Keine Schwäche zeigen

In „Königin der Nacht“ begibt sich Lukas Bärfuss auf die Spuren seiner Kindheit und entdeckt die Frau, die seine Mutter war

Von Miriam SeidlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Miriam Seidler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss hat ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Herkunftsfamilie. Dennoch hat er seine Beziehung zu ihr und einzelnen Familienmitgliedern in den vergangenen Jahren literarisch intensiv erforscht. In seinem Roman Koala (2014) widmet er sich – noch fiktional – dem Suizid seines älteren Bruders, der in der Jugend den Spitznamen Koala trug. Der Essay Vaters Kiste (2022) behandelt ausgehend von seinem Verhältnis zum Vater Fragen des Erbens und der Weitergabe von Wissen und Besitz in der Gesellschaft. Diese beiden Bände werden nun durch das jüngste und zugleich persönlichste Buch Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter zu einer etwas ungewöhnlichen Trilogie ergänzt. Diese setzt sich – jeweils ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit dem Tod eines Familienmitglieds – mit allgemein menschlichen Fragen nach Freiheit, dem Verhältnis von Familie und Gesellschaft sowie der Mutterliebe auseinander. Dabei erweist sich das Verhältnis zur alleinerziehenden Mutter als besonders schwierig, wie sich bereits auf den ersten Seiten des Bandes und in den Erinnerungen an die letzten Begegnungen mit der Mutter zeigt. Wie also charakterisiert Bärfuss eine Frau, die nie Mutter sein wollte? Die Beziehung von Mutter und Sohn wird in einer kurzen Szene eindrücklich auf den Punkt gebracht:

Nach der Arbeit im Autohaus verwandelt sich Mutter in die Königin der Nacht. Sie besitzt tausend Gewänder. Im Durchgang vor dem Spiegel schminkt sie sich, macht sich die Haare, dann schlüpft sie in eine Bluse mit tausend Rüschchen und in den Plisseerock, von dem er nicht sagen kann, ob er grün ist oder rosa oder braun, er glänzt in allen Farben. Er sitzt auf dem Klo und bewundert Mutters Schönheit. Sie legt den Klunker um und sprüht Parfum auf den Hals, Shalimar von Guerlain aus Paris, denn dort leben alle Königinnen. Der Junge wünscht sich, er dürfte einmal in die Bar mitgehen, aber für Kinder bleiben die Tore zu ihrem Palast verschlossen.

Bewunderung spricht aus den Worten des Jungen, der hier seine Mutter in der Vorbereitung auf ihre Arbeit als Bardame beschreibt. Doch so fremd wie ihr abendlicher Job bleibt dem Jungen letztendlich auch die Frau, die er hier beobachtet. Der Wunsch nach Nähe und Teilhabe an ihrem Leben ist unüberhörbar. Die Faszination für eine Frau, die ihren eigenen Weg geht, dabei so unabhängig wie möglich und so selbstbewusst wie nötig ist, scheint auch in den Schilderungen des erwachsenen Autors immer wieder durch. Distanz und Fremdheit, die seine Kindheit prägten, möchte der Autor nun mit diesem Band überwinden oder doch zumindest selbst bestimmen, wie weit er eine Beziehung zu dieser Frau aufbaut und zulässt. Die Unnahbarkeit, für die das Bild der Königin steht, bleibt im Schreiben erhalten, indem Bärfuss in Form einer Mauerschau zu ergründen versucht, was diese Frau, die seine Mutter war, wirklich gefühlt haben könnte.

Der schmale Band beginnt mit einem Aufenthalt in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, Santo Domingo, wohin der Sohn nach dem Tod der Mutter reist. Hier hat sie als Wirtschaftsflüchtling gelebt. Die kleine Schweizer Rente reichte zum Überleben, aber – wie der Sohn einem rosa Kontoauszug, der das Guthaben der Mutter kurz vor ihrem Tod auf 60 Franken beziffert, entnehmen kann – nicht wirklich zum Leben. Dieses erste Kapitel ist ein Ringen mit sich. Hätte er ihre Bedürftigkeit erkennen müssen? Hat er sich von ihrer abweisenden Haltung täuschen lassen? War er ihr als Sohn überhaupt etwas schuldig? Und: Wer war diese Frau, die ihn geboren hat? Wie sie sich in die Königin der Nacht verwandeln konnte, so hat sie tagtäglich viele verschiedene Rollen gespielt. Diese dienten ihr zwar zum Schutz, waren aber auch der Grund dafür, dass keine wirklich enge Bindung zu ihrem Sohn entstehen konnte. Das Kind schien sie immer als Last empfunden zu haben, die Verantwortung versuchte sie möglichst schnell abzugeben. Die Zusammenfassung von Bärfuss zeigt nichts mehr von der Bewunderung des kleinen Jungen: „Sie war keine Mutter. Sie war gefährlich. Sie hatte ihn mit fünfzehn auf die Straße gejagt. Zu den Gaunern und den Junkies und den Huren und den Bullen. Der Junge hat überlebt. Der Mann ist stark geworden, zäh und hart.“ Die Prägung – Bärfuss selbst spricht nicht von Verletzungen –, die mit dieser Lebenshaltung einhergeht, führt ihm der Tod der Mutter noch einmal auf besondere Weise vor Augen:

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.
Auch nicht mit dem Tod.
Eine Geschichte, die nie zu Ende ist und mit dem Sterben erst beginnt.
Er kann niemand fragen. Nichts lesen. Jede Geschichte ist falsch, abgeändert, frisiert, zurechtgeboten, erfunden.
Das Einzige, worauf er sich verlassen will, ist seine Erinnerung. Er, der Sohn, der Schriftsteller, ich.

Und so erkundet Lukas Bärfuss im zweiten Teil des Bandes Königin der Nacht seine Erinnerungen chronologisch. Er beginnt in der frühen Kindheit bis zum Tod der Mutter. Die Sprache ist gnadenlos unpersönlich. Auch wenn es sich um einen autobiographischen Text handelt, spricht der Autor von sich selbst meist nur in der distanzierten dritten Person. Die kurzen Berichte erzählen von einer Frau, die immer wieder mit wechselnden Männern zusammen ist, ihre Sexualität frei auslebt und sich wenig für ihren Sohn interessiert. Das Heranwachsen des Kindes in diesen schonungslosen Erinnerungsfragmenten zu begleiten, lässt die Lektüre des Bandes zu einer Herausforderung werden. Bärfuss nimmt die Perspektive des Kindes ein, liefert keine zusätzlichen Informationen, wählt einen einfachen Satzbau und doch entwickelt sich zwischen den Zeilen das Grauen, das das Kind in dieser Zeit durchlebt. Die soziale Kälte, die es bei der Mutter und seinem Stiefvater erfährt, wird noch übertroffen von der Bauernfamilie in der französischsprachigen Schweiz, zu der es nach dem Ende der Primarschule mit etwa 14 Jahren für ein Jahr kommt. Das wissbegierige Kind, das sich zuhause durch die Enzyklopädie eines gestorbenen Nachbarn gelesen hat, ist hier von jeder intellektuellen Anregung abgeschnitten. Körperlich harte Arbeit, keine sozialen Kontakte und keine Schulbildung sorgen für ein unerträgliches Lebensumfeld. Hier wird der Jugendliche nicht nur lieblos behandelt, sondern zugleich erbarmungslos ausgebeutet. Nachdem die Bauernfamilie ihn unter einem Vorwand entlässt, fährt er nach Hause, nur um dort festzustellen, dass die Mutter aus der gemeinsamen Wohnung bereits ausgezogen ist. Eine Familie gibt es schon lange nicht mehr. Lukas versucht noch, sich auf einem Lehrerseminar, für das er den Aufnahmetest bestanden und ein Stipendium erhalten hat, ausbilden zu lassen. Doch die Stipendienzahlungen behält die Mutter, er lebt auf der Straße und gibt den Schulbesuch irgendwann ganz auf.

Der dritte Teil des Bandes reagiert auf eine völlig unerwartete Weise auf diese Schilderung einer Kindheit: Bärfuss setzt nun nicht zu einer umfassenden Abrechnung mit der Mutter an, sondern er stellt sich die Frage, was diese Kindheit mit ihm gemacht hat und was die Gründe dafür waren, dass seine alleinerziehende Mutter auf so erschreckend emotionslose Weise gehandelt hat. Der Autor, der sich im ersten Teil als „zäh und hart“ bezeichnet, führt die emotionale Leserlenkung aus dem zweiten Teil nicht fort, sondern setzt nun auf eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der Mutter-Sohn-Beziehung. Er scheint die Faszination, die die Bardame auf ihn als Kind ausgeübt hat, ebenso ergründen zu wollen wie er aus ihrer Biographie heraus ihr Handeln verstehen möchte. Dazu liefert der wortgewandte Essayist Bärfuss eine schonungslose Gesellschaftsdiagnose, die den Umgang mit Heimatlosen und Fahrenden beleuchtet, die nicht gelernt haben, wie es ist, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Für diese Gruppe wurden Gefühle zur Gefahr, weil sie den Blick auf die Realität verstellten. Dem Schweizer Bürgertum waren diese Menschen ein Dorn im Auge, weshalb die Frauen über lange Zeit sterilisiert wurden, damit sie keine Kinder bekommen und so eine neue Generation fahrender Gesellen gebären konnten. In einer Zeit, in der politische Entscheidungsträger arme und kranke Menschen immer wieder als ‚Sozialschmarotzer‘ kennzeichnen, ist dieser Essay besonders wichtig. Er zeigt auf, dass es Lebenssituationen gibt, in denen die Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind und Armut eine Form sozialer Isolation schafft, die für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen ist. So entwickelt Bärfuss in der Auseinandersetzung mit der Tradition der Fahrenden ein Verständnis, das nicht nur ihn selbst betrifft, sondern auch seine Mutter: „Nein, sie wollte keine Mutter sein, kein Müeti, keine Hausfrau. Eine Königin wollte sie sein, eine Königin der Nacht, sich niemals beschweren, nicht erklären, eine Fürstin ohne Reich, in der Finsternis einer Gesellschaft, in der sie keine Bedeutung hatte.“

Dieses schmale Buch Königin der Nacht ist ungemein beeindruckend, gerade weil es eine Liebeserklärung an eine Mutter ist, die nie Mutter sein wollte, egoistisch handelte und den Sohn immer auf Distanz gehalten hat. Erst im Schreiben gelingt es Bärfuss, diese ungewöhnliche Beziehung zu ergründen. Den letzten Kontoauszug der Mutter hat er als Auftrag verstanden, dem Status von Außenseitern in der Schweiz nachzugehen. Um verständlich zu machen, welche Auswirkungen Sozialpolitik auf das Leben der Menschen am Rand der Gesellschaft hat, muss er sich aber im Schreiben über seine frühe Kindheit bedingungslos seiner Mutter ausliefern. Er fühlt noch einmal, was der kleine Junge gefühlt hat, der der Mutter beim abendlichen Schminken zusieht. Er steht erneut als Jugendlicher in der leeren Familienwohnung, in der nur noch sein Zimmer mit Möbeln ausgestattet ist. Wie schmerzhaft dieser Prozess war, lässt sich nur erahnen. Ob es Lukas Bärfuss damit gelingt, eine Geschichte zu schreiben, die nicht „falsch, abgeändert, frisiert, zurechtgeboten, erfunden“ ist, müssen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Mit Königin der Nacht, so ist zu hoffen, hat Lukas Bärfuss seinen Frieden mit ihr geschlossen. Denn los werden wird er sie nicht.

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Lukas Bärfuss: Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
128 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498003210

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