Mit hohem Anrecht wiederentdeckt
Emil Belzners „Marschieren – nicht träumen“ dürfte in der Romanliteratur zum 1. Weltkrieg seinesgleichen nicht finden
Von Günter Helmes
„Das Wort ist Aufruhr, das Lebendige aus dem Nichts zu erheben; das Wort ist nicht Gnade, das Lebendige in seiner Gefangenschaft zu besingen. Es gilt, die Erde mit wissendem Staunen zu bevölkern, denn aus dem wissenden Staunen wächst die gerechte Wut gegen scheinheilige Unterdrückung und verfressene Lobgesänge.“
(Major a.D. Ritchard in Maschieren – nicht träumen)
Mit literarischen Wiederentdeckungen wie dem Anti-Kriegsroman Maschieren – nicht träumen hat es so seine eigene Bewandtnis: In der Regel spricht man von „verdienstvoll“, wenn diversen Voreingenommenheiten und Einbindungen geschuldete Fehlleistungen von Kritik und Literaturgeschichtsschreibung wettgemacht werden. Hingegen ist es nur selten der Fall, dass solche literarischen Wiederentdeckungen zu Begeisterung Anlass geben: Dann nämlich, wenn diese thematisch, gehaltlich und insbesondere ästhetisch unverbraucht daherkommen und das Zeug haben, in die jeweils aktuelle Gegenwart und darüber hinaus zu wirken. Fälle dieser Art verbinden sich im deutschsprachigen Bereich – andere mögen aus den angedeuteten Gründen andere nennen – beispielsweise mit Namen wie Georg Büchner, Hermann Conradi, Fanny Lewald, Robert Müller, Gabriele Reuter oder Irmgard Keun. Ob halbwegs Einigkeit darüber bestehen wird, dass es sich auch bei Belzners Roman um ein solches frisches Werk handelt, eines, das uns auch heute noch reichlich zu sagen hat und viel Genuss bereitet?
Emil Belzner? Mir jedenfalls – aber was heißt das schon! – war dieser hauptberuflich als Journalist tätige, dem instruktiven Nachwort von Hannes Schwenger nach mit Ludwig Marcuse und Ernst Kreuder befreundete und u.a. von Günther Eich, Peter Huchel, Oskar Loerke, Thomas Mann und Stefan Zweig „hoch“ geschätzte Autor bislang nicht begegnet, weder mit seiner Lyrik, seinen Romanen noch mit seinen beiden Versepen. Nicht begegnet auch nicht während intensiver Beschäftigungen mit jener in die Hunderte gehenden Vielzahl an deutschsprachigen Erzähltexten, die zusammen mit zahlreichen in- und ausländischen 1. Weltkrieg-Spielfilmen, darüber hinaus mit diversen anderen Printmedien und Filmgenres vor allem in dem Jahrzehnt um 1930 herum erbittert um die Deutungsmacht über den ersten Weltkrieg rivalisierten: über dessen Ursachen, dessen Verlauf, dessen Ausgang, dessen Folgen und, von besonderem Brisanz, über dessen Botschaft für eine zu erwirkende Zukunft.
Dabei war diese Auseinandersetzung – ein wenig Kontext trägt dazu bei, Belzners fulminanten Roman literarhistorisch genauer zu verorten und zu würdigen – zusehends eine ungleiche. Die Schar derjenigen, die, auf einer seit Kriegsbeginn mächtigen Tradition aufsattelnd, um 1930 herum wie Werner Beumelburg, Walter Bloem, Arnolt Bronnen, Edwin Erich Dwinger, Paul C. Ettighoffer, Thor Goote, Hans Grimm oder Hans Zöberlein zu Kriegstüchtigkeit und -willigkeit aufriefen, war um ein Fünffaches größer als die Zahl derjenigen, die wie Ernst Glaeser, Ernst Johannsen, Edlef Koeppen, Emil Ludwig, Ludwig Renn, Adam Scharrer, Georg von der Vring, Arnold Zweig und selbstverständlich Erich Maria Remarque in der Tradition weniger wie Max Barthel, Andreas Latzko oder Paul Zech Anti-Kriegsliteratur verfassten. Waren auf der kriegsverherrlichenden oder -verharmlosenden Seite um die 10.000.000 Millionen Exemplare im Umlauf, kam die staatlicher- und gesellschaftlicherseits allüberall mit spitzen Fingern angefasste kriegskritische Seite bestenfalls auf 1.500.000 Exemplare; wobei allein knapp 1.200.000 Exemplare auf Remarques Im Westen nichts Neues (1929) und Der Weg zurück (1931) entfielen.
Allein schon deshalb spielte die damalige Anti-Kriegsliteratur – das Nachwort sagt leider nichts zur zeitgenössischen Rezeption von Belzners Roman – aufs Ganze gesehen im zeitgenössischen Bewusstsein allenfalls eine Außenseiterrolle. Hinzu kam, dass sich Zensur, Justiz und Presse immer unverhohlener auf die Seite der mehrheitlich radikalnationalistischen Revanchisten schlugen und immer entschlossener gegen literarische und filmische Produkte vorgingen, die, da bürgerlich-pazifistisch oder klassenkämpferisch ausgerichtet, wortwörtlich nicht Gewehr bei Fuß standen.
Gemeinsam war allerdings beiden literarischen und filmischen Lagern, dass sie mit nur wenigen Ausnahmen wie E. Koeppens Heeresbericht (1930) versuchten, den 1. Weltkrieg realistisch darzustellen, das heißt dessen Wirklichkeit hinsichtlich von Stichworten wie Frontgeschehen, Heimat, Politik, Medien, Liebe und last but not least Kameradschaft in einer mehr oder minder komplexen, abgeschlossenen Geschichte wiederzugeben. Dieser Sachverhalt führt unmittelbar zu Emil Belzner zurück. Dieser nämlich lehnte diese überkommene Form von Realismus, die erzählerisch im Einzelnen wie auch immer organisierte Wiedergabe von Ereignissen, Begebenheiten und Fakten aller Art als „Tyrannei der Geschehnisse“ entschieden ab: „Panorama, wann werden wir dich los!“ Er hielt diese Form für ungeeignet, den Krieg und dessen Gegenwärtigkeit auch im sogenannten Frieden zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen setzte er darauf, den Krieg über jene Folgen Gestalt werden zu lassen, die er in den Friedensjahre geheißenen 1920ern im Denken, Empfinden, Wollen und Handeln eines Einzelnen zeitigt.
Dieser Einzelne, „Einer für Viele“, trägt in dem im Süddeutschen spielenden Roman den Namen „Major a.D. Ritchard“. Ritchard, ein zuweilen zynischer Spötter, der sich vom „Provokateuer“ zu einer „Märchenfigur“ entwickelt und der alle zentralen Botschaften des Romans formuliert, ist einer jener Verrückten, die „im Sinne Adornos auf bedeutende Weise zerrüttet‘“ (Nachwort) sind. Die fortschreitende Dissoziation seines Ichs ist paradoxerweise die Voraussetzung dafür, dass die Wahrheit des Krieges, aber auch diejenige des dem Krieg „verdammt[]“ ähnlichen Friedens zu Tage kommt, führt sie doch zu einem aufklärenden Ver- bzw. Zurechtrücken der Fragen, Perspektiven, Beobachtungen und Urteile.
Ritchard, „der langsam in Barbarei zurückfällt, in jenen Zustand der Unmittelbarkeit, der vor nichts einen Ausweg lässt“, leidet am stetig anwachsenden „Laster der Erinnerung“. Dieses „Laster“ überformt alle Lebensbereiche, selbst die intimsten, so dass er überall dem ihm wie ein „Paket“ verloren gegangenen Krieg nachspürt. Seit Jahren schon versucht er sich, der keinesfalls „den Blasbalg der allgemeinen Orgel“ treten möchte, an Memoiren. Er kommt aber zu dem Schluss, dass es sich bei den bislang geschriebenen 50 Seiten zwar um „Wahrheit bis ins einzelne, und doch: Schwindel bis ins einzelne“ handele, um Verschleierungen nämlich nach Maßgabe gängiger narrativer Praktiken. Von daher vernichtet er sein Manuskript, aus dem der im Roman immer wieder einmal direkt angesprochene Leser nur auszugsweise zu lesen bekommt. Dabei handelt es sich bezeichnenderweise um Abhandlungsartiges.
Quasi als opponierender Stichwortgeber und gedanklicher Geburtshelfer zur Seite gestellt ist Ritchard der um eine Generation jüngere, nach landläufigen Begriffen gesunde, weil das gesellschaftliche und literarische „Man“ vertretende Erzähler Emil Belzner. Dieser, vom hilfebedürftigen Ritchard herbeigesehnt und zum „Revolteur“ erkoren, gleichwohl bzw. deshalb permanent als Bildungsbürger, „Schmeichler[]“ und „Ehrfurchtsschieber[]“ verspottet und gezüchtigt, teilt mit dem Autor Emil Belzner Diverses wie das Geburtsjahr, den Beruf und den Drang zur Schriftstellerei. Sukzessive übernimmt dieser Erzähler, dem als Journalist und Schriftsteller eine herrschaftskonforme Vergangenheit und Gegenwart zugeschrieben wird, die systemsprengenden, z. T. in marxistischer Tradition stehenden Ansichten und Überzeugungen Ritchards. Offenkundigster Ausdruck für diese „Bekehrung“ ist der gehaltlich wie ästhetisch revoltierende Roman selbst, d.h. sein Erzähltext. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Hypothese formulieren, dass Maschieren – nicht träumen auch eine Auseinandersetzung, eine Abrechnung sogar des Autors mit seinem bisherigen Schaffen ist.
Die anti-realistische Überzeugung Emil Belzners, von der die Rede war, wird im Roman detailliert durch ein permanentes, meist dialogisches Nachdenken über Kunst bzw. Kunst und Macht im Allgemeinen („ein Patentverschluß allen irdischen Jammers“) sowie Literatur, literarisches Schreiben und Autorschaft im Besonderen entfaltet. Für dieses Nachdenken, das neben dem zeitgenössischen literarischen und publizistischen Leben („elende[] Hehler[] aller Tyrannei“) inklusive Anspielungen auf reale Autoren (Remarque) auch den vorliegenden Roman selbst und Autor-Leserbeziehungen einschließt, lassen sich Bezüge zu unterschiedlichen Kunst- und Literaturströmungen wie dem Phantastischen-, dem Magischen- und dem Meta-Realismus herstellen. So wie die virtuose Form-, Sprach-, Bild- und Beschreibungsmächtigkeit des Romans und sein stupender situativer bzw. inszenatorischer Erfindungsreichtum dazu Anlass geben, Verbindungslinien vor allem zu Expressionismus, Dada und Surrealismus sowie, damals in die noch ferne Zukunft verweisend, zu Aktionismus à la Wien und Fluxus zu ziehen. Jedenfalls macht dieses Nachdenken den Roman, angesichts dessen „Poesie“-Ferne, wie es zum Schluss heißt, „alle echten und rechtschaffenen Dichter brüllen“ mögen, zu einem dominant essayistischen.
Essayistisch ist der mal burlesk, mal skurril und mal grotesk, zuweilen aber auch sarkastisch, parodistisch und märchenhaft daherkommende und an (Selbst-) Ironie (schon der Titel) nicht sparende Roman auch insofern, als in ihm nicht nur wortwörtlich über Gott und die Welt spekuliert wird, sondern insbesondere auch zahlreiche Aussagen über die damalige Friedenswirklichkeit getroffen werden. Um der geradezu ängstigenden Aktualität dieser Aussagen willen würde man sehr gerne seitenlang aus diesem Roman zitieren, in der zaghaften Hoffnung, damit ein „Körnchen“ (Adalbert Stifter) nicht nur zum Erkennen und Wissen, sondern auch zum Widerstand gegen heutige säbelrasselnde, ebenso großmanns- wie eigensüchtige Handlanger und -innen der Rüstungsindustrie beizutragen.
Schon für den Übergang vom Krieg zum Frieden heißt es bspw., dass das, „[w]as uns damals verlorenging an Menschlichkeit, […] in einem ganzen Leben nicht mehr einzuholen“ ist. Später, in einer ganzen Reihe gesellschaftstheoretisch fundierter Passagen, ist von apologetischen Kriegsnarrativen als „Märchen“ die Rede, von fatalem „Gottvertrauen zur Munitionsfabrik“, der unheilvollen Passivität und Manipulierbarkeit der „Rechtlosen und Unterdrückten“, davon, dass „alles zusammengehört: die Dividenden und das Vaterland, Getreide und Gasmaske, Mehl und Pulver. Die, die gegen den Krieg allein wettern, sind wie Leute, die sich mit zehn Pfennig Lohnerhöhung begnügen“. „Krieg und Frieden sind Onkel und Tante“, heißt es schließlich kurz und bündig.
Doch bleibt der Roman in einer letzten, sich selbst weltanschaulich ein gutes Stück weit zur Disposition stellenden Wendung bei solchen dem irdisch Realen und dessen Analyse verhafteten Aussagen nicht stehen. Mit Ritchard erklärt er „alles“ vielmehr zum „Traum. Alle strampeln sie im Traum. Auch die, die uns kommandieren, ausbeuten und ins Verderben führen, träumen.“
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