Im intellektuellen Sinkflug
Die feministische Pionierin Alice Schwarzer versucht in „feminismus pur. 99 worte“ zumindest alphabetisch korrekt zu erklären, dass sie immer recht hat
Von Nora Eckert
Wir kennen Alice Schwarzer als meinungsstarke und ebenso streitbare Kämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen. Sie war 1977 Gründerin und ist bis heute Chefredakteurin der Zeitschrift EMMA, auch sonst publizistisch äußerst produktiv und medial nahezu dauerpräsent. Nun hat Schwarzer 99 Worte ausgewählt, um das zu bilanzieren, was sie unter Feminismus versteht. Für jede Worterklärung gibt es eine Druckseite und dazu jeweils eine Leerseite, die mit Kommentaren und eigenen Gedanken gefüllt werden darf. Absicht ist es,
den Kern des jeweiligen Themas zu erfassen und den Bogen ins Heute zu schlagen. Damit junge Frauen und die interessierten Männer nicht wieder auf der Stelle treten – oder gar zurückfallen! –, sondern sich auf die Schultern der Pionierinnen stellen und weiter blicken.
Das hört sich selbstbewusst und ehrgeizig an, hat nur den Nachteil, dass die adressierten jungen Frauen dabei Schwarzers Feminismus als alleinseligmachender Wahrheit folgen sollen, der einmal sehr einflussreich war, aber längst Geschichte geworden ist. Von Weiterentwicklung darin keine Spur. Dabei gilt doch: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Das hat zwar ein Mann gesagt, genauer gesungen, nämlich Wolf Biermann in einem seiner Lieder, aber es stimmt, und das Leben und die Evolution geben ihm recht.
Würden wir außerdem die jungen Frauen fragen, ob sie überhaupt wüssten, wer Alice Schwarzer ist, dürfte wohl eine gewisse Ernüchterung zu erwarten sein. Dass sie die Zeitschrift EMMA lesen, die 2027 ihr 50-jähriges Bestehen feiert, dürfen wir wohl ebenso ausschließen. Die Auflagenhöhe sank seit Bestehen kontinuierlich, lag einst im sechsstelligen Bereich und liegt heute bei geschätzten unter 30.000 verkauften Exemplaren. Aber immerhin, es gibt sie noch. Vor allem aber gibt es noch den Feminismus, für den Alice Schwarzer steht, dem jedoch die Anschlussfähigkeit in weiten Teilen verlorengegangen ist und der klar von „alten weißen Frauen“ dominiert wird. Mir ist bewusst, jetzt in ein Wespennest gestochen zu haben.
Sei’s drum. Schauen wir uns also Schwarzers feministisches Alphabet ein wenig genauer an. Es startet mit dem Begriff Abtreibung und endet mit Zweifel, dem die Autorin ein ‚Selbst‘ voranstellt – um sogleich zu erklären, dass Selbstzweifel nicht ihre Sache seien (hätten wir auch nie gedacht), und dass sie stattdessen auf Selbstkritik setze – und das wiederum überrascht gewaltig. Denn nach 98 vorangegangenen Worterklärungen steht für mich fest: Eine selbstkritische Haltung gibt es bei ihr in der Sache ‚Feminismus‘ nirgendwo, allenfalls in ein paar persönlichen Entscheidungen. Doch gerade mit Blick auf die sogenannten ‚Wellen‘ der feministischen Bewegung (die darum eigentlich im Plural zu nennen wären) zeigt sich die Bedeutung von Selbstkritik und Selbstreflexion als Voraussetzung für Veränderungen und Neu-Positionierungen. Die Welt bleibt nicht stehen. Beim Stichwort Abtreibung bliebe immerhin festzuhalten, dass der Einsatz in der Vergangenheit für die reproduktive Selbstbestimmung unbestreitbar verdienstvoll war, aber sie leider bis heute nicht verwirklicht werden konnte.
Grundsätzlich fällt auf, wie sauber sortiert Schwarzers Feminismus daherkommt, um trennscharf in Gut und Böse zu unterscheiden. Auch verspricht der Buchtitel den Feminismus als "pur", was immer das heißen mag, und würde doch bei manchen Themen gut die Ergänzung puritanisch vertragen. Und das sind die altbekannten Kampfgebiete mit den Namen Pornografie und Prostitution. Dass letztere für diejenigen, die sie ausüben, selbstbestimmte Sexarbeit bedeuten kann, nimmt der arg verengte Blick der Autorin natürlich nicht wahr. Gewiss, wer über dieses Thema spricht, darf die Ausbeutung und den kriminellen Menschenhandel nicht ausblenden. Aber ebenso wenig die Hurenbewegung, die seit den 1980er Jahren für faire Arbeitsbedingungen und gegen die Stigmatisierung kämpft. Denn auch hier geht es am Ende um Gleichberechtigung und elementare Persönlichkeitsrechte. Offenbar gilt an dieser Stelle Schwarzers Liebe zum Universalismus nicht, wonach wir gleich in unserer Verschiedenheit sind. Als Nachhilfe-Lektüre seien Nora Bossongs Rotlicht, Emma Beckers La Maison oder Theodora Beckers Dialektik der Hure empfohlen.
Zu den ‚Bösen‘ zählt wenig überraschend auch der Queerfeminismus, der – wie zu erwarten – den einen oder anderen Hieb abbekommt. So gleich am Anfang, wo es um Altersdiskriminierung geht, weil der Queerfeminismus angeblich alte Menschen verhöhne. Oh je, weil queerfeministische Kritik an Schwarzers Feminismus als Altersdiskriminierung gilt, so etwa? Und dass Judith Butler, die nun wirklich und nachweisbar das Feld von Sex und Gender intellektuell aufgewirbelt hat, rund um den Globus zu der wissenschaftlichen Institution werden konnte, die sie geworden ist, gleich ob in Feind- oder Freundschaft, das wurmt Schwarzer doch sehr. „Um ehrlich zu sein: Sie hat mich nie interessiert, zu lebensfern und abstrakt“. Als Beispiel für abstrakt zitiert Schwarzer aus dem Wikipedia-Eintrag zu Butler einen in der Tat recht verquasten Satz, den sie – warum? – Butler vorwirft. Und dass auch Körper kulturell konstruiert sind, obwohl der Sexismus das Tag für Tag bestätigt und im Übrigen die Ethnologie, das ist für Alice Schwarzer „schlicht Quatsch“.
Auffallend, aber keineswegs neu, ist Schwarzers Vorliebe für Widersprüche, wo immer es beispielsweise um das Verhältnis von sogenanntem biologischem Geschlecht und Gender als Geschlechtsrolle geht. Ein anderes Beispiel: Vielleicht kein Widerspruch, aber doch befremdlich, dass sie einerseits die Institution Ehe über den grünen Klee lobt und zur Ehe rät, die der „Vater Staat inzwischen gerecht geregelt [hat], dank kräftiger Anregung durch Mutter Staat“. Andererseits kommt sie aber nicht um die Feststellung herum, dass das Thema Care-Arbeit und noch einiges mehr nach wie vor ungleich verteilt ist und dass sexualisierte Gewalt in der Regel als Form häuslicher Gewalt stattfindet mit steigender Tendenz. Sind Kleinfamilie und Monogamie wirklich ernstzunehmende feministische Antworten auf die nach wie vor herrschende patriarchale Geschlechterordnung? Oder nicht von Anfang an deren Erfindung?
Schwarzer wird nicht müde, zu betonen, sie sei keine „Biologistin“, um im gleichen Atemzug zu bestimmen, dass allein das biologische Geschlecht zähle, also Vulva oder Penis. Andererseits zitiert sie beim Stichwort Simone de Beauvoir jenen berühmten Satz, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht. Der darauffolgende Satz lautet in Beauvoirs „Das andere Geschlecht“: „Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt.“ Und auch hier betont Schwarzer gerne, wie sehr sie gegen die Festlegung von Geschlechterrollen schon immer war. Aber wehe, eine trans*Person lebt als soziales Geschlecht in der Rolle der Frau. Dann gilt mit einem Mal nicht mehr der Grundsatz, dass es für das biologische Geschlecht keine vorhersagbaren oder vorbestimmten Identitäten gebe.
Wir haben es hier mit einem zugegeben weiten und leider auch arg verminten Feld mit Namen Geschlechtsidentität zu tun. Dass sie gewissermaßen die Existenzgrundlage für trans*Menschen ausmacht, wird bei Schwarzer und durch ihren Feminismus mal eben weggewischt. Menschenfreundlich ist das gerade nicht. Und wenn sie trans*Menschen auch noch „kulturelle Aneignung“ vorwirft, fällt mir nur noch Harry G. Frankfurts Essay Bullshit ein: Das Frausein definiert sie, wie bekannt, biologisch und zitiert in diesem Zusammenhang eine „ideologische Tendenz“, die behaupte, auch biologische Männer könnten Frauen sein. Trans*Frauen leben sozial als Frauen und idealerweise ohne „Ich war ein Mann“-Button auf der Brust. „PropagandistInnen der Transideologie“, so Schwarzer,
halten es für legitim, wenn ein biologischer Mann einfach erklärt, er sei eine Frau – und gleichzeitig die mühsam erkämpften besonderen Rechte des diskriminierten Geschlechts für sich einfordert. Und schon gar nicht scheint es sie zu stören, dass Trans ein besonders schwerer Fall von kultureller Aneignung ist. Was würde man eigentlich einem Weißen erwidern, der einfach behauptet: Ich bin schwarz [sic]?
Frankfurt erläutert in dem genannten Essay: Im Fall von Bullshit (verfälschende Darstellung ist eines seiner Kennzeichen) bestehe der Fehler nicht darin, dass Dinge nicht richtig dargestellt werden, sondern darin, dass man es erst gar nicht versucht. Es geht bei Schwarzer nicht um die Frage, was es in Wirklichkeit bedeutet, trans* zu sein, sondern darum, das trans*Sein zu de-realisieren, zu fiktionalisieren. Sicher findet Schwarzer damit auch Zustimmung – aber bei Leuten, mit denen ich lieber nicht an einem Tisch sitzen möchte.
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