Jubiläums-Nachtrag: 350. Todestag von Paul Gerhardt

Der Theologe und Musikwissenschaftler Christian Bunners hat sich auf die Spuren des Kirchenliederdichters gemacht

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Paul Gerhardt (1607–1676) nimmt einen bedeutenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte ein: Er gilt als einer der prägendsten Liederdichter des Protestantismus und zählt zu den herausragenden Vertretern der deutschsprachigen Barocklyrik. Er wurde wahrscheinlich am 12. März 1607 in Gräfenhainichen als Sohn eines Bürgermeisters, Bauern und Gastwirts geboren. Die Kleinstadt im heutigen Sachsen-Anhalt, zwischen Halle und Wittenberg gelegen, zählte damals kaum 1000 Einwohner.

Bereits im frühen Alter von zwölf Jahren musste der Junge den Verlust seines Vaters verkraften; nur zwei Jahre später verstarb auch seine Mutter. Diese schmerzlichen Schicksalsschläge führten dem Heranwachsenden früh die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins vor Augen. Von 1622 bis 1627 konnte er dennoch die sächsische Fürstenschule St. Augustin in Grimma besuchen, die für ihre Strenge, aber auch für ihre herausragende theologische und humanistische Lehre bekannt war. Die Schulzeit war außerdem von den Ereignissen des 30-jährigen Krieges geprägt.

Am 15. Dezember 1627 verließ Gerhardt Grimma mit dem Abschlusszeugnis für den Besuch der Universität und studierte ab 1628 Theologie in Wittenberg, wo der Studienbetrieb trotz der Kriegswirren erstaunlich rege blieb. Hier studierte er bis 1642 und arbeitete gleichzeitig als Hauslehrer in der Familie des ersten Pfarrers der Wittenberger Stadtkirche. Die Wittenberger Universität galt hundert Jahre nach Martin Luther und Melanchthon immer noch als Zentrum der lutherischen Orthodoxie.

1643 übersiedelte Gerhardt nach Berlin, wodurch eine bedeutende Schaffensphase als Liederdichter eingeleitet wurde. Johann Crüger (1598-1662), Kantor und Musikdirektor an der Berliner Nikolaikirche, nahm eine Auswahl von Gerhardts Liedern in die zweite Auflage (1647) seines einflussreichen Gesangbuchs Praxis Pietatis Melica auf. Da in den nachfolgenden Auflagen stetig mehr seiner geistlichen Texte publiziert wurden, verbreitete sich Gerhardts Werk rasch im gesamten deutschsprachigen Raum und sicherte ihm überregionale Anerkennung. In Berlin war Gerhardt als Hauslehrer für die Familie des Kammergerichtsadvokaten Andreas Berthold tätig, dessen Tochter Anna Maria er im Jahr 1655 ehelichte.

Erst im Alter von 44 Jahren, im Jahr 1651, fand Gerhardt eine feste Anstellung als Propst im brandenburgischen Mittenwalde. Während der sechsjährigen Amtszeit entstanden seine wohl bedeutendsten Werke, darunter die berühmten Kirchenlieder O Haupt voll Blut und Wunden, Geh aus, mein Herz und suche Freud oder Befiehl du deine Wege.

1657 wurde Gerhardt Pfarrer an der Nikolai-Kirche in Berlin. Seine Amtszeit endete jedoch nach zehn Jahren, weil er sich wegen seiner streng lutherischen Überzeugung im Zuge des Konfessionsstreits zwischen Lutheranern und Reformierten weigerte, das preußische Toleranzedikt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu unterschreiben. Das kurfürstliche Herrscherhaus war 1613 vom lutherischen zum reformierten (calvinistischen) Bekenntnis übergetreten. Der beharrliche Gerhardt sah darin einen Verrat am lutherischen Bekenntnis. Obwohl er in der Bevölkerung großen Rückhalt genoss, führte seine beharrliche Haltung im Zuge der konfessionellen Spannungen zwischen Lutheranern und Reformierten schließlich dazu, dass er suspendiert und seines Amtes enthoben wurde.

Paul Gerhardt verbrachte seinen Lebensabend in Lübben, einem abgelegenen Ort im Spreewald, wo er als Pfarrer an der Stadtkirche St. Nikolai wirkte. In dieser Zeit widmete er sich gewissenhaft seinen geistlichen und seelsorgerlichen Pflichten, wodurch er sich das tiefe Vertrauen und die Anerkennung seiner Gemeinde erwarb. Im Vergleich zu seinem früheren Wirken in Berlin entstanden in dieser späten Schaffensphase kaum noch Kirchenlieder. Die letzten Lebensjahre Paul Gerhardts waren zudem von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet, die ihn tief prägten: Im Jahr 1668 verlor er seine Ehefrau und musste zudem den Tod von vier seiner fünf Kinder betrauern. Paul Gerhardt verstarb am 27. Mai 1676 in Lübben. Er fand seine letzte Ruhestätte im Altarraum der dortigen Kirche, die ihm zu Ehren heute den Namen „Paul-Gerhardt-Kirche“ trägt.

Im Laufe seines Lebens schuf Paul Gerhardt ein beeindruckendes Werk von über 130 Liedern; er gilt damit als der bedeutendste deutsche Kirchenlieddichter nach Martin Luther. Seine Kompositionen sind weit mehr als bloße poetische Texte; sie spiegeln sein tiefes persönliches Vertrauen in Gott wider und dienen bis heute als Ausdruck von Hoffnung und Trost in schwierigen Lebensphasen. Die besondere Kraft seiner Lyrik beschrieb der Dichter Matthias Claudius treffend: „Seine Lieder sind Flügel, auf denen man sich in die Höhe erheben und eine Zeit lang über dem Jammertal schweben kann.“

Anlässlich des 350. Todestages von Paul Gerhardt folgt der Theologe und Musikwissenschaftler Christian Bunners (1934-2024) den Spuren des Kirchenliederdichters. Er besucht die Schauplätze und Wirkungsstätten seines Lebens und zeichnet anschaulich die Biografie nach – von der Geburt 1607 in Gräfenhainichen über Grimma, Wittenberg, Berlin und Mittenwalde bis hin zu seinem Sterbeort Lübben im Jahr 1676. Alle Lebensstationen werden mit zahlreichen historischen und aktuellen Abbildungen vorgestellt, zu denen es jeweils detaillierte Erläuterungen gibt.

Neben den biografischen Stationen vermittelt Bunners auch einen Zugang zu Gerhardts Liedschaffen, das heute noch mit knapp dreißig Liedern den größten Anteil im aktuellen Evangelischen Gesangbuch stellt. In dem Kapitel Wege in die Freude unternimmt er einen Gang durch einige Lieder und zeigt, wie sich die Zeitumstände in ihnen widerspiegeln. Im Gegensatz zu den älteren, oft dogmatischeren Kirchenliedern der Reformationszeit steht bei Gerhardt das persönliche „Ich“ im Mittelpunkt, das Zwiegespräch mit Gott. Die geistlichen Botschaften werden dabei oft mit detailreichen, lebensbejahenden Naturbeobachtungen verbunden. Mit volkstümlicher Schlichtheit und einer musikalischen Sprache begründete er eine neuartige, subjektive Lyrik. Bunners geht zudem der Frage nach, warum die Lieder von Paul Gerhardt bis heute lebendig geblieben sind.

Neben den ersten Strophen einer Reihe der bekanntesten Paul-Gerhardt-Lieder findet man in dem umfangreichen Anhang eine mehrseitige Zeittafel sowie touristische Informationen zu den Wohnorten und Wirkungsstätten von Paul Gerhardt.

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Christian Bunners: Auf den Spuren von Paul Gerhardt. Mit zahlreichen Abbildungen.
Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2026.
160 Seiten , 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783831909025

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