Geschichte von Möglichkeiten

Steffen Martus legt mit „Erzählte Welt“ eine Literaturgeschichte der Gegenwart vor

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf Hegel geht die explizite Warnung zurück, dass, um eine Gestalt des Lebens zu erkennen, sie bereits untergegangen sein müsse; und man könnte mit zwei weiteren illustren Philosophen (übrigens Hegel-Schülern im weitesten Sinne) noch hinzufügen, dass die unmittelbare Gegenwart ein „schädlicher Raum“ (Georg Lukács) sei, der im „Dunkel des gelebten Augenblicks“ (Ernst Bloch) steckenbleibe. Das umschreibt die Schwierigkeiten solch ambitiöser Unternehmen, die Zeitdiagnostik betreiben möchten. Und es könnte auch auf das Buch des Literaturwissenschaftlers Steffen Martus zutreffen, der immerhin eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute abgeliefert hat. Doch sollte zunächst darauf hingewiesen werden, dass Martus ‚eine‘ Literaturgeschichte geschrieben hat, und zwar ‚eine‘ neben einer möglichen Vielzahl weiterer. Hinzu kommt der eigentliche Titel des Buchs: Erzählte Welt verweist darauf, dass der Verfasser (nahezu) ausschließlich Erzähltexte (überwiegend Romane) analysiert. Schließlich nimmt Martus noch wohlfeilen Kritikern seines Buches, das man sicherlich als Großessay wird bezeichnen dürfen, den Wind aus den Segeln, wenn er im Vorwort konzediert, dass viele Personen und Werke – gar solche, die ihm am liebsten sind – gar nicht vorkommen. Im Zentrum seiner Behandlung stehen „exemplarische Szenen, Debatten, thematische und formale Konjunkturen“.

Was Martus dann in der Folge in 52 Kapiteln auf 700 Seiten behandelt, flapsig – mit ihm selbst im letzten Kapitel – so formuliert: von Christa Wolf bis zu Mona Kasten. Das bildet in der Tat auf beeindruckende und stupende Art und Weise die deutsche (wie in Maßen deutschsprachige) Literatur der letzten knapp vierzig Jahre ab. Dabei arbeitet Martus als Literatursoziologe, der sich zum einen immer wieder bei der Luhmann’schen Systemtheorie, zum anderen bei der Bourdieu’schen Feldtheorie bedient, um zugleich noch bei passender Gelegenheit auf andere soziologische Zeit- und Gesellschaftsanalysen (etwa von Jürgen Habermas, Andreas Reckwitz oder Gerhard Schulze) zu referieren.

Martus’ Textbeobachtungen, wobei der Rezensent die vielen behandelten Autor*innen mit ihren Werken als paradigmatische Erscheinungen für die in Frage stehenden Ereignisse versteht, erstrecken sich vom Ende des real existierenden Sozialismus samt nachfolgender Debatten um die (literar-)historische Bedeutsamkeit bzw. Deutungshoheit (gab es überhaupt so etwas wie eine relevante eigenständige DDR-Literatur?) über die großen (und bis heute möglicherweise letzten) Literaturskandale – die Walser-Rede, Botho Strauß’ Anschwellender Bocksgesang, Peter Handkes Serbien-Texte – und im Windschatten davon die popliterarischen Inszenierungen (von Rainald Goetz über Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre bis zum sog. „Fräuleinwunder“), über die Möglichkeiten und Sackgassen digitaler Literaturformate bis – am vorläufigen Ende – zu dem Hype um die „New Adult Literature“. In einer schmalen Rezension kann nur grob angedeutet werden, was Martus in seinen Textbeobachtungen, einlässlichen Interpretationen, in die zugleich die an den jeweiligen Texten entzündeten (Medien-)Diskussionen mitversponnen werden, alles verhandelt. Überaus genau kartiert der Verfasser das jeweilige literarische Feld mit seiner Vielzahl an Akteur*innen und Rollen (Produzent*innen wie Rezipient*innen/Konsument*innen, Verstärkerrollen, soziale, politische und mediale Konstellationen), um dabei – sozusagen als Generalbass seiner Argumentationslinie – immer wieder von dem (ästhetisch-poetologischen) Möglichkeitsraum von Literatur (freilich nicht nur erzählender) zu sprechen. Das mag durchaus traditionell oder überaus konventionell daherkommen und schon häufiger bemerkt worden sein (ad me ipsum: etwa von Dieter Wellershoff in den Begriffen „Simulationsraum“ und „Probebühne“ oder auch – diametral entgegengesetzt – dem Sprachspieler Ludwig Harig, die übrigens beide als Generationsangehörige der Gruppe 47 keine Erwähnung bei Martus finden, wiewohl beide – Beweis für eine „Differenzierung im Nebeneinander“ (Georg Simmel) – ihren literarischen Publikumserfolg erst spät, in den 90er-Jahren bzw. nach der Jahrhundertwende erlebt haben), es tut Martus’ Buch dennoch keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Um es mit einem befreundeten, leider schon verstorbenen Germanisten-Kollegen auszudrücken, der bei ähnlicher Gelegenheit einmal bemerkt hat, dass er dieses Buch liebend gerne selbst geschrieben hätte. Aber dies nicht vermocht hat – warum auch immer. Jedenfalls verneigt sich der Rezensent vor Martus’ Leistung in diesem Buch!

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Steffen Martus: Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025.
704 Seiten , 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783737100052

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