Ein Tagebuch sucht die Öffentlichkeit

Die Journalistin und Schriftstellerin Gabriele von Arnim legt mit „Abschied leben“ ihr Tagebuch eines Zeitgefühls vor

Von Karl BellenbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl Bellenberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gabriele von Arnims Tagebuch ist ein Kaleidoskop widersprüchlicher Eindrücke und Einsichten der Essayistin. Der politische Teil ihrer Gefühlswelt ist geprägt von aktuellem Kriegsgeschehen, dem irrlichternden Trump und seinen Helfershelfern in ihrem Regierungswahn(sinn) und so manchen anderen politischen „Größen“. Der private Teil betrachtet die beschaulichen Situationen unter anderem von Natur (Blumen, Sonne, Meer…) und menschlichen Begegnungen als Gegenpole zu jener Welt. Getrieben-sein und Furcht wechseln mit Ruhepolen, Gelassenheit und tiefgehenden Gedanken, die den Alltags-Irrsinn hinter sich lassen. Das Tagebuch zeigt, wie kleine Dinge und Ereignisse ein gewisses Gegengewicht zum täglichen Irrsinn schaffen können. Der Buchtitel lässt aufhorchen: Es soll nicht einfach ein Abschiednehmen sein als rhetorische Floskel. Der Titel Abschied leben verspricht ein aktives, lebendiges Auseinandersetzen. Man wird im Folgenden sehen, ob dieses Versprechen eingelöst wird. Der sattgrüne Buchdeckel signalisiert Zuversicht. 

Das Buch beginnt mit einem Prolog mit zum Teil tiefschürfenden Einsichten: „Leben lernen mit Unvorhersehbarem“. „Mitgefühl und Freiheit zu leben und zu bewahren, Ideen zu entwickeln“. „Und fast jeder Abschied – egal wovon – ist auch ein Aufbruch“. Anstriche, daneben ein „ja“ mit Ausrufezeichen.

Die wirklich essenzielle Auseinandersetzung – Abschied leben – findet erstaunlicherweise jedoch nur partiell statt. Obwohl man meinen könnte, dass aufgrund der eigenen Vita der Essayistin mehr gelebter bis hin zum letzten Abschied, der das „in die Welt geworfen Sein“ (Heidegger) endet, kommen müsste. Um mit dem jesuitischen Philosophen Ladislaus Boros zu sprechen, der sich insbesondere mit dem Sterben als Weg zum Tod und der „Liebe als Hineinragen des Daseins in den Tod“ auseinandersetzt, etwa in seinem Werk Mysterium mortis (1963): Die Wirklichkeit ist Veränderung und diese etwas Unteilbares. Vergangenheit bildet mit der Gegenwart ein Ganzes, das der Mensch seines ganzen Lebens in einem einzigen Moment voll innewird und ganz umspannt. Dies wird von Nahtoderfahrenen ebenso berichtet. Abschiede setzen daher wohl keine Punkte in unser Leben, sondern eher Kommata oder Semikola; der Lebenssatz wird weitergeschrieben. So sind die vermeintlich verschiedenen Ichs in Gabriele von Arnims Buch eher Befindlichkeiten ein und desselben Ichs. All diese essenziellen Fragen werden nicht in ihrer Tiefe behandelt.

Dagegen – und das ist in seiner Ausführlichkeit und immerwährenden Hartnäckigkeit ermüdend: Trump, Trump und nochmals Trump. Da fragt man sich, was das mit gelebtem Abschied zu tun hat. Vor allem werden dessen sattsam bekannte und wieder und wieder in den Medien dargestellte irrationale, und undurchdachte, ja irre und kriminelle Handlungsweisen in diesem Tagebuch wiederholt, ohne dass sich daraus irgendein geistiger oder geschichtlicher Mehrwert ergäbe. Ähnliches gilt für Gabriele von Arnims ausgebreitete Ansichten über Friedrich Merz, Julia Klöckner und die rechte AfD in toto. Grüne und Linke bleiben außen vor. Ganze Tagebuch-Sequenzen laufen hier so ab, nicht ohne, dass der Leser an einigen Stellen eine subkutane Gehässigkeit wahrzunehmen verspürt. Abschiednehmen hier? Wieso? Es muss gefragt werden: Wurde hier das Thema verfehlt? Das Kaleidoskop erfährt so leider eine „starke Rotverschiebung“. Schade, dass die Lektorin, die deutliche Kürzungen dieser „Ausschweifungen über das Trumpeltier“ erbat, offenbar nichts erreichen konnte. Weniger wäre in der Tat mehr gewesen. 

Gabriele von Arnim schreibt nicht als Gutmensch und es ist keine klare Zielsetzung in ihrem Tagebuch zu erkennen (was ein Tagebuch ja auch darf); Gedanken, Gefühle, Bilder springen von Tag zu Tag, ja innerhalb eines Absatzes. Das soll so etwas wie Tagebuch-Charakter erzeugen, schafft aber eher geistigen Scharfkurvensalat. Bei einem Tagebuch mit Titel „Abschied leben“ erwartet man thematische Gerichtetheit, die jedoch in unserem Fall allzu häufig „ausfranst“.

Hinter den Zeilen – und das macht das Buch sympathisch – scheinen Gefühle von Wut und Angst, Glück und Verzweiflung, Lachen und Gelächter, Mitgefühl und Verachtung, Kleinmut und Empörung auf; die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen. Beispiele gefällig?

„Immer wieder habe ich Angst in der Welt.“

„Ich wohne […] in der Zeit des Zerbrechens der Allianzen, der Kriege und Fluten und Brände und Dürren, der verzweifelt Flüchtenden, des Erstarken der Rechten. […] Mit banger Seele sehen wir zu, wie unsere Unbeschwertheit verloren geht.“ Dann wieder: „Zuversicht ist Jetzt zu leben. […] Leben lernen mit Unvorhersehbarem“.

„Nähe leben. Indem ich immer wieder mit meiner sehr kranken Freundin telefoniere und wir zwischendurch kichern, als hätten wir noch ganz viel Leben vor uns.“

„Hab genug zu tun mit dem Wahnsinn in mir“. Und wiederum das Allbekannte: „Der künftige Präsident (Trump) ist ein verurteilter Straftäter.“ Verachtung und Empörung! Blick in die Abgründe!

Abschied zu leben statt zu nehmen setzt eine Reife, ja Gelassenheit voraus. Die angstbesetzten Kopfkinos scheinen allerdings alles andere zu tun, als bewusst Abschied zu leben. Etwa dieses: „Als sei ich nun gefangen im Drinnen, in der Dichte der Stadt, gefangen in den kurzen Blicken von einer Straßenseite zur anderen, im Verkehrslärm und dem subkutanen Wutstampfen hilfloser Angst- und Aggressionsfiguren. Bin prompt abgestürzt. Und habe mich verloren oder gesucht. Keine Ahnung.“

Wenn Boros in Mysterium mortis formuliert: „Die Eröffnung unseres Daseins auf eine andere Person hin schafft unser Sein“, so bieten Gabriele von Arnims Abarbeitungen an Trump & Co eben keinen Zugewinn an eigenem Sein. Sie führen ins Leere. Wenn schon ein Tagebuch aus der privaten Intimität einer Schublade entweicht, so ist Öffentlichkeit geschaffen, die nicht mehr schützt. Da schützt auch nicht das gewiefte Eingeständnis „Naiv, wie ich manchmal immer noch bin“ einer gestandenen Journalistin. Man darf annehmen, dass sie weiß, was sie schreibt.

Das Buch hinterlässt mich als Leser in Zwiespältigkeit. Etliches ist wohl „richtig gefühlt“, Wichtiges nicht tiefgründig genug bedacht, dass ein und andere erscheint fragwürdig (zum Beispiel die Kommentare zu Peter Thiel und Jeffrey Bezos). Das journalistische Fragezeichen hinter der Echtheit/Unechtheit des Berührtseins von Friedrich Merz (zum Beispiel bei der Einweihung der Münchener Synagoge) kann ebenso hinter das Bekenntnis Gabriele von Arnims unter dem 8. September gesetzt werden. Was ist spontan und echt, was ist Kalkül? „Und so wandere ich – so rastlos wie neugierig – hinein in die scharfeckigen Ausbuchtungen meines Lebenskreises, aus dem ich zerkratzt und verschrammt und wieder ein wenig geklärter auftauchen werde.“ Sollen wir das der hochgebildeten Journalistin aus bestem Hause abnehmen? 

Zu guter Letzt Eintrag an meinem Geburtstag: „Sich endlich mit eigenen Augen sehen und nicht mit denen des Vaters. Endlich in die eigenen Fußstapfen steigen“; wie wahr! Das tat ich 82-jähriger Gott sei Dank seit langem!

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Gabriele von Arnim: Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
256 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007768

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