Leben besteht aus Bindungen und Begegnungen
Petra Morsbachs „Orion“ erzählt vom Leben als Geflecht aus Bindungen, Begegnungen und Literatur
Von Werner Jung
Pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag hat Petra Morsbach einen neuen Roman vorgelegt. Es handelt sich um die (Lebens-)Geschichte einer früheren Lehrerin und aktuellen – sie ist inzwischen in ihren 60ern – Hilfsarchivarin, deren Passion die Literatur und das Lesen sind. Sie lebt sozusagen in und mit der Literatur, weil die Texte so etwas wie Rollenbücher und (zuweilen sogar) Skripte darstellen, um die Welt und sich selber darin besser verstehen zu können. Aber auch um unversehens abzutauchen und aus der Realität zu fliehen.
Morsbach beginnt ihre Ich-Erzählung über Nora mit deren Kindheit und der frühen Prägung durch die Großmutter Auguste, der sie vor allem die Einführung ins Volksgut und die literarische Kunst verdankt, und zwar „ohne es zu wissen oder zu merken: Kunst als Ausdruck der Seele, ohne Kalkül, Prestigeanspruch und Angeberei, etwas, das bei aller geheimnisvollen Tiefe so natürlich zum Leben gehörte wie Mensch ärgere dich nicht und die BILD-Zeitung.“ Nora geht aufs Gymnasium, beginnt – eigentlich antriebslos – ein Lehramtsstudium, jobbt in den Semesterferien in einem Archiv, wo sie ihren späteren Mann, den Archivar Lindenmaier, kennenlernt, der ihr auch die Augen für diese anspruchsvolle Tätigkeit öffnet. Dennoch beschließt sie, ihr Studium zu beenden und Lehrerin für Deutsch und Geschichte zu werden, um mit Hingabe ihren Schülerinnen und Schülern fortan die Literatur samt ihrer ästhetischen wie (durchaus) lebenspraktischen Qualitäten näherzubringen. Wie nebenbei heiratet sie dann, bringt einen Jungen auf die Welt, trennt sich wieder – nachdem sie ebenso die Lüste wie Qualen einer Geliebten erfahren musste – zwangsläufig vom Gatten und erkrankt schließlich an einer Niereninsuffizienz, was sie nicht nur zwingt, früher als geplant ihren Lehrerinnenberuf aufgeben zu müssen, sondern auch eine langwierige Reha mit Anschlusstherapien in Anspruch zu nehmen. Doch fühlt sie sich zugleich noch stark genug, um in den letzten Jahren ihrer Berufstätigkeit ihrer früheren Passion fürs Archivwesen erneut nachzugehen.
Dies ist, wenn man so will, das dürre äußere Handlungsgerüst des neuen Romans von Petra Morsbach. Tatsächlich geht es aber um weitaus mehr als um eine bloße Lebensgeschichte. Anders gesagt und in den Worten der Ich-Erzählerin Vera: Leben bedeutet keine maniakalische Abgesperrtheit, kein monomanisches Kreiseln eines – wie auch immer gefassten – Ichs, sondern es „besteht aus Bindungen und Begegnungen. Vielleicht ist der Mensch nur eine Art Blase, durch deren Membran die Lebenssuppe dringt, in der er zufällig schwimmt? In meinen späten Jahren könnte ich nicht mehr sagen, wer ich bin. Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche – sogar solche, mit denen ich intim war – spurlos verschwanden und andere, die ich vielleicht nur einmal traf, einen Volumengewinn für mich bedeuteten.“ Vera ist nicht nur eine glänzende Beobachterin und Gesprächspartnerin, sondern eine ebenso genaue Erzählerin – und eben nicht nur ihrer selbst, sondern auch vieler anderer Personen. Sie ist so etwas wie eine Menschensammlerin, die die Lebensgeschichten ihrer Mitmenschen, der Archivare, ihrer Schülerinnen, Schüler, Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten, die ihren Weg kreuzen, aufschreibt, wodurch ihre eigene Geschichte eigentümlich mäandert und auf beste Weise in literarischen Traditionen verankert ist.
Im letzten Buch Petra Morsbachs, einer Sammlung von drei großen Essays, deren letzter (ein Bericht über einen Skandal in einer Akademie) kryptisch als Erzählung nun im Roman wieder aufgegriffen wird, heißt es an einer Stelle über Literatur bzw. Dichtung:
Idealerweise ist Dichtung nämlich nicht an Macht und Gehorsam gebunden. Sie war zwar immer politischem, religiösem oder kommerziellem Druck ausgesetzt, suchte aber auch die vielschichtigen Muster des individuellen, vergänglichen Lebens. Im Unterschied zu allen anderen Organisationen und Berufen und auch zu fast allen anderen Künsten kommt sie nicht nur ohne Hierarchie aus, die Freiheit von Hierarchien ist sogar ihr Alleinstellungsmerkmal. Gerade literarische Kunst entfaltet ihre tiefste Wirkung im privaten Austausch zweier Einzelpersonen, Autor und Leser.
Alle Texte Morsbachs – die Romane wie Essays – sind immer auch ästhetisch-poetologische Texte, sind selbstreflexive Texte, in denen sich die Autorin mal erzählerisch, mal auch diskursiv über ihr Schriftstellerinnendasein verständigt – stets die nötige Skepsis eingeschlossen. Man kann es mit zwei der letzten Sätze des neuen Romans sagen:
Die Menschheit hat so viel Kunst, Einsicht und Geist geschaffen, aber letztlich daraus wenig gelernt. Was soll man machen.
– Weiterschreiben und eben Morsbach weiterlesen!
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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