Morde als Argumente

In „Zorn der Verlierer“ ermitteln Kostas Charitos und seine Mitstreiter im Universitätsmilieu von Athen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es herrscht mildes Herbstwetter in Athen, obwohl es bereits Dezember ist. Vielleicht sind auch deswegen so viele Studierende auf den Straßen rund um das Universitätsviertel unterwegs. Auf alle Fälle halten die Proteste der jungen Menschen die Polizei auf Trab. Auch Kostas Charitos, seit Kurzem leitender Kriminaldirektor der Polizeidirektion Attika, ist beunruhigt. Und seine schlimmen Vorahnungen bestätigen sich schon kurz darauf, denn offensichtlich hat das sich ausbreitende Durcheinander rund um die Universität mit dazu beigetragen, dass der oder die Mörder des Universitätsprofessors Themistoklis Rodakis nahezu unbemerkt in dessen Dienstzimmer eindringen konnten.

Ein toter Wirtschaftsmathematiker und kurz darauf ein zweiter Mord – Petros Markaris‘ Held aus mittlerweile sechzehn Kriminalromanen weiß sofort, was da auf ihn und Antigoni Ferleki, die nach seinem Aufstieg zum Direktor nun die Mordkommission der Athener Kriminalpolizei leitet, zukommt: Ermittlungsstress und jede Menge Druck von oben. Denn auch das zweite Opfer, ein mit einer Bildungsreform befasster Ministerieller, ist jemand, dessen Tod wohl schnell hohe Wellen schlagen wird. Und als schließlich ein weiterer Anschlag misslingt, es sich bei dem potentiellen Opfer aber um den einflussreichen Geschäftsführer eines Hightech-Unternehmens handelt, werden Kostas Charitos‘ Vorgesetzte bis hoch zum Innenminister immer nervöser und erwarten so schnell wie möglich Ergebnisse, mit denen sich die Medien beruhigen lassen.

Petros Markaris (Jahrgang 1937) ist mit seinen seit Mitte der 1990er Jahre erscheinenden Kriminalromanen immer ganz dicht an der Realität seines Heimatlandes geblieben. Ob es die große Finanzkrise rund um das Jahr 2010 war oder die Corona-Zeit knapp ein Jahrzehnt später, ob es um den drohenden Ausverkauf nationaler Werte, die Verschärfung der Widersprüche zwischen Arm und Reich im Land oder die sich wandelnde Rolle von Frauen ging – immer hatten die Fälle, mit denen Charitos Team konfrontiert wurde, eine gesellschaftliche Dimension. Und damit sich diese politischen Hintergründe für seine Leserinnen und Leser nicht so trocken-theoretisch anmuteten, schuf Markaris um seinen Kommissar herum ein Figurenfeld mit Charitos‘ Familie als Zentrum, dessen einzelne Charaktere er so geschickt anlegte, dass sie in ihrer Gesamtheit ein – wenn auch notgedrungen etwas reduziertes – Abbild der heutigen griechischen Gesellschaft lieferten.

Und so fehlen auch diesmal weder Sissis, der Altkommunist und Obdachlosenheim-Betreiber, noch Charitos‘ als Anwältin mit den Anliegen der Ärmsten beschäftigte Tochter Katerina. Erneut mit dabei sind die Psychologin Mania, mit der Katerina befreundet ist und eine Bürogemeinschaft betreibt, und  ihr deutscher Ehemann Uli, dessen Außensicht auf die griechischen Verhältnisse nicht immer gut bei allen ankommt, aber manchmal durchaus notwendig ist. Und natürlich kann Markaris auch in Zorn der Verlierer nicht auf die wahre Wunder in ihrer Küche wirkende Adriani, Ehefrau und ruhender Pol Charitos‘, und den von allen umsorgten kleinen Enkel Lambros verzichten. Was letztlich dafür sorgt, dass man als Leserin oder Leser auch in Band 16 der Reihe nicht nur erneut in die Geschichte einer Mörderjagd verwickelt wirdsondern auch in das Leben einer griechischen Familie von heute und die Historie eines Landes mit großer Vergangenheit und nicht immer selbstgemachten Problemen in der Gegenwart.

Was hinter den beiden Morden steckt, die Kostas Charitos, Antigoni Ferleki und das kleine, von ihr geleitete Ermittlerteam aufzuklären haben, führt sie in ein Milieu, in dem ganz eigene, für die Kriminalisten erst allmählich zu durchschauende Regeln herrschen: „Wer interessiert sich heute noch für Philosophie, Literatur oder Poesie? Alles dreht sich nur noch um technologisches und mathematisches Wissen, das der Wirtschaft nützt“, steht in einem Bekennerschreiben, das die Täter nach ihrem ersten Mord publizieren. Mit dieser Tendenz im universitären Kosmos wird der Mord an einem Professor begründet, der bekannt dafür war, die Geisteswissenschaften öffentlich und privat mit Hohn und Spott zu überziehen und als brotlose Kunst zu disqualifizieren. Wer es zu etwas bringen, Karriere machen und gutes Geld verdienen wolle, dem biete sich in der heutigen Zeit nur ein erfolgversprechender Weg an, nämlich der über ein Studium der Naturwissenschaften oder Ökonomie mit dem Ziel, in der Wirtschaft Fuß zu fassen.

Als Charitos und seine Ermittler sich mit dem zweiten Mordfall beschäftigen, wird im Übrigen schnell klar, dass diese Ansicht inzwischen längst nicht mehr nur an den Universitäten und Hochschulen gang und gäbe ist. Denn jener Stefanos Rokkos, der im Bildungsministerium an einem Plan zur Umstrukturierung des gymnasialen Unterrichts hin zur Anpassung der Schulfächer an die universitären Bedürfnisse arbeitete, bis er seinen Mördern über den Weg lief, war selbst nicht von dem überzeugt, was er tat, beugte sich aber dem verhängnisvollen Zeitgeist und den Anweisungen seiner Vorgesetzten.

Dass in unseren Tagen bereits an den Schulen Konflikte mit Brutalität und Rücksichtslosigkeit statt mit klug eingesetzten Argumenten ausgetragen werden, Mobbing an der Tagesordnung ist und die Gemobbten ähnlich aggressiv reagieren, ist ein Ergebnis des Zurückfahrens der Vermittlung von humanitären Bildungsinhalten an die Schülerinnen und Schüler zugunsten der naturwissenschaftlichen Fächer.  Viele der Figuren, die Petros Markaris seinen Ermittlern in diesem Roman begegnen lässt, sind explizit dieser Meinung. Eine Professorin drückt es ganz direkt aus, indem sie sagt: “In einer Demokratie werden die Bürger durch schulische Allgemeinbildung und Geisteswissenschaften gesellschaftlich sensibilisiert. Wenn die Allgemeinbildung zu einseitig wird und sich nur noch auf die Vorbereitung einer bestimmten Studienrichtung beschränkt, […], dann sinkt somit die Zahl der gesellschaftlich sensibilisierten Bürger.“

Es bräuchte gar nicht das geliebte Dimitrakos-Lexikon, das Markaris‘ Held immer dann konsultiert, wenn er sich im Zusammenhang mit einem Fall ein Problem verdeutlichen will – auch in Zorn der Verlierer schlägt Charitos es einige Male wieder auf –, damit deutlich wird, wie wichtig humanitäre Bildung und Erziehung in Zeiten sind, wo von klein auf das Faustrecht mehr zu zählen scheint als eine argumentgetragene Auseinandersetzung. Freilich geschehen noch einige weitere Morde im vorliegenden Roman, ehe Kostas Charitos und die Seinen der Täter habhaft werden. Morde, die begangen werden, weil man die zivilisierten Formen des Umgangs von Menschen mit Menschen zu verlernen begonnen hat.

Kein Bild

Petros Markaris: Zorn der Verlierer. Ein Fall für Kostas Charitos.
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger.
Diogenes Verlag, Zürich 2026.
288 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783257073799

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch