Sanfte Auslöschung
Angelika Overath erzählt in ihrem Roman „Calanda oder Alvas Antwort“ vom Abschiednehmen und Ankommen
Von Swen Schulte Eickholt
Das Leben kann kompliziert sein – besonders für Cla, Baran und Alva, deren Liebe zwischen den Kulturen und Geschlechtern wandert. Angelika Overath knüpft mit ihrem neuen Roman an die Vorgänger Ein Winter in Istanbul (2018) und Unschärfen der Liebe (2023) an und erzählt die Geschichte der Dreiecksbeziehung nun aus der Perspektive Alvas. Der Schweizer Lehrer Cla begibt sich auf eine Forschungsreise nach Istanbul. Ihn beschäftigt Cusanus Prinzip der coincidentia oppositorum, des Zusammenfalls der Gegensätze – aber noch mehr seine persönliche Krise. Kurz vor der Ehe mit Alva kommen ihm Zweifel an seinem bisherigen Leben und er verliebt sich in den türkisch-griechischen Kellner Baran, der ihm die Welt der homoerotischen Liebe aufschließt. Als er erfährt, dass Alva schwanger ist, beschließt er pflichtbewusst, als ihr Mann an ihrer Seite zu stehen. Alva allerdings behauptet, das Kind sei in einer frühen Schwangerschaftswoche verstorben, um ihm Raum für sein neues Leben mit Baran zu geben.
Baran und Cla werden ein Paar, doch Alva bringt Clas Kind zur Welt. Den Dreien gelingt das Kunststück, die Situation wertschätzend zu meistern. Cla besucht Alva und die Tochter Florinda mit Baran und das Kind fügt sich schnell in die unkonventionelle Situation. Während Cla frühzeitig nach Istanbul aufbrechen muss, entdecken Baran und Alva in einer Umkehr der bisherigen Geschichte ihre Liebe füreinander und schon in den ersten intimen Begegnungen empfängt Alva ein zweites Kind.
Im Zentrum des dritten Teils der Trilogie steht allerdings nicht die verzwickte Dreieckskonstellation, die erstaunlich harmonisch zu funktionieren scheint. Es ist eine Stärke des Romans, dass er auf konventionelle Krisen verzichtet und den ruhigen, nachdenklichen Ton beibehält, der alle drei Romane prägt. Die drei Liebenden schätzen sich und die Kinder auf ihre je individuelle Weise. Dû bist mîn, ich bin dîn, des solt dû gewis sîn, das leitmotivisch anklingende Liebesgedicht aus dem Mittelalter scheint ihre Beziehung auf den Punkt zu bringen – über alle Stürme der Liebe hinweg stehen sie zueinander und bleiben sich liebend verbunden, in einer erwachsenen Form kindlicher Naivität. Auch über den Tod hinaus? Die liebende Verbindung zu den anderen Menschen bildet den Hintergrund, vor dem Alva sich damit auseinandersetzen muss, was ein Leben lebenswert macht und wie lange man an ihm festhalten möchte, wenn man langsam aus ihm herausgezogen wird.
Wieder ist es eine Reise, welche den Fluss der Gedanken lenkt. Die erfahrene Alpinistin Alva will ein letztes Mal den Calanda besteigen. Schon auf den ersten Seiten wird spürbar, dass sie eine drängende Frage beschäftigt, die sich auf der Wanderung klären soll. Sie verlässt ihr Haus, ihren Garten und einen Igel, den sie gesundgepflegt hat, und es klingt nach einem Abschied für immer. Während sie ihren bisherigen Lebensweg Revue passieren lässt und an die erste Schwangerschaft denkt, stört ein Gedanke aus der Gegenwart, dem sie noch nicht weiter nachgehen möchte: „Jetzt gehörte ihr eine andere Diagnose.“
Während literarische Figuren oft damit beeindrucken, dass sie unbedingt etwas erreichen wollen, sind die drei Liebenden in der Trilogie dadurch gekennzeichnet, dass sie gerade nicht mehr weiterwissen und zu einer Entscheidung kommen müssen. Als wagemutige Bergsteigerin weiß Alva nur, dass ihr Leben ihr gehört und sie diese Freiheit behalten möchte. Die Krankheit, von der sie bedroht wird, könnte ihr genau diese Freiheit nehmen, sie zum Pflegefall machen und einem frühen Tod überantworten. Ist es da nicht besser, selbstbestimmt zu sterben?
Nun kommt mit Seraina noch eine vierte Figur ins Spiel, die notwendig die Dreierkonstellation stören muss. Alvas Freundin aus Kindertagen, so wird ihr erst auf ihrer vielleicht letzten Wanderung bewusst, hat sie wohl schon immer mehr als nur freundschaftlich geliebt – Dû bist mîn, ich bin dîn. Und Alva? Es wird nicht mehr auserzählt, wie diese neue Verschiebung in Alvas Liebesbeziehungen ausgehen wird, und vielleicht wird den Leser:innen hier auch langsam zu viel zugemutet. Denn wie oft soll die Zuneigung von einer zur nächsten Person, von einem zum nächsten Geschlecht wandern? Womöglich darf die Liebe nicht stillstehen, wie das Leben nicht stillsteht und die Geschichte nie innehält. Auch in Calanda oder Alvas Antwort wird die Reise von Angelika Overath geschickt mit den vielschichtigen kulturellen Ebenen verflochten, welche auch ein kleines, traditionsverhaftetes Land wie die Schweiz zu bieten hat. „Was ist fremd und was ist eigen? hatte Baran gefragt. Ich bin die Schweizer Enkelin einer Flüchtlingsfrau aus dem Sudetenland, hatte sie geantwortet.“ Die Flucht der Sudetendeutschen wird eine „Spiegelgeschichte“, die den Bevölkerungsaustausch zwischen Türken und Griechen unter anderen Vorzeichen wiederholt. Der türkische Kellner Baran mit seiner griechischen Herkunft kennt beide Perspektiven auf das Geschehen, das den Austausch vorbereitete: Was den Griechen die ‚kleinasiatische Katastrophe‘ ist, erscheint den Türken als ‚Befreiungskrieg‘. Ähnlich aus ihrer multikulturellen Heimat gerissen fühlt sich Alvas Großmutter, deren Geschichte Alva auf ihrer letzten Calanda-Besteigung ebenfalls beschäftigt. Neben der Vergangenheit ist auch die Zukunft schon in die Gegenwart geholt – entdeckt Alva auf den Hängen des Calanda doch Agrarprojekte, die durch Höhenverschiebungen für bestimmte Pflanzenarten das Klima der Zukunft simulieren möchten.
Ein Roman, dem ein wenig der Fokus fehlt – doch grade darin entspricht er unserer Gegenwart. Unser persönliches Leben ist eingebettet in große Geschichten, die sich kaum noch zu einer plausiblen Version verknüpfen lassen und von einer ungewissen Zukunft zunehmend bedroht erscheinen. Was bleibt, ist die Vielfalt zu begrüßen und zu akzeptieren und das Leben auch dann noch anzunehmen, wenn es unfair und bedrückend scheint und auf unsicheres Terrain führt. So lässt sich eine sanfte Auslöschung gestalten. Denn auch im Stillstand kann Bewegung liegen – coincidentia oppositorum.
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