Schreiben zwischen Ordnung und Überschreitung

Elena Ferrante berichtet in ihren Poetikvorlesungen „An den Rändern“ von der Suche nach einer eigenen Stimme und erklärt ihr Schaffen als Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Schreibweisen

Von Gerrit AlthüserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gerrit Althüser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie hält eine Schriftstellerin eine Poetikvorlesung, die sich bewusst für die Anonymität entschieden hat? Die hinter ihr Werk zurücktreten und es für sich selbst sprechen lassen will und für sich selbst den Schutz vor der Öffentlichkeit sucht? Sie schickt eine Schauspielerin. Daher war es die aus Fernsehserien, Theaterinszenierungen und Filmen wie Nanni Morettis Komödie Habemus Papam bekannte Manuela Mandracchia, die vom 17. bis zum 19. November 2021 im Theater Arena del Sole in Bologna drei Vorlesungen Elena Ferrantes über ihr Schreiben vortrug. Organisiert wurde die Vortragsreihe vom Internationalen Zentrum für Humanistische Studien „Umberto Eco“ der Universität Bologna und der Emilia Romagna Teatro Fondazione. Daneben war der Verlag Edizioni E/O beteiligt, bei dem die Texte bereits am Tag der ersten Vorlesung im italienischen Original erschienen. Diese nun auch auf Deutsch vorliegende Buchfassung ist dabei noch um Ferrantes Essay Dantes Rippe ergänzt, der am 29. April 2021 den Abschlussvortrag des Symposiums Dante e altri classici (Dante und andere Klassiker) in Rom bildete. Dort war es Tiziana de Rogatis, Literaturwissenschaftlerin und Autorin von Elena Ferrante. Parole chiave, die für Ferrante vortrug. Wer des Italienischen mächtig ist, kann sich die Lesungen Mandracchias auch im Internet anschauen. Ein postmodernes Spiel mit der Abwesenheit des Autors muss man nicht annehmen, eine bewusste Inszenierung der Nichtinszenierung, wie bei jener berühmten Episode der Literaturgeschichte, als der ebenfalls aus der Öffentlichkeit zurückgezogene Thomas Pynchon einen Komiker an seiner statt den National Book Award entgegennehmen ließ. Auch wenn Mandracchia ein wenig zur Overperformance tendiert.

Das nun in der Übersetzung Barbara Schadens auf Deutsch vorliegende schmale Bändchen An den Rändern, das aus den Vorlesungen hervorgegangen ist, stellt nach der Sammlung ihrer Guardian-Kolumnen Zufällige Erfindungen, und dem ebenfalls poetologischen, aus Interviews, Briefen und Essays zusammengestellten Frantumaglia das dritte nichtfiktionale Buch Ferrantes dar. Gegenüber Frantumaglia mit seinen aufgrund dieser Konzeption unvermeidbaren Redundanzen und Inkohärenzen ist An den Rändern systematischer. Es stellt Kernelemente von Ferrantes Schreibverfahren und Poetik prägnant dar, ohne dabei selbst auf poetische, bildreiche Sprache zu verzichten. Das bisher für ihre Poetologie zentrale Gefühl der Frantumaglia, jenes dunkle Gefühl der Unruhe und Zerrissenheit, das Ferrantes Figuren beherrscht, aber auch ihr eigenes Schreiben antreibt, wird wieder aufgegriffen, der Schwerpunkt hat sich in diesem Band aber verschoben.

Denn einen großen Teil ihrer Ausführungen widmet Ferrante nun dem Ringen um eine eigene literarische Stimme, vor allem einer authentisch weiblichen Erzählstimme in einer männlich geprägten Erzähltradition. Zentral für ihre Überlegungen ist dabei eine Unterscheidung von zwei Arten des Schreibens, zwischen denen sie von ihren ersten schulischen Schreibaufgaben als Kind an bis hin zu ihren veröffentlichten Romanen zu vermitteln sucht: einer gefügigen, an Regeln orientierten und einer impulsiven, zerstörerischen. Sinnbildlich für das regelgeleitete, Lob erheischende Schreiben steht bei Ferrante die Pflicht von Schüler:innen bei Schreibaufgaben innerhalb der Randlinien im Schulheft zu bleiben. Zwar spricht sie auch von der Befriedigung, Regeln einzuhalten, jedoch habe sie auch oft Ärger bekommen, weil sie zwar korrekt an der linken Randlinie angefangen habe, aber oft abgelenkt über die rechte Randlinie hinausschrieb. Diesen Rändern, der Orientierung an ihnen als Ordnungsstifter, aber auch ihrem Überschreiben, verdankt der Band seinen Titel. Das Gitternetz der Linien kondensiert später zu einem radikaleren Bild: dem des Käfigs. Käfige bieten Sicherheit, engen aber ein, berauben der Freiheit, erfordern den Ausbruch.

Das zweite, freiere Schreiben ist für Ferrante jedoch nicht ohne das erste möglich, zunächst benötigt sie „sichere Bereiche, stabile Plattformen“, dann wartet sie auf Ablenkung, auf die Gelegenheit der Überschreitung, um ins Unsichere zu gehen und die Ordnung auszuhebeln. So habe sie sich

darauf verlegt, traditionell stabile Strukturen zu verwenden, sorgfältig daran zu arbeiten und geduldig darauf zu warten, dass es mir gelingt, mit der Wahrhaftigkeit zu schreiben, deren ich fähig bin, das Gleichgewicht zu stören, Formen zu verändern […]. Echtes Schreiben ist für mich dies: keine elegante, durchdachte Geste, sondern ein konvulsives Tun.

Die Regeln der ersten Schreibweise bestehen aus dem Gepäck der literarischen Tradition, aus Schreibweisen, realistischen Erzählkonventionen, antiken und modernen Mythen, Genres und so weiter. Beim Umgang mit der Tradition betont Ferrante wieder den Gender-Aspekt, ist die literarische Tradition doch patriarchal geprägt. Für eine Frau, die nach einer eigenen Möglichkeit des literarischen Ausdrucks sucht, ist der Umgang mit dem Bestehenden daher umso schwerer, ist es umso wichtiger, Möglichkeiten des Ausbruchs, des Überschreitens der Ränder zu finden. Und doch muss sie am Anfang innerhalb konventioneller Gerüste arbeiten. So gehe sie beispielsweise oft von bestehenden Genres aus, die sie dann im Prozess des Schreibens aufbricht. Sie nennt den Krimi als Ausgangspunkt für ihren Roman Lästige Liebe, das Schema „Szenen einer Ehe“ für Tage des Verlassenwerdens und die Horrorgeschichte für Die Frau im Dunkeln.

Ein ähnliches Verfahren erkennt Ferrante in Gertrude Steins The Autobiography of Alice B. Toklas. Das „Genre“ der Autobiographie bildet den Ausgangspunkt, wird aber verballhornt und gestört durch Steins mehrschichtiges Spiel mit Wahrheit und Fiktion. Mehrfach wird das Buch dabei dem vollständig dem Realismus verhafteten Schreiben Ernest Hemingways kontrastiert. Steins Buch wird – neben weiteren – auch als wichtiger Einfluss auf Meine geniale Freundin und Folgebände genannt. Tatsächlich liegen Ähnlichkeiten zur Beziehung von Elena und Lila und der Schreibsituation der Romanreihe auf der Hand.

Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler zeigt sich in seiner Monografie Populärer Realismus (zwar zurecht, aber nicht aus den richtigen Gründen) überrascht, dass alle vier Kritiker:innen im Literarischen Quartett sich ungeachtet des internationalen Hypes gegen Meine geniale Freundin ausgesprochen haben. Wenn er selbst dann aber das Buch zum Epitom des von ihm so genannten „Populären Realismus“ sowie des Midcult erklärt, scheint seine Lektüre die Merkmale von der ersten Art des Schreibens, das realistische Grundgerüst, wahrzunehmen, aber nicht zu bemerken, inwieweit dieses wieder aufgebrochen wird. Allerdings ist das bei der Neapolitanischen Tetralogie auch erst in den Folgebänden deutlicher zu beobachten. Ferrantes Verständnis von Realismus bildet einen weiteren Schwerpunkt des Bandes, ist aber nicht in gleicher Weise überzeugend. Ihre Kritik eines naiven Abbildrealismus verbleibt doch eher im Oberflächlichen und oft Selbstverständlichen. Spaß zu lesen machen die Ausführungen dennoch, zum Beispiel, wenn Ferrante den zum Scheitern verurteilten verzweifelten Versuch ihres jüngeren Selbst nachexerziert, einen Aquamarin am Finger ihrer Mutter in Sprache zu bannen. Interessant für Anhänger:innen Ferrantes dürfte sicher auch sein, dass sie, um den Problemen des Realismus auszuweichen, Schreibweisen von Fantasy bis Neoavantgardismus ausprobiert habe. Dass Leser:innen, die noch auf einen zweiten Teil des Lügenhaften Lebens der Erwachsenen warten, sich erst einmal keine größere Hoffnung machen sollten, lässt sich allerdings ebenfalls erfahren.

Lesens- und bedenkenswert, wenn auch eigenwillig und in einigen Schlüssen etwas gewagt, ist auch der Dante-Text, in dem Ferrante ihre Verehrung des Klassikers ausdrückt und ihn als einen Entdecker weiblichen Intellekts feiert. Insgesamt lässt sich viel über Einflüsse und Vorbilder Ferrantes lernen: etwa über den eines Sonetts von Gaspara Stampa auf ihr Selbstverständnis in jüngeren Jahren, über Berührungspunkte zu Virginia Woolf, Samuel Beckett, Einflussnahme von überallher, selbst der Trivialliteratur. Es ist mehrfach darauf hingewiesen worden, dass Ferrantes Kanon stark weiblich geprägt sei. Tatsächlich zitiert sie jedoch Frauen und Männer gleichermaßen. Es stört sie vielmehr, wie rein männlich geprägt die Lesebiografien vieler Männer sind: „Ich habe in meinem Leben sehr gebildete Männer kennengelernt, die tatsächlich niemals Elsa Morante oder Natalia Ginzburg oder Anna Maria Ortese gelesen hatten, aber auch nichts von Jane Austen, den Brontës, Virginia Woolf.“ Und eigentlich sollte das als der erklärungsbedürftige Fall sein, nicht Ferrantes ausgewogene Lektüre. Es bedeutet nicht nur, dass weibliche literarische Stimmen weniger Gehör finden wie männliche, sondern auch, dass sich Männer selbst eines beträchtlichen Teils der Kultur berauben, der Romane Ferrantes zum Beispiel, die zu lesen jeder und jedem dringend empfohlen sei. Und alle, die sie bereits mit Freude gelesen haben, welchen Geschlechts auch immer, können nun in An den Rändern die Hintergründe des Schreibens und Lesens und die Poetik der sonst so enigmatischen Elena Ferrante entdecken.

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Elena Ferrante: An den Rändern.
Aus dem Italienischen von Barbara Schaden.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
94 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432952

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