Der kurze Weg von Artemis zu Prinzessin Diana
Kate Hodges hübsch aufgemachter Porträtband „Hexe, Heldin, Kriegerin“ leidet an einigen Schönheitsfehlern
Von Rolf Löchel
Fünfzig mythische Frauen verspricht der Untertitel von Kate Hodges Buch Hexe, Heldin, Kriegerin vorzustellen. Das ist ein wenig gemogelt. Denn die vorgestellten Wesen sind zwar (fast) ausnahmslos weiblich, aber keineswegs immer Frauen, sondern nicht selten Göttinnen oder „Elementargeister“. In einem Fall handelt es sich sogar um eine Schlange; genauer gesagt um die zweigeschlechtliche Regenbogenschlange aus dem Mythenkreis der Aborigines. Dafür aber sind den zumeist zwei bis drei Seiten langen Porträts schöne pastellfarbene Illustrationen von Harriet Lee-Merrion vorangestellt, die der offenbar weiblichen, eher jugendlichen Zielgruppe der Publikation zweifellos entgegenkommen, aber auch viele anderen ansprechen dürften.
Wie die Erwähnung der Regenbogenschlange bereits erahnen lässt, hat sich die Autorin in Mythen aus aller Welt umgesehen, mit einem leichten Schwerpunkt auf Europa. Die Auswahl der vorgestellten Figuren erfolgte nach einem ganz subjektiven Kriterium: Hodges wählte diejenigen aus, die sie „am meisten beeindruckten“. Mit ihnen möchte sie die „wahren Ursprünge“ der mythischen Geschichten aufdecken, die sich etwa „hinter den modernen Blockbustern […] finden“. Dabei erzählt sie nicht nur die Mythen nach, sondern wirft auch Schlaglichter auf deren jeweilige Rezeptionshistorie. Vor allem aber macht sie auf aktuelle Referenzen in der Populärkultur aufmerksam; namentlich in der Popmusik. Das ist wenig überraschend. Denn die Autorin ist als Mitglied der Bands Ye Nuns und The Hare and Hoofe selbst in dieser Kunstform unterwegs. Am Ende des Buches hat sie sogar eine „Playlist“ mit fünfundzwanzig mehr oder weniger bekannten Songs zusammengestellt, aus deren Texten sie zitiert.
Gegliedert hat Hodges ihr Buch weder chronologisch nach dem Alter der Mythen, noch geographisch nach ihren Ursprungsorten, sondern in fünf thematische Hauptabschnitte: Hexen, Kriegerinnen, Unheilsgöttinnen, Elementargeister und Muttergöttinnen. Wie die Autorin erklärt, habe sie sich „bemüht, [s]ich sprachlich und begrifflich möglichst eng an die eigentlichen Urheber anzulehnen“. Das ist allerdings kaum geglückt. Auch steht dieses Vorhaben in einem gewissen Spannungsverhältnis zu ihrer Absicht, die Mythen und ihre Figuren „in neuem Licht und Kontext“ zu präsentieren. Dabei spricht sie den mythischen Figuren fast ausnahmslos eine Vorbildfunktion meist feministischer und/oder ökologischer Art zu. So erklärt sie die Weiße Büffelfrau der Lakota-Kultur etwa zu einer „Ökokriegerin“, die die „Bausteine, die auch die Grundlage heutiger Umweltbewegungen bilden“, verkörpere. Die buddhistisch/hinduistische „Sternengöttin“ Tārā würde Hodges zufolge „heute […] wahrscheinlich […] bei Demos gegen den Klimawandel vorneweg gehen“ und die griechische Göttin der Jagd Artemis sei die „erste Umweltschützerin“ gewesen. Die „sorgsam bemessene, wenngleich knallharte Form der Vergeltung“ der Furien „dient“ der Autorin zufolge „Aktivisten und Menschenrechtlern bis heute als Quell der Inspiration in ihrem Einsatz für sozialen Wandel und Gerechtigkeit“. Auch andere wie die „nordwestsemitisch[e]“ Göttin Anat sind nicht eben friedvoll. Gilt sie Hodges doch als „Paradebeispiel eines kratzbürstigen Seifenopernstars im Gewand einer allzeit gewaltbereiten Kriegsgöttin“, die „das klassisch männliche Beschützerklischee auf den Kopf [stellt]“, während die tschechische Kriegerin Šárka eine „radikale Feministin“ sei. Bei anderen mythischen (Frauen-)Figuren scheint es sich um frühe Erscheinungen heute angesagter Lebensführungen in Subkulturen junger Menschen oft weiblichen Geschlechts zu handeln. Die Walküren seien der Maxime „schnell leben und jung sterben“ gefolgt und „wer“, fragt Hodges rhetorisch, „könnte [den] wild vergnügten Geist“ der russischen Hexe Baby Yaga „nicht bewundern“? Die afrikanische Wassergöttin Mami Wata stellt Hodges hingegen als „ultimative Selfie-Queen“ vor, die „wie geschaffen“ sei „für die heutige Wegwerfkultur und die moderne Lifestyle-, Selfie- und Instagram-Welt“.
Meist referiert die Autorin bei ihren Nacherzählungen der Mythen auf eine bestimmte Version, bei der es sich in der Regel um die bekannteste handelt. Gelegentlich macht sie aber auch darauf aufmerksam, dass es deren mehrere verschiedene gibt. Außerdem informiert sie darüber, wann die jeweilige Figur erstmals auftauchte und wie sich deren Charakter, ihre Darstellungen und Interpretationen im Laufe der Zeit wandelten. In den christianisierten Ländern spielte oft der fatale Einfluss der neuen Religion und ihrer Priester eine große Rolle dabei, dass einst positiv konnotierte Figuren in bösartige verwandelt wurden. Hodges‘ kurze Porträts enden hingegen fast ausnahmslos mit einer Vorbildfunktion, die die (Frauen-)Figuren der Autorin zufolge noch heute haben können. Selbst das Porträt der finnischen Göttin Loviatar, „diese[r] bösartigste[n] aller Göttinnen“, findet am Ende eine positive Wendung. Denn sie „hat es nicht geschafft, unseren Planeten zu zerstören. Somit könnte Loviatar auch als Symbol für die Widerstandskraft der Menschheit gesehen werden“.
Für ihre Porträts zieht die Autorin offenbar ausschließlich die Sekundärliteratur, nicht jedoch die Quellentexte selbst heran. Das mag angesichts des weiten Spektrums und der Vielfalt der vorgestellten Mythen nachvollziehbar sein, ist aber fehlerträchtig, und zwar auch hinsichtlich historischer Tatsachenbehauptung. So wird Hesiod etwa zum „Schriftsteller des 2. Jahrhunderts“ erklärt. Tatsächlich aber lebte er etwa von 740 bis 679 v. Chr. Doch nicht alle Schwächen des Bandes sind der von Hodges herangezogenen Literatur anzulasten. So dürfte in keiner ihrer Quellen stehen, dass Shakespeares Macbeth der „Populärkultur“ zuzurechnen ist. Auch dürften sie nicht für den Widerspruch verantwortlich sein, der darin besteht, dass die Autorin konstatiert, Artemis habe in „eine[r] rein weibliche[n] Gemeinschaft“ von Jägerinnen, mehr noch „ein[em] rein weibliche[n] Utopia“ gelebt, aber auf der nächsten Seite von ihrem „Jagdpartner“ Orion die Rede ist. Dass die Heldin Katniss Everdeen aus Hunger Games eine „moderne Inkarnation“ der griechischen Göttin sei, wurde zwar schon oft so oder so ähnlich festgestellt und auch Hodges ist dieser Ansicht, doch findet Artemis bei ihr „einen noch stärkeren Nachhall […] in Prinzessin Diana“. Überzeugend ist das nicht.
Andere Ungereimtheiten bestehen etwa darin, dass die Geschichte einer „westafrikanisch[en] Prinzessin“ der Mossi-Kultur „seit über neunhundert Jahren weitererzählt“ werde, es auf der gleichen Seite jedoch heißt, sie habe „im 14. oder 15. Jahrhundert“ gelebt. Auch umfassen „neunzehn Generationen“, keine „2000 Jahre[]“, wie Hodges an anderer Stelle schreibt. Merkwürdig erscheint überdies, dass die Moiren „das Schicksal aller Menschen [bestimmen] – egal, ob sie […] Gott oder Sterbliche sind“ (Hervorhebung von mir, R. L.). Wenig nachvollziehbar ist auch folgende Argumentation Hodges: „‚Sith’ bedeutet ‚Volk der Hügel’ und soll sich auf die ersten dauerhaften Siedler Schottlands in prähistorischer Zeit beziehen. Und das wiederum legt nahe, dass die Baobhan Sith seit Millionen von Jahren gefürchtet sind.“ Bekanntlich sind die Menschen keineswegs schon solange sesshaft. Gelegentlich reproduziert die Autorin sogar Weiblichkeitsklischees. So seien die delphischen Ratschläge der Pythia „fast immer friedliebend, weise“ gewesen und hätten somit „gewissermaßen [der] weibliche[n] Betrachtungsweise der Dinge“ entsprochen.
Abschließend noch zwei letzte kritische Anmerkungen, die sich nicht auf Hodges' Text beziehen. Die eine betrifft die Übersetzung. Es drängt sich wiederholt der Verdacht auf, bei der Übertragung vom englischen Originaltext ins Deutsche habe ein Übersetzungsprogramm zur Seite gestanden. Auch wird die Übersetzerin Regina M. Schneider anders als üblich nicht auf dem Titelblatt genannt, sondern versteckt auf der allerletzten Seite im kleingedruckten „Impressum“. Das zeugt zumindest von einer ausgesprochenen Geringschätzung ihrer Arbeit. Dafür aber wird eben dort darauf hingewiesen, dass „kein Teil des Buches […] in irgendeiner Weise zum Zweck des Trainings künstlicher Intelligenztechnologien oder -systeme verwendet oder reproduziert werden [darf]“. Auch überrascht es, dass das Buch ausweislich des Impressums in Dubai gedruckt wurde. Die zweite Kritik gilt der Liste der „weiterführende[n] Literatur“ und der „Zitatquellen“, die ausschließlich englischsprachige Ausgaben enthalten – gleichgültig, ob dies deren Originalsprache ist oder deutsche Übersetzungen vorliegen. Im Falle von Simone de Beauvoirs Le Deuxième Sexe etwa ist die Originalsprache Französisch und es liegt eine deutsche Übersetzung vor.
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