Viel Lärm um wenig?

Ein von Jürgen Mackert und Ilan Pappe herausgegebener fragwürdiger Sammelband widmet sich dem „Paradigma des Siedlerkolonialismus“

Von Franz Sz. HorváthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Sz. Horváth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die beiden Herausgeber des vorliegenden, grundlegende Texte der sogenannten Theorie des Siedlerkolonialismus versammelnden Bandes, der Berliner Soziologe Jürgen Mackert und der Historiker Ilan Pappe, könnten die Messlatte der Erwartungen gar nicht höher setzen. Das Thema ihres Bandes fokussiert nämlich mit dem „Siedlerkolonialismus“ einen Deutungsansatz, der in den letzten Jahren insbesondere in Publikationen über Israel zunehmend Verbreitung fand. In ihrem Vorwort beklagen die Herausgeber dennoch die „Verheimlichung, Unterdrückung und Ausgrenzung des siedlerkolonialen Paradigmas durch konservative und liberale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Redakteurinnen und Redakteure oder Publizistinnen und Publizisten“. Als Gründe hierfür nennen sie den „Schutz und die Legitimation des siedlerkolonialen Apartheidstaates Israel“ und den Wunsch, Aspekte der eigenen deutschen Geschichte zu verschweigen, damit das Selbstbild des Landes aufrechterhalten werde. Bereits diese Aussagen verdeutlichen den politischen Charakter des Sammelbandes und dass es den Herausgebern weniger um eine Theoriedebatte und die Bekanntmachung einer Wissenschaftsrichtung geht als vielmehr darum, aktivistische Akzente zu setzen. Im Falle von Pappe verwundert dies nicht, strotzten doch seine Veröffentlichungen zuletzt nur so von Vorwürfen und unbelegten Behauptungen Richtung Israel („Genozid“ und so weiter). Bestes Beispiel hierfür ist sein zuletzt erschienenes Buch „Eine sehr kurze Geschichte des Israelisch-Palästinensischen Konflikts“ (Neu-Isenburg 2025), dessen Narrativ darin besteht, den „siedlerkolonialen“ Staat Israel als Haupthindernis für den Frieden in der Region darzustellen. 

Die Bedeutung des „Paradigmas des Siedlerkolonialismus“ erblicken die Herausgeber in ihrer Einleitung darin, dass es das Selbstbild des Westens infrage stelle und die „weißen Überlegenheitsfantasien“ zurückweise. Denn es thematisiere den zerstörerischen und genozidalen Eingriff des Westens in die Länder der Welt, es mache die bis heute andauernden Folgen dieses Eingriffs und die immer noch existierenden siedlerkolonialen Traditionen deutlich. Das Paradigma offenbare, dass die Niederlassung der Siedler die Voraussetzung für die militärische, politische, ökonomische und kulturelle Expansion und die heutige Hegemonie Europas bildete. Dem aus ihrer Sicht zu positiven europäischen Selbstbild begegnen die Herausgeber mit dem mehrfach wiederholten Ausdruck von einer „Heimsuchung der Welt“ durch Europa. Terminologisch grenzen sie den Siedler- vom „gewöhnlichen“ Kolonialismus ab, den sie als ein chronologisch späteres Phänomen begreifen: Während es letzterem um die Ausbeutung der Indigenen gehe und durch ihn ein dauerhaftes asymmetrisches Herrschaftssystem angestrebt werde, sei der Siedlerkolonialismus auf den Landbesitz und die Vertreibung sowie die Auslöschung von Indigenen ausgerichtet. Es gehe darum, dass „mehr weiße Siedler“ ins Land gebracht würden, um „neue, ‚weiße‘ Nationen zu gründen“. Die Folgen seien Vertreibung, Eliminierung, Genozid und/oder Dehumanisierung, weshalb der Siedlerkolonialismus ein „hochradikales rassistisches, ideologisches und mörderisches Militärprojekt“ sei. Die Herausgeber verweisen hierbei zwar mehrfach auf Untersuchungen über Kanada oder Australien, das wiederkehrende Leitmotiv ihrer Ausführungen stellt dagegen der Nahostkonflikt dar. Ohne Belege oder Begriffsdefinitionen zu liefern, setzen sie es dabei als gegeben und Konsens voraus, dass „das siedlerkoloniale Apartheidregime Israel einen Genozid am indigenen palästinensischen Volk begeht“ und wiederholen solche Behauptungen unzählige Male (zum Beispiel auf den Seiten 22, 28, 36, 39, 41 oder 42). Dabei müsste alleine im letzten Zitat, wollte man ernst genommen werden, die Anwendbarkeit und Geltung von Termini wie „siedlerkolonial“, „Apartheid“, „Genozid“ oder „indigen“ erst einmal nachgewiesen werden.

Dieser Bias in der Einleitung zieht sich wie ein roter Faden durch den Band. Der ist in zwei Teile geteilt: einen theoretischen, in dem die soeben erwähnten Begriffe jedoch weiterhin nicht erläutert werden, und einen, der Fallbeispiele des Siedlerkolonialismus vorstellt. In beiden spielt Israel in den Aufsätzen eine übermäßige Rolle, die der Rezensent angesichts der Vielzahl möglicher Regionen und Themen (USA, Kanada, Südafrika, Australien und so weiter) mit großer Verwunderung wahrnimmt. Im ersten Teil sind insbesondere die theoretischen Arbeiten von Lorenzo Veracini und Patrick Wolfe hervorzuheben, die wohl als die geistigen Gründerväter dieser universalhistorischen Perspektive gelten können.

Der Aufsatz „Siedlerkolonialismus und die Eliminierung des Indigenen“ des australischen Historikers Patrick Wolfe gilt beinahe als Gründungstext des siedlerkolonialistischen Forschungsansatzes. Wolfe erblickt ebenfalls in der Eliminierung der Indigenen das Hauptmerkmal des Siedlerkolonialismus. Allerdings weicht er insofern von Veracinis Ansatz ab, als er meint, die Eliminierung müsse nicht unbedingt genozidal erfolgen. Vielmehr seien Mischehen, die Teilung indigenen Gemeineigentums in Einzelgrundstücke, Kindesentzug, der Umgang mit Staatsangehörigkeitsrechten oder auch die Umbenennung von geographischen Bezeichnungen Elemente der Auslöschung indigener Identität. Wolfe bezieht sich in seinem Aufsatz auf die USA und Israel, erachtet den Siedlerkolonialismus als „grundlegend für die Moderne“ und behauptet eine „chronische Sucht des Zionismus nach territorialer Ausdehnung“. Er weist dem Aspekt des Landbesitzes eine große Rolle zu und zeigt sein Unverständnis gegenüber der Angst Israels, „ins Meer getrieben zu werden“. In den weiteren Aufsätzen des theoretischen Teils setzen sich Travis Wysote und Erin Morton mit Selbstmythisierungen weißer Siedler in Kanada anhand des literarischen und bildlichen Motivs des „Ochsen und des Pflugs“ auseinander. Damit sollte gezeigt werden, dass aus deren Sicht das Land nicht erobert werden musste, sondern zur Kultivierung bereit lag, um als Besitz angeeignet zu werden. Scott L. Morgensen bemüht in seinem Aufsatz die Begriffe „Biomacht“ und „Biopolitik“, deren Erkenntniswert zwar minimal ist, die jedoch zum Ausdruck bringen sollen, dass eine Kolonialmacht qua Existenz die Indigenen unterdrücke. Letztere befänden sich in einer Zwickmühle, denn ihr Wunsch, dass ihr Recht auf Überleben staatlicherseits anerkannt wird, bedeute immer auch die Macht der Siedlersouveränität, indigene Unterschiede zu beseitigen.

Obwohl im Theorieteil untergebracht, kann der Text von David Lloyd nur dann als theoretisch angesehen werden, wenn darunter „realitätsfern“ oder „verzerrend“ verstanden wird. Unter dem Titel „Siedlerkolonialismus und Ausnahmezustand: Das Beispiel Palästina/Israel“ setzt sich Lloyd mit dem Nahostkonflikt auseinander. Er scheint hierbei von einer metaphysischen Allmacht Israels auszugehen, wenn er postuliert, Palästina dürfe „nicht als eine autonome, souveräne, sich selbst regierende Einheit gedacht werden“ oder eine „palästinensische Nationalität“ könne nur mit Erlaubnis Israels ins Gespräch gebracht werden. Zudem hätten die israelischen Regierungen es Palästina verweigert, souverän zu sein und einen Staat zu bilden. Lloyd zeichnet den Zionismus als einen „apokalyptischen Drang“, der göttlich sanktioniert Gewalt ausübe, er sei (wie jede Nationalbewegung) von einer „rassistischen Hierarchie“ erfüllt und letztlich sei ganz Israel ein „Ausnahmezustand als typische siedlerkoloniale Praxis“. Es ist somit offensichtlich, dass hier weniger Theorie-, denn vielmehr Feindbildbildung erfolgt.
Im zweiten Teil des Sammelbandes wird der Leser hingegen mit mehreren nachdenklich machenden Beiträgen für das Ärgernis des ersten Teils entschädigt. So überzeugen die Ausführungen Jürgen Zimmerers über die „Geburt des ‚Ostlandes‘ aus dem Geiste des Kolonialismus“. Zimmerer zeigt hierbei Parallelen zwischen der (deutschen) Kolonialherrschaft in Afrika Ende des 19. Jahrhunderts (oder: deren Zielen) und der NS-Eroberungs- und Herrschaftspolitik in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg auf. Als verbindende Strukturelemente benennt er „Rasse“ und „Raum“, beziehungsweise den Umgang mit der jeweiligen Lokalbevölkerung und dem Ansinnen, die eroberten Gebiete als eigene Siedlungsmasse in Besitz zu nehmen. Er verweist auf die jeweils behauptete Neugestaltung und Modernisierung des Landes, deren Kontinuitätslinie zur Kolonisierung und die rassische Privilegiengesellschaft und bezeichnet als echten Tabubruch, dass die Vernichtung ganzer Ethnien in den Kolonien bereits gedacht und danach auch gehandelt wurde. Leider wird Zimmerers bereits 2004 erschienener Aufsatz abgedruckt, ohne dass der Autor auf die seither vorgebrachte Kritik Robert Gerwarths und Stephan Malinowskis daran eingeht.

Aline Sierps instruktiver Aufsatz über die Erinnerungspolitik der EU ist ebenfalls sehr spannend zu lesen, auch wenn ihr einige oberflächlich-pauschalisierende Aussagen unterlaufen („Beziehungen der EU zu ihren früheren Kolonien“) und es nicht immer klar wird, warum sich osteuropäische Länder wie Bulgarien oder Estland auf eine besondere Art und Weise zu den ehemaligen afrikanischen Kolonien zu verhalten hätten. Dass sich die europäischen Bemühungen um transnationales Erinnern auf den Holocaust, den Nationalsozialismus und den Stalinismus konzentrieren, ist natürlich pragmatischen Gründen geschuldet. Sie können zwar von einer postkolonialen Warte aus beklagt werden, doch muss die Gegenfrage erlaubt sein, wann ein gemeinsames Erinnern überbelastet wird, wenn die Menschen das Gefühl bekommen, immer wieder an Ereignisse erinnert zu werden, die sie als räumlich und zeitlich weit zurückliegend ansehen.

Dirk A. Moses befasst sich in seinem Aufsatz mit der Frage, wie sich das Völkerrecht mit der „transformativen Besetzung“, also der Umformung eines besetzten Gebietes durch die Besatzungsmacht zu ihrem eigenen Vorteil verhält. Wenig überraschend steht auch bei ihm Israel im Mittelpunkt des Interesses und genauso wenig vermag es zu überraschen, dass das Völkerrecht machtlos gegenüber dem Ansinnen einer Besatzungsmacht ist, in einem besetzten Gebiet eigene Regeln und Normen durchzusetzen. Laut Moses bevorzugt das Völkerrecht nicht nur den Besetzer, sondern es erlaubt sogar „Imperialismus und Kolonisierung im Stil der Nazis“ .

Zwei weitere Aufsätze seien abschließend hervorgehoben: Zum einen untersucht Lee-Anne Broadheads „Landkarten des Erinnerns in Palästina und Mi‘kma‘ki“ die Notwendigkeit des Erinnerns und die Bedeutung geografischer Bezeichnungen für die kollektive Identität einer subalternen Gruppe, aber auch für eine eingewanderte Mehrheitsgesellschaft. Dabei stellt sie anhand zweier Beispiele vor, wie in Kanada und in Israel versucht wird, längst untergegangene Orts- und topografische Bezeichnungen am Leben zu erhalten. Augustine S. J. Park untersucht schließlich kritisch die Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, der sie vorwirft, den Siedlerkolonialismus zu leugnen, und problematisiert die Frage, wer im südafrikanischen Kontext als „indigen“ anzusehen ist.

Das Fazit des Sammelbandes fällt somit zwiegespalten aus: Er bietet zweifellos die Chance einer Auseinandersetzung mit einem wichtigen und anregenden Deutungsansatz. Ob hier tatsächlich von einem „Paradigma“ gesprochen werden muss, erscheint zweifelhaft, denn dafür ist der Ansatz zu umstritten. Nicht, weil er absichtlich totgeschwiegen wird, wie es die Herausgeber insinuieren („nicht alles darf gedacht, nicht alles gesagt werden“), sondern weil er sich durch seine Inkohärenz und politische Indienstnahme selbst disqualifiziert. So erschließt sich überhaupt nicht, wieso die israelische Gesellschaft eine siedlerkoloniale und weiße sei, wenn die ersten jüdischen Einwanderer als arme Schutzsuchende und Flüchtlinge ins Land kamen (ohne ein Mutterland hinter sich) und wenn ein nicht unerheblicher Teil der jüdischen Gesellschaft nach 1948 aus arabischen Ländern und Afrika nach Israel eingewandert ist (und somit nicht weiß ist). Die bereits erwähnte übermäßige Fokussierung auf das Land und die wiederholten aktivistischen sowie unbelegten politisch-ideologischen Vorwürfe gegenüber Israel („Apartheid“, „Genozid“ und so weiter) zeigen eindeutig, dass es vielfach weniger um wissenschaftliche Erkenntnis, denn um eine politische Agenda geht. Denn inwiefern kann von einer „Eliminierung“, einer „Auslöschung“, einer „Ausrottung“ (18, 21, 42, 65, 95) der angeblich indigenen palästinensischen Bevölkerung gesprochen werden – alles Behauptungen der Herausgeber und der meisten Autoren –, wenn ihre Zahl von etwa 1,2 Millionen 1948 auf knapp 15 Millionen 2026 (davon etwa 11 Millionen in der direkten Nachbarschaft Israels) gestiegen ist (Palästinenser – Wikipedia)? Eine dezidierte, regierungsamtliche Absicht Israels zum Genozid an den Palästinensern hat nach Wissen des Rezensenten bislang auch niemand nachweisen können.

Führt man sich die Aufsätze vor allem des ersten Teils vor Augen, fällt zudem eine gewisse Selbstreferenzialität auf. Denn es sind immer wieder dieselben beiden Autoren (Verancini und Wolfe), auf die Bezug genommen wird und deren zwei, drei Aussagen zitiert werden. Eine wissenschaftliche Theorie lebt schließlich auch vom Dialog mit den Kritikern – solche Auseinandersetzungen sucht der Leser dieses Bandes jedoch umsonst. Methodisch lässt sich hinterfragen, ob die Verfechter des siedlerkolonialistischen Ansatzes nicht zu oft homogene Gruppen konstruieren, wobei den einheitlich gedachten Siedlerkolonialisten die ebenso einheitlich gedachten, wehrlos unterworfenen Indigenen gegenübergestellt werden. Gerade der Nahostkonflikt zeigt erneut die Grenzen des Ansatzes auf: Weder die Israelis oder Juden, noch die Palästinenser waren je so homogen in ihrem Denken und Handeln, wie das die Theorie vorgibt.

Es ließen sich gewiss weitere Kritikpunkte des siedlerkolonialen Ansatzes aufzählen, doch ist vielleicht klar geworden, dass es sich zwar um einen interessanten Ansatz handelt, der einiges zum Verständnis der Kolonialgeschichte beitragen kann, jedoch kein solch allgemeingültiges Paradigma darstellt, als welches es von seinen Verfechtern gesehen wird.

Titelbild

Jürgen Mackert / Ilan Pappe: Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen.
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2024.
489 Seiten, 154,00 EUR.
ISBN-13: 9783848790111

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