Scham und Angst
Warum Gisèle Pelicots autobiografischer Bericht „Eine Hymne an das Leben“ gelesen werden sollte
Von Rolf Löchel
Die Scham muss die Seite wechseln! Eine Forderung, die sich auf Opfer und Täter sexueller Gewalt bezieht und durch Gisèle Pelicot, selbst Opfer mehrerer dutzend Vergewaltigungen, bekannt wurde, auch wenn sie, wie Pelicot selbst schreibt, schon um einiges älter ist. Die eigene Scham abzulegen ist für Menschen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, allerdings alles andere als einfach. Es hat zwar lange gedauert, aber Pelicot besitzt die Stärke, die es ihr ermöglichte, das zu schaffen.
Nun ist Pelicots Buch über die Vergewaltigungen und das anschließende Strafverfahren unter dem Titel Hymne an das Leben auch in deutscher Übersetzung auf den Markt gekommen. In den Medien wurde ausführlich über den Fall berichtet und es scheint daher alles bekannt zu sein. Wieso also sollte das Buch gelesen werden? Weil eben doch nicht alles über ihn bekannt ist und vor allem, weil hier das Opfer öffentlich spricht. Dies ist selten genug der Fall. Zu den wenigen, die schon vorher den Mut dazu fanden, zählt etwa Chanel Miller mit ihrem Buch Ich habe einen Namen, die auf dem Gelände der Stanford University in ebenfalls hilfloser Lage vergewaltigt wurde. Die Erfahrungen, die Pelicot und Miller im Prozess machen mussten, ähneln einander in mancher Hinsicht auf frappierende Weise.
Hingegen unterscheiden sich beide Bücher dadurch, dass Miller stärker theoretisch und gesellschaftspolitisch reflektiert, während Pelicot den Lesenden tiefe Einblicke in ihre Kindheit erlaubt. Dabei schreibt sie etwa ausführlich über ihre früh verstorbene Mutter, der sie mit dem Buch ein Denkmal setzt, sowie über die zweite Frau ihres Vaters, die ebenso strenge wie ungeliebte Stiefmutter der Autorin. Auch darüber, wie sie ihren späteren Mann und nunmehrigen Ex-Ehemann Dominique Pelicot kennenlernte, der damals noch ein schüchterner Junge war, berichtet Pelicot ausführlich. Da als Teenagerin ihr „einziges Lebensziel die Gründung einer Familie“ war, heiratete sie ihn schon mit 21 Jahren, obwohl er aus einer Familie voller frauenhassender und -vergewaltigender Männer sowie sonstiger Gewalttäter stammte. Mit sexuellen Gewaltexzessen hatte sich insbesondere der Familienvater ihres Ehemannes hervorgetan, während dessen älterer Bruder all das verharmlosend für mehr oder weniger normal erklärte. Inzest, meinte Gisèle Pelicots Schwager etwa, „komme in allen Familien vor“. Vor Gericht als Zeuge geladen, „räumte [er] zwar ein“, dass ein “kognitiv beeinträchtigte[s]“ elternloses Mädchen, das von der Familie aufgenommen worden war, von dem Familienvater regelmäßig vergewaltigt wurde, erklärte jedoch „mit dem Aplomb einer Respektsperson“, das sei „nebensächlich“, denn so sehe nun einmal „das traurige Los von Waisenmädchen“ aus. Auch versuchte er, Gisèle Pelicots Tochter „mit seiner geballten ärztlichen Autorität“ davon zu überzeugen, „dass ihr Vater sie garantiert ebenfalls vergewaltigt habe“, was dieser allerdings stets bestritt. Auch gibt es keine Beweise dafür, wohl aber Anhaltspunkte und Indizien: Fotos, die Dominique Pelicot von seiner Tochter und anderen Frauen der Familie heimlich aufgenommen hat, als sie schliefen oder im Bad waren. Mag sein, dass er damit auch kompensieren wollte, dass er sich vom Tag der Hochzeit an seiner erfolgreichen Frau beruflich und gesellschaftlich unterlegen fühlte und es auch tatsächlich war. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass er sie immer wieder sedierte, selbst vergewaltigte und sie in diesem Zustand der Hilflosigkeit hunderte von Malen von anderen Männern vergewaltigen ließ, und zwar nicht nur an scheinbar ganz gewöhnlichen Tagen, sondern auch an ihren Geburtstagen und an Silvester.
Die Autorin möchte das ihr widerfahrene Grauen, von dem sie zuerst auf einem Polizeirevier erfuhr, mit dem von ihr bis dahin als recht glücklich erfahrenen Eheleben in Einklang bringen. Immer wieder versucht sie, den Mann, den sie liebte, mit dem Mann, der sie regelmäßig vergewaltigte und vergewaltigen ließ, wenn nicht miteinander zu vereinbaren, so doch zu verstehen, wie die beiden Seelen eines scheinbar fürsorglichen Ehemannes und eines Gewohnheitsvergewaltigers in seiner Brust leben konnten. Daher berichtet sie nicht chronologisch, sondern überblendet die Vergangenheit des von ihr als harmonisch empfundenen Ehelebens mit dem späteren Strafverfahren gegen ihren Mann und seine Mitvergewaltiger. Vereinigen lässt es sich aber natürlich nicht. „Ich zerteilte Dominique in zwei Hälften“, schreibt sie daher, „so wie ich mich von meinem vergewaltigten Körper dissoziierte. Ich rettete nicht ihn, sondern mich.“ Gisèle Pelicot befragt sich zudem immer wieder selbst, wieso sie nichts bemerkt hat; nicht, als er lange, bevor er sie vergewaltigte, eine andere Frau zu vergewaltigen versucht hatte, nur an ihrem Widerstand scheiterte und noch am gleichen Abend scheinbar völlig unverändert nachhause kam. „Offenbar“, überlegt sie, habe sie „die schleichende Veränderung seiner Persönlichkeit, seine autoritären Anwandlungen unterschätzt“ und daher nicht bemerkt, dass er begann, „zu werden wie alle anderen Männer in der Familie Pelicot“. So wollte er etwa sexuelle Praktiken, die er sich aus Pornos abgeschaut hatte, mit ihr nachvollziehen, was sie allerdings verweigerte, obwohl sie fand, das seien eben „die natürlichen Gelüste eines Mannes“.
Unter den Folgen der Sexualverbrechen ihres Mannes und seiner Mitvergewaltiger leidet selbstverständlich nicht nur sie selbst. Jedes einzelne der Familienmitglieder bis hin zu den Enkeln wurde durch das Wissen um die an ihr verübten Sexualverbrechen traumatisiert. Dennoch wehrt sich Gisèle Pelicot dagegen, ein „Scheißleben“ gehabt zu haben, wie ihre Tochter Caroline meint. „Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer“, versichert sie den Lesenden und wohl auch sich selbst. Und natürlich war sie nicht nur ein Opfer, niemand ist das.
Ausführlich beschreibt sie, wie es ihr gelang, die sie zunächst überwältigende Scham zu überwinden und seither dafür zu kämpfen, dass diese die Seite wechselt. Ein ganz wesentlicher Teil dieses Kampfes ist, dass sie zum Entsetzen der Angeklagten darauf bestand, dass der Prozess in aller Öffentlichkeit geführt wird. Alle Versuche der Vergewaltiger, den Schutz der Anonymität weiterhin genießen zu können und nicht ins helle Licht der Öffentlichkeit treten zu müssen, waren vergeblich. Dennoch musste Pelicot im Prozess ertragen, dass sich die angeklagten Vergewaltiger, „ganz gewöhnliche Männer“ und zugleich eine „Meute […] Dreckskerle“, noch immer nicht schämten, sondern schamlos Ausreden und Lügen erfanden, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen, worin sie sich im Übrigen nicht von Brock Turner, dem Vergewaltiger Millers, unterschieden.
Die Forderung, dass die Scham die Seite wechseln muss, ist also noch immer nicht erfüllt, bei den angeklagten und verurteilten Männern des Prozesses ebenso wenig wie bei (fast) allen anderen Vergewaltigern in Frankreich, Europa, den USA und überall auf der Welt. Dabei muss nicht nur die Scham die Seite wechseln, sondern auch „die Angst muss die Seite wechseln“, wie inzwischen auf Demo-Transparenten gegen sexuelle Gewalt zu lesen ist. Ja, beides ist gleichermaßen richtig und wichtig.
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