Feuer auf allen Seiten

Daniel Donskoy stellt sich in „Brennen“ Identitätsfragen, aktuellen Traumata und innerer Zerrissenheit

Von Nele KönigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nele König

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erst ein Funken, dann die Flammen – und es brennt lichterloh. In der Welt und in jedem Einzelnen. Daniel Donskoy hat sich in seinem Debütroman viel vorgenommen und geht emotional tief. Dabei spielt er literarisch mit dem Feuer – und verbrennt sich nicht.

Brennen zeigt auf 320 Seiten das Leben eines jungen Mannes im Schnelldurchlauf. Wie auf einem gemeinsamen Roadtrip, der sich an den wichtigsten Wohnorten und Lebensstationen orientiert, folgen die Leser:innen der Hauptfigur Daniel unter anderem nach London, New York und Berlin, nach Russland und Israel. Nicht immer chronologisch und flankiert von unbeantworteten Briefen an einen zunächst anonymen Tyler, entsteht so die Skizze eines Lebens „zwischen den Welten“. Und ein Leben inmitten von Flammen.

Donskoy, der von 2019 bis 2024 den Gerichtsmediziner Nick Schmitz im Göttinger Tatort verkörpert hat und in Deutschland durch seine Rolle als katholischer Priester in der RTL-Serie Sankt Maik bekannt wurde, beschreibt, was besonders den Millennials und der Gen Z vertraut sein dürfte. In Brennen erzählt er vom Verlorensein und der Einsamkeit im Alltag, dem gesellschaftlichen Druck, genügen zu müssen sowie von Ausgrenzungserfahrungen. Auch vor weltpolitischen Themen macht er nicht Halt: der Ukrainekrieg und der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 sowie alltäglich gewordene Antisemitismuserfahrungen sind nur einige der aktuellen Geschehnisse, die in die Biografie des jungen Mannes verwoben werden, der nach seiner Identität und Heimat sucht.

Durch die direkte und offene Sprache sowie die Ich-Perspektive schafft Donskoy es, seine Leser:innen teilhaben zu lassen – nicht auf belehrende oder aufklärerische Weise, sondern aus der Perspektive von jemandem, der mittendrin und unmittelbar betroffen ist und dabei genauso hilflos ist wie alle anderen. Die Seiten lesen sich wie ein wilder Gedankenfluss aus Dialogen, Lebensreflexion und Alltagsgeschehen, bei denen auch die Schimpfwörter im Nachhinein nicht rauslektoriert wurden. Sie tragen zum insgesamt sehr direkten Ton bei:

Ich brenne. Ich brenne seit Monaten. Vielleicht seit Jahren. Vielleicht schon immer. Und plötzlich begreife ich, was das Feuer von mir will. Es will ALLES. Es will, dass ich mich hingebe. Dass ich alles loslasse – die Tränen, die Angst, die Wut. Die Vergangenheit, die Erinnerungen und auch die Zukunft. Es will, dass ich brenne, damit ich nicht mehr fühlen muss. Denn Feuer heilt nicht, es zerstört. Und in dieser Zerstörung liegt eine seltsame Art von Frieden.

Das Motiv des Feuers nutzt Donskoy, um ein Bild aufzurufen, das nicht nur die innere Gefühlswelt seines Protagonisten spiegelt, sondern auch einen historischen wie etymologischen Ursprung hat: Hauptfigur Daniel ist Jude und spielt gegenwärtig in einer US-amerikanischen Theaterproduktion mit dem polnischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman ausgerechnet einen bekannten Überlebenden des Holocaust (aus altgriechisch ὁλόκαυστος, deutsch „vollständig verbrannt“), als in Israel der Terrorakt der Hamas stattfindet:

 „Es ist nur Fiktion“, sage ich meinem Körper. Aber es stimmt nicht. Ich weine. Tränen laufen über meine Wange seit dem Moment, in dem ich heute die Bühne betreten habe. Was mache ich hier? Spielen. Warum? Mahnen. Wovor? Vor dem, was NIE WIEDER passieren darf. Aber es passiert. Jetzt. In dieser Sekunde. Während ich Theater spiele.

Kurz zuvor dreht er auf einem polnischen Studiogelände, das bald in Flammen aufgeht.

Das Feuer und ich passen zueinander. Nicht immer, aber immer wieder sind das Feuer und ich eins. Dreißig Kilometer vor Krakau. Dreißig Kilometer vor Auschwitz.

Auch seine Wohnung in Berlin brennt, kurz bevor er zu den Theaterproben aufbricht. Was übrig bleibt, ist seine Gitarre, die ein Feuerwehrmann vor den Flammen retten konnte. Und so kommt das Feuer Seite um Seite näher.

Ebendiese Anekdote vom Wohnungsbrand und seiner Gitarre erzählt der Musiker und Schauspieler in der NDR Talk Show. Es ist kein Zufall, dass Autor und Figur den Namen teilen: Brennen ist zwar als Roman gekennzeichnet, trägt jedoch eindeutig autobiografische Züge. Donskoys Lebensgeschichte weist beinahe identische Stationen wie die seiner Romanfigur Daniel auf. Die Identitätssuche, das Leben zwischen den Welten, sind ebenso seine eigenen Themen wie die seines Protagonisten:

Ich war ein Jude in der Sowjetunion. In Deutschland ein sowjetisch-jüdischer Migrant mit einer Geschichte, die niemand wirklich hören wollte. In Israel war ich ‚der Deutsche‘.

Kurzzeitig droht der Funken des Debüts zu erlöschen. Während der Episode in Kalabrien weiß man nicht so recht, wohin Donskoy eigentlich möchte. Was als Urlaub mit Freunden beginnt, entwickelt sich eher zu einem abstrusen Comedy-Thriller. Mit Auflodern der Flammen findet die Handlung ihr Ziel wieder, wird dabei emotional und thematisch jedoch immer dunkler. Flankiert von den Briefen, deren Bedeutung unterschwellig stets mitschwingt und am Ende aufgelöst wird, endet der Roman durch die Ereignisse in Israel in einem emotionalen Flächenbrand.

Brennen braucht wie ein echtes Feuer, bis es sich tatsächlich entfachen lässt. Doch als die Flammen erst einmal um sich greifen, verschlingen sie sowohl den Protagonisten als auch die Leser:innen. Und lassen sie zurück mit ihren eigenen, inneren Glutnestern.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Daniel Donskoy: Brennen. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
320 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783462007831

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