Zwischen Fake News und Gefühlstaubheit

Rätselraten mit Rollstuhlpetra: Der neue Roman der Österreicherin Raphaela Edelbauer verbindet Philosophie, den Kampf gegen Fake News und Populismus mit skurrilem Witz und Sprachlust

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Think backwards“, denk rückwärts – so lautet das Motto eines angeblich revolutionären, neuen Videospiels. Im Grunde ist es die simple Variante einer Detektivgeschichte. Denn ausgehend von einem Mord hat man als Spieler die Aufgabe, sich am Zeitstrang Stück für Stück zurückzuhangeln. Ohne zu wissen, wonach genau man suchen soll oder was einen auf dem letzten Level erwartet.

Was immer es sein wird, die maliziöse Erfinderin dieses Spiels behält sich vor, am Ende nur eine Scheinantwort zu liefern:

ein Think-Backwards-Game müsste […] die Plausibilität, die gar nicht besteht, vortäuschen wie ein gut geschriebener Krimi, müsste die Befriedigung, auf die ,richtige Erklärung‘ gekommen zu sein, den Spielern so stark suggerieren, dass sie nie auf die Idee kämen, es könne auch andere, ebenso plausible geben. Das war mein Geniestreich.

Was so vielversprechend klingt, existiert bislang nur als Fiktion, als Nebenstrang im neuen Roman der Österreicherin Raphaela Edelbauer. Dessen Erzählerin ist eine junge Programmiererin, die im Rollstuhl sitzt und sich „Byproxy“ nennt, was so viel wie „In Stellvertretung“ bedeutet und natürlich auch an digitale Proxies erinnert: Ein Proxy sitzt zwischen Client und Server und kann die wahre Identität eines Users verschleiern.

Eigentlich heißt die Protagonistin Petra – oder vielleicht auch Dorothee, aber darauf kommen wir noch. Sicher ist jedenfalls, dass der ambitioniert-verschachtelte, 450 Seiten starke Roman mit dem Titel Die echtere Wirklichkeit selbst Züge eines Denk-rückwärts-Spiels trägt: Schließlich sieht man in der Eröffnungsszene Byproxy als Mitglied einer „philosophischen Terrororganisation“ bei den Vorbereitungen für einen Anschlag – nur um dann dessen Vorgeschichte erzählt zu bekommen.

Diese beginnt damit, dass Byproxy obdachlos geworden ist. Was sie sich allein selbst zuzuschreiben hat, immerhin hat sich versucht, einen Mitbewohner zu ermorden und hat deshalb ihr Zimmer in einer betreuten Wohngemeinschaft verloren.. Auf der Suche nach einer Bleibe lernt sie vier skurrile Aktivisten kennen und nistet sich, neugierig geworden, in deren Wiener Wohngemeinschaft ein. Das Quartett besteht aus einem Philosophiedozenten und einem -studenten, einer entlaufenen Erbin sowie einer Alt-68erin und nennt sich, etwas verspannt, „Aletheia“, also Wahrheit.

Um den prekären Zustand von Letzterer im Zeitalter von Fake News und Populismus geht es der Gruppe auch. Dass die Wahrheit heute nur noch als subjektiv und relativ gelte, liege an der Postmoderne, erfährt Byproxy. Und beobachtet amüsiert, wie uneins die wackeren Verteidiger der Wahrheit sind, wenn es um die Auswahl ihrer Aktionen oder den Umgang mit Gewalt geht („Einem Dekonstruktivisten die Tür zuzumauern, damit er die Realität erkennt. Was soll das überhaupt sein? Ein scheiß Maturantenstreich?“).

Nach einem philosophischen Crashkurs mausert sich die manipulative Byproxy bald zum Mastermind der Gruppe und erklärt als solches „Gewalt als Geste“ für unabdingbar. Diese Entwicklung wird zwar mit viel Humor erzählt – nur warum Edelbauers Protagonistin aus dem Dilettantenquartett waschechte Terrorprofis machen will, wird leider nie so recht klar. Spätestens hier muss aber darauf hingewiesen werden, dass sich Byproxy ohnehin als dezidiert unzuverlässige Erzählerin versteht:

wenn mir im Leben ein einziges Talent gegeben war, dann jenes, Geschichten aus einem einheitlichen Stoff zu weben: wasserdicht, widerspruchsfrei, souverän. Damit meine ich nicht, dass ich log, auch wenn die Selbsthilfebücher, die behaupten, Schutz gegen Menschen mit meiner Disposition zu lehren, diese beiden Dinge gerne miteinander gleichsetzen.

Dabei ist Edelbauers Hauptfigur nicht nur querschnittsgelähmt, sie leidet auch an Alexithymie, an Gefühlsblindheit. Soll heißen: Was immer sie empfindet, kann von ihr selbst nur erraten werden. Das klingt verdächtig nach einem Fall von ästhetischer Überfrachtung, gibt der Autorin aber Gelegenheit für eine herrlich komische Sexszene. Was die Liebe angeht: Diese hat die Ich-Erzählerin nur einmal erfahren, zu ihrer verstorbenen Freundin Dorothee, angeblich auch der Grund für ihr Handicap. Eingestreute Rückblenden erzählen die Geschichte dieser von Rivalität geprägten Beziehung, die so eng gewesen sei, dass „sie als Einzelne zu existieren aufhörten“. Vieles deutet darauf hin, dass Petra eigentlich Dorothee ist, also Petras Identität gekapert hat. Oder sind beide nur die Hälften einer gespaltenen Persönlichkeit?

Wie auch immer, aufregender ist, wie schon in den früheren Werken dieser Autorin, die Sprachlust des Romans: das typisch Edelbauer’sche Potpourri aus originellen Vergleichen, Wortschöpfungen, Austriazismen sowie Anleihen aus Fachsprachen. Bei der Frage, die Edelbauers Terror-Philosophen umtreibt – gibt es immer nur eine Wahrheit oder viele? –, weiß man seit ihren Poetikvorlesungen, wo die 35-jährige Autorin diesbezüglich steht: Nicht nur dass Philosophie und Literatur quasi blutsverwandt sein sollen, in beiden Fällen gebe es für die Wahrheit eines Textes nur ein Kriterium: seine innere Stimmigkeit. Und eben hier liegt sozusagen der Bug dieses Romans, sein Programmierfehler: Er nimmt seine eigene Metapher, Byproxys Denk-rückwärts-Spiel, leider nicht wirklich ernst. Denn rückwärts gedacht beziehungsweise erzählt, ist dieser Roman letztlich eben nicht. Wie das geht und welche Folgen das für die Lektüre hat – jede Art von Sinnstiftung wird für den verstörten Leser unmöglich –, hat bereits Edelbauers Landsfrau Marlene Streeruwitz gezeigt, vor über 20 Jahren, in ihrem Roman Partygirl.

Titelbild

Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit. Roman.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025.
441 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783608966305

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