Der Geschmack der Madeleine

Ungeachtet einiger schwacher Beiträge ist Andrea Susanne Stancus und Ioana Constantins Sammelband „Ein Fest für die Sinne“ insgesamt zu empfehlen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine der bekanntesten Szenen der Weltliteratur beschreibt ein olfaktorisch-kulinarisches Erlebnis. Als der Ich-Erzähler Marcel eine Madeleine in seine Tasse Tee tunkt und sie kostet, evoziert das nicht nur augenblicklich längst vergessene Kindheitserinnerungen des Protagonisten; die Szene ist zugleich der Auftakt des mehrbändigen opus magnum ihres Schöpfers Marcel Proust, dessen À la recherche du temps perdu (1913-1927) seit seinem Erscheinen vor rund 100 Jahren zum literarischen Kanon zählt.

Mit Kulinarik in der Literatur befassen sich auch die 14 Beiträge des von Andrea Susanne Stancu und Ioana Constantin herausgegebenen Sammelbandes Ein Fest für die Sinne. Wie die beiden Herausgeberinnen im Vorwort darlegen, werden die Aufsätze durch „die Überzeugung [verbunden], dass Esspraktiken und die Weise, wie über sie erzählt wird, grundlegende Einblicke in soziale Beziehungen, historische Erfahrungen und kulturelle Selbstverständnisse ermöglichen“. Eine Überzeugung, die anhand zahlreicher Beispiele begründet wird. Dabei trägt das Thema Essen und Trinken „von alltäglichen Gesten bis zu politischen Deutungsmustern, von Körpererfahrung bis zu transkulturellen Bildern, von literarischen Traditionen zu didaktischen Konzepten“.

Der erste Aufsatz des Bandes zählt allerdings zu seinen schwächeren. Clemens Fuhrbach geht dem „Gender Trouble“ in Heinz Strunks Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) am Beispiel der „Konstruktion von Männlichkeit“ durch Fleischverzehr nach. Dabei beruft er sich auf das „theoretische[] Fundament“ von Judith Butlers „Gendertypologie“. Tatsächlich führt er Butlers Buch Gender Trouble zwar in der Literaturliste an, doch ist nicht erkennbar, inwieweit seine Literaturanalyse nachvollziehbar auf Butlers Ausführungen rekurriert. Jedenfalls unternimmt er es, die Konstruktion von Männlichkeit in Strunks Roman „im Zusammenhang mit der Fleischmetaphorik, dem Alkoholkonsum und dem Essverhalten zu begreifen“. Auch will der Autor der Frage nachgehen, „inwiefern der Fleischkonsum für die Welt des Romans, ihre Figuren und die erzählte Männlichkeit konstitutiv ist“ und ob „die Suche nach Identität in Heinz Strunks Roman den Versuch der Einschreibung in die ‚verschleierte Männlichkeit’ artikuliert oder ob gerade die innere Zerrissenheit der Hauptfigur Ausdruck einer verzweifelten Suche nach Alternativen ist“. Die abschließende Erkenntnis seiner „Analyse“ ist nicht eben bahnbrechend: Sie zeigt nicht mehr als, „dass Männlichkeit nicht isoliert im Subjekt entsteht, sondern in einem sozialen Kontext, der durch Rituale, Normen und Erwartungen geprägt ist“. Auf dem Weg zu dieser Interpretation verliert sich Fuhrbach öfter einmal in für seine Fragestellung irrelevanten Nebensächlichkeiten. So informiert er etwa darüber, wie Wurst hergestellt wird, oder sinniert über die Frage, „ob griechische Restaurants mit ihrer Speisekarte die Nachfrage eines heimischen Marktes bedienen“. Auch leidet sein Text gelegentlich an ungelenken Formulierungen. Sie besagen etwa, dass „die Menschen im Umfeld die Lebenswirklichkeit offenbar so erkennen, wie sie für sie ist“, „der weibliche Körper […] ein Hort männlicher Phantasie und ein Ausdruck einseitig gelebter Sexualität [bleibt]“ und „der menschliche Organismus der Hauptfigur […] als psychologisches Wesen gezeigt [wird]“. Derlei doch recht krude Wendungen konkurrieren mit fachspezifischen Termini der Literaturwissenschaft wie etwa „homodiegetische[] Position“ und „analeptische Dekonstruktion“ sowie dem Befund, die „Aussage ‚Weiber waren leider totale Fehlanzeige’“ könne „als maskuline Codierung gelesen werden“, um die Aufmerksamkeit der Lesenden. 

Nicht eben instruktiver ist Manfred-Mihail Konnerts Aufsatz über „kulinarische Symbole“ in Fatma Aydemirs 2017 erschienenem Roman Ellbogen. Der Beitrag leidet zudem daran, dass Konnert identische Textbausteine gerne an ganz verschiedenen Stellen einsetzt. So erklärt er etwa, „dass Essgewohnheiten zu den stabilsten kulturellen Praktiken gehören, die über Generationen hinweg bewahrt werden“, und wiederholt das auf der gleichen Seite noch einmal: „Essgewohnheiten gehören zu den stabilsten Praktiken, die über Generationen hinweg bewahrt werden“. Zwischen den Aussagen, dass eine Figur „nicht mehr zwischen zwei Heimaten pendelt, sondern in einer hybriden Realität lebt“, und ihrer wörtlichen Wiederholung liegen hingegen immerhin zwei Seiten.

Einen positiven Kontrapunkt zu Fuhrbachs und Konnerts Beiträgen bilden Maren Eckarts Ausführungen über „Essen als Identitätsmarkierung in (post)migrantischer Jugendliteratur“. Anhand der Jugendromane Elektrische Fische (2019) von Susan Kreller und Elena Fischers Paradise Garden (2023) zeigt sie, dass Gerichte und deren Verzehr „insbesondere im migrationsbezogenen Kontext […] eine zentrale Rolle als Ausdruck von Heimat sowie als Träger sozialer und emotionaler Bindungen zu[kommt]“. So diene das Motiv des Essens in Fischers Roman „nicht nur der Darstellung von Lebensrealitäten und sozialen Beziehungen“. Es drücke überdies verschiedene Erfahrungen des Dazugehörens, aber auch der Nichtzugehörigkeit aus. Damit erfüllt es zugleich die Aufgabe der „Selbstverortung der Erzählfiguren“ und „unterstreicht“ wie nebenbei „die zentralen Themen der Romane“.

Lăcrămiora-Marilena Popas Untersuchung der „Bedeutung von Essen und Trinken in Herta Müllers Roman Atemschaukel“ steht derjenigen von Eckart nicht nach. Anders als in den genannten Jugendromanen ist die Nahrungsaufnahme beziehungsweise -suche ein, wenn nicht das zentrale Thema in Müllers Roman, dessen Handlung unterstreicht, „welche Funktion das Motiv der Nahrung im Kontext von Lagererfahrung, Erinnerung und literarischer Gestalten übernimmt“. Denn sie wird unter diesen Bedingungen „zur einzigen Währung des Lebens“, hinter der „moralische Werte […] zurücktreten“. Mehr noch: „Essen verliert im Lager seine soziale und kulturelle Dimension“.

Ebenfalls positiv hervorgehoben werden sollte Andrea Susanne Stancus Untersuchung des Motivs der Nahrungsaufnahme in drei Romanen Theodor Fontanes, in deren Mittelpunkt jeweils eine titelstiftende weibliche Figur steht: L’Adultera (1882), Stine (1890) und Effi Briest (1896). Zwar beleuchteten Forschende bereits wiederholt die Kulinarik in Fontanes literarischem Werk, nicht so jedoch, wie „entscheidend [sie] zur Darstellung weiblicher Figuren beiträgt“. Stancu analysiert dies mit einer feinen Beobachtungsgabe sowohl fürs Ganze als auch fürs Detail. So unterschiedlich die jeweilige Funktion des Essens und Trinkens für die Protagonistinnen auch sind, so ist den Romanen doch gemeinsam, dass die „Esssituationen nie nur dekorativen Charakter haben, sondern Aufschluss über die Lage der Frauenfiguren geben“. Dabei sind Essen und Trinken in keinem der Romane „Mittel der Emanzipation, sondern Spiegel der Bedingungen“, unter denen die drei Frauen jeweils leben. Somit erweist sich die „Esskultur“ als „integraler Bestandteil“ der „Gesellschafts- und Figurenzeichnung“ Fontanes.

Alexandra Constantin wendet sich mit Eckhart Nickels dystopischem Roman Hysteria (2018) hingegen einem weit jüngeren Werk zu. Hat Juli Zeh 2009 mit Corpus Delicti eine Gesundheitsdystopie erdacht, so hat Nickels einige Jahre später eine literarische Ökodiktatur errichtet, die allerdings auch nicht ohne „gesamtgesellschaftlichen Gesundheitswahn“ auskommt. Nickels Roman „verwendet“ der Autorin zufolge „das Motiv des Essens und Trinkens, um eine gegenwärtige Gesundheits- und Nachhaltigkeitsobsession ironisch zu hinterfragen und zu parodieren“. Abgesehen davon, dass wohl kaum von einer gegenwärtigen Nachhaltigkeitsobsession die Rede sein kann (erinnert sei nur an die Wegwerfkultur der fast fashion) erklärt Constantin mit Thomas Moylan unzutreffenderweise, es sei in Dystopien „immer ein entwurzelter Protagonist, der die Risse in der Welt sieht und Fragen stellt“. Das mag zwar bei einigen frühen Klassiker des Genres wie Aldous Huxleys Brave New World (1932), George Orwells 1984 (1949) oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 (1953) so sein, nicht aber im Falle jüngerer Werke wie beispielsweise Margaret Atwoods Die Zeuginnen (2019) oder Sandra Newmarks Julia (2023).

Die Grenze des Literarischen hin zum Cineastischen überschreitet Orsolya Tamássy-Lénárt, die sich am Beispiel der beiden Filme Ich denke oft an Piroschka (1955) und Ferien mit Piroschka (1965) dem „Ungarnbild[] im deutschen Spielfilm nach 1945“ zuwendet und dabei „die Rolle des kulinarischen Genusses in der ‚Fremddarstellung’“ beleuchtet, die in beiden Werken als „märchenhaftes Tischlein-deck-dich mit allerlei Speisen und Getränken, die sich zu einer Heeresschau der Ungarnstereotypen“, erweisen und „romantische Vorstellungen über die paradiesartigen Zustände im Land“ transportieren.

Ungeachtet etlicher Redundanzen, die den stets akademisch auftretenden Beiträgen vorangestellten allgemeinen Bemerkungen über Essgewohnheiten als soziale Praktiken anzulasten sind, und einiger schwächerer Beiträge, lohnt es insbesondere dank der Aufsätze von Maren Eckart, Mitherausgeberin Andrea Susanne Stancu und Lăcrămiora-Marilena Popa doch, zu dem Band zu greifen. Inwiefern die einzelnen Analysen tragen, werden selbstverständlich nur jene beurteilen können, die den jeweils untersuchten Text gelesen haben. Allerdings dürfte kaum jemand ausnahmslos alle herangezogenen Primärtexte kennen. Doch können einige der Aufsätze durchaus zur Lektüre des einen oder anderen unbekannten Werks anregen, was zwar nicht in allen, aber doch in so manchem Fall der ‚Mühe‘ lohnt; so etwa in dem der Romane Fontanes und insbesondere Herta Müllers Atemschaukel.

Kein Bild

Andrea Susanne Stancu / Ioana Constantin (Hg.): Ein Fest für die Sinne. Über das Essen und das Trinken in der Literatur.
Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2026.
244 Seiten, 88,90 EUR.
ISBN-13: 9783339145420

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch