Aufstand in der Provinz

Stephan Thomes Roman „Besser als nie“ setzt sich mit Traditionspflege in der Provinz auseinander

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Sehen Sie, überall, wo der Mohr hinkommt, verteilt er Brezeln, umarmt Leute und macht ihnen mit seinem Bart die Wange schwarz. Das gilt als Glücksbringer, es ist ein großer Spaß“, heißt es im neuen Roman des seit einigen Jahren in Taiwan lebenden Schriftstellers Stephan Thome, dessen Buch Grenzgang 2009 von Lesern und Kritik unisono gelobt wurde. Im „Spiegel“ wurde er als „Meister der Dialogkunst“ gefeiert.

Den neuen Roman darf man als Fortsetzung von Grenzgang lesen. Viele Figuren aus dem Vorgängerroman tauchen gealtert und in anderen familiären Beziehungen wieder auf. Handlungsschauplatz ist heute wie damals die fiktive nordhessische Kleinstadt Bergenstadt, die keineswegs zufällig an Stephan Thomes Geburtsstadt Biedenkopf (zwischen Siegen und Marburg gelegen) erinnert.

Seit rund 200 Jahren wird dort ein großes Stadt- und Landfest mit dem Namen Grenzgang nach traditionellen Riten geradezu zelebriert. Nach längerer coronabedingter Pause laufen im Jahr 2022 in Bergenstadt die Vorbereitungen für den nächsten Grenzgang auf Hochtouren. Das Fest geht zurück auf einen alten Brauch zurück, als die Stadtoberen die Ortsgrenze abschritten.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Rechtsanwalt und Bürgermeister Jürgen Bamberger, der sich in einer Mischung aus blindem Aktionismus und politisch-strategischem Kalkül auf sein erstes Fest als Stadtoberhaupt vorbereitet. Bamberger muss für das von der Polizei angeforderte 90-seitige Sicherheitskonzept geradestehen. Bamberger will glänzen, ist sich aber der Komplexität seiner Aufgabe bewusst. Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen gepflegter Tradition und zeitgenössischen gesellschaftlichen Entwicklungen, die einiges an Protestpotenzial hervorbringt.

Studenten aus dem nicht weit entfernten Marburg organisieren Störaktionen. Stein des Anstoßes ist die Kritik an der „Mohren“-Figur, die traditionell dem Festzug voranschreitet und deren Umarmung Glück bringen soll. Die junge Generation hält das Festhalten an dieser Figur für moralisch fragwürdig und unzeitgemäß. Außerdem wird die Diskriminierung der Frauen angeprangert, die beim Fest immer noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die Schulpsychologin Linda Preiss schlägt öffentlich Alarm und fühlt sich diskriminiert, denn sie wird als Reiterin für den Festumzug abgelehnt, weil sie eine Frau ist.

Ausgelöst wird die heftige öffentliche Kontroverse durch ein Statement eines gewissen Jannis über die Mohren-Figur in der Lokalzeitung. Nach und nach stellt sich heraus, dass sich hinter Jannis Janina, die Tochter von Bürgermeister Bamberger, verbirgt. Der Hessische Rundfunk wird aufmerksam und entsendet ein Team in die Provinz nach Bergenstadt. Die Journalisten befragen Bürger des Ortes nach ihrer Meinung zum Fest und besuchen später den Bürgermeister. Die Befragung offenbart einen Riss, der durch die Bevölkerung geht. Die „Alten“ beharren auf der Traditionspflege, die Söhne und Töchter artikulieren ihre moralischen Vorbehalte. 

Stephan Thome erweist sich in seinem neuen Provinzroman, für den er kurzzeitig aus Taiwan in die alte Heimat zurückgekehrt ist, als geradezu sezierender Beobachter und virtuoser Erzähler. In der hessischen Provinz prallen Traditionspflege und neu entstandene, von der Jugend eingeforderte political correctness aufeinander. Risse gehen durch Familien, tradierte soziale Strukturen befinden sich im Auflösungszustand.

Die Bevölkerung setzt sich anders zusammen, auch wegen des Zuzugs von Geflüchteten in den Jahren 2015/16. In der Pandemie sind viele Orte sozialer Begegnung verschwunden, zum Beispiel Kneipen. Der Einzelhandel stirbt, weil Leute in Großmärkten oder im Internet einkaufen. So verändert sich das Lebensgefühl, und es entsteht eine Unzufriedenheit, die sich im Streit um das Fest entlädt, obwohl ursächlich gar kein Zusammenhang besteht,

hatte Stephan Thome in einem Interview erklärt. Doch man kann sich als Leser des Gefühls nicht erwehren, dass in Bergenstadt eben doch alles und jeder mit jedem in einem geheimnisvollen Zusammenhang steht.

Besser als nie ist ein unterhaltsamer, intelligenter Roman, der uns pointiert die gesellschaftlichen Veränderungen vor Augen führt und uns höchst plausibel den Grenzgang zwischen Tradition und Gegenwart nahebringt.

Titelbild

Stephan Thome: Besser als nie. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
490 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783518433133

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