Frechheit siegt
21. Juni 1946: Frank Thiess fliegt auf. Warum der lauteste der „inneren Emigranten“ mit seinen Märchenstunden trotzdem davonkam
Von Markus Joch
An Helmut Kiesels Geschichte der deutschsprachigen Literatur zur NS-Zeit lobte die Welt kürzlich den famosen Kenntnisreichtum. Auch stärke das Buch das kollektive und verdienstvolle Projekt, Arbeiten der im „Dritten Reich“ gebliebenen Schriftsteller Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ja, nicht alle Texte aus der Diktatur waren Blut-und-Boden-Dichtung oder auch nur nazikonform.
Eins aber wollen wir nicht vergessen, wenn es um die diskutablere, zum Regime Mindestdistanz haltende Literatur geht. Die sogenannte innere Emigration hat zu ihrem äußerst mäßigen Ansehen selbst beigetragen. Als die Nazis weg waren, ließ sie sich vom falschen Autor vertreten, Frank Thiess. Es gab da ein gewaltiges Repräsentationsproblem, das bei Kiesel – einziger Einwand gegen seine beeindruckende Studie – zu kurz kommt. Im Juni 1946, vor genau achtzig Jahren, hat es sich zugespitzt.
Angesichts der Verbrechen von Nazi-Deutschland warnte Thomas Mann in den BBC-Ansprachen seine seit der US-Einbürgerung im Juni 1944 ehemaligen Landsleute eindringlich vor Selbstmitleid. Und mit was bekommt es der Neu-Amerikaner nach Kriegsende zu tun? Mit zwei Champions der Selbstviktimisierung. Am 13. August 1945 vergleicht Walter von Molo in einem offenen Brief an den berühmtesten Exilanten Deutschland allen Ernstes mit einem „großen Konzentrationslager, in dem es bald nur mehr Bewachende und Bewachte verschiedener Grade gab“ – als sei es der Masse der Deutschen ähnlich ergangen wie den Opfern nazistischer Terrorherrschaft, den in den buchstäblichen KZ Bewachten. Verbunden ist die Entgleisung mit der Bitte an Mann, zurückzukehren „wie ein guter Arzt“.
Viel zu ehrerbietig für Thiess’ Empfinden, er mixt fünf Tage später das Selbstmitleidige mit Exilanten-Bashing: Ebenfalls in der „Münchner Zeitung“ beansprucht der damalige Erfolgsromancier, Jahrgang 1890, für eine Schriftstellergruppe zu sprechen, die von Werner Bergengruen über Ernst Wiechert bis zu ihm selbst reiche. Die „innere Emigration“ habe dem deutschen Volk beigestanden. Durchs Miterleben von Hunger und Luftangriffen sei sie „reicher an Wissen und Erfahrung“ aus der Schreckenszeit hervorgegangen als diejenigen, die – berüchtigte Theatermetapher – „aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie“ zugeschaut hätten.
Aus drei Gründen hat es diese Formulierung zum Infamieklassiker gebracht. Sie spricht von einer deutschen Tragödie statt von der des europäischen Judentums. Sie ignoriert, dass das Gros der vertriebenen Kollegen kein gemütliches Leben führte, sondern eines in Souterrains und Dachkammern. Und sie suggeriert, die Geflüchteten hätten einen unbeteiligten, ja kulinarischen Blick aufs Deutschland im Bombenhagel geworfen, wiegelt so die Geschlagenen gegen die Exilanten auf. Für ein erstes Problem sorgt Thiess also, indem er den Begriff „innere Emigration“ durch Unverschämtheit diskreditiert.
Dass er vor allem die „Loge“ herabsetzt, verrät sein Hohn auf Radio-Botschaften „von drüben“, „welche die Tauben im Volke ohnedies nicht vernahmen, während wir Wissenden uns ihnen stets um einige Längen voraus fühlten“. Was etwas von einem Zwergenaufstand hat – inspirierte Manns aufrüttelnder Ton nicht die Geschwister Scholl? –, gerät aus heutiger Sicht zur Selbstdemontage. Wie uns die Neuausgabe der BBC-Texte gerade erst eingeschärft hat, informierte Mann seine deutschen Hörer bereits seit September ’41 über Massenvergasungen, mit fassungslosem Sarkasmus („wahre Siegfried-Waffe“), von Jahr zu Jahr monströseren Zahlen und immer erbitterter: „Wisst ihr Deutsche das?“ Wenn Thiess die im Reich Gebliebenen für weit besser unterrichtet erklärt, schlägt er sich und ihnen, ohne es zu merken, die Exkulpationsplatte zum Holocaust – „Wusst’ doch nicht, konnt’ doch nicht“ – aus der Hand, was sein Beschweigen der Vernichtungslager noch befremdlicher macht.
Nach seinem Auftritt vergehen fast zwei Monate, bis Manns offener Antwortbrief an von Molo erscheint. Deshalb glaubt man bei Wikipedia bis heute, dass das Polemische in „Warum ich nicht zurückkehre!“, die Pauschalverdammung der Literatur im NS, sich zwar namentlich an von Molo richtete, jedoch vom absichtsvoll übergangenen Thiess provoziert wurde. Irrtum, dessen „schiefer und aufreizender Artikel“ (so Mann im Tagebuch 1944-1946) traf in Pacific Palisades erst ein, nachdem der Brief nach Deutschland schon verschickt war.
Um Mann den Kragen platzen zu lassen, genügen bereits von Molos Zeilen, denn der hat sich nicht nur das larmoyante KZ-Gerede geleistet. Er ist dem „guten Arzt“ wohlbekannt: als ehemaliger Kollege aus der Sektion Dichtung in der Preußischen Akademie der Künste, der 1933 zu den 80 Unterzeichnern des Treuegelöbnisses für Hitler gehörte. Jetzt gibt er das Unschuldslamm; da kann man schon mal versucht sein auszuteilen.
Trotzdem war der Satz, allen zwischen 1933 und -45 in Deutschland gedruckten Büchern hafte ein „Geruch von Blut und Schande“ an, ein Fehler. Zunächst mal ein Eigentor: Im gerechten Zorn über den Typus von Molo vergisst der Zauberer, dass er selbst noch bis 1935 die ersten beiden „Joseph“-Romane und eine Essaysammlung in Deutschland erscheinen ließ. Aber gut, sein Taktieren während der ersten, halben Emigration in der Schweiz hat er durch die späteren Anti-Nazi-Einsätze im Tonstudio von Hollywood mehr als wettgemacht.
Schwerwiegender als der Lapsus in eigener Sache: Da Mann die Binnendifferenzen der Literatur im NS übergeht, etwa die zwischen ideologischem Konformismus und verdeckter Kritik, erleichtert er es Thiess, die Unterschiede im Eigeninteresse zu vernebeln. Denn über die Behauptung literarischer Kollektivschuld sind Ende ’45 auch unter den Nazis integer Gebliebene wie der Feuilletonist Wilhelm Hausenstein dermaßen empört, dass niemand als indirekter Unterstützer Manns gelten will. Folglich mag keiner fragen, wie glaubwürdig Thiess als Anwalt „innerer Emigration“ eigentlich ist.
Dubios kommt uns der Begriff heute schon wegen des Paradoxen vor (innere Auswanderung?), vor allem bagatellisiert er die Kluft zwischen buchstäblicher, mit dem Verlust von Hab und Gut wie von Freunden verbundener Flucht und nur metaphorischer. Noch zweifelhafter aber klingt er, wenn ihn Thiess besetzt. Der reklamierte für jene Schriftsteller, deren Einheit er im August ’45 so beflissen beschwor („wir innerdeutsche Emigranten“), einen „inneren Raum, dessen Eroberung Hitler trotz aller Bemühungen nicht gelungen ist“. Mehr noch, er zählte sich, so wie die angeblich Seinen, zu den „Feinden des Nationalsozialismus“; in einer Silvester-Ansprache wollte er „vom tiefsten Hass“ gegen ihn „erfüllt gewesen“ sein. Am 21. Juni 1946 sehen beide Selbstdarstellungen plötzlich nach Fantasy aus.
An diesem Tag druckt der „Neue Hannoversche Kurier“ ein Interview nach, das Ende Juni 1933 in mehreren deutschen Zeitungen erschien, betitelt mit „Ein Dichter bekennt sich zum neuen Staat“. Dort vernimmt man einen Thiess, der die parlamentarische Demokratie für abgewirtschaftet erklärt:
Rein geschichtlich betrachtet muß Hitlers Werk von hier aus als eine erlösende Tat beurteilt werden. (…) Es gilt jetzt mehr als jemals, das Große, Neue und Fruchtbare zu sehen, was durch die deutsche Revolution im deutschen Raum entstanden ist und sich zu neuen und überraschenden Gebilden fortzeugen wird. (…) Allein das Werk der Einigung Deutschlands sichert Hitler einen bedeutenden geschichtlichen Platz.
Interessante Bekundung von Feindschaft.
Was passiert nach dem Wiederauftauchen der peinlichen Ergebenheitsadresse? Eben nichts. Kein Aufschrei, niemand mokiert sich auch nur über den Freund der Machtübernahme. Die Stille macht Thiess’ Auffliegen zu einem Schlüsselmoment deutscher Nachkriegsliteratur – von da an tickt die Uhr gegen die „innere Emigration“. Wenn deren Vorkämpfer die Regimeferne offensichtlich nur geheuchelt hat, täten andere Nicht-Emigrierte, zuvorderst die namentlich vereinnahmten, gut daran, sich von ihrem ,Repräsentanten‘ schleunigst zu distanzieren. Versäumt man es, gerät man – Problem Nummer zwei – mit ins Zwielicht.
Beobachtbar ist der Effekt schon an den Kommentaren Thomas Manns, der, was heute meist vergessen wird, lange selbst von „innerer Emigration“ sprach. Noch 1943 verglich er in seiner Washingtoner Rede die eigene Situation als Exilant mit der von Nicht-Nazis in Deutschland und beteuerte, „eine nach Millionen zählende ,innere Emigration‘ dort wartet auf das Ende, wie wir es tun.“ Der Glaube daran kommt ihm in den letzten beiden Kriegsjahren wegen des ausbleibenden Massenwiderstands in Deutschland abhanden. Das „Machwerk“ dann (Tagebuch), Thiess’ Abwertung speziell der BBC-Reden, vergällt Mann jenen Begriff, den er schon verabschiedet hat, nachhaltig. „Diese ganze ,Innere Emigration‘ kann mir (…) gestohlen werden. Alle haben sie mitgemacht“ (Brief an Emil Preetorius vom Januar 1946).
Als das den Gegenspieler dekuvrierende Interview von ’33 bekannt wird, knallen in Kalifornien die Sektkorken, wie man unterstellen darf; jedenfalls sieht sich Mann im Generalverdacht bestätigt. Bemerkt er in einem Rückblick von 1949 triumphal, dass durch Thiess’ Bloßstellung die „innere Emigration“ insgesamt „ihr Haupt verlor“, dann auch, weil niemand der vom Widersacher so Bezeichneten sich vom inzwischen Blamierten abgegrenzt hat.
Alexander Abusch, ein kommunistischer Remigrant, findet Autoren keineswegs schon wegen ihres Verbleibs in Nazi-Deutschland suspekt. Umso mehr wundert ihn 1947, dass die „unstreitig vorhandenen Schriftsteller des Inneren Exils sich nicht zum stürmischen Protest gegen solche Wortführer (…) erhoben“. Seit ’68 ist diese Irritation, wenn nicht gleich das Misstrauen à la Mann, auf die Nachwelt übergegangen: Da die Gebliebenen sogar einen Lobredner Hitlers durchwinkten, ist nun mal anzunehmen, dass sie sein Selbstlob auf Kosten des Exils guthießen, überhaupt ähnlich tickten.
Ganz so einfach war es aber nicht, wie die privaten Aufzeichnungen von Bergengruen zeigen. Obgleich der katholische Erzähler 1933 eine Auswanderung scheute (schon wegen mangelnder Französisch- und Englischkenntnisse), hatte er lange Respekt vor denen, die zu ihr gezwungen waren oder sich für sie entschieden. „Es gibt keine schärfere, aber auch keine beweiskräftigere Charakterprobe als Verbannung oder Emigration“ notiert er 1942. Erst als Mann die in Nazi-Deutschland gedruckte Literatur für „weniger als wertlos“ erklärt, wirft der Verfasser von Der Großtyrann und das Gericht (1935) ihm „Doktrinarismus“ aus Unkenntnis vor. Thiess hat Mann attackiert, Bergengruen sich gegen ihn nur gewehrt, das ist ein Unterschied. Sein Schweigen zu Thiess’ Stimmungsmache und Entlarvt-Werden belegt weniger mentale Nähe zum Aggressor als Ärger über dessen Angriffsobjekt.
Andererseits ließ es sich Bergengruen gefallen, dass Thiess mit „innerer Emigration“ ein erbauliches Etikett popularisierte, mit dem dienstbare Nachkriegs-Germanisten bald um sich schmissen und beide Romanciers bedachten. Passte die vorteilhafte Bezeichnung zu Thiess’ Praxis im NS so gut wie zum eigenen Verhalten in der Diktatur? Auch aufgrund der Werbewirkung ist der 1937 aus der Reichsschrifttumskammer (RSK) Ausgeschlossene der störenden Frage ausgewichen. Und das, obwohl er schon ein gutes halbes Jahr vor Thiess’ Interviewdebakel gesehen haben muss, wes Geistes Kind dieser war. Während Bergengruen die Ausrede vieler, vom KZ-Grauen nichts gewusst zu haben, bereits 1945 strikt zurückweist – wenn auch nur in den fürs stille Kämmerlein geschriebenen Notizen –, bedient Thiess immer heftiger nationalistische Instinkte.
Nach Thomas Manns Mitteilung, den Lebensabend in den USA verbringen zu wollen, „an dieser herrlichen zukunftsatmenden Küste“, schäumt sein Herausforderer: Wenn der „amerikanische Weltbürger“ die „weichgepolsterte Existenz in Florida“ Deutschland vorziehe, koste ihn das die „Zugehörigkeit zum deutschen Schrifttum“ (!). Den Neid der Trümmerdeutschen bewirtschaftete ein Autor, der vom Königssturz im literarischen Feld träumte und dabei schon mal Pazifik und Atlantik durcheinanderbrachte.
Symptomatisch auch, wie Thiess seinen Versuch einer zweiten, nun geistigen Ausbürgerung Manns begründete. Die Entscheidung, ob ein Dichter zur deutschen Literatur zähle, werde nie von ihm selbst getroffen, sondern – jetzt kommt was für Sie, Herr Höcke – „vom Volke, das als Ganzes, als Großorganismus, eine untrügliche Witterung dafür hat, ob etwas fremd, ob etwas zugehörig“ ist.
„Abschied von Thomas Mann“, die trübste, Ende Oktober 1945 veröffentlichte Invektive, kennen die wenigsten. Grund: Der Publizist J. F. G. Grosser, der den Streit zwischen Geflohenen und Gebliebenen 1963 in Die große Kontroverse dokumentierte, nach der bis heute fast immer zitiert wird, sparte ausgerechnet diesen Text aus. Vorgeblich aus Platzmangel, in Wirklichkeit, weil in ihm das Ressentiment von Kumpel Thiess unschön durchbrach. Dabei ist das Elaborat lesenswert, betäubte Geschmacksnerven vorausgesetzt: Die völkische Metaphorik lässt erkennen, dass das 33er Interview kein Ausrutscher war.
Gewiss, sympathisch an Thiess ist, den 1929 begonnenen Briefwechsel mit Hermann Broch im „Dritten Reich“ fortgesetzt zu haben. Die Loyalität zum jüdischen Schriftstellerfreund ehrt ihn wirklich. In einer Epistel an den Wiener vom September 1934 befindet er, die Freiheit des geistigen Menschen sei bedroht von der Scylla Faschismus wie der Charybdis Bolschewismus. Aber reichen Broch als Adressat und die an ihn gerichtete Botschaft schon aus, um den Autor der inneren Emigration zuzurechnen, wie 2018 Paul Michael Lützeler meinte, der Herausgeber der Korrespondenz?
In Thiess’ Faschismuskritik sprach ein Zauberlehrling mit, dessen Reden am Ende von Weimar zu den ideologischen Verstärkern der NSDAP zählten, an der er 1932 „das spezifisch jugendliche, spezifisch revolutionäre Moment“ rühmte. Als Produzent süffiger Liebesromane weckte er allerdings Funktionärsneid. Nach dem Machtwechsel wurden zwei seiner bis dahin elf Erzählungen, Die Verdammten (1922) und Frauenraub (1927), wegen der „unmoralischen“ Themen Inzest und Ehebruch vorübergehend mit Verkaufsverbot belegt und aus den Leihbibliotheken entfernt. Der Bücherverbrennung zum Opfer gefallen, wie Thiess nach der Diktatur kolportiert und noch immer auf Wikipedia steht, sind sie nicht (was auch Lützeler vermerkt).
Anlässlich der beiden Verkaufsverbote klagt der Romancier dem RSK-Geschäftsführer Hinkel im Dezember 1934, in eine „innere Emigration“ gedrängt zu werden. Die Prägung des Begriffs bereits im frühen NS hat sich Thiess 1945 also zu Recht zugeschrieben – nur dass er zuvor den Terminus karikierte, indem er sich der braunen Kulturbürokratie andiente. Welche Anpassungen hat die einschlägige Forschung zutage gefördert? Beachtenswert sind nicht nur besagtes Interview und ein 1933 verfasstes Vorwort zu einer „Sonderausgabe“ des Romans Der Leibhaftige, das die neue Zeit genauso feierlich begrüßt. In der 1924 erstpublizierten Erzählung sei „die Verjudung des deutschen Denkens dargestellt“, versichert Thiess der RSK in einem Schreiben vom Oktober 1934, das völkischer Leistungsschau gleicht. Kraft seines bisherigen Werkes habe er sich als „Wegbereiter des neuen Deutschland“ bewährt, „seit zehn Jahren den unauslöschlichen Haß der jüdischen Literatenschaft und der jüdischen Presse zugezogen“. Vom Bedarfs-Antisemiten erfährt Broch nichts, versteht sich.
Das Vertrauen der Partei zu gewinnen, der er nicht angehört, gelingt Thiess mit Tsushima (1936), dem Dokumentarroman zum japanisch-russischen Seekrieg 1905. Spannung und enorme Präzision in der Schilderung der maritimen Operationen ermöglichen den internationalen Erfolg, zugleich ist es ein mit Weltbild und Interesse der NSDAP voll kompatibles Werk.
Genau zu der Zeit, da das Deutsche Reich ein antisowjetisches Abkommen mit dem Japanischen Kaiserreich anstrebt, verewigt Thiess eine Schlacht, in der die totalitär organisierten und gleich zu Anfang als die „Preußen Asiens“ geadelten Japaner gewinnen. Pflichtgefühl und Energie machen sie zu positiven Identifikationsfiguren. Ihr wichtigster Kontrahent, der tragische Admiral Rojéstwenski, „zeigt die Todesentschlossenheit eines Hagen, der auch auf verlorenem Posten seinen Mann zu stellen weiß.“ So werden gleich zwei Wunschvorstellungen erfüllt, die vom kollektiven Siegeszug wie die vom individuellen Heroismus, stellte bereits 1998 Erhard Schütz fest.
Über die Feier des Soldatischen hinaus – sie betrachtet auch Kiesel skeptisch – sind die mitlaufenden Deutungen der russischen Niederlage heikel. Weil „der einzelne dem unabänderlichen Schicksal seines Volkes unterworfen“ ist, vollzieht Rojéstwenski „das Schicksals Russlands“ mit, „das das Schicksal des russischen Charakters war“. Nimmt man nun noch das Leitmotiv von Russland als Koloss auf tönernen Füßen hinzu, konnten die Nazis das Ganze als Ansporn zum Angriff auf die Sowjetunion verstehen.
Der Autor selbst teilt seinem Verlag Zsolnay 1938 mit, „daß der Führer Tsushima mit Begeisterung gelesen und wiederholt verschenkt“ habe. Dank einer Empfehlung des Propagandaministeriums im Juli ’39 schnellen die Verkaufszahlen in die Höhe. Da die „innere Emigration“ des Frank Thiess ansonsten im Verfassen hochdotierter Drehbücher für die UFA besteht, bringt er es im gleichen Jahr zu einer Villa im schönen Bad Aussee, Österreich; anschließende Besuche in Deutschland sind nicht überliefert. Der Schriftsteller, der die Exilanten belehrte, es sei ein Unterschied, „ob ich den Bombenhagel auf deutsche Städte lebend überstehe oder mir davon berichten lasse“, schaute ihm aus dem Logenplatz der Steiermark zu.
Und warum achtzig Jahre später daran erinnern, dass er in der Spielzeit 33–45 nicht das Heldenstück aufgeführt hat, das er später vorspiegelt? Weil Tsushima, 1943 mit einer Wehrmachtsausgabe honoriert, nicht einmal das Minimalkriterium „innerer Emigration“ erfüllt, staatlicherseits keine Förderung erhalten zu haben. Und weil ein Kriegerepos mit (bis 1944) knapp 100.000 verkauften Exemplaren nach dem Krieg zur potentiellen Hypothek wurde, die den Ton des Autors in der „großen Kontroverse“ miterklärt: In seiner singulären Aggressivität gegenüber dem Exil steckte Vorwärtsverteidigung. Deswegen eskalierte Thiess und kein anderer der von ihm in Beschlag genommenen Kollegen. Weder Bergengruen noch Wiechert hatten es nötig, gegen Thomas Mann zu sticheln, noch bevor dieser sich negativ zur Literatur im NS äußerte; weder der eine noch der andere schwadronierte anschließend von einer Verbannung des Nobelpreisträgers aus der deutschen Literatur.
Ein Bergengruen etwa hatte nicht nur nichts zu kompensieren; seine postfaschistische Selbstdarstellung und die von Thiess trennten Welten. Bekanntlich fassten viele Zeitgenossen den „Großtyrann“-Roman als verschlüsselte Widerstandsliteratur auf, war er doch punktuell als Parabel auf den Machtmissbrauch im Nationalsozialismus deutbar. Man denke an den dem „Röhm-Putsch“ ähnelnden Mord der Titelfigur oder an das Bespitzelungssystem im fiktiven oberitalienischen Stadtstaat. Weniger bekannt ist: Bergengruen widersprach 1961 der Gleichsetzung seines diktatorischen Renaissancefürsten mit Hitler, dafür sei Ersterer zu vielschichtig angelegt. Ein plausibler Kommentar – im Schlussteil überwiegen positive Charakterzüge des Tyrannen – und ein denkwürdiger, insofern dieser Autor eine politische Dissensbekundung und damit eine Heldenrolle im NS bestritt.
Genau umgekehrt verhält es sich mit Das Reich der Dämonen, Thiess’ Arbeit zur Geschichte der antiken Reiche Hellas, Rom und Byzanz. Sein Buch von 1941 erhob er in der Autobiographie Jahre des Unheils (1972) zum „Geschichtswerk des Widerstandes“ und sprach von einem Verbot „prompt nach Erscheinen“. Die gleiche Leidensmeldung machte er schon 1946. Intolerabel fürs Propagandaministerium sollen, folgt man einem 1961 gegebenen NDR-Interview, die Gegenüberstellung des demokratisch-freiheitlichen Attika und des geistfeindlichen Militärstaats Sparta gewesen sein wie auch die Negativzeichnung von Diocletians terroristischen Methoden.
Beides kommt im Werk tatsächlich vor, und dass das eine wie das andere als getarnte Abrechnung mit der NS-Herrschaft verstanden werden sollte, ist gut möglich. Dasselbe gilt für den Titel, der sich 1941 natürlich auf das Deutsche Reich beziehen ließ. Und doch begegnen wir auch hier Legendenbildung. Für ein Verbot des Buchs fehlt jeder Beleg. Nachweislich konnten zwei Auflagen erscheinen, beschränkte sich Thiess’ Renitenz darauf, eine von den Ministerialen angemahnte Überarbeitung von Passagen zum Germanentum zu unterlassen. Am Bild Spartas und des römischen Kaisers nahm die Partei keinen Anstoß.
Ohnehin ist es wenig zwingend, Das Reich der Dämonen als „Manifestation von Dissens“ (Kiesel) zu lesen. Mit der Sparta-Schelte konnte ebenso gut die Sowjetunion gemeint sein („von eisernen Reifen umklammerter Sozialismus“), auch fällt das Gewicht der vom Verfasser als kritische Anspielung präsentierten Passagen gering aus in dem Ziegel von fast 700 Seiten. Das Vorwort wirkt eher wie eine „Apologie geschichtlich-gesellschaftlicher ,Katastrophen‘“ (Ralf Schnell), dort nämlich heißt es: „Die Gewalten der Geschichte sind grausam wie die eines Urwalds, doch sie dienen dem letzten Ziel alles Daseins: Fruchtbarkeit.“
Wie wenig Thiess selbst an einen erkennbaren Widerstandsgehalt glaubte, verrät sein Einfall, den Ausgaben seit 1946 nachträglich Kapitel mit regimekritischen Passagen einzufügen – seit den fünfziger Jahren ohne jede Vorbemerkung, so dass das Publikum jene für halsbrecherische Keckheiten von 1941 halten musste. Die wohl kühnsten Kreationen aus Franks Frisiersalon. Tsushima wiederum ‒ ein Opus mit Sentenzen wie „Hier, in der geheimnisvollen Tiefe des Ewigmännlichen, ruht das Fundament aller Nationen: die soldatische Pflicht“ ‒ erklärte er 1972 zu einem „Buch gegen den Krieg“, wodurch die Thiess’schen Memoiren eine realsatirische Note erhielten.
Kurz: Wer sein Wirken noch heute als „innere Emigration“ labelt, bestätigt nur den verbreiteten Eindruck, dass „die Mitgliedschaft in diesem Verein nicht allzu schwer zu erwerben war“ (W. G. Sebald). Darin besteht das dritte und größte Repräsentationsproblem. Geringer wäre es, hätten Bergengruen oder Wiechert den gnadenlosen Selbstverklärer beizeiten gerügt. Seit dem 21. Juni 1946 war seine Tendenz zu Märchenstunden unübersehbar, und dass sie keine Sanktion erfuhr, konnte Thiess nur ermutigen, mit dem Retuschieren fortzufahren.
Klar waren die beiden integreren Autoren nicht für ihn haftbar. Doch macht gerade ihre Glaubwürdigkeit den lässlichen Umgang mit dem „bösen Buben“ bedauerlich. Der eine lieferte mit dem Renaissance-Roman ein respektables Kontrastwerk zum fast zeitgleichen Bellizismus von Tsushima, der andere, Wiechert, konnte gar die Autorität der offen kritischen Münchner Rede (1935) und des zeitweiligen Buchenwald-Häftlings geltend machen. Dass er sich nach Einkerkerung und Zwangsarbeit auf literarischen Eskapismus verlegte, kann ihm kein Zurechnungsfähiger verübeln. Hätte einer der beiden Thiess öffentlich die Leviten gelesen, wäre dessen Nachkriegskarriere weniger glatt gelaufen. Dafür wäre es der Reputation der „inneren Emigranten“ zugutegekommen, langfristig, da Jüngere die Rangunterschiede im Verein leichter hätten wahrnehmen können.
So aber brachten Thiess die Exilantenverhöhnung und Dissidenzphantasie 1950 das Amt des Vizepräsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ein, was dem Ruf der „inneren Emigration“ bei nicht wenigen Nachgeborenen den Rest gab.
Warum ermöglichten selbst Bergengruen und Wiechert, dass Thiess’ Frechheit siegte? Waren auch sie über das harsche Urteil aus Amerika so eingeschnappt, dass sie ihm alles durchgehen ließen? Sicher. Sahen sie seine Giftspritzer gegen die wirklichen Emigranten mit ein wenig Behagen? Vielleicht. Auf der Hand liegt, dass Frank Thiess eine kollektive Nachfrage nach Selbstrechtfertigung befriedigte, deretwegen man über die wunden Punkte seiner Vergangenheit geflissentlich hinwegsah. Die Daheimgebliebenen, ob politisch unbelastet oder belastet, schweißte die Entwertungsangst zusammen, das Bedürfnis, dem Exil eine politmoralische Überlegenheit abzusprechen. Zwei Sätze Wiecherts sagen alles Wesentliche, sie galten den Remigranten: „Sie dürfen nicht mit einem Anspruch des Ruhmes zurückkehren. In ihrem Fortgehen lag eine bittere Notwendigkeit, aber kein Ruhm.“ Da ist die Befürchtung, und nicht nur seine, herauszuhören, dass den Geflohenen nun das Monopol auf Legitimität zufiel.
Keine unbegründete Sorge. Mögen wir die Literatur im Nationalsozialismus heute auch öfter mit der Nachsicht betrachten, die allen gut ansteht, die nie in einer Diktatur gelebt haben: Ruhm verbinden wir eher mit Thomas Mann oder Brecht. Für sie spricht der rechtzeitige Klartext zu den Nazis wie der bessere Stil. Von der Lektüre ihres lautesten Antipoden jedenfalls rate ich ab. Bei ihm gehen das Pampige und das Weitschweifige Hand in Hand.













