Akzent macht den Unterschied

Johanna Sebauer spielt in ihrem Roman „Popóm“ raffiniert mit dem Doppelgänger-Motiv

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1988 in Wien geborene und heute im Burgenland lebende Schriftstellerin Johanna Sebauer treibt mit dem Protagonisten ihres zweiten Romans ein raffiniertes Verwirrspiel. Sebauer, die 2024 beim Bachmannpreis mit dem 3Sat-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, konfrontiert einen jungen Mann mit seinem Alter ego.

„Vor mir saß, ja es konnte anders nicht sein, ein auf gewisse Weise fortgeschrittenes, an den Lebensjahren gereiftes Ich“, heißt es im Roman. Hendrik Popom durchlebt mit Ende zwanzig schon eine handfeste Lebenskrise. Die Arbeit in einer „Kreativagentur“ füllt ihn nicht mehr aus. Er ist mit seiner Freundin von Österreich nach Norddeutschland gezogen, doch Glück fühlt sich anders an. Dann wird er ganz kräftig in emotionale Turbulenzen gestürzt. Er möchte in einem Kiosk eine Kleinigkeit einkaufen, doch durch diesen kurzen Ausflug gerät sein Leben aus den Fugen, denn er begegnet dort einem älteren Mann und ist sich ziemlich sicher, dass er sich selbst gegenübersteht: „Er war viel älter als ich gewesen, hatte sich anders bewegt, anders gesprochen und war dennoch ich mit jeder Pore. Ich fürchte, nur wer schon einmal Ähnliches erlebt hat, wird wirklich verstehen können, was ich meine“, konstatiert Hendrik der Jüngere. Sein Alter ego trägt den gleichen Namen – nur mit einem kleinen Unterschied, er heißt Popóm, „Ich: Du hast mir nie erzählt, warum du einen Akzent im Namen hast. Er: Popom kam mir irgendwann zu nackt vor. Also habe ich ihm etwas angezogen.“

Hendrik der Ältere fungiert als innerer Doppelgänger. Äußere Ähnlichkeiten mit dem „Senior“, Liebhaber von Dosenpfirsichen, der in einem antiquierten Pfeifenladen arbeitet, existieren nicht. „Can I exist in another person?“ befragt der Protagonist das Internet, aber die Antworten der Künstlichen Intelligenz sind für ihn unbefriedigend und vergrößern seine Unsicherheit. Ein Abendessen in einem Restaurant mit seiner Freundin beendet er abrupt, um sich an einem anderen Tisch mit seinem Alter ego zu unterhalten.

Die Beziehung zu seiner Freundin geht kurz darauf in die Brüche. Auch die Beziehung der beiden Hendriks steht auf wackligen Füßen und ist ständigen emotionalen Veränderungen ausgesetzt – changierend zwischen besten Freunden und neidischen Konkurrenten. Dass der Ältere einiges über die Zukunft des Jüngeren zu wissen vorgibt, strapaziert die Beziehung überdies. Eines Tages verschwindet Popóm plötzlich. „Geschlossen“ steht an seinem Pfeifengeschäft.

Der junge Hendrik ist vollends verwirrt: „Was war das für ein Benehmen? Wenn er so war, bedeutete dies, dass auch ich so war? Ein Schwein, ein unfreundliches?“

Johanna Sebauer pendelt in ihrem Roman zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit, zwischen feinem Humor und psychologischem Tiefgang. Als Leser kann man sich diesen temporeichen erzählerischen Spagat zwischen psychologischer Obsession und galant erzählter Humoreske auch als Bühnenstück, als modernes absurdes Theater vorstellen.

Zurück bleibt ein von doppeltem Trennungsschmerz geplagter junger Mann, der zunächst seine Freundin und dann den alten Hendrik verloren hat. Verloren hat er auch seine innere Mitte, doch anders als Dostojewskis Doppelgänger Jakow Goljadkin endet der total verunsicherte Hendrik nach dieser „Doppelgängerbegegnung“ nicht in der Psychiatrie. Der Leser fühlt sich am Ende so ähnlich wie der Protagonist: Hin und hergerissen zwischen Faszination und Verstörung. Johanna Sebauers Akzent sei Dank.

Titelbild

Johanna Sebauer: Popóm. Roman.
DuMont Buchverlag, Köln 2026.
224 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783755800798

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