ChatGPT oder Freiheit

Die Beiträge des von Dieter Borchmeyer herausgegebenen Sammelbands „Der künstliche Mensch“ sind ausnahmslos instruktiv

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der von Dieter Borchmeyer herausgegebene Sammelband Der künstliche Mensch fächert sein Thema denkbar weit auf: von den ersten antiken Mythen künstlich geschaffener Menschen, etwa Pygmalions durch Aphrodite zum Leben erweckter Statue oder den weniger bekannten goldenen Dienerinnen Hephaistos’, über „Isolda als Avatar Tristans“ in Thomas’ von Britannien aka Thomas’ d’Angleterre im 12. Jahrhundert entstandenen Tristan, Wagners Homunkulus im zweiten Teil des Faust (1832), dem Golem der jüdischen Mythologie, Mary Shelleys Frankenstein und seinen zahlreichen filmischen Adaptionen, E. T. A. Hoffmans Olimpia und vielen anderen bis hin zu den hochaktuellen Gefahren durch die sogenannte künstliche Intelligenz.

Fast immer spielen sexuelle Männerphantasien eine Rolle, wenn weibliche Statuen, Maschinenmenschen und dergleichen von ihren Schöpfern erschaffen werden. Eine der wenigen Ausnahmen bietet die softpornografisch angehauchte Comic-Reihe Barbarella, deren Titelheldin auch schon mal ein Roboter-Liebhaber zu Diensten ist. Nach vollzogenem Beischlaf lobt ihn Barbarella in der englischsprachigen Ausgabe selig lächelnd: „Diktor, you have real style“, woraufhin dieser antwortet: „Oh! Madame is too kind… I know my shortcomings… There’s something a bit mechanical about my movements!“ Erdacht wurde die Reihe allerdings in den 1960er-Jahren wiederum von einem Mann: dem Franzosen Jean-Claude Forest, der zudem die defekte weibliche Roboter-Prostituierte Mado auftreten lässt, die während ihrer Reparatur durch Barbarella orgiastisch stöhnt. Behandelt wird die nach ihrer Protagonistin benannte Graphic-Novel-Reihe bedauerlicherweise in keinem der Beiträge. Auf literarischem Gebiet werden überhaupt ausschließlich Werke der Höhenkammliteratur beleuchtet. Anders sieht es im cineastischen Bereich aus. Matthias Hurst nimmt auch Werke in den Blick, die fast schon den B-Movies zuzurechnen sind, wie etwa Flesh for Frankenstein aus dem Jahr 1973. Henry Keazor wiederum wendet sich Maschinenmenschen in der Malerei zu.

Der Herausgeber selbst hat neben einem Beitrag ein kurzes Vorwort beigesteuert, in dem er die mehr als steile These vertritt, die „Entwicklung der Künstlichen Intelligenz“ sei „für die Zivilisation immer existenznotwendiger“. Die folgenden vierzehn Aufsätze des Bandes sind chronologisch nach der Entstehungszeit der in ihnen behandelten Werke angeordnet. So macht Martin Hoses instruktive Untersuchung „de[s] künstliche[n] Mensch[en] im antiken Mythos“ den Anfang. Überraschenderweise wendet er sich insbesondere Pandora zu, die zwar zu den bekanntesten mythischen Gestalten der griechischen Antike zählt, wohl kaum aber als künstlich geschaffen bekannt ist. Doch macht der Autor darauf aufmerksam, dass sie ebenso wie die „‚falsche[] Helena“ „durch die technischen Fähigkeiten von Göttern geschaffen“ wurde. In beiden Figuren „verschränken“ sich der überzeugenden Analyse des Autors zufolge „patriarchale Existenzängste mit männlicher Libido“, während Pygmalions Statue nicht etwa eine konkrete Frau, sondern ganz im Gegenteil das weibliche „Wunschbild“ des „antiken Mannes“ schlechthin verkörpert. Daher bleibt sie in der Antike auch aus gutem Grund ohne Namen. Erst im Zeitalter der Aufklärung wurde ihr der Name Galatea angedichtet, was so viel wie „Die Weiße“ oder „Die Strahlende“ bedeutet. Den Anfang machte Jean-Jacques Rousseau 1770 mit seinem Theaterstück Pygmalion, in dem er nicht nur den Namen Galathée einführt, sondern überhaupt den Stoff ganz in seinem Sinne ummodelt. Es geht nun nicht mehr um eine Männerphantasie, sondern um Narzissmus. Auch benötigt Rousseaus Bildhauer keine göttliche Hilfe, um seinem Werk Leben einzuhauchen. Vielmehr ist es so vollkommen, dass es im Augenblick der Vollendung zum Leben erwacht. Leider geht keiner der Beiträge auf die Interpretation des Mythos durch den französischen Aufklärer ein.

Ebenso instruktiv wie Hoses Beitrag über „de[n] künstlichen Mensch[en] in der Antike“ ist Florian Borchmeyers ausführliche Analyse von Thomas d’Angleterres hierzulande so gut wie unbekanntem Tristan. Sein Interesse gilt einer bestimmten Szene, in welcher der Titelheld erfolglos versucht, mithilfe eines mit technischen Möglichkeiten geschaffenen Isolde-Avatars, den er in eine „Fake-Minnegrotte“ gesetzt hat, über seine Sehnsucht nach der echten Isolde hinwegzukommen. Interessant ist dabei nicht zuletzt, dass Hose von dem im 12. Jahrhundert entstandenen Werk einen Bogen zu dem Film Blade Runner 2049 (2017) schlägt. Der „Realitätsstatus der künstlichen Isolde im 12. Jahrhundert ähn[elt]“ ihm zufolge dem der „Hologramm-Geliebten Joi“ des Films: Beide Figuren seien ein „Produkt der Science Fiction“. Vor allem aber arbeitet der Autor den entscheidenden Unterschied zwischen der künstlichen Isolde und Pygmalions belebter Statue heraus. Während erstere ein bloßes unzulängliches Substitut der wahren Isolde ist, handelt es sich bei letzterer nicht um „eine Imitation des Wirklichen“, sondern um „die unmittelbare Inkarnation der Idee“.

Daniel Hoffmanns Aufsatz über „theologisch-magische, ästhetische und wirkungsgeschichtliche Aspekte“ der jüdischen Legende des Golems ist zwar ebenfalls kenntnisreich und zeichnet sich durch die Berücksichtigung etlicher einschlägiger Werke aus, in deren Mittelpunkt die Figur steht. Bedauerlicherweise bindet er jedoch Marge Piercys Roman He, She, and It (1991) mit der Golem-Figur Jod nicht ein.

Auch Barbara Neymeyr besticht durch eine genaue Behandlung ihres Stoffes; in ihrem Fall der Olimpia in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann (1816). Diese analysiert sie als „technisches Konstrukt im Kontext pathologischer Entwicklung“, in dem die „Fortschritte der Epoche ebenso reflektiert [werden], wie die psychopathologischen Tiefendimensionen“.

Rüdiger Görner wiederum widmet sich nicht nur Mary Shelleys Frankenstein, sondern auch, wenngleich weniger ausführlich, ihrer späteren Weltuntergangs-Dystopie The Last Man (1826). Dabei zeigt er sich „verblüfft“ von der „Radikalität der Fragen“, die Shelley in beiden Werken stellt, indem sie „Lebenserfahrungen [entfaltet], die den Menschen keinen inneren Halt mehr gewähren“.

Die wichtigsten Beiträge stehen allerdings am Ende des Bandes. Besonders relevant sind sie aufgrund der Aktualität ihrer Themen wie etwa der in Aussicht stehenden Möglichkeit, mit molekularbiologischer Technik neues Leben zu schaffen, und vor allem den Herausforderungen, die mit der sogenannten künstlichen Intelligenz einhergehen. Sie nähern sich dem Thema des Bandes nicht wie die vorhergehenden aus literatur- beziehungsweise kulturwissenschaftlicher, sondern aus naturwissenschaftlicher oder technologischer Sicht – wie etwa Christoph Cremers Aufsatz, der „Aspekte der Biophysik, des Computing und der Molekularbiologie“ in den Blick nimmt. Letzterer widmet sich Ernst Peter Fischer besonders intensiv – und ist dabei weitgehend so verständlich, dass seine Ausführungen auch für Laien wie den Rezensenten nachvollziehbar sind. In seinem erhellenden Beitrag weist der Autor etwa das „Konzept“ des „genetische[n] Programms“ als untauglich, da irreführend nach. Auch zeigt er, dass DNA-Moleküle, „die sich bislang in den Vordergrund gedrängt haben, im aktuellen Lebensvollzug […] nur die zweite Geige [spielen]“ und warum sie „ihren alten Platz für den Stoffwechsel räumen [mussten]“.

Lutz Götze stellt die bange Frage „Gibt der Mensch das Steuerrad ab?“, nämlich an die KI. Ausführlich diskutiert er die „Vorteile, und Risiken, Illusionen und Gefahren der ‚Künstlichen Intelligenz’“ auf technischer, juristischer und ethischer Ebene. Sein Urteil ist vernichtend: „Automatisch generierte Systeme wie Chatbot GPT 4, Gemini oder Alpha-Fold-3 sind mit der Würde des Menschen unvereinbar.“ Abschließend unterbreitet er Vorschläge, was zu tun sei, damit wir Menschen auch künftig hinter dem Steuerrad sitzen.

Ähnlich kritisch wie Götze blickt Paul Kirchhoff auf die von „führende[n] US-amerikanischen Digitalkonzerne[n]“ auf die Menschheit losgelassenen neuen Techniken und wie diese sie mithilfe ihrer Algorithmen einsetzen. Die „Freiheit, in der Welt sich beliebig umzuschauen“, haben die Techgiganten, deren „Geschäftsmodell“ auf „organisierte[r] Unverantwortlichkeit“ fußt, seiner Argumentation zufolge darauf reduziert „innerhalb des vom Veranstalter vorgegebenen Formats die Wirklichkeit zu sehen“. Vielleicht noch größer ist allerdings die mit ‚Denkcomputer’ einhergehende Gefahr. Der Autor zieht eine Analogie von Maschinen, die Menschen seinerzeit von „körperliche[n] Anstrengung[en]“ befreiten und zur Folge hatten, dass sie sich heute in extra eingerichteten Studios fit zu halten versuchen, zu heutigen KI-Systemen, die das menschliche Gedächtnis ersetzen und zudem „besser rechne[n] und aus der Zahlenkombination neue Handlungsalternativen ableite[n]“ können. Ihre Nutzung könne Menschen „lähmen, körperlich erschlaffen und geistig träge werden lassen“ und somit in „Abhängigkeit“ und „Unfreiheit“ führen, warnt er.

Wäre es auch wünschenswert gewesen, weitere einschlägige Werke behandelt zu sehen (neben den bereits angesprochenen ließen sich etwa Thea Harbous Roman Metropolis (1926) und die gleichnamige Verfilmung (1927) durch ihren Ehegatten Fritz Lang nennen), so sind die Beiträge des vorliegenden Bandes doch durchweg von profunder Kenntnis ihrer jeweiligen Materie geprägt und in vielerlei Hinsicht instruktiv. Zu bemängeln ist allerdings auch ein gravierender Genderbias: Dreizehn Autoren steht eine einzige Autorin gegenüber. Ähnlich sieht es bei den untersuchten Werken aus. Näher beleuchtet werden zahlreiche Arbeiten von Männern aller Epochen, aber nur die einer einzigen Autorin.

Titelbild

Dieter Borchmeyer (Hg.): Der künstliche Mensch. Vom Nutzen und Nachteil eines Menschheitstraums.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2026.
336 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783826099397

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