Bertolt Brechts vielfältige Notizbücher dienten als Archiv für seine Ideen, Werkentwürfe und alltäglichen Notizen
Zum 70. Todestag Brechts hat der Suhrkamp Verlag Band 8 der Edition seiner Notizbücher veröffentlicht
Von Manfred Orlick
Bertolt Brecht (1898-1956) war einer der einflussreichsten deutschen Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. So gilt er als Begründer des epischen Theaters. Seine großen Stücke wie Die Dreigroschenoper, Mutter Courage und ihre Kinder, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui oder Leben des Galilei gehören noch heute zum festen Repertoire auf den Bühnen der Welt.
Daneben war Brecht noch Regisseur, Kritiker und Theatertheoretiker. Daher trug er immer ein Notizbuch bei sich, um wichtige Einfälle sofort festzuhalten, und diese Aufzeichnungen hat er stets als Arbeitsunterlagen verstanden. Dieses mobile Schreibarchiv diente dem Dichter aber auch als Gedächtnisstütze für Adressen, Telefonnummern und Termine, ebenso wie für Briefentwürfe, Gedichte, Zitate oder Dialogskizzen.
Brecht hat 1918 als Zwanzigjähriger mit den Notizbüchern begonnen. Bis zu seinem Tode 1956 sind insgesamt 54 Notizbücher überliefert. Sie geben auf einzigartige Weise Einblick in Brechts Arbeitsweise. Der Suhrkamp Verlag startete 2012 mit der Herausgabe dieser Aufzeichnungen. Die Ausgabe soll insgesamt 14 Bände umfassen, normalerweise im Abstand von zwei Jahren erscheinend, wobei jeder Band meist drei oder vier Notizbücher beinhaltet. Die Edition begann mit Band 7, der die Notizbücher 24 und 25 aus den Jahren 1927 bis 1930 enthält. Sie dokumentierten eine entscheidende Umbruchphase in Brechts Schaffen, während der er sich intensiv mit philosophischen Studien befasste und die theoretischen Grundlagen für seine spätere Theaterarbeit entwickelte.
Anlässlich des 70. Todestags von Bertolt Brecht am 14. August wurde nun Band 8 der Edition veröffentlicht, der die Notizbücher 26 bis 30 aus den Jahren 1929 bis 1931 umfasst. Diese Jahre waren prägend für Brecht, da er sich intensiv mit dem Marxismus auseinandersetzte und das avantgardistische Konzept der Lehrstücke entwickelte. Im Frühjahr 1930 begann auch die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hanns Eisler (1898-1962), die beide nach neuen Wegen suchten, um dem Theater eine neue Funktion zu geben. Ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit war das kontroverse Lehrstück Die Maßnahme, das nach der erfolgreichen Uraufführung Ende 1930 heftige Diskussionen auslöste und danach für siebzig Jahre von der Bühne verschwand.
Nach dem Erfolg der Dreigroschenoper im Jahr 1928 intensivierte Brecht seine theoretischen Überlegungen zum epischen Theater. Mit der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930, Musik Kurt Weill) führte er dieses innovative Konzept eines völlig neuartigen Bühnenkunstwerks entscheidend fort. Im Sommer 1931 begann Brecht auch an dem proletarischen Filmprojekt Kuhle Wampe oder: Wem die Welt gehört? (Regie Slatan Dudow), dessen Premiere am 30. Mai 1932 in Berlin stattfand und das ebenfalls typische Merkmale des epischen Theaters aufweist.
Die Anordnung der Notizbücher 26 bis 30 folgt nicht immer der zeitlichen Abfolge ihrer Nutzung. Das liegt daran, dass Brecht gelegentlich ältere, noch nicht vollständig gefüllte Notizbücher später wieder zur Hand nahm. So griff er mehrfach im Zeitraum von Anfang 1929 bis Ende 1931 auf Notizbuch 26 zurück, in dem unter anderem Notizen für eine Bühnenadaption von Maxim Gorkis Roman Die Mutter enthalten sind. In Notizbuch 27 nimmt die Arbeit an seinem poetologischen Text Über die Bauart lang dauernder Werke großen Raum ein.
Notizbuch 28 diente Brecht hauptsächlich zur Begleitung bereits begonnener Projekte, wie für die Umarbeitung von Lindberghflug zu Der Flug der Limdberghs. In Notizbuch 29 finden sich Gedanken zu verschiedenen Lehr- und Theaterstücken sowie einigen Gedichten, während das Notizbuch 30 u. a. Überlegungen zu literaturtheoretischen und marxistischen Fragestellungen versammelt.
Wie die Vorgängerbände der Edition sind auch alle Seiten der Notizbücher 26 bis 30 vollständig digital reproduziert. Die Scans werden auf der gegenüberliegenden Seite sorgfältig bearbeitet, um sowohl Originaltreue als auch Lesefreundlichkeit zu gewährleisten. Ein umfassender Anhang bietet zunächst allgemeine Erläuterungen zur gesamten Edition, ehe dann zu den fünf Notizbüchern Informationen zu deren Entstehungsgeschichte sowie Stellenerläuterungen und Kurzcharakterisierungen gegeben werden. Komplettiert werden Editionsbände schließlich durch eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis sowie mehrere Register, die die Lektüre und die Arbeit mit dieser außergewöhnlichen Edition wesentlich erleichtern.
Nachtrag: Zu Beginn des Jahres verlor der Suhrkamp Verlag das exklusive Verwertungsrecht an den Originaltexten von Thomas. In den folgenden Monaten veröffentlichten daraufhin andere Verlage preiswerte Volksausgaben oder aufwendig gestaltete Schmuckausgaben seiner Werke. Ab dem 1. Januar 2027 wird dasselbe auch für viele Werke von Bertolt Brecht gelten, jedoch nur dort, wo er der alleinige Urheber war. Zum Beispiel wird Die Dreigroschenoper wegen der Mitwirkung von Elisabeth Hauptmann (1897-1973) erst im Jahr 2044 gemeinfrei.
Der Suhrkamp Verlag hat daher Ende 2025 Brechts bedeutendsten dramatischen Werke in einer neu gestalteten Taschenbuchreihe, in der Reihe „suhrkamp taschenbuch“, noch einmal veröffentlicht. Dazu gehören Die Dreigroschenoper, Mutter Courage und ihre Kinder, Der gute Mensch von Sezuan, Leben des Galilei, Der Aufstieg des Arturo Ui, Der kaukasische Kreidekreis, Die heilige Johanna der Schlachthöfe sowie Furcht und Elend des Dritten Reiches. Die Bände sind für jeweils 7,00 bis 10,00 Euro erhältlich und zeichnen sich durch farbenfrohe Cover des Künstlers Burkhard Neie aus. Zusätzlich zum Stück enthalten sie eine Zeittafel und wertvolles Begleitmaterial. Eine besondere Ausgabe von Die Dreigroschenoper wurde auch mit Illustrationen von Katja Spitzer als Prachtausgabe veröffentlicht. Kurz vor dem 70. Todestag erschien zudem eine Neuauflage der umfangreichen Biografie Bertolt Brecht des britischen Literaturwissenschaftlers Stephen Parker, die 2018 von Ulrich Fries und Irmgard Müller aus dem Original Bertolt Brecht: A Literary Life (2014) übersetzt wurde.
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