Geistesgrößen aus der Nähe gesehen
Die Neuausgabe von „Menschen, denen ich begegnete“ veranlasst zu der Frage: Wer war eigentlich Wilhelm Herzog, der Autor dieser sehr persönlichen Porträtsammlung?
Von Nora Eckert
Man mag zur Psychoanalyse stehen, wie immer man will. Aber Sigmund Freud tat gut daran, an den Erinnerungen des Menschen das Trügerische im Blick zu behalten. Denn dass auf unsere Erinnerung nicht immer Verlass ist, dürfte bekannt sein. Wir verwenden sie außerdem gern strategisch und machen sie passend für unser Selbstbild und für das Bild, das wir von den anderen und der Welt haben. Nennen wir es den subjektiven Faktor. Lassen wir das hier so stehen, um am Schluss darauf zurückzukommen, und widmen uns der Frage: Wer war Wilhelm Herzog?
Für Menschen, die bewandert in Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts und vertraut sind mit den politischen Debatten und Ereignissen der Weimarer Zeit, dürfte Wilhelm Herzog kein Unbekannter sein. Denn als Journalist und Publizist mischte dieser höchst produktiv und meinungsstark mit. Er verstand sich als Sozialist, Pazifist und hegte eine Vorliebe für das Enzyklopädische. Bekannt wurde er als Kleist-Biograf und als Herausgeber der Zeitschriften „Pan“ und „März“. Hinzu kam die eigene Literaturzeitschrift „Das Forum“, die jedoch wegen ihrer pazifistischen und europäischen Ausrichtung für die Dauer des Ersten Weltkrieges nicht erscheinen durfte und erst ab 1918 wieder in Druck ging. Schon von Berufs wegen war er das, was wir heute einen Netzwerker nennen. Er kannte die geistige Elite seiner Zeit, all die tonangebenden Persönlichkeiten; er ging bei ihnen ein und aus.
Als politisch versierter Mensch, der sich der USPD angeschlossen hatte, deren linker Flügel schließlich mit der KPD fusionierte (die den allzu kritischen Herzog später ausschloss), war ihm mit Blick auf das Erstarken der Nationalsozialisten und den immer bedrohlicher werdenden Rechtsruck schon 1930 ziemlich klar, wohin die Weimarer Republik steuerte. Deshalb zog er es vor, die Entwicklung aus der für ihn, den Juden und Linken, sichereren Schweiz zu beobachten. Aus dem Wohnortwechsel wurde schon bald eine Emigration, die ihn zunächst nach Frankreich führte und über Trinidad in die USA. Herzog kehrte 1947 von dort in die Schweiz zurück, um 1952 nach München umzusiedeln, wo er die letzten Lebensjahre lebte und arbeitete.
Die 1959 veröffentlichte Porträtsammlung Menschen, denen ich begegnete ist keine Autobiografie, aber doch durchsetzt mit autobiografischen Akzenten. Wir erfahren dabei nicht nur etwas über die Porträtierten aus der intimen Perspektive von persönlichen Begegnungen, sondern (auch wenn es in der Chronologie kreuz und quer geht) auch über Herzogs Leben, über seine Einstellungen und Haltungen. Wir lernen ein nicht zuletzt durch die Politik der Zeit bewegtes Leben kennen. Mögen wir dabei noch so viel über Anlässe und Hintergründe von Begegnungen erfahren und auch, was sich von Fall zu Fall daraus freundschaftlich entwickelte oder auch nicht, so bleibt das Ganze ausschnitthaft wie ein halbfertiges Mosaik. Andererseits ist der Impuls, Erlebtes festzuhalten und zu bilanzieren angesichts der Übermacht des Vergessens, dieser Furie des Verschwindens, nur zu verständlich. Da fallen vergleichbare Bemühungen ein – wie etwa Walter Mehrings Die verlorene Bibliothek oder Stefan Zweigs Die Welt von gestern.
Herzog trennt in seiner Porträtsammlung Politik und Kunst und bemerkt gleichwohl, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. In der einen Abteilung versammelt er Persönlichkeiten wie beispielsweise Walther Rathenau, Lenin und Trotzki, Maximilian Harden, aber auch Kurt Eisner und mit ihm ein Stück Revolutionsgeschichte und Räterepublik in Bayern nach dem Ersten Weltkrieg. In der anderen finden sich, um nur einige zu nennen, Max Liebermann, Frank Wedekind, die Brüder Heinrich und Thomas Mann, aber auch der Theaterkritiker Alfred Kerr, André Gide, Romain Rolland.
Zwar schreibt Herzog einleitend, er sei vielen bedeutenden Männern und Frauen begegnet. Letztere kommen allerdings nur ganz am Schluss vor und dann noch ausgerechnet als „Zwei alte Komikerinnen“: Elisabeth Förster-Nietzsche und die Schauspielerin Adele Sandrock. Nietzsches Schwester beschreibt er als eine „alte Tante“, die den Autor mit einem anderen gleichen Namens verwechselt, nämlich mit einem Experten für Kitschromane; die andere, die früher „mit fast der gesamten modernen Literatur verlobt gewesen“ sei, sei zum Drachen geworden und in dieser Rolle jedoch beim Publikum äußerst beliebt. Zu ergänzen bliebe hier, dass Herzogs Plan noch zwei weitere Bände vorsah – darin sollten Größen wie Robert Musil, Bert Brecht, Gottfried Benn, Albert Einstein und noch viele andere ihren Auftritt haben. Und der dritte Band schließlich sollte den Frauen gewidmet sein. Nur dazu kam es nicht mehr – Herzog verstarb 1960 in München. Immerhin, die Absicht gab es.
Herzog war die subjektive Perspektive bewusst. Zugleich war er darum bemüht, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Für ihn, den bekennenden Moralisten, war das sozusagen eine Pflichtübung. Andererseits ist in den Urteilen kaum mit Überraschungen zu rechnen: So erleben wir wieder einmal einen schlagfertigen Liebermann, der in seinem Leben wohl mindestens so viele Anekdoten hinterließ wie er Bilder gemalt hat. Bei Gerhart Hauptmann, dem Weltkriegsbegeisterten, der später die republikanische Beweihräucherung genoss, kommt auch Herzog an den vielen dunklen Flecken nicht vorbei. Der Dichter der Weber sei nichts anderes als ein Bürger, der zur Ruhe und Ordnung aufrufe und ansonsten „in deutsch-patriotischer Ahnungslosigkeit“ lebe. Rathenau, ein Mann der Paradoxe: „Alles an ihm war quadratisch. Nicht nur seinHaus, seine Millionen, sondern seine Art zu sprechen. Er sprach in Quadern.“ Von Lenin und Trotzki, die Herzog 1920 kennenlernt, war er beeindruckt und prophezeite dem „kühnen Geist“ Trotzki, er werde künftigen Generationen ein Lehrer sein. Nicht alle Rechnungen gehen auf, wie wir sehen.
Interessant, wie ähnlich sich wiederum Persönlichkeiten sind, die man im Theater nicht zu Unrecht „Rampensäue“ nennt – wie etwa Maximilian Harden und Alfred Kerr. Harden, der Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, perfektionierte sich als „intellektuelles Chamäleon“ und brachialer Sittenwächter, der andere kreierte als Theaterkritiker einen unverwechselbaren Stil, stets pointiert und frech und ziemlich selbstgerecht. Kerr gab sich als antibürgerlicher Rebell, als er die 1909 gegründete Zeitschrift „Pan“ als ein Blatt begrüßte, „welches die Erbärmlichkeit des gegenwärtigen Bürgertums zerpeitscht“, um Jahre später während des Ersten Weltkriegs mit Hassgesängen in den patriotischen Chor des Bürgertums mit einzustimmen. Eitelkeit war schon immer ein schlechter Ratgeber. Kerrs „Lieblingsfeind“ war, wie könnte es anders sein, Maximilian Harden.
Keine Frage, Wilhelm Herzog hatte 1959 sein Erinnerungsarchiv ordentlich leergeräumt, um selbst festzustellen, wieviel davon aus dem kollektiven Bewusstsein inzwischen verschwunden war. Die Deutschen hatten mittlerweile und aus naheliegenden Gründen das Vergessen gelernt und hingen längst nicht mehr am Vergangenen wie ehemals. Und nun halten wir mit der Neuausgabe 67 Jahre später sozusagen eine Erinnerung an die Erinnerungen in Händen. Deren antiquarischer Wert ist unbestritten. Aber viel klüger machen sie uns leider auch nicht – von der Einsicht mal abgesehen, dass der Mensch für gewöhnlich ein Kind seiner Zeit ist.
Am Anfang gab es die Frage, wie es um unsere Erinnerung bestellt ist. Herzogs Erinnerungen versuchen sich in aller Redlichkeit ehrlich zu machen, indem sie den Porträtierten durch abwägendes Urteil des Einerseits und Andererseits gerecht werden wollen. Gleichwohl und in Abwandlung einer von Nietzsches „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ gesprochen, ließe sich nach dem Nutzen und Nachteil der Erinnerung fragen. Nietzsche kam im Fall der Geschichte zu dieser Einsicht:
Denn da wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen. Wenn wir jene Verirrungen verurteilen und uns ihrer für enthoben erachten, so ist die Tatsache nicht beseitigt, daß wir aus ihnen herstammen.
Anders gesagt: Die Namen des Personals wechseln, aber das Menschliche, an das Herzog sich erinnert, bleibt als Quintessenz.
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