Über Geschmack lässt sich nicht streiten – oder doch?
Ulrich Raulff widmet sich in „Wie es euch gefällt: Eine Geschichte des Geschmacks“ dem faszinierenden Phänomen des guten Geschmacks: Was macht dieses flüchtige Gut eigentlich aus?
Von Monika Grosche
Oscar Wilde meinte bekanntlich dazu: „Mit dem guten Geschmack ist es ganz einfach: Man nehme von allem nur das Beste.“ Doch was macht den Geschmack zu einer so mächtigen Kraft, die die Wahl unserer Kleidung, die Einrichtung des Wohnzimmers und die eigenen Vorlieben bei Musik und Kunst lenkt? Woran erkennt man ihn? Und kann man sich dem Diktat des herrschenden Geschmacks entziehen, ohne als Außenseiter oder als geschmacklos zu gelten?
Fragen wie diesen widmet sich Ulrich Raulff in seinem 2025 erschienenen Buch Wie es euch gefällt: Eine Geschichte des Geschmacks. Auf 480 prall gefüllten und schön gestalteten Seiten spannt er einen breiten historischen und thematischen Bogen, mit dem er die Lesenden auf eine assoziative und fesselnde Reise durch die historischen und gesellschaftlichen Landschaften mitnimmt, in denen sich der Begriff des Geschmacks über Jahrhunderte hinweg herausgebildet hat.
Dies geschieht nicht in Form einer starren chronologischen Abhandlung. Vielmehr ist das Buch als kulturhistorisches Großessay gehalten, in welchem Raulff die faszinierende Transformation des Begriffs verfolgt. Er legt dar, wie sich Geschmack von einer adligen Tugend in eine bürgerliche Kompetenz verwandelte, wie er später im 18. Jahrhundert philosophisch konturiert wurde und dann durch die moderne Konsumkultur schließlich als Massenwunsch im digitalen Zeitalter ankam. So habe sich kritisches Urteilsvermögen in ein Geschäftsmodell sowie individuelles Schönheitsempfinden in Markenbewusstsein gewandelt.
Raulff zeigt dabei pointiert, dass Geschmack niemals rein individuell war oder ist. Vielmehr stellt er ein hochpolitisches und soziales Werkzeug dar, das seit Jahrhunderten zwei gegensätzlichen Zielen dient: der Distinktion (also der Abgrenzung von anderen) und der Inklusion (dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe).
Auf verschlungenen intellektuellen Pfaden nimmt er konkrete historische Momente und Akteure in den Blick. So erzählt er vom Wandel der geographischen Epizentren – vom Rom der Bildungsreisenden über das vorrevolutionäre Paris bis zum viktorianischen London – und erläutert die Rolle prägender „Tastemaker“, also Geschmacksbildner wie Madame de Pompadour oder Thomas Jefferson. Und er erfreut die Lesenden mit unterhaltsamen Anekdoten wie der des Aufklärers Denis Diderot, der seinem neuen Hausrock nicht viel abgewinnen konnte, weil dieser für ihn das ästhetische Gleichgewicht seines Heims empfindlich störte. Zugleich weist Raulff auch auf die Schattenseiten der Entwicklung hin, so etwa mit der Fragestellung, inwiefern die Geschichte des westlichen Geschmacks nicht immer auch die Geschichte imperialer Beutezüge widerspiegelt.
So kunstvoll, prallvoll und überbordend sein Zugriff auf das Thema ist, so sehr fordert die Lektüre auch heraus. Denn durch Raulffs assoziativen Stil hat man es weniger mit einem durchgehenden roten Faden als mit einem ästhetischen Mäandern zu tun. Hierbei verlangt der Autor trotz des vermittelten intellektuellen Vergnügens den Lesenden durchaus einiges ab: Viele historische Anspielungen sind sicherlich nicht allgemein bekannt und auch die Kenntnis von Fachbegriffen wie „passager“ oder „deiktisch“ sind nicht unbedingt als selbstverständlich vorauszusetzen.
Auf diese Weise fühlt man sich gelegentlich, angesichts der Fülle gedanklicher Arabesken und assoziativer Sprünge, denen man nicht immer folgen kann, im Verlauf des Buches etwas verloren. Mitunter kann man sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, dass manche der angeführten Aspekte mehr der Demonstration der Belesenheit des Verfassers als der klaren Argumentation zum beschriebenen Kontext dienen.
Doch wer den bekannten Journalisten und Autoren kennt, der unter anderem mit dem Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik ausgezeichnet wurde, sucht schließlich auch kein Lehrbuch, sondern freut sich auf Feuilleton im allerbesten Sinne. Seine Sprachkunst, die einen geschliffenen Stil voller Ironie mit überraschenden Pointen verbindet, lässt ihn mühelos von der Philosophie der Aufklärung zu den Konsumgewohnheiten der Gegenwart springen – und die Lesenden folgen ihm dabei staunend, amüsiert und nachdenklich. Raulffs Stärke liegt in der Beobachtung. Sein Werk will nicht belehren, sondern zum Denken verführen.
Wer also die Bereitschaft mitbringt, sich auf ein intellektuelles Abenteuer zu begeben und dem hochgebildeten Autor durch die europäische Geistesgeschichte zu folgen, wird mit einer ebenso fordernden wie inspirierend-unterhaltsamen Lektüre belohnt.
Wer allerdings eine messerscharfe, systematische Definition sucht, was „guter Geschmack“ tatsächlich ist, wird enttäuscht sein, mit eleganten Denkanstößen anstelle von fertigen Antworten konfrontiert zu sein.
Vor allem im Blick auf die Gegenwart entfaltet das Buch eine hohe Aktualität. Angesichts der Tatsachen, dass Algorithmen ästhetische Trends verstärken und Geschmacksprognosen das Konsumverhalten diktieren, plädiert Raulff für den Erhalt des ästhetischen Eigensinns. Er warnt davor, dass soziale Medien und Algorithmen als Fortführung des Strebens nach ästhetischer Zugehörigkeit durch massenhafte Standardisierung („Likes“) dafür sorgen, dass der Sinn für die subtile, unberechenbare Nuance abhandenkommt. Auf diese Weise schärft er den Blick dafür, dass Geschmack nicht bloß Konsum ist, sondern, im besten Fall, auch das Ausüben von Bürgerrechten.
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