Sie kann „sehen“

Nanami Kamons Horrorroman „Der Schrein“ verrät viel über japanische Geisterkultur

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nanami Kamon ist eine Autorin, die ihren Stoff aus dem Gebiet der Folklore, im Speziellen dem Geisterwesen Japans, bezieht. Das Thema Geisterwelt war in den 1980er und 1990er Jahren beinahe omnipräsent in der japanischen Kultur- und Medienszene, die Recherche kulturgeschichtlicher und ethnographischer Materialien oder die Erkundung von regionalen Überlieferungen und religiösen Bräuchen wurde Mode in den Wissenschaften ebenso wie bei Publizisten und Laien. Begriffsgeschichtlich markiert diese Phase die Prägung ikai – die heraufbeschworene japanische Anderswelt.

Die ethnoromantische Welle verebbte erst mit dem AUM-Terroranschlag im Herzen Tôkyôs 1995, der dem Okkultboom und einer religiösen Thematik generell einen empfindlichen Einbruch bescherte. Gruselgeschichten und Horrorromane blieben aber nach wie vor Bestandteil des Buchmarkts. Ende der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre hatte der J-Horror seine Blütezeit. Etliche der damals entstandenen international aufsehenerregenden Filme bezogen ihr Material aus literarischen Vorlagen und wurden umgehend in Hollywood-Kinoversionen adaptiert. Obwohl der Trend abflaute, bildete Kamons Roman 203-gôshitsu (2004) den Ausgangsstoff für den amerikanischen Horrorstreifen Room 203 (2022). Die Autorin ist bis heute bekannt für ihre Kenntnisse im Bereich des Okkulten, vor allem für Shintô-Rituale, Geomantik und lokale Tradierungen. Der Schrein, im japanischen Original unter dem Titel Iwaiyama (2007) erschienen, spiegelt dieses einschlägige Interesse wider, während er zugleich aufschlussreiche Einblicke in die japanische Renaissance des Übernatürlichen in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts gewährt.

Zwei Mutproben und ein metafiktionales Konstrukt

Der von Bernd Sambale ausgezeichnet übersetzte Text handelt von der Schriftstellerin Minami Kazuno, die in der unterhaltungsliterarischen Branche tätig ist. Vorzugsweise verfasst sie Horrorromane. Ihr aktuelles Projekt, die Story einer eher realistisch geschilderten Reise zu Spuklokalitäten, macht kaum Fortschritte. Allzu vorhersehbar erscheint ihr das Erzählte, wobei sie ein beliebtes Motiv des landeseigenen Gruselsujets aufgreift, nämlich die Mutprobe (jap. kimodameshi): Eine kleine Anzahl von Freunden plant dafür eine Exkursion zu einer verwunschenen Örtlichkeit, sei es ein Friedhof, ein verfallendes Haus (akiya), die Ruine (haikyô) eines weitläufigeren Gebäudes (z.B. Krankenhaus, Nervenheilanstalt) oder ein besonders unheimlicher Platz in der Natur, um den Test in Bezug auf die eigene Furchtlosigkeit zu bestehen. Häufig treffen sich zu diesen Unternehmungen gemischte Gruppen von Männern und Frauen. Die klassische Horrorgeschichte zum Thema Geisterorte schildert es als gefährlich, den am Spukort hausenden Geist zum Spaß herauszufordern; solche Aktionen haben fast immer das Verderben der Beteiligten zur Folge. Ein Fluch ereilt die Unglücklichen und einer nach dem anderen wird von dem übernatürlichen Wesen zur Strecke gebracht, auch wenn der Betroffene sich schon weitab vom ursprünglichen Ort des Geschehens aufhält.

Während Minami mit ihrem Roman nicht vorankommt, erreicht sie plötzlich die Mail einer alten Studienkameradin und Freundin, von der sie längere Zeit nichts gehört hat, mit der Bitte um Beratung durch die erfahrene Kennerin des Paranormalen. Freundin Asako Yaguchi und deren Bekannte sind nämlich auf einen besonderen Berg aufmerksam geworden, den sie nun unbedingt erkunden wollen – eine zweite Mutprobe also. Minami nimmt die Einladung an, Asako zum besagten Iwaiyama zu begleiten – zudem erhofft sie sich davon auch Anregung für ihre stagnierende schriftstellerische Arbeit. Insofern schreibt Kamon einen Gruselroman über eine Autorin, die – wie sie selbst – vor der Aufgabe steht, Grusellektüre zu produzieren.

Das Gruselromangeschäft und das japanische Geisterwesen im neueren Medienbetrieb

Nanami Kamons Roman ist kein „Thriller“, wie er vom Verlag angekündigt wird, auch kein üblicher Horrorroman. Blutige Attacken und grausame Todesszenen sucht man vergebens, unerträgliche Spannung kommt bei der Lektüre nie auf. Interessant sind vielmehr die Ausführungen zum Zeitgeist der 1990er, in denen sich ein „spiritueller Boom“ ereignete, sowie zu den Trends im Gruselgeschäft, von denen die textinterne Autorin sehr offen berichtet:

In den letzten Jahren hatte sich das allgemeine Bewusstsein vom Übersinnlichen gewandelt. Programme über Auren und Menschen, die aus vorigen Leben berichteten, waren in die Hauptsendezeit vorgedrungen und man hatte Zeitschriften speziell für Schauergeschichten ins Leben gerufen. Vor kurzem waren noch Horrorromane in Mode gewesen, doch mittlerweile bestand die Hauptströmung aus lebensnahen Geschichten, die nicht allein auf Furcht setzten. Zugleich bestand eine Nachfrage nach Gruselgeschichten, die vorgaben, wahre Begebenheiten zu schildern, ein Verlangen nach einem gewissen Realismus.

Nanami Kamon kommentiert im Schulterschluss mit ihrer textinternen Autorin die Strömung der „neuen Spiritualität“ dahingehend, dass der Spiritualitäts- und Jenseitsboom die Hürde zum Religiösen verkleinert habe. Die authentische Furcht vor der Geisterwelt fehle und das Schreckliche, das man früher durchaus gekannt hätte, könne man heute nur noch „verdünnt“ erfahren. Der Mutproben-Hype sei also eigentlich nicht gutzuheißen:

Gezielt das Grab eines Fremden oder einen Ort karmischer Verstrickung aufzusuchen und mitten in der Nacht herumzualbern – dass das nichts Gutes war, sagte einem schon der gesunde Menschenverstand. Umso mehr, wenn man an Geister glaubte. Zur Zirkusnummer machen zu wollen, was voller Groll dort weilen mochte, war unverzeihlich.

Freilich räumt sie, Minami, ein, von dieser Entwicklung zu profitieren, gibt dabei auch zu, selbst an Geister zu glauben. Da dem so sei, befände sie sich als Schriftstellerin in einem ethischen Konflikt.

Iwaiyama – Die, die „sehen“

Nanami Kamon involviert ihre Leserinnen und Leser auf eine eher subtile Art in Überlegungen hinsichtlich der Frage, ob Geister existierten oder nicht und ob die vormodernen japanischen Vorstellungen zur anderen Welt in modernen Zeiten Gültigkeit beanspruchen dürfen. Immerhin gäbe es Menschen, die „sehen“ könnten. Mit der Gabe des „Sehens“, auf die Kamon am Beispiel ihrer Schriftsteller-Protagonistin zu sprechen kommt, ist reikan, ein besonderer Sinn, gemeint, der die Wahrnehmung von übernatürlichen Dingen, Geistern oder verborgenen Energien ermöglicht. Diese (indirekte) Wahrnehmungsfähigkeit, sozusagen ein sechster Sinn, ist tatsächlich kein tabuisiertes Thema in der japanischen Alltagskultur und bezieht sich auf die eigene Intuition der Person. Jemand, der „sehen“ kann, erkennt die Schwingungen, d.h. die Ki-Energie eines Orts, respektive die eines Menschen. Ihm gelingt es eventuell auch, der Gefahr, von einem böswilligen Geistwesen ganz „eingesponnen“ zu werden, nicht anheimzufallen.

Der Schrein spielt mit der Möglichkeit, dass Übernatürliches existiert. Im Subtext diskutiert die Autorin zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften und Distanzierungen. Eine Freundin, die man aufgibt, weil sie nicht mehr unterhaltsam ist, gerät in die Anderswelt – bedeutet das Horrorhafte nicht auch immer eine Entfremdung voneinander?

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Nanami Kamon: Der Schrein. Thriller.
Aus dem Japanischen von Bernd Sambale.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2026.
208 Seiten, 12,99 EUR.
ISBN-13: 9783426567807

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