Das Europa der andern
Die marokkanisch-niederländische Autorin Safae el Khannoussi blickt in „Oroppa“ aus südlicher Perspektive auf den alten Kontinent
Von Beat Mazenauer
Die jüdisch-marokkanische Künstlerin Salomé Abergel ist in Amsterdam spurlos verschwunden. Viele fragen sich, was geschehen und ob ihr etwas zugestoßen ist. Nur der Restaurantbesitzer Hbib Lebyad scheint mehr zu wissen, als er preisgibt. Auch Abergels Galeristin Hannah Melger sorgt sich um die Künstlerin – und vielleicht mehr noch um die geheimnisvollen Bilder, die sie irgendwo versteckt haben soll.
In ihrem Romanerstling Oroppa entwirft die holländisch-marokkanische Autorin Safae el Khannoussi ein turbulentes Suchbild, das sich zwischen dem Amsterdamer Stadtteil Rivierenbuurt und dem Pariser Belleville-Quartier abspielt. Hier, in der Nachtbar Le Souterrain, arbeitet Irad Abergel, der Sohn der Künstlerin, der vor Jahren mit seiner Mutter gebrochen hat. Auch bei ihm taucht Hannah Melger auf ihrer Suche nach der Künstlerin auf, doch Irad kann ihr keine Auskunft geben. An den zwei Brennpunkten Rivierenbuurt und Belleville, an denen sich Dissidenten, Flüchtlinge, Trinker und Verlierer tummeln, knüpft el Khannoussi ein verschlungenes Netz von Begebenheiten und Figuren an, die durch blinden Zufall oder alte Bekanntschaft miteinander verbunden sind. Immer wieder gerät dabei ein dritter Ort mit in den Blick: der Maghreb und seine postkoloniale Geschichte der Klientelherrschaft und Repression. Aus ganz unterschiedlichen Gründen sind viele von hier nach Paris und Amsterdam geflohen. Unter ihnen auch Yousef Slaoui. Er war freilich kein politischer Dissident, sondern das Gegenteil: ein Folterknecht im Dienst des marokkanischen Regimes. Ausgerechnet wegen Salomé Abergel war er in Ungnade gefallen. Als junge Dissidentin war diese in den späten 1970er Jahren verhaftet und von Slaoui peinlich verhört worden. Später gebar sie im Gefängnis ihren Sohn Irad, mit dem sie schließlich frei kam und sich in Amsterdam niederließ. Die Erinnerung daran hält sie seither strikt unter Verschluss. Sie habe kein gutes Gedächtnis, redet sie sich heraus, wenn sie auf ihre Vergangenheit angesprochen wird. Auch Slaoui flieht nach Amsterdam, wo er viele Jahre unbehelligt lebt, bis er eines Tages Abergel begegnet. Er erkennt darin einen Wink, um, „wie es so schön heißt, mit der Vergangenheit seinen Frieden zu machen“.
El Khannoussis Roman ist ein pulsierender Organismus, der aus unterschiedlichen Erzählperspektiven bewegt wird. Die Fährten, die die Autorin vielfältig auslegt, verknäueln sich immer dichter zu einem farbigen, doch von dunklen Kettfäden durchzogenen Muster, das von Fremdsein und Assimilation, aber auch von Machtwillkür, Dissidenz und Folter erzählt. Während sich die einen wie Irad oder Hbib Lebyad in Paris oder Amsterdam eingelebt haben, hadern andere wie Slaoui mit ihrer Einsamkeit. Oroppa ist so auch ein Roman über einen Kontinent, der aus maghrebinischer Optik seine tiefe Ambivalenz offenbart. Hier begegnen sich Opfer und Peiniger. Europa ist für Zuwanderer und Verfolgte aller Art ein Zufluchtsort, der Sicherheit verspricht – und zugleich, wie Abergel sagt, ein „gnadenloser Ort, schon seit Jahrhunderten“. Denn der oberflächliche Glanz der europäischen Kultur und Liberalität überblendet eine dunkle Geschichte. So wie die Künstlerin stammt auch ihre Galeristin aus einer jüdischen Familie, die mit Glück und dem Beistand eines Freundes sich und ihren Besitz über die Nazizeit hinweg retten konnte. Salomé und Hannah haben sich an einer Soiree beim ebenso mondänen wie windigen Literaturwissenschaftler Maurits van Lohuijzen kennengelernt, einem schwärmerischen Geist, der überzeugt ist, dass die europäische Kultur nur mit ihrem großartigen Untergang zu retten sei.
El Khannoussi wirbelt lebhaft die gängigen Klischees durcheinander. So wächst Hbib Lebyad mehr und mehr zum Inbegriff der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft heran. Mag sein Gehabe zu Beginn noch wie das eines Kapo anmuten, gewinnt er zusehends an Statur. Er ist ein wahrer Kumpel, der alten und neuen Bekannten, sei es auch mit einem Seufzer, in der Not aushilft. Allen voran Salomé Abergel kann sich auf seine Verschwiegenheit und Hilfe verlassen.
Im dritten Teil des Romans führt der Weg schließlich nach Tunesien, wo er die Spur der verschwundenen Künstlerin aufnimmt. Ihr Verschwinden ist selbstgewählt, ausgelöst durch die Konfrontation mit ihrem Folterer Slaoui. Die kranke Abergel versteckt sich bei Freunden von Hbib. Sie will in Tunesien still und unbehelligt Abschied von der Welt nehmen. In Amsterdam hat Irad inzwischen die mysteriösen Bilder zerstört, die seine Mutter im Keller ihres Hauses versteckt hatte.
Nichts ist eindeutig, genau das zeichnet Oroppa aus. Es sind die Widersprüche und Ambivalenzen, die el Khannoussis Roman attraktiv machen. Dazu tragen im vierten Teil auch die „Angsthefte“, Tagebuchblätter einer ungenannten Autorin, bei, in denen sich die Erzählfäden aufs Neue verwickeln. Die vier Kapitel beschreiben aus unterschiedlichen Perspektiven mit vielfältigen Stilmitteln, mal wild versponnen, mal nüchtern, die Suche nach dem Geheimnis von Abergels Verschwinden. Zugleich zeichnen sie ein schillerndes Tableau der gesellschaftlichen Randzonen. Die eingewanderten Maghrebiner bleiben ausgegrenzt, sie werden allenfalls als Nichtstuer und Kriminelle stigmatisiert – ungeachtet dessen, dass solche wie Salomé, Irad oder Hbib Labyed längst keine Außenseiter mehr sind, sondern Teil einer diversen postmigrantischen Gesellschaft, in der sich Einflüsse und Lebensweisen aus vielen Himmelsrichtungen vermengen. Sie sind Oroppäer mit ihren Erinnerungen, mit ihrer Kultur und mit dem Selbstverständnis, dazuzugehören. Gegen sie hilft kein politischer Populismus, der traditionelle Werte beschwört, um Stimmung gegen Eingewanderte zu machen. Schlau und lustvoll erzählt el Khannoussi davon – auf Deutsch mit Hilfe der schwungvollen Übersetzung von Stefanie Orchel. Dabei vergisst sie auch die dunklen Kapitel der europäischen wie der postkolonialen Geschichte des Maghrebs nicht.
Im Nachwort zitiert el Khannoussi einen Satz der von ihr geschätzten Autorin Houria Bouteldja: „Wir sind Loser. Das allein ist mein Ausgangspunkt“. Loser, ja – aber was für welche!
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