Ein Aufruf zur Solidarität
Lena Gorelik eröffnet mit „Alle meine Mütter“ einen Wahrnehmungsraum, der ganz unterschiedliche Formen der Mutterschaft sichtbar macht
Von Mila Mantaj
Was für ein Mensch ist die eigene Mutter, wenn sie nicht Mutter ist? Kann eine Mutter überhaupt aus ihrer mütterlichen Haut? Und was bleibt vom eigenen Ich übrig, wenn man selbst erstmal Mutter geworden ist? All diese Fragen und noch viele mehr versammeln sich in Lena Goreliks Roman und werden von der Autorin über ganz unterschiedliche Perspektiven in Form von „fremde[n] Geschichte[n]“, die Gorelik in ihre „fremde[n] Worte“ kleidet, erzählt. Eingewoben in diese fremden Geschichten ist zudem die Geschichte der Ich-Erzählerin, deren Mutter an Brustkrebs erkrankt ist; diese Erzählfigur weist auffällig viele autobiographische Parallelen zu Gorelik selbst auf. Die Krankheit der Mutter wird dabei zum roten Faden der autobiographischen Passagen; die mit ihr verbundenen Gefühle von Sorge und möglichem Verlust prägen zugleich die unterschiedlichen Erzählungen über Mutterschaft im gesamten Roman.
Auch Goreliks letzter Roman Wer wir sind (2021) erzählt bereits autobiographisch von der Emigration der Familie als sogenannte Kontingentflüchtlinge. Die Sowjetunion und die Erfahrung der Emigration nach Deutschland werden auch in Alle meine Mütter erneut aufgegriffen: Gorelik berichtet von der sowjetischen Abtreibungspraxis, die zwar „kostenlos und legal“ war, deren Umstände jedoch „menschenunwürdig waren“. Die Autorin erzählt davon, wie ihre migrantische Mutter in der schwäbischen Kleinstadt zu einem Abbild ihrer „eigenen neuen Einsamkeit wird“ und dass es ausgerechnet die liebende Mutter ist, die Gorelik ihr Anderssein als Kind und Jugendliche schmerzhaft vor Augen führt.
Der Autorin gelingt es auf beeindruckende Weise, die Erzählungen der polyphonen Mutterfiguren mit ihren eigenen Erfahrungen, als Tochter und Mutter, zu verweben. Das Bedürfnis, das auch bereits im Titel anklingt – über alle Mütter schreiben zu wollen – führt dazu, dass sich die Leser*innen immer wieder kurz vergegenwärtigen müssen, wessen Erzählung und Geschichte gerade präsentiert werden. Dass dabei auf nur knapp 270 Seiten nicht alle Schicksale sichtbar gemacht werden können, liegt auf der Hand und wird von der Autorin sogleich kritisch reflektiert:
Manchmal kommt es mir so vor, als dürfte und könnte das Schreiben kein Ende finden. Ein Kraftakt, auszuwählen – ich schäme mich vor denen, die am Ende fehlen: […] Die Mutter, die in Armut lebt. […] Über die deutsche Mutter wollte ich schreiben, die aus „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. […] So viele Mütter beim Schreiben verloren, und der Text ist trotzdem geworden, schreibe ich, obwohl ich weiß, dass ich es war, die Entscheidungen getroffen, die ausgewählt hat. Obwohl wir das nicht können, Mütter aussuchen, Kinder.
Der episodenhafte Charakter der Erzählung und die dadurch ermöglichte Darstellung der vielfältigen Geschichten haben ihren Reiz, aber an manchen Stellen bleibt der Roman dadurch auch zu oberflächlich. Gerade dann, wenn Figuren spannend eingeführt werden, ihre Schicksale besonders berühren oder ihre Geschichten eher unkonventionelle Mutterschaftsentwürfe in den Mittelpunkt rücken. Aber gerade aus dieser Vielstimmigkeit heraus entwickelt der Roman seine besondere Stärke: Mutterschaft ist eben keine einheitliche oder zu idealisierende Erfahrung, sondern ein (widersprüchliches) Geflecht aus Fürsorge, Überforderung, Verlust, Liebe und Einsamkeit.
Das Schreiben und die Reflexion darüber, wie und durch wen (Familien-)Erinnerungen archiviert werden können, ist eines der zentralen Motive in Goreliks Roman. Wiederkehrend nimmt sich die Autorin der Frage an, welche Erinnerungen an die eigene Familie bleiben und wessen Geschichte nicht erinnert werden kann, weil niemand nach ihr gefragt hat. Alle meine Mütter ist somit nicht nur ein Roman, sondern fast schon ein Plädoyer, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen; nicht zuletzt, um sich selbst und seine Rolle somit besser zu verstehen und somit der eigenen Identität näherzukommen.
Der Wunsch, über alle Mütter zu schreiben, führt zu einem breiten Spektrum an Themen, die von der Autorin lediglich umrissen werden. Fast alle Geschichten drehen sich dabei um ähnliche Fragen und Ängste, die unüberwindbar mit Mutterschaft verbunden scheinen. Das berührendste Kapitel ist dabei das, in dem die Autorin Zitate aus Interviews mit Müttern nutzt, „deren Kinder im Krieg getötet wurden.“ Die Gefühle von Schmerz, Verlust und Trauer prägen den Roman über weite Strecken, aber trotzdem ist Alle meine Mütter kein ausschließlich trauriger oder hoffnungsloser Text. Das Schreiben und das Sichtbarmachen von Erfahrungen und Erlebnissen dient nicht nur als narrative Struktur der autobiographischen Kapitel, sondern kann im Allgemeinen als Strategie verstanden werden: Nur wenn über die verschiedensten und damit auch die ambivalenten Aspekte von Mutterschaft gesprochen wird, können die hohen Erwartungen gebrochen werden und es kann Solidarität unter denjenigen Frauen entstehen, die für sich einen anderen Entwurf von Mutterschaft gewählt haben.
Die Bezeichnung als Roman mag im ersten Moment irritieren und könnte gewisse Enttäuschungen hervorrufen, da Alle meine Mütter weniger einer klassischen Handlung folgt als vielmehr eine Montage aus Erinnerungen, Stimmen und (essayistischen) Reflexionen darstellt. Doch gerade diese offene Form verweist darauf, dass die Erfahrung der Mutterschaft nicht als etwas Abgeschlossenes und eindeutig Erzählbares zu verstehen ist. Die vielfältigen Erfahrungen werden zeitweise zu Lasten einer erzählerischen Tiefe präsentiert und trotzdem ist dabei ein Text entstanden, der berührt und nachwirkt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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