Eine Nachricht aus der Vergangenheit

In ihrem Debütroman „Bei aller Liebe“ untersucht Jane Campbell die lebenslangen Auswirkungen von Traumata

Von Miriam SeidlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Miriam Seidler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Entscheidungen, die weitreichende Auswirkungen nicht nur auf das eigene Leben, sondern auch auf das Leben anderer haben. Im Zentrum von Jane Campbells erstem Roman Bei aller Liebe stehen ein Brief und die drei Menschen, die er verbindet. Den Brief hat Sophy 1946 an den Vater ihrer Tochter Agnes geschrieben. Sophy und Dr. Joe Bradshaw lernten sich während eines deutschen Bombenangriffs auf England im Blitzkrieg kennen. Joe ist als Arzt im Einsatz, Sophy als Fahrerin eines Rettungswagens. Bei einem Bombenangriff entkommen beide nur knapp dem Tod. Mit dem Gefühl, nicht mehr lange zu leben, lieben sie sich in dieser Nacht in einem während des Luftalarms verlassenen Haus. Am Morgen trennen sich ihre Wege. Joe weiß bereits, dass er in den nächsten Tagen als Sanitäter zu einer Truppe nach Afrika verlegt wird, sodass sie sich nicht wiedersehen werden.

Sophy lebt nach wie vor in ihrem Elternhaus. Ihre Eltern – ein protestantischer Pfarrer und seine Frau – sind keine Vertrauenspersonen, lediglich ihren jüngeren Bruder Malcom weiht sie in die Erlebnisse dieser Nacht ein. Nur Sophy und ihm ist bewusst, dass ihre Tochter Agnes in dieser Nacht gezeugt wurde. Sophy heiratet wenig später den Niederländer Kurt, der als Flüchtling in England lebt, und davon ausgeht, dass Agnes seine Tochter ist. Mit Kurt ist Sophy glücklich, auch wenn sie ab und an an die Nacht mit Joe zurückdenkt. Nachdem Sophy nach Kriegsende in Erfahrung gebracht hat, dass Joe wieder in England ist, schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihm nicht nur ihr Leben und ihre Liebe zu Kurt skizziert, sondern auch von der gemeinsamen Tochter berichtet. Dieser ist nicht nur Mittel der Kontaktaufnahme, sondern zugleich eine intime Selbstdarstellung Sophys. Die Liebe zu beiden Männern weckt den Wunsch, Joe wiederzusehen, und so bittet sie ihren Bruder Malcolm, den Brief für Joe in dem Pfarrhaus abzugeben, in dem Joe aufgewachsen ist. Doch dazu kommt es nicht mehr. Da Malcolm den Brief nicht direkt abgegeben hat, dies aber vor seiner Schwester auch nicht zugeben möchte, scheint es ihm plötzlich zu spät zu sein: Sophy und Kurt sterben bei einem Autounfall.

Trotz seiner recht engen Beziehung zu Agnes, Sophys Tochter, gibt Malcolm den Brief auch nach Sophys Tod nicht an Joe weiter, mit der Ausrede, dass er nicht noch mehr Unruhe in das Leben seiner Nichte bringen möchte. Er findet zahlreiche Ausflüchte, warum er als junger Student nicht den Mut aufbringt, den letzten Auftrag seiner Schwester auszuführen und damit in gewisser Weise auch die Weichen für Agnes‘ Leben neu zu stellen. Agnes, die nach dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern lebt, hat den Verlust der Eltern ebenso wenig verwunden wie Malcolm.

Dies alles wird in Rückblenden aus der Erinnerung der Figuren erzählt. Der Roman beginnt kurz vor der Hochzeit von Elfie, der Tochter von Agnes: Der Junggeselle und Experte für das Alte Testament Malcolm weiß, dass er nicht mehr lange leben wird, und stellt sich nun der Aufgabe, den Brief nach über 50 Jahren an Agnes zu übergeben. Das fällt ihm nun insofern etwas leichter, als dass er den Arzt und Psychoanalytiker Dr. Joe Bradshaw bei einer Silvesterparty kennengelernt und sich gut mit ihm verstanden hat.

Der Roman wird abwechselnd aus der Innenperspektive von Malcolm, Joe und Agnes erzählt. Alle drei haben Beziehungsprobleme. Malcolm lebt zeitlebens allein. Joe, der ebenfalls seine Mutter früh verloren hat, hat häufig wechselnde Frauenbeziehungen. Agnes verliert ihr erstes Kind noch während der Schwangerschaft infolge körperlicher Gewalt durch ihren Ehemann. Um diese Erfahrung zu verarbeiten, macht sie eine Psychotherapie bei Joe, der ihr von Freunden empfohlen wurde. Sie findet durch die Therapiesitzungen Halt, verlässt aber ihren Ehemann nicht. Jo hingegen wirft diese Patientin, die ihn unbewusst an seine Mutter erinnert, völlig aus der Bahn. Er kann seine Gefühle Agnes gegenüber nur schwer einordnen und bewahrt doch die professionelle Distanz. Doch die Auseinandersetzung mit Agnes und ihrem frühen Verlust in den Therapiesitzungen bringt Joe zu einem reflektierteren Umgang mit sich selbst, denn er erkennt, dass er in seinen wechselnden Frauenbeziehungen die Erfahrung der bedingungslosen Liebe seiner Mutter sucht:

Rückblickend erkenne ich, dass die Arbeit mit Agnes mich von diesem Muster losgelöst hat, von dem, was ich bis dahin für meinen Lebensweg gehalten und als das Muster meines Lebens angenommen hatte. Jene intime, wenn auch mittelbare Wiederverbindung mit meiner Mutter hat mich, mit anderen Worten, verwandelt. Ich war bei meiner Patientin gescheitert, aber sie hatte mein Leben für immer verändert. Ich glaube, Spinoza hat sinngemäß gesagt, wenn ein durch die Luft geschleuderter Stein ein Bewusstsein hätte, würde er glauben, er bewege sich aus eigenem Antrieb. Wenn ich in den Jahren danach das Gefühl hatte, eigenständige Entscheidungen zu treffen, folgte ich vielleicht einfach nur der Flugbahn, auf die meine Begegnung mit Agnes mich gesetzt hatte.

Die ständige Reflexion der eigenen Handlungen und die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben ist allen drei Figuren gemeinsam. Sie erkennen hellsichtig ihre psychischen Verletzungen und Traumata und können doch keine Konsequenzen aus diesem Wissen ziehen: Joe wird seine Frau Clara mit einer anderen Frau betrügen und einen schmerzhaften Rosenkrieg durchleben. Agnes bleibt noch einige Jahre bei ihrem gewalttätigen Ehemann und bekommt mit ihm die Tochter Elfie, zu deren Schutz sie ihn dann letztlich verlässt und ihr Philosophiestudium wieder aufnimmt. Malcolm hält sich mit seinem Gelehrtendasein das Leben fern und bringt es lange nicht über sich, Agnes den Brief ihrer Mutter zu übergeben.

In Bei aller Liebe erzählt Jane Campbell auf einfühlsame Weise von den Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens. Ihre Figuren sind liebevoll gezeichnet. Durch die Innenperspektive können sich Leserinnen und Leser schnell mit ihnen identifizieren. Die intellektuelle Bildung der Figuren zeigt sich in ihrer Sprache und trägt zu einer anregenden Lektüre bei. Es gibt verschiedene Motive und Themen, die den Roman durchziehen. Agnes ist eng mit einer Wassermetaphorik verbunden. Diese taucht nicht nur in den Erinnerungen an ihre Mutter und den letzten gemeinsamen Tag am Meer auf, sondern durchzieht auch die mit ihr verbundenen Alltagsbeschreibungen, wenn sich zum Beispiel die Vorhänge ihres Schlafzimmers in Wellen bewegen oder sie eine Feier ihres Ehemanns mit der kleinen Tochter Elfie verlässt, um im strömenden Regen spazieren zu gehen.

Das Bild des Steins auf seiner Wurfbahn verbindet so nicht nur die Figuren, sondern es steht im Roman zugleich sinnbildlich für ihre Handlungen, deren jeweiliger Auslöser oftmals nicht direkt erkennbar ist und den Figuren selbst verborgen bleibt. Das Zitat verweist zugleich auf das eigentliche Interesse der Autorin, das der psychologischen Entwicklung ihrer Figuren gehört. Das verwundert insofern nicht, als Jane Campbell, die mit 80 Jahren mit Kleine Kratzer (2023) ihr Debüt mit Kurzgeschichten publiziert hat, und nun mit Bei aller Liebe ihren ersten Roman vorlegt, bis zum Renteneintritt selbst als Psychoanalytikerin gearbeitet hat. Und so ist dieser einfühlsame Roman eine Erzählung über die trügerische menschliche Wahrnehmung, die die Figuren auf verschlungenen Wegen zu einer Aussöhnung mit sich und miteinander führt. In den Worten des Gelehrten Malcolm liest sich das geheime Programm des Romans so:

Treulose Eleven sind unsere Augen, doch mehr noch als die Augen selbst sind es unsere Folgerungen aus dem, was wir mit ihnen wahrzunehmen glauben, unsere weitschweifenden Schlüsse und festen Überzeugungen, die bereitwillig mit jedem ins Bett gehen, jedem Gedanken, jedem Bild nur um am Morgen zu schwören, das, was wir wahrgenommen hätten, sei wirklich so passiert, oder nein, es sei nicht so passiert. Die Dinge um uns herum sind, wie sie sind; was wir brauchen, sind neue Augen. Wir glauben, was wir sehen, doch noch bevor wir unsere Blicke auf etwas lenken, entscheiden wir, was genau wir sehen werden. Nicht bewusst natürlich; vielmehr geschieht es heimlich, hinter unserem Rücken, alle Spuren werden verwischt. Der Motor aller Täuschungen? Unsere Gelüste. Unser unstillbarer Hunger. Unsere schauerlichen Ängste.

Bezieht sich der zurückgezogen lebende Malcolm hier ganz allgemein auf die Wahrnehmung, die von unseren Wünschen und Ängsten beeinflusst wird, so ist seiner Nichte, der Philosophin Agnes, bewusst, dass die Wahrnehmung zugleich sowohl die Sprache als auch die Kommunikation beeinflusst. Am Morgen der Hochzeit ihrer Tochter Elfie wird ihr nicht nur bewusst, dass ihr das eigens gekaufte Kleid nicht steht, sie reflektiert vor allem darüber, wie schwer ihr die Verständigung selbst mit ihrer Tochter fällt:

Ich fürchte, meine Tochter und ich sprechen verschiedene Sprachen. Für mich sind Fakten glitschige Objekte, sie rutschen in ihrem seifigen Sud herum, wenn ich sie festzuhalten, sie zu fassen versuche, und fallen mir aus den Händen; für Elfie dagegen sind sie fest und verlässlich, man kann eins auf das andere legen und ein stabiles Haus daraus bauen. Aber manchmal verstehen wir uns auch.

Die Sprachkritik, die Campbell ihre Figur Agnes hier formulieren lässt, ist nicht neu. Sie erinnert an Hugo von Hofmannsthals 1902 publizierten Chandos-Brief, in dem ein Autor die Unmöglichkeit, abstrakte Begriffe zu verwenden, in dem Bild fasst, dass ihm diese wie Pilze im Mund zerfallen. Die Unmöglichkeit, über Sprache mit anderen in Kontakt zu treten, verweist hier nicht nur auf die Unsicherheit, von der Agnes Alltag geprägt ist, sondern zugleich auf die Unmöglichkeit, in der Welt Halt zu finden. Sie ist zugleich ein Beleg dafür, dass ein wahrhafter Austausch und somit eine Gemeinschaft oder Partnerschaft, in der ein Verstehen des Anderen möglich ist, ein unerreichbares Ziel bleibt. Und so ist Bei aller Liebe von Jane Campbell ein faszinierendes philosophisches Gedankenspiel, das uns die Wahrnehmung seiner Figuren erkunden und dabei und dabei trotz der pessimistischen Haltung von Agnes stets auch mit dem Gegenmodell ihrer lebensfrohen Mutter Sophy die Hoffnung durchscheinen lässt, dass eine Verständigung möglich sein könnte.

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Jane Campbell: Bei aller Liebe. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Bettina Abarbanell.
Kjona Verlag, München 2026.
224 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783910372313

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