Flaneur auf polnischem Boden
Leander Steinkopf legt mit „Café Amatorska“ eine leise, tiefgründige Novelle vor
Von Michael Fassel
Café Amatorska ist nicht nur der Titel der von Leander Steinkopf vorgelegten Novelle, sondern auch der Mikrokosmos und das Herzstück des Textes. Der Ich-Erzähler, ein junger deutscher Mann, der in Polen studiert hat und in das urbane Leben – allen voran in Warschau und Krakau – eingetaucht ist, erzählt in feinen prosaischen Erinnerungen von verschiedenen Begegnungen mit polnischen Landsleuten, Wegbegleitern und Freunden. Besonders interessant erweisen sich jene Treffen, die in einer Bar oder auch im titelgebenden Café zufällig zustande kommen. Der Ich-Erzähler zeigt sich sehr offen für neue Begegnungen, wirkt manchmal jedoch im Umgang zurückhaltend. Hintergrund ist die deutsch-polnische Vergangenheit, die ihn wie ein eigener Schatten durch Polen begleitet. Was bleibt, ist das ständige Gefühl des Unterwegsseins, die Ruhelosigkeit des Ich-Erzählers, nicht zuletzt auch eine Suche nach Antworten auf die Frage, wohin er eigentlich gehört.
Die Erinnerungen, die sprachlich fein geschildert werden, sind ein wesentlicher Bestandteil der Novelle. Doch trotz (oder wegen) der präzisen Beobachtungen wirken die Passagen nie lehrhaft, auch wenn die schillernde deutsch-polnische Beziehung Hauptthema ist. Darüber hinaus gelingt es Steinhoff auf beachtliche Weise, die Beschreibung urbaner Atmosphäre mit Reflexionen in Einklang zu bringen:
Ich trat auf den Balkon und schaute die Straße hinunter. Sie lief genau auf den Kulturpalast zu, als hätte man diese Wohnung mit dem Wahrzeichen per Ausblick verbunden, um den internationalen Besuchern – Vielgereiste und Vielreisende – nach dem Aufwachen beim Morgenkaffee auf dem Balkon das Wissen und die Gewissheit zu verschaffen, dass sie sich gerade in Warschau befanden.
Die Reflexionen zeugen von einer klugen Beobachtungsgabe. Das deutsch-polnische Verhältnis sowie die Geschichte(n) beider Nachbarländer spielen darin stets eine wichtige Rolle. Zum Ausdruck kommt dies durch ungeplante, authentische Dialoge in Bars oder Cafés, aber auch in Deutschland selbst – als der Ich-Erzähler der jungen Polin Patrycja ein guter Gastgeber sein will, holt ihn einmal mehr die deutsche Vergangenheit ein, die stets in seinen Erzählungen präsent ist.
Ob politische Dimension, die polnische Küche oder die Begegnungen mit gebürtigen Polen, all das verschränkt Steinkopf in seiner Novelle sehr unaufgeregt und tiefsinnig. Hinter diesen Gedankengängen und Erinnerungen verbirgt sich eine Suche nach Identität und zugleich das Gefühl, in Polen nie angekommen zu sein, zumindest nicht in den angesagten Bars und Clubs, in denen der Erzähler hätte Peers antreffen können. Stattdessen sucht er das Café Amatorska auf, in dem er sich einigermaßen wohlfühlt. Aber auch das Café bietet dem Erzähler keine Möglichkeit des Ankommens. In Gesprächen mit den Landsleuten ist der Ich-Erzähler versucht, stets Antworten auf Fragen zu geben, die er nur ansatzweise findet. Er erweist sich als guter, mitunter auch teils melancholischer Erzähler, der neben seinem Job den Alltag mit Spaziergängen und Unterhaltungen gestaltet. Man könnte ihn als modernen Flaneur auf polnischem Boden bezeichnen.
Steinkopf zeichnet auf ungewöhnlich behutsame Weise eine deutsch-polnische Geschichte anhand der Erinnerungen des fabulierenden Ich-Erzählers nach. Ihm geht es jedoch nicht ausschließlich um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart, etwa um politische Umstände in Polen. Er schweift nie ab, bringt die erlebten Begebenheiten mit verschiedenen polnischen Landsleuten auf den Punkt. Mit feinem Gespür für Sprache und präzisen Beobachtungen gelingt Leander Steinkopf eine beachtliche Novelle.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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