibt eine erschütternde Geschichte. Fern von jedem Kitsch, geradlinig, klar und direkt, gleichzeitig zart und ein bisschen melancholisch.

In Der letzte Sommer der Tauben erzählt Noah, ein vierzehnjähriger Junge, von der Errichtung einer Diktatur in seiner Heimatstadt. Aufgrund des Umbruchs ist die Schule geschlossen und Noah hat viel Zeit, seiner Familie zu helfen und sich um seine Tauben zu kümmern, die er auf dem Dach des Hauses hält. Er hat auch viel Zeit, die Veränderungen in seiner Umgebung zu beobachten – anfangs nur als Zuschauer, dann immer mehr als Beteiligter, am Ende als Opfer der totalitären Herrschaft. Gleichzeitig erleben wir als Lesende auch das Schicksal seines Taubenschwarms, wir erfahren von den Ausflügen der Tauben, der Pärchenbildung, der Aufnahme neuer Schwarmmitglieder.

All das wird erzählt in einfachen, kurzen Sätzen, aus der unvoreingenommenen, naiv-neugierigen Perspektive des Jungen. Die Kapitel sind ebenfalls kurz, meist nur ein bis zwei Seiten lang, oft stimmungshafte Momentaufnahmen oder kleine Alltagsszenen im Haus der Familie oder auf der Straße. Erst in der zweiten Hälfte gewinnt die Handlung an Tempo, endlich überschlagen sich die Ereignisse.

So wirkt das Ganze wie ein Jugendbuch. Auf den ersten Blick scheint der Aufbau simpel: Auf der einen Seite die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Menschen sich unter der täglich schlimmer werdenden Gewaltherrschaft ducken – auf der anderen Seite die Gesellschaft der Tauben, die gemeinschaftlich und frei in den blauen Himmel aufsteigen. Und in der Tat wird dieser Kontrast Lesende kaum unberührt lassen.

Doch der Text erschöpft sich nicht darin, er ist weit entfernt von moralisierender Schwarz-Weiß-Malerei. Was die Tauben leben, ist alles andere als eine vorbildliche Demokratie. Da gibt es Zwangsehen und gestutzte Flügel, da gibt es den verschlossenen Taubenschlag und die Vogelschreckfahne. Aber es gibt auch Liebe und Treue, eine Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, eine unbändige Lebenslust und ein starkes, solidarisches Gemeinschaftsgefühl, das auch fremde Individuen freundlich einbezieht.

Nicht anders bei den Menschen: Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Reaktionsweisen, trotz diktatorischer Verhältnisse. Noahs Familie verhält sich reserviert gegenüber den neuen Machthabern, begehrt aber nicht auf. Ist das richtig? Das fragt sich Noah, denn immerhin hat auch seine Familie ihre Tabus. Seine beiden besten Freunde wechseln schon bald die Seite, sprechen begeistert von den Jugendcamps der Islamisten. Und als Noahs Cousine an einen Islamisten verheiratet wird, stellt sich heraus, dass der ganz nett zu sein scheint, sogar ebenfalls Tauben mag, obwohl er als bewaffneter Kämpfer und offensichtlich bevorrechteter Vertreter der Herrschenden natürlich Angst einflößt. So leuchten einzelne Hoffnungstupfer vor der großen Kulisse aus Angst und Gewalt, verkörpert durch die Lautsprecher-Jeeps auf den Straßenkreuzungen mit ihren immer neuen Regeln und Verboten, den öffentlichen Machtdemonstrationen und gewalttätigen Bestrafungen Widerständiger.

Abbas Khider lässt uns all das durch die Figur seines Ich-Erzählers miterleben. So gelingt es ihm, den Zerfall einer Zivilgesellschaft als Kern der Katastrophe auszumachen. Mit der Freiheit stirbt auch das gemeinschaftliche Leben, es entsteht ein Gewebe aus Verführung und Gewalt, aus Aufbegehren, Opportunismus und der Notwendigkeit, das Leben unter den nun einmal gegebenen Bedingungen irgendwie weiterzuleben. Da kann es schon sinnvoll sein, die Teilnahme an einem islamistischen Jugendcamp vor Freunden als begeisternde Erfahrung zu verkaufen. Da kann man sich durchaus noch helfen – sogar Islamisten tun das manchmal –, aber es muss immer heimlich geschehen. Jede öffentlich sichtbare Solidarität würde den Machtanspruch der neuen Herrscher und ihre verlogene Gemeinschaftsideologie infrage stellen. 

Am Ende des Buches findet Noah ein verstecktes Manuskript mit Gedanken über Religion und Autokratie und zitiert daraus – das ist der schwächste und überflüssigste Teil des Romans. Denn keine theoretische Erörterung kann erreichen, was Khiders Geschichte mit ihrer klaren, so eindringlichen wie poetischen Schilderung nicht zuvor schon erlebbar gemacht hat.

Der letzte Sommer der Tauben informiert nicht nur über den Islamismus, seine Ideologie, seine Vorgehensweise, seine internationale Vernetzung (bis hin nach Deutschland!), es zeigt auch ganz allgemein die Funktionsweise autoritärer Herrschaft auf, und das ganz konkret über persönliche Erlebnisse und ohne zu politisieren. Und vor allem feiert es die Schönheit eines Zusammenlebens in Freiheit und Solidarität. Es ist damit auch für sein deutsches Publikum ein wichtiges und sehr aktuelles Buch.

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Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben. Roman.
Hanser Berlin, Berlin 2026.
214 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783446282223

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